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Bernhard Honkisz: Pakkt an#

Bild 'Honkisz Pakkt'

Bernhard Honkisz: Pakkt an! Eine Geschichte der Gautsch. Wien 2021. 240 S., ill.

Vorurteile haben ein zähes Leben. Was Bräuche betrifft, hört man oft, in der Stadt gäbe es sie nicht, schon gar keine "alten" und "echten". Das Gegenteil ist der Fall. Bräuche sind flexibel und hybrid. Sie ändern sich den Umständen entsprechend, Elemente anderer Traditionen werden aufgenommen, Neues entsteht. Das Gautschen, oder wie es an der Graphischen heißt, "die Gautsch", ist das beste Beispiel dafür. Es ist ein alter Brauch, dessen Vorläufer mindestens bis in die Barockzeit zurückreichen. "Echt" ist er, weil er lebt.

Bräuche lassen sich mit Sprache vergleichen: Sie leben, das eine kommt, das andere geht, manches bleibt. Nicht alles gefällt allen. Regionale Varianten existieren, wie Dialekte. Brauchelemente - Wasser, Sprüche, Essen und Trinken - entsprechen den Wörtern. Damit sie einen Sinn ergeben, braucht man eine Dramaturgie, eine Grammatik. Wie jede/r nur bestimmte Sprachen beherrscht, ist die Sprache der Bräuche nur Eingeweihten verständlich, in diesem Fall Angehörigen des grafischen Gewerbes. Bernhard Honkisz, BEd, der in der Abteilung Druck- und Medientechnik der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt Wien unterrichtet, betätigt sich mit seinem Buch als Sprachlehrer. Dafür ist ihm zu danken und zu seinem Werk zu gratulieren. Schließlich sind Druckerei und Sprache untrennbar verbunden.

Das Gautschen zählt zur großen Gruppe der Initiationsbräuche. Ähnlich raue Sitten kannten auch die Tischler, Binder oder Gerber. Die angehenden Gesellen wurden im wahrsten Sinn des Wortes "über den Tisch gezogen" und traktiert. Spott und Rüge spielten ebenso eine Rolle wie der Spaßfaktor und das abschließende Mahl. Der belgisch-französische Ethnologe Arnold van Gennep (1873 - 1957) hat für die Schwellenbräuche im Lebens- und Jahreslauf den Begriff Rites de passage geprägt. Er unterschied drei aufeinander folgende Zustände: (1) Trennung - die Phase der Ablösung vom vorherigen Zustand, (2) Schwelle / Zwischenstufe / Liminalität - die gefährliche Phase zwischen "schon" und "noch nicht", problematische Zeit der Rollenlosigkeit, in der die neue Identität angeeignet werden soll, (3) Umwandlung / Wiederaufnahme - die Phase der Neuintegration.

Bernhard Honkisz erläutert ausführlich, wie das Übergangsritual vom Buchdruckerlehrling zum Gesellen im Lauf der Geschichte verlaufen ist und wie man es heute an der Graphischen praktiziert. Dabei zeigt sich der flexible und hybride Charakter des Gautschbrauchs deutlich. Das Buchdruckerhandwerk in seiner ursprünglichen Bedeutung existiert nicht mehr, daher ist die Freisprechungszeremonie auf verwandte Berufe, wie Medientechniker, übergegangen. War die "schwarzen Kunst" jahrhundertlang den Jüngern Gutenbergs vorbehalten, werden nun auch Jüngerinnen "getauft". Einerseits legen die Ausführenden auf historisierende Gewandung Wert, andererseits dürfen in der Bütte, in welche die Gäutschlinge getaucht werden, Badewannenenten schwimmen.

Bemerkenswert ist die doppelte Ausführung des Buches in Offenbacher Schwabacher und Times New Roman. Illustrationen, praktische Hinweise, Sprüche und Anhänge vervollständigen das Werk. So werden Interessierte zu Eingeweihten. Sie lernen nicht nur, die Sprache eines Brauchs zu verstehen, sondern auch die traditionelle Sprache der Buchdrucker - von Anführgspan bis Wassertauf - und ihr Motto: "Gott grüß' die Kunst".

Dank der Bemühungen des Autors wurde das Gautschen 2021 in die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes augenommen.

hmw