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Margarete Zink - Petra Zudrell (Hg.): Ware Dirndl#

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Margarete Zink - Petra Zudrell (Hg.): Ware Dirndl. Austrian Look von Franz M. Rhomberg. Mit Beiträgen von Theresia Anwander, Simone Egger, Christian Feurstein, Cornelia Hefel (Fotoessay), Anna Högner, Severin Holzknecht, Ingrid Holzschuh, Barbara Motter, Nadja Neuner-Schatz, Meinrad Pichler, Karin Rass, Thekla Weissengruber, Angelika Wöß Margarete Zink und Petra Zudrell. Residenz Verlag Salzburg. 368 S. ill., € 29,-

Nicht mehr lange, und das Traditionsunternehmen Franz M. Rhomberg hätte ein Jubiläum feiern können. 1832 gegründet, ging die Dornbirner Firma jedoch 1993 in Konkurs. Geblieben ist - weit über Vorarlberg hinaus - die Erinnerung an die Rhomberg-Dirndl, der Gewerbepark Rhomberg's Fabrik samt dem charakteristischen Schlot und das unter Denkmalschutz stehende Textilmusterarchiv im Stadtmuseum Dornbirn. Dieses Museum veranstaltet in Kooperation mit dem Wirtschaftsarchiv Vorarlberg eine Sonderschau zur Thematik Ware Dirndl oder das wahre Dirndl? Das Buch zur Ausstellung ist viel mehr als eine Firmengeschichte. Es beleuchtet Dirndl und Tracht in ihrer historischen Entwicklung bis in die Gegenwart - Stichwort: Phänomen Wiesentracht. Das Forschungsinteresse konzentrierte sich auf fünf Begriffspaare.

Firma / Archiv ist der Entwicklung des Unternehmens und dem Textilmusterarchiv gewidmet. Seit Jahrhunderten zählten die Rhombergs zu den großen, bedeutenden Dornbirner Familien. Etliche Mitglieder brachten es durch gewerbliche und später auch industrielle Aktivitäten zu Einfluss und Vermögen. … Zahlreiche Rhombergs übten zudem Funktionen in Politik und öffentlicher Verwaltung aus …, schreibt der Historiker Christian Feurstein. Er hat die Firmengeschichte erforscht und in Beziehung zu den Rahmenbedingungen gestellt. Als Gründungsjahr gilt 1832, als der namengebende Franz M. Rhomberg im Dornbirner Ortsteil Rohrbach ein Färbereigebäude mit Wohnräumen errichten ließ. Bis zuletzt blieb hier der Standort der sich rasch entwickelnden Firma. 1867 schaffte sie die erste Maschine für hochwertige Drucke an, beschäftigte bald 60 Färber und Drucker und betrieb 160 Webstühle. Um 1900 produzierte Rhomberg jährlich sieben bis acht Millionen Laufmeter Stoff und eröffnete Niederlassungen in Wien, Italien und Ungarn. Hatte das Dirndl schon seit 1910 Verbreitung gefunden, so etablierte es sich in den 1930er Jahren in der industriellen Fertigung. Die "volksechten" Dirndlstoffe trafen sich gut mit der NS-Ideologie, welche die Chefs teilten. Gegen Ende der 1950er Jahre erreichte Franz M. Rhomberg mit über 1700 Beschäftigten einen Höchststand und gehörte damit zu den größten Textilunternehmen Österreichs. Außer Stoffen wurden nun Kleider und Wäsche erzeugt. Zum 150-Jahr-Jubläum 1982 leitete die fünfte Generation den Familienbetrieb. Die Marke Rhomberg hatte sich längst als Synonym für Folklorestoffe etabliert. War sie ein halbes Jahrhundert hindurch in diesem Segment Marktführer gewesen, so wurde sie nun zum Opfer der Krise in der Textilindustrie. Der Ururenkel des Gründers und letzte Geschäftsführer gab die Devise aus: "Folklore ja, aber keine Dirndlkleider". Die anderen Gesellschafter/Cousins waren nicht dieser Meinung. Sanierungsmaßnahmen scheiterten an der Uneinigkeit der Familieneigentümer. 1993 musste das Unternehmen schließen.

Noch kurz vor der Insolvenz bearbeitete die Ethnologin Theresia Anwander das Archiv. Nach systematischer Erfassung sollten die Motiv- und Mustersammlungen Inspirationen für neue Entwürfe geben. 1991 wurde das "Archiv Creation" eröffnet. Es umfasste ein großes Konvolut an Entwurfs- und Gravurzeichnungen und rund 250.000 bis 300.000 bedruckte Stoffmuster in Büchern und Leporellos. 1934 hatte Viktor Geramb in Graz das erste Heimatwerk Österreichs gegründet. Er nahm mit einigen Textilproduzenten Kontakt auf und vermittelte ihnen Muster aus Museumsbeständen. In August Rhomberg fand er einen Partner, der sich ebenso aktiv für Erhalt und Förderung von Trachten einsetzte wie der Museumsdirektor und Universitätsprofessor. Der Unternehmer war ein Verfechter "volksechter" und "stilechter" Stoffe, Attribute, welche die Werbung immer wieder betonte.

