Stadtarchäologie Wien (Hg.): Fundort Wien#
Stadtarchäologie Wien (Hg.): Fundort Wien. Berichte zur Archäologie 28/2025. Phoibos-Verlag Wien. 384 S., ill., € 34,-
Archäologie ist Knochenarbeit, im wahrsten Sinn des Wortes. Umso erfreulicher, wenn sie kleinere oder größere Sensationen bewirkt. Das Team der Stadtarchäologie ist immer im Einsatz, wenn Bauvorhaben in Wien neue Erkenntnisse aus der Geschichte erhoffen lassen. Seine Fundort betitelten jährlichen Publikationen erscheinen nun schon zum 28. Mal. Professionell aufbereitet sind sie auch für Interessierte, die nicht zu den Fachleuten zählen, sehr aufschlussreich. 2024 waren die ArchäologInnen mit 25 Ausgrabungen und neun weiteren Baustellenbeobachtungen beschäftigt - von Baumpflanzgruben bis zu Großprojekten. Dabei öffneten sie Fenster in die Vergangenheit zwischen Latène- und Neuzeit.
Ein Highlight stellte die Entdeckung eines römerzeitlichen Massengrabes in Simmering (Wien 11) dar. Die Leiterin der Stadtarchäologie, Kristina Adler-Wölfl, nennt es mit Sicherheit eine der bedeutendsten Entdeckungen zur römischen Geschichte auf Wiener Boden. Der Befund steht vermutlich in direktem Zusammenhang mit den Donaukriegen Domitians und wirft damit ein gänzlich neues Licht auf die Gründung des Legionslagers von Vindobona um das Jahr 98 n. Chr. Beim Bau eines Fußballplatzes konnten Skelette von 129 Individuen freigelegt und dokumentiert werden. Aus ersten Untersuchungen lässt sich schließen, dass diese großteils jungen und groß gewachsenen Männer bei Kampfhandlungen am Ende des 1. Jahrhunderts getötet wurden.
Ein ebenso großes Potential für weitere wissenschaftliche Aufarbeitungen bietet das spätawarische Gräberfeld in Hirschstetten (Wien 22), das aufgrund seiner Lage nördlich der Donau von besonderer siedlungsgeographischer Bedeutung ist, schreibt Kristina Adler-Wölfl. Bei Bauarbeiten für die Stadtstraße Aspern wurde eine bis dahin unbekannte archäologische Fundzone entdeckt und - neben spätbronze- und späteisenzeitlichen Siedlungsresten - ein ausgedehntes Gräberfeld aus dem 8. Jahrhundert gefunden. Weitere Untersuchungen sind noch im Gange. Die Awaren begannen ihre Wanderung aus Zentralasien zu Beginn des 6. Jahrhunderts. Kriegerische Auseinandersetzungen mit Karl dem Großen führten ab 791 zu ihrem politischen und kulturellen Untergang. Bisher kamen in Hirschstetten 223 Gräber zutage, es dürften rund 350 gewesen sein. Zahlreiche Beigaben wurden entdeckt: Glasperlenketten und Ohrgehänge in den Frauengräbern, Messer, Waffen und "Feuerzeuge" bei den Männern. Ihre Gürtelschnallen aus Metall zeigen Greife und Tierkämpfe - ein typisch spätawarischer Motivschatz. Neben 3000 bunten Glasperlen fanden auch Gefäßkeramik und Tiere als Grabbeigabe Verwendung.
Von den Ausgrabungen des Jahres 2024 in Wiener Stadtgebiet liegen zehn in der Innenstadt, acht in den ehemaligen Vorstädten und vier in den früheren Vororten. In der City erbrachte die archäologische Begleitung der Arbeiten für eine Fernkälteleitung - im Bereich Maria-Theresien-Platz - erstmals den physischen Nachweis des Grabensystems aus der Zweiten Osmanischen Belagerung (14. Juli bis zum 12. September 1683). Die Osmanen hatten es zum gedeckten Vorgehen gegen die Stadtbefestigung angelegt. Bisher war es durch bildliche und kartographische Darstellungen bekannt. Während der Belagerung Wiens befanden sich in Gräben 15.000 bis 20.000 Soldaten der Infanterie … Die erste Minensprengung fand bereits am 20. Juli statt. Auch Schanzwerkzeug aus geschmiedetem Eisen ("Erdbickel") wurde gefunden.
