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Gabriele Dorffner und Matthias Marschik: Donaustädter Attraktionen#

Bild 'Dorffner'

Gabriele Dorffner und Matthias Marschik: Donaustädter Attraktionen. Der 22. Wiener Gemeindebezirk – Bilder aus seiner Geschichte. Edition Winkler-Hermaden Schleinbach. 112 S., ill., € 18,90

Zum Stichwort "Attraktion" lernt man im "Duden" zwei Bedeutungen kennen: 1. "Anziehung, Anziehungskraft" mit dem Beispiel "von jemandem, etwas geht eine Attraktion aus", 2. "Etwas, was durch seine Außerordentlichkeit, sein Hervorstechen große Anziehungskraft ausübt, staunendes und gespanntes Interesse erregt. Beispiele: der Aussichtsturm mit dem Drehrestaurant ist eine besondere Attraktion für die Besucher; der Zirkus wartet mit neuen Attraktionen auf." Für den heutigen 22. Wiener Gemeindebezirk trifft dies eher nicht zu. Das Autorenteam des neuen Bild-Textbandes schreibt: In der Donaustadt gibt es weder einen Stephansdom noch eine Hofburg oder ein Schloss wie Schönbrunn. Dennoch wagt es den Vergleich mit der City. Der 22. hätte nicht weniger, sondern einfach nur andere Attraktionen zu bieten. Die Historikerin Gabriele Dorffner und der Kulturwissenschaftler Matthias Marschik sind überzeugt: Die Donaustadt bildet die Basis, ohne die die Metropole nicht gedeihen hätte können. Unter dieser Prämisse bekommen die historischen wie aktuellen Einrichtungen der Donaustadt erst ihre rechte Bedeutung. Die Donaustadt ist ein junger Bezirk - nicht nur nach der Einwohnerstatistik. Die heutigen Grenzen wurden erst 1954 gezogen. Sie entstand aus acht Marchfelddörfern, deren Ortsbild teilweise noch erkennbar ist. Landwirtschaftliche Flächen haben sich erhalten, doch boten große Teile Erweiterungsgebiete für neue Siedlungen - zum Beispiel Marshallhof, Rennbahnweg oder Seestadt Aspern.

Drei Verkehrsadern verbinden Transdanubien mit dem Rest der Stadt. Folgerichtig zeigen die ersten Fotos die Reichsbrücke, die Südosttangente und die Ostbahnbrücke. Die Kronprinz-Rudolf-Brücke (ab 1919 Reichsbrücke) bestand von 1876 bis 1937. Dann erfolgte ihr Neubau, der zu Ende des Zweiten Weltkriegs die einzige Donauquerung zwischen Staatsgrenze und Linz darstellte. Sie stürzte 1976 ein. Der Bau der Südosttangente war 1970 abgeschlossen. Die kürzeste Autobahn ist die meist befahrene Österreichs, 170.000 Fahrzeuge nutzen sie täglich. Die Ostbahnbrücke war die älteste Verbindung zwischen Simmering und Stadlau. 1870 errichtet, hat man sie 1932 erneuert.

Als erster Ort wurde Kaisermühlen, damals am rechten Ufer des Donauhauptarmes gelegen, 1850 als Teil der Leopoldstadt eingemeindet. Zwei Jahrzehnte danach erfolgte die Donauregulierung. Dadurch kam das Dorf, das seinen Namen den Schiffsmühlen am Kaiserwasser verdankt, an das linke Ufer und verlor seine wirtschaftliche Basis, die Dampfschiffstation. Die erste der ausgewählten Ansichten zeigt ein armseliges "Bretteldorf" an der Mülldeponie. Diese verschwanden, ebenso wie die Militärschießstätte Kagran, für die Anlage der "WIG 64". Die internationale Gartenschau brachte Transdanubien eine Aufwertung und ganz Wien ein neues Erholungsgebiet. 1973 bis 1979 entstand das Vienna International Centre. Diese Projekte verdienten wohl das Prädikat "Donaustädter Attraktionen". Weitere markante Punkte sind das Strandbad Gänsehäufel und die Gemeindebauten des Roten Wien, Schauplatz der Fernsehserie "Kaisermühlen-Blues".

Schon anno 1160 bestand in Kagran eine Pfarre. "Chagran" war ein Angerdorf mit einem Teich auf dem späteren Hauptplatz. 1886 bis 1922 fuhr die Dampftramway von Wien über Floridsdorf und Kagran nach Groß-Enzersdorf. Lange blieb Kagran ein wichtiger Markt- und Umschlagplatz für die Bauern des Dorfes und die angrenzenden Marchfeld-Gemeinden. Seit 1975 fungiert das Donauzentrum als moderner Konsumtempel. In den folgenden Jahrzehnten ständig vergrößert, bietet es heute auf 100.000 qm Verkaufsfläche 260 Betrieben Platz. Mit 19 Millionen Besuchern jährlich zählt es zu den überregional bedeutenden Shoppingmalls.

