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Christian Hlavac: Wiener Parkgeschichten#

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Christian Hlavac: Wiener Parkgeschichten. Von Gärtnern, Kaisern und Grünoasen. 240 S., ill., Amalthea Verlag Wien, € 23,-

Die Stadt Wien ist stolz darauf, 1000 Parkanlagen zu besitzen und verrät "Geheimtipps" in einer Broschüre und auf ihrer Homepage. Zufällig zur gleichen Zeit hat der Gartenhistoriker Christian Hlavac sein neuestes Werk veröffentlicht. Kenntnisreich vermittelt er Geschichte und Geschichten der Wiener Parks, gibt Hintergrundinformationen und straft manchen Mythos Lügen. Dabei kann der Autor auf umfangreichen Vorarbeiten aufbauen (siehe Literaturverzeichnis). Im jüngsten Buch stellt er 25 "Grünoasen" vor, die es zu besuchen lohnt. Seine handliche, reich illustrierte Publikation ist der ideale Wegbegleiter.

Das älteste Beispiel sind Die Gärten des unvollendeten Neugebäudes. Heutzutage kennt man die einst prächtige Anlage als Urnenhain des Zentralfriedhofs. Bauherr des neuen Gebäudes, das nie einen eigenen Namen erhielt, war der kunstinteressierte Kaiser Maximilian II. (1527-1576). Neun Jahre vor seinem frühen Tod begann er - vermutlich selbst - mit der Planung für den Renaissancebau. Dieser war nicht als Wohnschloss gedacht, sondern als temporärer Erholungsort samt Kunstgalerie. Viel wichtiger erschienen dem Kaiser die Gärten, die er noch vor dem Hauptbau anlegen ließ. Eine Kombination aus Obst-, Blumen- und Fasangarten mit Springbrunnen und Teichen. Außerdem gab es ein ausgebautes Wegenetz und Brücken zum Prater, dem Jagdquartier des Kaisers. Das Gebäude blieb ein Torso, die Ziergärten verwilderten nach Maximilians Tod, doch die Bäume trugen üppig Kirschen, Pfirsiche, Marillen, Weichseln, Zwetschken, Birnen, Äpfel und Feigen. Das Obst wurde an den Wiener Hof geliefert, nach der Verlegung des Wohnsitzes des Nachfolgers, Rudolph II. (1552-1612), auch nach Prag. Ferdinand II. (1578-1637) richtete ab 1619 im Neugebäude einen Zoo mit "wilden und raren Tieren" ein, der unter Maria Theresia (1717-1780) nach Schönbrunn übersiedelte. Das Renaissanceschloss in Simmering blieb bis 1918 ein Pulvermagazin. 1920 ging der Besitz an die Gemeinde Wien und Clemens Holzmeister baute das markante Krematorium. 2010 wurde auf dem Areal des einstigen Blumengartens ein Park eröffnet, welcher der einst hier existierenden Gartenanlage und dem für ganz Europa bedeutsamen Gesamtkunstwerk aus der Renaissance leider überhaupt nicht gerecht wird.

Als Beispiele für Gesamtkunstwerke der Barockzeit, bestehend aus Gärten, Gebäuden, Wasserspielen und Plastiken, präsentiert der Autor die Anlagen das Belvedere, Schönbrunns und des Gartenpalais Liechtenstein. Eher unbekannt dürfte sein, dass in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in den Belvedere-Parterres Kühe grasten und erfolgreich Gemüsebau betrieben wurde. Fast vergessen ist auch das Bauzentrum, das sich in den Wiederaufbaujahren im Liechtensteinpark befand. 1957 bis 1978 sollte die Musterschau, so die Betreiber, "Grundlagen für ein besseres, billigeres und rascheres Bauen mit modernen Baumethoden schaffen." Dem Schönbrunner Schlosspark blieben solche, zeitbedingten Nutzungen erspart. Er zählt heute zu Wiens attraktivsten Sehenswürdigkeiten und verzeichnet alljährlich Millionen Besucher. Beim Belvedere (das an vierter Stelle der Sehenswürdigkeiten nach Gästezahlen steht) erfreuen die Parterres, Hecken und Wasserspiele die Betrachter wieder zu Prinz Eugens Zeiten. Auch im Liechtensteingarten setzte ein Parkpflegeprogramm ein, doch war hier schon der "Faden der Zeit gerissen", wie die planende Gartenarchitektin feststellte. Cordula Loidl-Reisch entschied sich für eine Neuinterpretation der barocken Gestaltung, und so dominieren wieder Blumen jenes Areal… Im 19. Jahrhundert war es im Stil der Zeit als "englischer Park" mit einem Teich, Inseln, Brücken und vielen Wegen umgewandelt worden.