Westlich der Mariahilfer Kirche (Wien 6) erwies sich ein Abfallschacht als "ausgesprochen fundreich". Christine Ranseder barg in der Barnabitengasse Küchengeräte aus Keramik, Abgabegefäße (zum Verkauf und zur Lagerung von Lebensmitteln) und anderes in großer Zahl. In ihrem Artikel hat sie diese nicht nur beschrieben, sondern auch das Umfeld beleuchtet. So erfährt man viel über Küche und Kochen im 18. Jahrhundert, Nahrungsmittel, Vorratshaltung und deren kulturhistorische Einordnung. Zeitgenössische Bilder sind nicht nur Illustrationen, sondern auch wertvolle Quellen. Martin Mosser forschte in der Gegend Universitätsstraße - Alser Straße und konnte bei 27 Aufgrabungen archäologisch relevante Befunde dokumentieren. Sie liegen im Gebiet der westlichen Lagervorstadt des Legionsstandortes Vindobona Die römische Straße führte zu den Ziegeleien in Hernals und zum Hilfstruppenstandort Comagenis/Tulln. Mosser stieß in der Alservorstadt auch auf Relikte der 1685-1689 errichteten Landschaftsakademie. Diese Erziehungsanstalt für junge Adelige ließen die Niederösterreichischen Stände errichten. Sie umfasste zwei Reitschulen, Stallungen für 30-40 Pferde, Stadel, Schmiede und Garten. 1695 bis 1730 umgebaut, wurde die Akademie schon 1748 aufgelassen und an die Hofkammer verkauft. Diese ließ sie 1751 demolieren und im selben Jahr den Grundstein zur Alser Kaserne legen. Sie umschloss auf 27.000 Quadratmeter einen großen und sechs kleinere Höfe. 6000 Soldaten ("Bosniaken") waren hier stationiert. 1909 übernahm die Gemeinde Wien die Kaserne und ließ sie drei Jahre später abreissen. An ihrer Stelle befindet sich die Österreichische Nationalbank, die 1925 den Betrieb aufnahm. Ein bestehendes interessantes Gebäude auf dem Alsergrund (Wien 9) ist das klassizistische Palais Clam Gallas in der Währinger Straße 30. Es war lange als französisches Kulturinstitut bekannt und wurde 2015 an den Staat Katar verkauft. Im späten Mittelalter hatte das Maria-Magdalenen-Kloster das Areal genützt. Im Zuge der Osmanischen Belagerung von 1529 wurde es völlig zerstört. Seit dem 17. Jahrhundert befanden sich dort das Ensemble des Gasthofs "Zum goldenen Engel" und ein großer Garten, bis Franz Joseph Fürst Dietrichstein seine Villa errichten ließ. Bei Untersuchungen in deren Park wurden Baustrukturen des Gasthauses entdeckt. Der im Vormärz als Tanzlokal berühmte Engelsaal existiert noch, wurde aber mehrfach umgebaut. Auch Relikte abgetragener Bauten und drei Brunnen kamen zum Vorschein. In den Vorstädten (den heutigen Stadtbezirken 2 bis 9) ließ Kaiser Joseph II. eine Reihe von Friedhöfen aufheben. Dazu zählen u. a. der Nördliche Friedhof auf dem St. Bartholomäus-Platz in Hernals und der Bürgerspitals-Friedhof westlich der Karlskirche. Bei beiden konnten die StadtarchäologInnen in barocken Kindergräbern bestickten Kopfschmuck aus Glasperlen und Stickerei feststellen.
Die Expertisen reichen fast bis in die Gegenwart. So fanden Martin Penz und Martin Maslo Archäologische Spuren historischer Erdgasbohrungen in Wien Oberlaa aus den 1930er Jahren. Constanze Litschauer und Thomas Keplinger entdeckten in der City einen Wiener Hauskeller als Fallbeispiel für das Schutzraumnetz "Innere Stadt" im Zweiten Weltkrieg.
Obwohl sich Fundort Wien in erster Linie an das Fachpublikum wendet, profitieren auch "Laien" davon, wenn sie den unterirdischen Geheimnissen ihrer Wohnumgebung auf die Spur kommen.
