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Eva Guttmann, Gabriele Kaiser, Franziska Leeb: Architektur in Niederösterreich 2010–2020#

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Eva Guttmann, Gabriele Kaiser, Franziska Leeb: Architektur in Niederösterreich 2010–2020. Herausgegeben von ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich, Band 4. Mit Beiträgen von Eva Guttmann, Gabriele Kaiser, Franziska Leeb, Isabella Marboe und Christina Nägele. 320 S., ill., Park Books Zürich. € 38,-

Wie keine andere künstlerische Disziplin ist die Architektur abhängig von ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, schreiben Gabriele Kaiser und Franziska Leeb, die Vorsitzende von ORTE, im einleitenden Essay von Architektur in Niederösterreich 2010–2020. Die Architekturpublizistinnen charakterisieren die baukulturellen Auf- und Umbrüche im größten Bundesland als rasanter Wandel, vorsichtiges Umdenken. Der mit 542 Duplex-Abbildungen und 361 Plänen und Übersichtskarten reich illustrierte Band ist bereits der vierte des Netzwerks ORTE. 1994 gegründet, sollte dieses der Architekturkultur in Niederösterreich mehr zeitgenössisches Leben einhauchen. Roland Rainer kritisierte damals u a. unnötige Platzvergeudung durch lauter kleine Häuschen. Auch ein Vierteljahrhundert danach sind die freistehenden Häuser für den einzelnen Bauwerber leistbar für die Gesellschaft im allgemeinen ein Unterfangen, das teuer zu stehen kommen wird, schreiben die Autorinnen. Im Hinblick auf "Bewusstseinsarchitektur" habe sich einiges verbessert. War der sorgsame Umgang mit den Ressourcen der Natur vor einigen Jahrzehnten noch einer alternativen Minderheit vorbehalten, so scheint das Thema nun im Mainstream des Bundeslandes angekommen zu sein. Klimaschutz und wieder entdeckte Materialien wie Holz, Lehm oder Bio-Wärmedämmung zeichnen die im Buch vorgestellten 100 modellhaften Projekte aus.

Fast ein Drittel fällt in das Kapitel Wohnen. Hier reicht das Spektrum von "Badehütten" - Stelzenhäusern der Strandbäder in Klosterneuburg - bis zu Baugruppenprojekten - wie dem "ökologischen Leuchtturmprojekt" in Hasendorf - und Wohnhausanlagen in St. Pölten. Kreativität und Einfühlungsvermögen sind gefragt, wenn es um Zubauten geht, wie im denkmalgeschützten Stadthaus am Hauptplatz von Eggenburg oder beim Projekt "Wohnen an der Stadtmauer" in Horn. Hier erwies es sich als Glückfall, dass sich ein örtlicher Immobilienentwickler für die Revitalisierung entschied: Mit dem sensibel in die innerstädtische Struktur an der Stadtmauer eingefügten Neubau entstand ein wichtiger Impuls für die von Abwanderung betroffene Innenstadt und ein Beispiel für die Eignung moderner Bauweisen für das Weiterbauen im historischen Kontext.

An zweiter Stelle stehen 20 Bauten für die Bildung, von Kindergärten und Schulen bis zu Universitätsgebäuden und Forschungseinrichtungen. Ein Vorbild für Partizipationsprozesse und pädagogische Konzepte, die den Vorgaben für gesundes und sicheres Lernen entsprechen, ist der "Fehra"-Bildungsraum. Er entstand in Zusammenarbeit auf breitester Basis in der Schwerpunktschule für Wald und Holz in Rapottenstein. Interessantes Detail am Rande: Die SchülerInnen, die in den partizipativen Prozess eingebunden waren, bevorzugten helle Holzoberflächen und Textilien gegenüber grellen Farben. Wie in Ternitz gilt: … während andere Kindergärten durch Buntheit auffallen, gibt es hier zurückhaltende Erdtöne, helle Oberflächen … eine wohltuende Strategie, die zeigt, dass Zurückhaltung und Eleganz auch beim Bauen für Kinder ihre Berechtigung haben.

Die elf Projekte der Kategorie Kultur, Information und Sakralbau umfassen höchst unterschiedliche Aufgaben. Das erste realisierten Jabornegg & Pálffy im Stift Altenburg in beeindruckender Weise: In drei Bauetappen erschlossen die Architekten die bislang verborgenen Zeitschichten des im 12. Jahrhundert gegründeten, mehrfach überformten und erweiterten Benediktinerstiftes … Die anlässlich der Landesausstellung 2019 revitalisierten Kasematten in Wiener Neustadt, das Motiv des Buchcovers, werden ausführlich vorgestellt. Das spektakulärste Objekt der vergangenen Jahre ist wohl die Landesgalerie Niederösterreich in Krems, … ein ikonischer Baukörper, ein provokantes, selbstbewusstes Statement am Übergang zur Altstadt von Stein. Die über 21 m hohe Bauskulptur scheint nur an den Eckpunkten ihrer Grundfläche von 33 x 33 Metern im Boden verankert zu sein. … Damit geht auch einher, dass die Auseinandersetzung mit der Kunst stets auch eine Beschäftigung mit dem Raum verlangt.

Die folgenden Kapitel Freizeit (fünf Objekte), Handel, Gewerbe und Industrie (15), Gesundheit und Pflege (vier) sowie Öffentlicher Raum und Infrastruktur (15) machen, wie die vorhergehenden, Mut und Umdenken der Planenden und Auftraggeber deutlich: Während zeitgenössische Baukultur in Niederösterreich früher weniger präsent war, ist inzwischen eine höchst lebendige Architekturlandschaft entstanden. Ziel des vorliegenden Werkes, ist es, zu dokumentieren, zu inspirieren, zu motivieren sowie Entscheidungsträger und Bauherren vom Mehrwert guter Architektur in der gesamten typologischen Bandbreite zu überzeugen. Publikationen sind wichtige Elemente der ORTE-Arbeit. Zudem veranstaltet das engagierte Netzwerk u. a. auch Architekturtage, Exkursionen, Vorträge und Workshops für Schulen. Sein ambitionierter Kriterienkatalog fordert, dass jede hoch- und tiefbauliche Planung nicht nur sich selbst genügen (darf), sondern immer auch seinem Umfeld und der Gesamtstadt gegenüber verpflichtet (sein muss).

hmw