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Georg Markus: Karl Farkas#

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Georg Markus: Karl Farkas. Sein Humor. Seine Erfolge. Sein Leben. Mit einem Vorwort von Michael Niavarani. Amalthea Verlag Wien. Aktualisierte Neuausgabe, 336 S., ill., € 26,-

Vor 50 Jahren, am 16. Mai 1971, ist Karl Farkas, einer der ganz Großen der Unterhaltungsbranche, verstorben. Ein passender Anlass, seine aktualisierte Biographie - mit vielen Farkas-Texten - herauszugeben. Der Verfasser Georg Markus ist nicht nur ein Bestsellerautor dieses Genres, er war auch Farkas' Assistent im legendären Simpl. Nach den Vorstellungen brachte er seinen Chef oft mit dem Auto heim und der Altmeister des Wiener Humors erzählte ihm aus seinem bewegten Leben. Dieses begann 1893 in der Rossau, einem Teil des 9. Wiener Gemeindebezirks. Der Vater betrieb in der Grünentorgasse 12 eine gut gehende Schuhwarenmanufaktur mit "Engros-Lager aller Gattungen". Die gutbürgerliche ungarische Familie hatte zwei Töchter und zwei Söhne, die mit der damals üblichen Strenge erzogen wurden. Der Jüngste, Karl, sollte als Einziger studieren, wenn möglich, Jus. Doch der Gymnasiast hatte andere Pläne.

Schon als Sechzehnjähriger verkaufte er eine erfolgreiche Boulevard-Groteske dem Intimen Theater in der Leopoldstädter Taborstraße. Dem väterlichen Wunsch nachkommend, absolvierte er Matura und Handelsakademie, wurde dann ordentlicher Hörer der Akademie für Musik und darstellende Kunst. Das Schulgeld dort bezahlte er bereits mit den Tantiemen seiner beiden ersten Stücke und von den Zeitungshonoraren. Im Ersten Weltkrieg meldete er sich als Einjährig-Freiwilliger und wurde verwundet. 1924 heiratete der Künstler die aus Südböhmen stammende Schauspielerin Anny Hán. Nach Engagements in Olmütz und Linz, wo Farkas als Schauspieler und Regisseur Erfolge feierte, kehrte er in seinen Heimatbezirk zurück. Hier bot ihm die Neue Wiener Bühne ein "ideales Betätigungsfeld". Zusätzlich bewarb sich das Allroundtalent beim Cabaret Simplicissimus- und wurde als "Blitzdichter" engagiert. Farkas schaffte es, jedes zugerufene Wort spontan zu reimen. Das machte ihn blitzartig zum Lokalmatador des Wiener Kabaretts. … Die Wiener gingen in den Simpl, um die neuesten Farkas-Reime zu hören. Eine weitere Steigerung erfuhr seine Popularität durch die Doppelconférencen.. Farkas spielte den "Gescheiten" und der intellektuelle Fritz Grünbaum den "Blöden", was das Publikum sehr erheiterte.

In den "goldenen Zwanzigerjahren" erreichte die große Ausstattungsrevue Wien. Farkas wurde zu einem der meistbeschäftigten Autoren und Darsteller dieses Genres. Als man ihn an die Kammerspiele rief, verlangte der Direktor einen zügigen Schlager. "Irgend etwas Derbes" sollte es sein.. Der um Qualität bemühte Textdichter und der Komponist Robert Katscher schrieben aus Trotz einen Schlager, der "ganz unmöglich war". Farkas erinnerte sich: Ich machte den blödesten Text meines Lebens und zwar so, dass er abgesetzt werden musste. Doch das Gegenteil war der Fall. Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt' eroberte - nicht nur - den Broadway.. Dieser 'größte Blödsinn' machte Farkas zum Millionär. Die Tantiemen aus aller Welt flossen auf sein Konto. … Niemand wusste, dass Farkas, der Erfolgreiche, gleichzeitig ein gebrochener Mann war. Etwa in der Zeit, die seinen Welterfolg brachte, brach das persönliche Unglück über ihn herein. Ein Unglück, über das er in seinem Leben nie sprechen wollte, das er verdrängte, von sich zu schieben versuchte, das ihn aber doch nie verlassen sollte. Sein Sohn Robert (1928-2009) erkrankte im Alter von 2 ½ Jahren unheilbar an Gehirnhautentzündung.