Einer der ersten Landschaftsgärten in Kontinentaleuropa befand sich im Besitz von Johann Philipp Graf von Cobenzl (1741-1810). 1776 begann der Staatsmann mit der Anlage seines Gartens am Reisenberg in Döbling, samt Meierei, romantischer Grotte und Gestaltungselementen voller künstlicher Natürlichkeit. Den Idealen der Aufklärung folgten auch die Feldherren Franz Moritz Graf von Lacy (1725-1801) in Neuwaldegg und Ernst Gideon Freiherr von Laudon (1717-1790) in Penzing. Die Anlagen des Hof- und Kammerjuweliers Franz Edler von Mack (1730-1807) in Kalksburg, die von Zeitgenossen hymnisch gepriesen wurden, kann man kaum noch ahnen. Der Dehnepark, angelegt unter Antonia Fürstin von Paar (1749-1813) in Hütteldorf hat sein neugotisches Landhaus ebenfalls eingebüßt, die künstliche Ruine verfällt. Den Pötzleinsdorfer Schlosspark ließ der Schweizer Bankier Johann Heinrich von Geymüller (1754-1824) als Landschaftsgarten gestalten. Der Mitbegründer der Österreichischen Nationalbank war ein Zeitgenosse Kaiser Joseph II. (1764-1790). Mit ihm verbindet man die Verschönerung des Glacis und die Öffnung von Prater und Augarten. Im späten 19. Jahrhundert entstanden als bedeutende Anlagen u. a. der Türkenschanzpark im Währinger Cottage und der Rothschildpark in Döbling.

In der Stadt "gartelte" der Kaiser Franz II./I. (1768-1835) im Burggarten. Hlavac ist der Mär um die Gärtnerlehre des Monarchen und anderen Geschichten auf den Grund gegangen, kann aber die populären Behauptungen nicht bestätigen. Sicher ist, dass der 1823 eröffnete Volksgarten im Auftrag des "Blumenkaisers" entstand. Als die Basteien fielen, plante man an der neuen Ringstraße Grünflächen ein. Die erste Parkanlage, die auf Kosten der Gemeinde eigens für die Öffentlichkeit errichtet wurde, war der Stadtpark am Parkring. 1862 angelegt, umfasst er heute 94.000 Quadratmeter. Das Rathaus ist zehn Jahre jünger. Um die Gestaltung seines Vorplatzes gab es heftige Kontorversen. Will man einen Park oder einen Platz?, das war hier die Frage. Die Erholung der Menschen wurde nach langer und hitziger Diskussion als bedeutender angesehen. Es haben also soziale Gründe mitgespielt bei der Anlegung des Rathausparks, der als ein erster Schritt zu einer bewussten Grünflächenpolitik der Stadt Wien gelten kann.

Diese setzte ihr Programm über die historischen Zäsuren hinweg konsequent fort. 1928 trat der Floridsdorfer Wasserpark als städtisches Freizeitgebiet an die Stelle von sumpfigem Brachland im Überschwemmungsgebiet der Donau. Eine Generation später schuf die Stadt Wien mit dem Blindengarten im Wertheimsteinpark die erste derartige Anlage in Kontinentaleuropa. Tast- und Duftpflanzen, taktile Wegweiser und ein Akustikbrunnen sollten Sehbehinderten die Beschäftigung mit Pflanzen ohne fremde Hilfe ermöglichen. Seit den 1980er Jahren versperrt, existiert der Blindengarten nicht mehr. 1964 und 1974 war Wien Austragungsort Internationaler Gartenschauen. Aus der "WIG 64" wurde der Donaupark, aus der "WIG 74" der Kurpark Oberlaa. Das jüngste Beispiel in dem aufschlussreichen Buch ist der 1992 eröffnete Setagaya-Park - ein sichtbares Zeichen der Städtepartnerschaft zwischen den 19. Bezirken von Tokyo und Wien. Weitere Japangärten gibt es in Schönbrunn, Oberlaa und Kagran. Nachdem der Autor die einzelnen Gestaltungselemente erläutert hat, lädt er ein: Kommen Sie daher mit auf eine Weltreise, wenn Sie die japanischen Gärten in dieser Stadt entdecken wollen!

hmw