Hirschstetten ist seit 1904 ein Teil Wiens. Das prominenteste Gebäude stellt sein Schloss dar, das sich im Besitz der Fürsten Schwarzenberg und der Freiherren Pirquet befand. Clemens Pirquet erwarb sich Verdienste als Kinderarzt und Entdecker der Allergien. Nach seinem Bruder Guido, einem Raketentechniker, ist ein Mondkrater benannt. Ein Bombentreffer zerstörte das Schloss, dessen prächtiges Interieur samt adeliger Familie abgebildet ist. Aus ihrer Baumschule wurde der städtische Reservegarten - Ende der 1950er Jahre die modernste Großgärtnerei Europas.

Vor der Eröffnung der Ostbahn, 1870, war Stadlau eine Siedlung mit zehn Häusern. Die Bahn förderte das Wachstum und die Industrieansiedlung. Malz-, Stahl-, Elektro- und Chemiefabriken entstanden. Nach genau 140 Jahren wurde der alte Stadlauer Bahnhof geschlossen und die verwaisten Anlagen zum Eldorado für Eisenbahn-Nostalgiker. Ein Foto zeigt die Drehscheibe vor dem ehemaligen Heizhaus.

Das Schloss in Süßenbrunn galt 1320 als "Festes Haus". Es hatte prominente Eigentümer: Fürsten Auersperg, Barone Dubský, Großgrundbesitzer Boesch, Theresianum … Erfreulicherweise wurde das verfallende Schloss 2008 von der Schuhmanufakur Reiter erworben und renoviert.

Beim Ortsnamen Aspern dachte man bis vor kurzem an die Franzosenkriege, das Flugfeld und das General-Motors-Werk. 1809 erlitt Napoleon in Aspern seine erste Niederlage. Auf dem Flugplatz landete 1931 das Luftschiff "Graf Zeppelin", er war damals einer der bestausgestatteten Europas. In den 1950er bis 1970er Jahren dienten die sechs betonierten Pisten für internationale Motorsportwettbewerbe. Das 1982 eröffnete Motorenwerk stellte 2020 seine Produktion ein. Heute zählt das Projekt "Seestadt Aspern" zu den größten Stadterweiterungsgebieten in Europa. Bis 2028 sollen auf dem ehemaligen Flugfeld 10.500 Wohnungen für 20.000 Menschen gebaut und ebenso viele Arbeitsplätze geschaffen werden. Das 24-stöckige "HoHo" ist das zweithöchste Holzhochhaus der Welt.

In Essling steht einer der letzten Schüttkästen Wiens. Napoleon baute den Getreidespeicher zur Festung aus, die nicht erstürmt werden konnte. Berühmte Söhne des Ortes waren der Barockbildhauer Georg Raphael Donner und der Jazzmusiker Fatty George. Zu den wichtigsten Betrieben zählte vor dem Ersten Weltkrieg die Flugzeugfabrik "Aviatik", die danach geschlossen werden musste. Später kamen die "Kaimann"-Rennwagen aus Essling. Mehrere Fotos dokumentieren die öffentlichen Verkehrsmittel Dampftramway und "Elektrische".

Breitenlee gilt als größte Bauerngemeinde Wiens. Ein Teil kam 1904, der andere 1938 zur Hauptstadt. Das Gut Breitenlee ist eine der ältesten Besitzungen des Schottenklosters. Heute gedeihen hier auf 80 ha köstliche Äpfel, Kirschen, Zwetschken und Marillen, auch Weinbau und Ackerbau werden betrieben. Die doppeltürmige Kirche bildet das Zentrum des Ortes, in dem im "Schwarzen Wien" die Stadtrandsiedlung mit 260 Häusern samt Gärten und Ackerflächen angelegt wurde. Neben den acht Dörfern ist die Lobau ein wesentlicher Bestandteil des 22. Bezirks. Ursprünglich ein von Donauarmen begrenztes, durch Seitenarme und Hochwässer immer wieder verändertes Augebiet, präsentiert sie sich nach der Donauregulierung vielgestaltig. Nationalpark, Erholungslandschaft, Badeplätze, Grundwasserwerk, Tanklager und Ölhafen sind hier auf 22 qkm zu finden. Derzeit sorgt der Lobautunnel für Kontroversen. Das letzte Kapitel ist der Donaustadt in der City gewidmet. Aspernbrücke, Esslinggasse, Erzherzog Carl-Denkmal und Pirquet-Hof sind Beispiele dafür, wie sich Transdanubien in das Stadtbild eingeschrieben hat.

Der Verlag Winkler-Hermaden hat bereits eine stattliche Anzahl an Bild-Text-Bänden veröffentlicht. Es liegt in der Natur einer Buchserie, dass sie je nach Thema, Verfasser und dem zur Verfügung stehenden Material von unterschiedlicher Qualität sind. Mit diesem Band ist ein Volltreffer gelungen: aussagekräftige Ansichten, informative Texte und präzise Bildunterschriften. Dazu kann man dem Verlag und dem Autorenteam nur gratulieren.

hmw