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Holzer, Anton und Frauke Kreutler (Hg.): Augenblick !#

Bild 'Holzer'

Anton Holzer und Frauke Kreutler (Hg.): Augenblick! Straßenfotografie in Wien. Mit Beiträgen von: Susanne Breuss, Matti Bunzl, Berthold Ecker, Anton Holzer, Christine Koblitz, Wolfgang Kos, Marion Krammer, Frauke Kreutler, Lisa Noggler, Martina Nussbaumer, Michael Ponstingl, Marie Röbl, Peter Stuiber, Margarethe Szeless, Susanne Winkler, Irina Witoszynsky. Verlag Kehrer Heidelberg. 448 S. ill., € 39,80

1861 war der Gründungsjahr der Photographischen Gesellschaft in Wien, der ersten im deutschsprachigen Raum. 1888 wurde die erste Ausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien (seit 2003 Wien Museum) eröffnet. Als Universalsammlung umfasst es mehr als eine Million Objekte. "Einen beträchtlichen, aber bislang wenig bekannten Teil macht die Fotografie aus, stellt Direktor Matti Bunzl fest. Dieser Bereich umfasst zehntausende Werke, viele davon noch nie gezeigt. Eine für Mai 2022 geplante Sonderschau und der schon jetzt vorliegende Begleitband geben Einblick in den Teilbereich "Straßenfotografie". Die frühesten Beispiele stammen aus den 1860er Jahren, als professionelle LichtbildnerInnen den städtischen Raum zunehmend als fotografisches Sujet entdeckten", die jüngsten aus der aktuellen Instagram-Welt. Doch folgen die Kuratoren, der Fotohistoriker Anton Holzer und die Fotografin Frauke Kreutler bei ihrer Auswahl nicht der Chronologie. Als die frühen Fotografen in den Straßen Wiens Aufnahmen machten, befand sich die Stadtarchitektur im Ab- und Umbruch. Die Befestigungsanlagen wurden demoliert und an ihrer Stelle die Ringstraße als Boulevard angelegt. In den Vorstädten wichen zahlreiche kleine Gebäude vielstöckigen Zinshäusern. Fotografen wie Josef Mutterer (1834-1908) und August Stauda (1861-1921) verstanden ihre Werke als Dokumentation. Die frühen Lichtbildner mussten ihre Materialien und eine Dunkelkammer mit sich führen, die Glasplatten kurz vor der Aufnahme präparieren und dann gleich entwickeln. Da die Belichtungszeit mehrere Sekunden betrug, konnten sie Passanten nicht scharf abbilden. Um 1880 revolutionierten Silbergelatine-Trockenplatten, Handkameras, lichtstarke Objektive, mechanische Schnellverschlüsse und bessere Chemikalien die fotografischen Möglichkeiten. Sie eröffneten Amateuren ein neues Hobby und den Profis die kommerzielle Produktion. Mappen, Alben und Postkartenserien sprachen Wiener Bürger und Touristen an. Vorläufer der beliebten Serien waren Ende der 1850er Jahre "Momentphotographische Stereoskopien", bei denen eine spezielle Optik erlaubte, bewegte Objekte einzufangen. Fotografen gründeten eigene Verlage und besorgten den Vertrieb in großem Stil. Die Bilder konnten über längere Zeit hinweg verkauft werden, weil sich Details retouchieren ließen. So zeigt etwa eine Aufnahme von Martin Gerlach (1846-1918) dieselbe Ansicht des Stubenrings um 1900 und um 1920, nur die Dame in der Bildmitte wurde dem Zeitgeschmack entsprechend modisch verändert. Bei Reproduktionsvorlagen gab es genaue Anweisungen: Staffage, die nicht paßt - weg. Andererseits hielten sich gleichbleibende Motive wie "Alt Wien" oder Marktszenen über Jahrzehnte hinweg, erläutert die Kuratorin Frauke Kreutler. Mit ihrem Kollegen Anton Holzer hat sie ein Jahr lang 80.000 Fotos gesichtet, um für die Ausstellung "Augenblick! auszuwählen - übrigens die erste ihrer Art im Wien Museum. Lange Zeit wurde die Fotografie überhaupt stiefmütterlich behandelt und erst spät als eigenständiges Medium entdeckt. Die Sonderaustellung und das Buch Straßenfotografie in Wien fassen den Begriff weiter als die "Street Photography", die von New York und Paris ausgehend Mitte des 20. Jahrhunderts eine eigene Richtung innerhalb der Stadtfotografie wurde. Es geht in der Schau immer um Szenen auf der Straße, aber oft zeigen die Bilder en passant auch wichtige Aspekte der Stadtentwicklung. Wir haben aus der Fülle des Materials spannende Themen herausgegriffen, etwa das Gehen und Flanieren, Blicke in der Stadt, die Plätze der Kinder, Frauen und Männer, das Vergnügen, die Armut, die beschriftete Stadt usw., gibt Anton Holzer einen Vorgeschmack auf das Projekt.