Das erfolgreichste deutschsprachige Singspiel des 20. Jahrhunderts hatte 1930 in Berlin seine Uraufführung und, kaum ein Jahr später, am Wiener Stadttheater Premiere. Farkas überarbeitete das weiße Rössl, führte Regie und kreierte mit dem Sigismund, der nichts dafür kann, "dass er so schön ist", eine seiner populärsten Rollen. Er verkörperte sie rund 800-mal und gab sie nur auf, um 1932 die künstlerische Leitung der Revuebühne Moulin Rouge zu übernehmen. Der Redakteur der Berliner Fremden-Zeitung nannte Farkas den "erkorenen Liebling des Wiener Publikums" und schrieb: Ein Alleskönner zeigt hier seine vielseitige Kunst. Denn Farkas ist Theaterdirektor, Revuestar, Dichter, Schauspieler, Sänger, Tänzer, Conférencier. Aber zwischendurch findet dieser Tausendsassa, während andere an seiner Stelle dem Wahnsinn verfallen oder an Erschöpfung zusammenbrechen würden, noch immer zu Neugründungen Zeit.

Das sollte sich alles über Nacht ändern. Adolf Hitler wird am 30. Jänner 1933 zum Reichskanzler ernannt, schreibt Georg Markus von den Vertreibungen der Künstler aus Deutschland. Aber noch konnten die österreichischen Kabarettisten - sie waren fast zu hundert Prozent jüdischer Abstammung - spielen. Akribisch wie im Tagebuch schildert der Autor die dramatischen Ereignisse seit der letzten Simpl-Vorstellung am 10. März 1938. Das Ehepaar Farkas dachte an Suizid, sah aber aus Verantwortung für sein Kind davon ab. Anny blieb mit Robert in Wien und Böhmen, Karl gelang im letzten Moment die Ausreise. Über Prag erreichte er Paris, wo er mit anderen Emigranten auftreten und kurz mit seinen Lieben beisammen sein konnte, dann aber in "Schutzhaft" genommen wurde. Nach der Auflösung des Lagers in Meslay beschloss er, nach Spanien und über Portugal in die USA zu flüchten. In der Weihnachtsnacht 1940 erreichte Karl Farkas in einem "schrecklichen Gewaltmarsch" über die Pyrenäen Spanien, gelangte nach Portugal und schiffte sich nach New York ein. Dank seiner Sprachkenntnisse konnte er sich in den USA als Übersetzer und mit kleinen Auftritten durchschlagen. Die emigrierten Künstler halfen einander. Robert Stolz dirigierte die Lustige Witwe und die Fledermaus, in der Farkas den Frosch spielte. Erfolge, Erfolge, Erfolge. Doch es blieb das Warten, es blieb das Heimweh, es blieb die Sehnsucht, schreibt Georg Markus. Fünf lange Jahre wusste der Schauspieler nichts von seiner Frau, erst nach Kriegsende konnten sie wieder Kontakt aufnehmen. Dutzende Kollegen, Freunde und Verwandte waren in Konzentrationslagern gestorben. Der wohl traurigste Punkt in der Korrespondenz ist, wie Karl nach und nach erfahren muss, dass er und seine Nichte die einzig Überlebenden der ehemals großen Familie Farkas sind.

Der emigrierte Künstler engagierte sich im Komitee Hilfe für Österreich. Die Erträge ihrer Konzerte sollten die Lebensmittelversorgung in Wien erleichtern. Am 22. Juli 1946 kommt der einst so schändlich Vertriebene in seine Heimatstadt zurück. Und wird wie ein König empfangen. … Auch Vertreter der Regierung waren anwesend. … Beruflich musste er wieder einmal ganz von vorn anfangen. Mit einem "Broadway-Musical für Wien" erlitt er Schiffbruch. 1950 wurde Farkas künstlerischer Leiter des Simpl, war Darsteller, Regisseur und Autor. Bis 1965 verfassten er und Hugo Wiener sämtliche Revuen. Daneben arbeitete der Starhumorist als Drehbuchautor, im Rundfunk und ab 1955 im Fernsehen. Seine "Bilanzen" gestaltete er dort, ebenso wie die Simpl-Revuen, bis zu seinem Tod 1971. Maxi Böhm formulierte in der Trauerrede: Karl Farkas ist un-ersetzbar und Georg Markus schließt die Biographie: Ein Leben lang ließ er uns lachen. Und führte dabei ein Leben, in dem es wenig zu lachen gab.

hmw