Birgit Kofler-Bettschart - Roland Bettschart: Von Miramare nach Mexiko#
Birgit Kofler-Bettschart - Roland Bettschart: Von Miramare nach Mexiko. Maximilian von Habsburg - Charlotte von Belgien. Ueberreuter Verlag Wien. 216 S., ill., € 26,-
2027 jährt sich der Todestag von Charlotte von Belgien zum 100. Mal. Sie überlebte ihren Gemahl Maximilian von Habsburg um 60 Jahre. Der Kaiser von Mexiko wurde 1867 hingerichtet. Seine Frau verbrachte mehr als sechs Jahrzehnte in geistiger Umnachtung. Die beiden galten als eines der glamourösesten Paare des 19. Jahrhunderts, doch war ihr Leben eine einzige Tragödie.
Die Geschichte klingt wie eine TV-Serie unserer Tage: Es geht um Liebe und Tod, um Hoffnung und Enttäuschung, um Berechnung und Habgier, um eine starke Frau und einen wankelmütigen Mann … Und es geht um das gnadenlose Ausschlachten des Schicksals dieser "Reichen und Schönen" durch Zeitzeugen, Trittbrettfahrer und die damalige Klatschpresse. Genau das wollen die Autoren Birgit Kofler-Bettschart und Roland Bettschart nicht. Grundlage ihres Buches sind Briefe, historische Medien, Archivalien aus Wien und Triest sowie Zeitzeugenberichte.Wir stützen uns dabei auch auf Erinnerungen und Analysen von Autorinnen und Autoren, die nicht aus dem Habsburgerreich … stammen und oft zu völlig anderen Einschätzungen kommen als die österreichische Hof-Berichterstattung.
Mag. Roland Bettschart ist Nachfahre eines Habsburger Vizestatthalters in Triest. Er studierte in Wien und Bologna mit Abschlüssen in Soziologie und International Affairs. Gemeinsam mit seiner Frau betreibt er in Österreich eine Firma für Kommunikationsberatung. Dr. jur. Birgit Kofler-Bettschart war im diplomatischen Dienst tätig und Kabinettschefin im Gesundheitsministerium. In Triest lebt das Paar in unmittelbarer Nachbarschaft zum Schloss Miramare. Zusammen verfassen sie u.a. den Blog "Triest Stories" und Reiseführer, die sie ständig aktualisieren. Ihr jüngstes Buch endet mit dem Kapitel Triest: ein Spaziergang auf den Spuren von Charlotte und Maximilian.
Ferdinand Maximilian von Habsburg (1832-1867, genannt Max) erfuhr als zwei Jahre jüngerer Bruder des österreichischen Langzeitkaisers Franz Joseph das typische Schicksal eines Zweitgeborenen. Intellektuell weitaus begabter, phantasievoller und beliebter, durfte er in Österreich seine Talente nicht nutzen. 22-jährig wurde Max Kommandant der Marine, die er reorganisierte. 1857 begann die berühmte Weltumsegelung mit der Fregatte "Novara". Im selben Jahr ehelichte er die belgische Prinzessin Charlotte und wurde Gouverneur von Lombardo-Venetien. Politisch und in der Verwaltung hat Maximilian eingeschränkte Kompetenzen. … Charlotte liebt ihre Rolle als Landesmutter. Das Königreich ging im Krieg von 1859 verloren.
Marie Charlotte Amélie Augustine Victoire Clémentine Léopoldine von Belgien (1840-1927) galt als außergewöhnlich reiche, intelligente und gebildete Schönheit. Sie beherrschte mehrere Sprachen, war sportlich und vielseitig interessiert. "Es ist eine Tragödie, dass sie kein Bub ist", meint ihr Vater. Schon als Halbwüchsige sitzt sie dabei, wenn Leopold sich mit seiner Regierung berät: "Die Kleine gibt mir oft bessere Antworten als manche meiner Minister. … Ich denke, sie wird die schönste Prinzessin Europas werden." Unter mehreren Heiratskandidaten entschied sich die 17-Jährige für den Habsburger. "Ich schwimme im Glück" schwärmte sie, während er bedauerte: "Sie ist sehr gescheit, das ist wohl etwas bedenklich, allein, ich werde mich schon dareinfinden."
Frisch verheiratet, übersiedelt das Paar nach Triest, zu diesem Zeitpunkt eine multiethnische und aufstrebende Hafenstadt mit fast 120.000 Einwohnern. Das weiße "Traumschloss" Miramare wurde für die nächsten fünf Jahre zum Lebensmittelpunkt. Das Projekt entstand - nach dem Motto "Koste es, was es wolle" - ab 1856 in der Bucht von Grignano. Maximilian erlebte die luxuriöse künstlerische Ausstattung nicht mehr. Der Park im englischen Stil umfasst 22 Hektar. Mit Raritäten bepflanzt, war und ist er öffentlich zugänglich. Außerdem diente der Schlosspark als Versuchsstation für die Aufforstung und Akklimatisierung exotischer Pflanzen.