Das Wechselspiel von Dirndl und Tracht ist ein spannendes, aber auch ideologisch belastetes Kapitel. Davon handelt der zweite Part, Tradition / Trend. Das 1966 kreierte "Vorarlberger Dirndl" war ein schillerndes Beispiel für die Nutzung und Inwertsetzung volkskundlichen Wissens durch die Textilbranche Die Ethnologin Nadja Neuner-Schatz referiert die Problematik der anleitenden Volkskunde und stellt wichtige VertreterInnen vor - ein besonders lesens- und bedenkenswerter Beitrag! Ebenso erhellend ist der Grundsatzartikel von Simone Egger zur Kostümgeschichte der modernen Tracht. Die Kulturwissenschaftlerin betont die Verbindung vom Interesse an diesem Forschungsfeld mit dem idealisierenden Denkstil der Volkskunde des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie spricht von einer invention of tradition. Eggers gründliche Darstellung von Zeitgeist und Trachtenmode reicht bis zum aktuellen "Heimatkostüm" und Haute-Couture-Kollektionen der britischen Modedesignerin Vivienne Westwood, die mit Tostmann-Trachten kooperierte.

Jochen Tostmann gilt als Erfinder des Begriffs "Austrian Look", schreibt die Ausstellungskuratorin Petra Zudrell in einem Artikel des Kapitels Schnitt / Look. Sie zeigt die Wirkung eines Zeitungsberichtes von 1959, der dem "Hamburger Jungunternehmer am Attersee" die Erfolgsgeschichte der Modelinie zuschreibt. Der Impuls kam hingegen von einem Kunden aus Amerika, dem Emigranten Siegfried Feigenheimer (1888-1965), der in seine neue Heimat, die USA, ein Stück der Sommerfrischekultur seiner Vorfahren importieren wollte. Thekla Weißengruber, die im OÖ Landesmuseum die Abteilung Volkskultur und Alltagskultur leitet, beschäftigt sich mit der Entwicklung der Trachtenmode im Austrian Look, die verschiedene Elemente abwandelt und zu neuen Modellen kombiniert. Dem Rhomberg-Dirndl als wichtiger Teil dieser Entwicklung widmet die Kunsthistorikerin Angelika Wöß eine fundierte Abhandlung.

Das düsterste Kapitel der österreichschen Geschichte, die NS-Zeit, betraf auch die Firmengeschichte. Das zeigt schon der Titel, den der Historiker Meinrad Pichler für seine Dokumentation wählte: Hermann Rhomberg: "Ein echter Dornbirner, als Industrieller und würdiger Nachfahr Franz Martin Rhombergs (…) und nicht zuletzt ein überzeugter Nationalsozialist". Im Ständestaat und danach teilte er mit den Ideologen "das gemeinsame Propagieren des Dirndls … als "volksechtes" weibliches Kleidungsstück. Für die Produktion erwies sich das als äußerst förderlich. Außerdem waren die Dornbirner Textilfirmen F. M. Hämmerle und Franz M. Rhomberg sofort zur Stelle, als es darum ging, sogenannte jüdische Unternehmen in Besitz zu nehmen. Das bedeutendste Wiener Kaufhaus, das Modehaus Herzmansky war das Objekt der Begierde. Es blieb nicht das einzige. Die beiden arisierten auch andere Unternehmen und wurden u. a. Hauptaktionäre der Zellstoffwerke Lenzing (seit 1935 im Besitz der Papier-Familie Bunzl). Nach dem Ende des NS-Regimes verbrachte Dkfm. Hermann Rhomberg fast eineinhalb Jahre in Internierungshaft und konnte danach an seine Führungsposition im Vorarlberger Wirtschafts- und Gesellschaftsleben anschließen. Bis 1964 blieb er Präsident der Dornbirner Messe und starb 1970. Mit ihm ging einer der letzten Textilbarone dahin, einer mit all den Widersprüchen, die in diesem Wort stecken.

Der fünfte Teil des vielseitigen Bandes ist Blickfang übertitelt. Es geht darin um Werbung und deren Anteil am "typischen Heimatbild". Die Medienwissenschaftlerin Anna Högner analysiert zwei Werbefilme von Franz M. Rhomberg aus den Jahren 1936 und 1937. Das in dieser Werbung manifestierte Bild von "Tracht in Österreich" finden wir in vielfältiger Form zugleich auch anderswo. Wintersport und Berglandschaft auf der einen und von bäuerlicher Arbeit geprägte Heimatidylle auf der anderen Seite. Beide Images sind mit einer Vorstellung von Authentizität verknüpft, mit der Suche nach dem "Echten", schreibt die Herausgeberin Margarete Zink. Das letzte Kapitel führt unmittelbar in die jüngste Vergangenheit, zu Wiesn-Dirndl & Co. Cornelia Hefel gestaltete den Foto-Essay mit Bildern von Vorarlberger Oktoberfesten 2019 (weitere fanden pandemiebedingt nicht statt). Simone Egger kommentiert die Aufnahmen, welche die Beliebtheit solcher Events bei Jung und Alt zeigen.

Persönliches Resümee der Rezensentin: Das beste Buch über Trachten, das ich kenne. Vielseitig, ausgewogen, ohne Ideologie, weder zynisch noch gehässig. Wissenschaftlich redlich, informativ und angenehm lesbar, in einem sympathischen Layout mit aussagekräftigen Bildern gestaltet.

hmw