Für die reich illustrierte, großformatige Publikation haben die Kuratoren rund 300 Fotos ausgewählt, etwa die Hälfte wollen sie ausstellen und schätzen, dass 70 % zum ersten Mal zu sehen sein werden. Im Buch gliedern sich die Werke in neun Gruppen, jeweils mit Esssays und Fotostrecken. Unterwegs in der Großstadt zeigt Alltagsszenen, bekannte Bauwerke, Verkehrsmittel, Flaneure und arbeitende Menschen, aber auch den Taxistreik von 1933, wo die Autos den Stephansplatz blockieren oder "Autofahrer unterwegs" um die Jahrtausendwende. Schauen und staunen konnten die WienerInnen nicht nur im Sportstadion oder vor Anschlagtafeln, sondern auch, wie schon der Name sagt, beim Blick in die Schaufenster. Geschäft und Geschäftigkeit konzentrieren sich traditionell auf den Naschmarkt mit dem Prototyp der "dicken Marktfrau".

Um 1900 trafen sich in der Heimat- und Denkmalschutzbewegung unterschiedliche stadt- und lebensreformerische Gruppen. Sie bedienten sich bei der Öffentlichkeitsarbeit des neuen Mediums Fotografie. In diesem Kontext schuf der in Böhmen geborene Fotograf und spätere Bürger von Wien August Stauda tausende Fotos von Alt-Wiener Architekturen. Rund 3.000 sind erhalten und großteils im Wien Museum archiviert. Heute stellen sie wertvolle Dokumente dar, umso mehr, als der Fotograf die Adressen einkopierte. Was unter anderem auffällt, sind die gestochen scharf abgebildeten Plakate und Werbeaufschriften. Die Schrift in der Stadt und in der Straßenfotografie" widmen sich in jüngster Zeit Künstler wie Bodo Hell, der Ausschnitte von Geschäftsschildern zu fotografisch-literarischen Collagen formt.

Die speziellen Bereiche von Frauen, Männern und Kindern in der Stadt wurden vielfach eindrucksvoll ins Bild gesetzt. Armut ist ebenso ein Thema wie Vergnügen. Besonders die sozial engagierte Fotografie der Zwischenkriegszeit warf den Blick auf die Schattenseiten der Stadt. Andererseits sind die Bilder des Rechtsanwalts Emil Mayers vom Wurstelprater um 1910 Ausdruck der Lebensfreude. Er verwendete einen um 90 Grad verschwenkten Objektivaufsatz, damit die Abgelichteten nicht bemerkten, wenn sie zum Motiv wurden. Das letzte Kapitel führt in die Gegenwart, zur Street Photography auf Instagram. Man sollte nie glauben, dass ein Foto irgendetwas beweist. Zu stark spielen subjektive Zugangsweisen und künstlerische Inszenierungen eine Rolle. Das Buch illustriert eindrucksvoll mehr als eineinhalb Jahrhunderte Alltagskultur und eröffnet neue Blicke auf scheinbar Vertrautes.

hmw