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Mella Waldstein: Das Waldviertel #

Bild 'Waldstein'

Mella Waldstein: Das Waldviertel. Verschwundenes Handwerk, vergessene Arbeit, verlassene Orte. 192 S., ill., Verlag Styria Wien, € 27,-

Nostalgie, historisches Wissen und persönliche Erfahrung verbinden sich perfekt im jüngsten Waldviertel-Buch von Mella Waldstein. In Paris geboren, lebt die vielseitige Autorin seit langem in Drosendorf an der Thaya. Wenn sie diesmal verschwundenes Handwerk, vergessene Arbeit und verlassene Orte zu ihrem Thema gemacht hat, stimmt das auf den ersten Blick traurig. Auch Ausführungen über düstere Zeiten fehlen nicht. Auf den zweiten Blick aber erweist sich die Gegend als überaus vital. Aktive HandwerkerInnen und KünstlerInnen bringen Leben in die Region am einstigen Eisernen Vorhang.

Die Wahlwaldviertlerin hat sich für ihr reich illustriertes Buch eine unkonventionelle Gliederung ausgedacht. "Das Bild von damals", besser gesagt viele Bilder, werden in den Topotheken bewahrt. Ehrenamtliche BewohnerInnen in immer mehr Ortschaften speichern und beschreiben historische Ansichten und Dokumente. Dadurch sichern die Freiwilligen wichtiges Material für die Grundlagenforschung. So erfährt man über Schiltern wenig Bekanntes über den Orden der Englischen Fräulein, die 1930 bis 1940 im Schloss Schulen und Internat betrieben. Litschau gedenkt der Brüder Schrammel, deren Vater dort Kleinbauer und Weber war. Doch blieb es hier nicht bei der Dokumentation. Das Schrammelklang-Festival erfreut sich seit 2007 als Fest der österreichischen Weltmusik großer Beliebtheit.

Das zweite Kapitel, "Handwerk, Handel und Heimarbeit" vereint so unterschiedliche Professionen wie Korbflechter, Schweinebaron, Papiermacher oder Perlmutterdrechsler. Im Folgenden stellen Fotos des früheren Drosendorfer Bürgermeisters Franz Krestan die selten gewordene Produkte dar. Kenntnisreich erläutert die Autorin die "guten, alten Dinge" wie Gewürzbehälter, Wandschoner und vieles andere. Kirtag, Kino, Kegelspiel und Kamp-Bäder sorgten für die Genüsse und Vergnügungen früherer Tage. Dabei ist erwähnenswert, dass sich Mella Waldstein selbst im Filmclub Drosendorf engagiert und das dortige Strandbad betreut.

Weiter geht es "mit Volldampf in die Vergangenheit" mit den Zügen der Franz-Josefs-Bahn und ihrer Nebenlinien. Sie öffneten das Tor zur Industrialisierung. Allerdings hatten Glashütten, Textilproduktion und Uhrenerzeugung schon seit Jahrhunderten Tradition im Bandlkramerland. Fast vergessen sind die Eiskeller, Milchhäuser und Brückenwaagen, die in vielen Orten nicht nur wirtschaftliche, sondern auch kommunikative Funktionen erfüllten.

Der Geologe Thomas Hofmann steuerte ein aufschlussreiches Kapitel über "Feldspat, Quarz und Glimmer" bei. Doch ist der so charakterisierte, durch die tonnenschweren Wackelsteine bekannte Waldviertler Granit hier bei weitem nicht das einzige Gestein. Das mineralogische ABC reicht von Azurit und Beryll bis Xenotim und Zirkon. Außerdem erklärt der Wissenschaftsjournalist wie die Gesteine entstanden, etwa vor 600 Millionen Jahren die Böhmische Masse. Hochkreuze aus Granit prägen als Kleindenkmäler die sakrale Landschaft im nordöstlichen Waldviertel. In der Gegend um Eggenburg bot der weiße Zogelsdorfer Kalksandstein bedeutenden Bildhauern Material für künstlerische Arbeiten. Ihre Kreuzwege und Freiplastiken bereichern die Gegend im "Kristallviertel".

Andererseits bezeichnet die Autorin das Waldviertel als "Kahlviertel", allerdings mit einem Fragezeichen versehen. Seit dem Mittelalter hatten die dichten Forste zum Raubbau verleitet. Allein für 1 kg Pottasche, die man zur Glaserzeugung brauchte, wurde eine Tonne Buchenholz verbrannt. Heute setzen Naturkatastrophen, Klimawandel und Borkenkäfer den Beständen zu. Der 9. Abschnitt widmet sich eingehend dem "Wald im Wandel". Im 10. Kapitel geht es um Aussiedler und die belastete Geschichte des Truppenübungsplatzes. Doch gibt es auch Erfreuliches zu beobachten. So kann die 1100-Seelen-Gemeinde St. Oswald stolz darauf sein, in der UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes aufzuscheinen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, als ein Großbrand das Dorf verwüstete, besteht eine organisierte Form der Nachbarschaftshilfe. Der "Erste Verein auf gegenseitige Hilfeleistung bei Brandfällen" zählt auch heute rund 140 Mitglieder.

Mit dem überaus interessanten Buch blickt man, jenseits aller Waldviertel-Klischees, auch über die tschechische Grenze. Dabei ist die Eisenbrücke zwischen dem Nationalpark Thayatal und dem Narodni Park Podyji von symbolhafter Bedeutung. 1873 errichtet, verband sie das Umland von Hardegg mit den mährischen Ortschaften. Bauern benützten sie ebenso wie Sommerfrischler. Nach dem Ersten Weltkrieg diente sie als Übergang für den Kleinen Grenzverkehr. Dann wurden die Holzbalken entfernt und die Brücke zu einem Zeichen der "toten Grenze". Bis in den Weihnachtstagen 1989 österreichische und tschechische Zivilisten die Brücke öffneten und sie, auf den Eisenträgern balancierend, überquerten. Bis heute scheint es für viele Menschen noch fast wie ein Wunder, die Hardegger Brücke unbeschwert begehen zu können.

hmw