Zum "Märchenschloss" kam die "Feeninsel" Lacroma (Lokrum bei Dubrovnik), die Charlotte aus ihrem persönlichen Vermögen kaufte und ihrem begeisterten Mann schenkte. Er selbst hätte sich diese Extravaganz nach Miramare nicht mehr leisten können. Zunächst werden Räume im alten Kloster zu einem provisorischen, aber herrschaftlichen Wohnbereich ausgebaut. "Miramar ist unser Stadthaus, Lacroma ist unser Landhaus," schreibt Charlotte.
Zu Weihnachtem 1861 besuchte der Lobbyist José Maria Gutiérrez de Estrade die Besitzer. Obwohl er seit Jahren nicht mehr in Mexiko lebte, war er einer der wichtigsten Wortführer konservativer Kreise, die eine Monarchie forderten. Sie wollen … eine katholische Monarchie mit einem europäischen Prinzen an der Spitze, der mit Rückendeckung der europäischen Großmächte rechnen könnte. Maximilian ist der Wunschkandidat. Damals war Benito Juárez der verfassungsgemäße Präsident Mexikos. Es kann also keine Rede davon sein, dass Maximilian ein rechtmäßiger Monarch und Juárez ein Aufständischer sei …
Das Land war zerrüttet, in dreieinhalb Jahrzehnten hatte es rund 50 Regierungen. Die sozialen Gegensätze waren enorm: Konservative, Adel, Kirche und Großgrundbesitzer gegen Liberale, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Reformen forderten. Drei Jahre Bürgerkrieg und außenpolitische Spannungen schienen Max und Charlotte nicht zu stören. Kaiser Franz Joseph lehnt eine Thronannahme durch seinen Bruder nicht grundsätzlich ab, knüpft seine Zustimmung aber an Bedingungen. Die Lage war verfahren und letztlich aussichtslos, doch Charlotte und Maximilian basteln weiter an ihrem mexikanischen Kaisertraum. Dahinter stand Frankreichs Napoleon III. Man sorgt sich zwar um Maximilian, wäre ihn aber auch ganz gerne los. Napoleon wiederum sind die Wiener Bedingungen lästig und er redet sie klein … Anders gesagt: Verlangt nichts, was ich nicht liefern möchte. Maximilian kümmert die ganze Diskussion wenig. … Charlotte ist in diesem Spiel alles andere als eine Nebenfigur. Sie ist von Anfang an aktiv eingebunden.
Bedenken und Warnungen werden ignoriert. Charlotte und Maximilian handeln also nicht aus Unwissenheit, sondern gegen besseres Wissen. Die Verhältnisse sind zu kompliziert, um sie hier kurz zusammenfassen zu können. Noch dazu verlangte Kaiser Franz Joseph, dass Maximilian für sich und seine Nachkommen auf die österreichische Thronfolge und Erbansprüche verzichtet … ebenso auch auf alle Rechte eines Erzherzogs einschließlich der finanziellen Unterstützung. Die Autoren charakterisieren die Situation treffend als Himmelfahrtskommando. Max, nun Maximilian I., nimmt die Krone an und begibt sich ganz in die Abhängigkeit einer Interventionsmacht. Nach der Zeremonie brach er physisch und psychisch zusammen, Charlotte musste als Regentin einspringen.
Wenige Tage später begann die 44-tägige Reise mit der Fregatte Novara. Der frostige Empfang in Mexiko war nur der Auftakt zu Maximilians Tragödie. Nach drei Jahren wurde am 19. Juni 1867 in Querétaro am Kaiser das Todesurteil durch Erschießen vollstreckt. Die Kaiserin erfuhr davon erst später. Sie hatte erfolglos versucht, durch Vorsprachen bei Napoleon III. und dem Papst zu intervenieren. Dabei zeigten sich Anzeichen einer psychiatrischen Erkrankung. Sie wurde nach Miramare und dann nach Belgien gebracht. Im Wassersschloss Bouchout verbringt sie die nächsten 48 Jahre - zurückgezogen, weitgehend isoliert und von einem eigenen Hofstaat umsorgt. Maximilian wurde im Jänner 1868 mit seiner Fregatte Novara nach Triest heimgebracht. Ein Sonderzug transportierte den einbalsamierten Leichnam nach Wien. Unter großer Anteilnahme fand Maximilian von Mexiko als 102. Habsburger in der Kapuzinergruft seine letzte Ruhestätte.
