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Martin Vogg - Daniela Matejschek: Die Geschichte hinter dem Glas#

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Martin Vogg - Daniela Matejschek: Die Geschichte hinter dem Glas. Eine Reise durch die tschechisch-niederösterreichische Glasregion. Museumsmanagement Niederösterreich GmbH St. Pölten. 136 S., ill., € 9,90

Ein Teil Kreide, zwei Teile Salz, drei Teile Sand und 180 Teile Asche. Das Rezept klingt einfach und doch ist Glas ein unglaublich vielseitiges Material, das Kunstfertigkeit und Kreativität seit langem herausfordert. Der älteste künstlich hergestellte Werkstoff der Welt ist seit sechs Jahrtausenden bekannt. Er entstand wohl in Mesopotamien. Funde aus der Zeit der Hallstattkultur (8. - 3. Jahrhundert v. Chr.) und aus keltischer Zeit (3. Jahrhundert v. Chr.) belegen die Verwendung von Glasperlen in Niederösterreich. Seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. ermöglicht die Glasbläserpfeife Formenvielfalt transparenter Objekte. Ab dem 9. Jahrhundert entstanden in Mitteleuropa Waldglashütten, die im Lauf des Mittelalters Hohl- und Fensterglas herstellten. Viele solcher Produktionsstätten befanden sich - standortbedingt - in Südböhmen, Vysočina (Region in Böhmen und Mähren mit rund 700 Gemeinden) und dem Waldviertel.

Ihnen widmet das Museumsmanagement Niederösterreich seine jüngste Publikation. Sie ist im Rahmen des Interreg-Projekts I-Cult in Zusammenarbeit mit den Projektpartnern Südböhmischer Kreis, Südmährisches Museum in Znaim, Regionalmuseum Mikulov und Museum Vysočina Třebíč entstanden und auch in tschechischer Sprache erhältlich. Der Ethnologe und Projektmanager Martin Vogg hat für das Buch Museen, Produktionsstätten und Ateliers besucht. Zudem widmet er einige Kapitel Spezialthemen wie Hinterglasmalerei, Zwischengoldgläser oder Pressglas. Der Fotografin Daniela Matejschek ist es gelungen, die "fotografisch widerspenstigen Modelle" wunderbar einzufangen. Bemerkenswert ist nicht zuletzt die ansprechende, raffinierte Gestaltung durch Grafikdesignerin Nina Ober.

Berühmt (und wie man den Tageszeitungen entnehmen kann, heute gefährdet) ist die Glaskunst in Venedig, wo man auf der Insel Murano die Technik der südöstlichen Mittelmeerländer weiterentwickelte. Vorbilder waren mit Email- und Gold dekorierte Stücke, die Kreuzfahrer mitgebracht hatten. Bis in das 16. Jahrhundert konnten hiesige Waldglashütten mit ihrer Quarz-Kali-Mischung solche Kunstwerke bestenfalls nachahmen. Erst als sich italienische Glasmacher nördlich der Alpen ansiedelten, kam es zum entscheidenden Wissenstransfer. Zuvor war das Waldglas keineswegs glasklar, sondern grün, gelb oder braun verfärbt. Kaiser Rudolf II. holte einen norddeutschen Glasschleifer an seinen Prager Hof - und wurde so zum Mitbegründer der böhmischen Kristallglaserzeugung. Sie erreichte im 17. Jahrhundert einen Höhepunkt und begeisterte auch Sammler in Übersee. Nachdem die exportorientierte böhmische Glasproduktion um 1800 in Turbulenzen geraten war, erfuhr sie im Biedermeier durch hiesige Kunden neuen Aufschwung. Innovationen waren farbiges Glas wie schwarzes oder rotes Hyalith, marmoriertes Material oder leuchtkräftiges Uranglas. Weißes Alabasterglas, matt geschliffen und bemalt, konnte das teure Porzellan ersetzen.

Um die Jahrhundertwende waren die Unternehmen der niederösterreichisch-tschechischen Grenzregion bei Luxusgläsern führend. Adelige wie Bürger fanden Gefallen an stilvollen, Gefäßen. Als bedeutendste böhmische Manufaktur gilt die Firma Johann Loetz-Witwe, Klostermühle bei Pilsen. Ihre irisierenden Jugendstilvasen sind heute vier- bis fünfstellige Eurobeträge wert. Verleger, wie die Wiener Firma Lobmeyr, produzierten nicht selbst. Sie ließ Entwürfe prominenter Architekten, wie Theophil Hansen oder Josef Hoffmann in böhmischen Unternehmen fertigen. Mitbewerber Bakalowits bestellte dort, was Designer der Sezession entworfen hatten. Mit dem Ersten Weltkrieg und der Wirtschaftskrise der 1920er Jahre zerbrach vielerorts die Glasproduktion. Was übrig geblieben war, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in der CSSR verstaatlicht. Etliche Firmen waren der Privatisierung nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs 1989 nicht gewachsen. Einige Kreative blieben ihrem Werkstoff treu und engagierten sich erfolgreich als Glasbildhauer und Designer. In Österreich spielte der fragile Werkstoff in der künstlerischen Gestaltung eine untergeordnete Rolle. Eine Ausnahme war der Weinviertler Universalkünstler Hermann Bauch (1929-2008), der in Niederösterreich und Wien zahlreiche Kirchen und öffentliche Gebäude mit Mosaiken und Fenstern ausstattete. Die Söhne Hannes und Manfred Bauch führen sein "Atelier Himmelkeller" in Kronberg weiter.

Der eingehende Blick in die "Geschichte hinter dem Glas" endet optimistisch. Martin Vogg gibt seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Erfolgsgeschichte der Glaserzeugung zumindest im tschechischen Raum noch lange nicht zu Ende geht. Und vielleicht können grenzüberschreitende Projekte, wie jenes, in dessen Rahmen dieses Buch verfasst wurde, auch dazu führen, dass in der Glaserzeugung und Glasgestaltung auch wieder verstärkt regionsübergreifend gedacht und gearbeitet wird.

hmw