Sebastian Brather - Claudia Theune: Die Alemannen#
Sebastian Brather - Claudia Theune: Die Alemannen. Archäologie und Geschichte. C.H.Beck Verlag München. 128 S., ill., € 14,-
Bei "Alemannen" denkt man in Österreich zuerst einmal an Vorarlberg. Doch war das heutige westlichste Bundesland nur ein kleiner Teil des geographisch schwer abgrenzbaren "Alemannien". In der Spätantike bildeten Hoch- und Oberrhein die Grenze, innerhalb derer Siedlungen und Grabfunde bezeugt sind. Unklar ist, wie weit sich in welchem Zeitraum Alemannien nach Norden zum Main hin und nach Osten erstreckte, bzw. ob und wann sich eine alemannische Bevölkerung nach Westen ins Elsass und nach Süden in die Schweiz ausdehnte. … Als Alemannien Mitte des 8. Jahrhunderts eine Provinz des Frankenreiches wurde, scheinen Oberrhein und Lech die Grenzen zum Elsass und zu Bayern gewesen zu sein.
Mit wissenschaftlicher Seriosität und Vorsicht nähern sich der deutsche Archäologe Prof. Sebastian Brather und Claudia Theune, em. Prof. für historische Archäologie an der Universität Wien, ihrem Thema. Die Alemannen wurden wohl 289 n. Chr. erstmals erwähnt und ihr Herzogtum 746 aufgelöst. Einige schriftliche und zahlreiche archäologische Quellen lassen Schlüsse auf Entwicklungen ihrer Siedlungsformen, Wirtschaft, Bestattungspraktiken und Religion zu. Das Autorenteam erläutert auch die sozialen Rollen von Frauen und Männern, jungen und alten Menschen, der ländlichen Bevölkerung und der Eliten, Einheimischen und Zugezogenen.
Das Buch stellt nicht nur prägnant und problemorientiert den aktuellen Wissensstand vor, es referiert ebenso das unselige Weiterleben romantischer Vorstellungen, die auch in anderen Bereichen, wie der Volkskunde, kaum ausrottbar erscheinen. Schon die Einführung der beiden Universitätsprofessoren ist äußerst erhellend.
Die schwäbisch-alemannische Fasnet, der Schwarzwälder Trachtenhut oder der regionale Dialekt, der in Vorarlberg ebenso wie in Baden-Württemberg, im Elsass, in der Schweiz und in Bayerisch-Schwaben gesprochen wird, fallen in das weite Feld der "erfundenen Traditionen" Entgegen allen gegenteiligen Behauptungen sind dies keine "uralten" Prägungen, sondern so, wie wir sie heute kennen, recht junge, keineswegs ins Frühmittelalter zurückreichende Bezeichnungen und Entwicklungen.
Die Wiederentdeckung der Alemannen (bzw. Schwaben) erfolgte durch den Schriftsteller, Politiker und evangelischen Theologen Johann Peter Hebel (1760-1826). Er veröffentlichte 1803 seine Alemannischen Gedichte. Die 32 in der Mundart seiner Jugend verfassten Texte erreichten in kurzer Zeit mehrere Auflagen. Inmitten der Romantik machte das Buch unmittelbaren Eindruck bei zeitgenössischen Geistesgrößen wie Goethe … Hier scheint die Idee eines Volksgeistes durch, wie er sich bei Johann Gottfried Herder … findet. Im 19. Jahrhundert, nach dem Ersten Weltkrieg und in der NS-Zeit gewann die interdisziplinäre "Volkstumsforschung" an Bedeutung. Wissenschaftlich längst überholte Meinungen finden sich noch jetzt im Internet.
Die historischen Disziplinen als neuzeitliche Wissenschaft entstanden im 19. Jahrhundert, in einer Zeit, die vom Ideal des modernen Nationalstaates geprägt war. … Eine Nation, so meinte man, basiere auf gemeinsamer Sprache und Kultur, Tradition, Bevölkerung ("Volk") und Territorium, schließlich kam noch die "Rasse" als weiteres Element dazu. … Heutzutage ist es allgemein anerkannt, dass eine solche Homogenität … grundsätzlich nicht existiert.
Was die Alemannen betrifft, sind schriftliche Quellen selten, die Archäologie konnte Rätsel lösen, doch bleiben Fragen offen. Dass die allermeisten Schriftzeugnisse zu Alemannen in einer siebenbändigen Edition vorliegen, ist überaus hilfreich - und täuscht zugleich darüber hinweg, wie dürftig die Überlieferungslage tatsächlich ist ... Berichte wie des römischen Historikers Ammianus Marcellinus aus dem 4. Jahrhundert oder die "Zehn Bücher Geschichten" des heiligen Gregor, Bischof von Tours, aus dem 6. Jahrhundert sind als literarische Werke aus der Außensicht und mit je spezifischen Darstellungsabsichten zu verstehen. Rechtstexte aus dem 7. und 8. Jahrhundert geben Einblick in die damalige Vorstellungswelt. Die Bezeichnung "Alemannen" wird gegenwärtig als "Menschen schlechthin" interpretiert.
Archäologische Quellen zählen zu den "Überresten", die nicht dafür gedacht waren, Zeugnis für später abzulegen. Für Spätantike und Merowingerzeit stellen Gräber die Hauptquelle dar und bildeten lange Zeit das Hauptforschungsfeld in der frühmittelalterlichen Archäologie. Viele Tausend Bestattungen sind dokumentiert und geben einen Einblick, wie die lokalen Gemeinschaften mit ihren Toten umgingen. … Gräber bieten beste Voraussetzungen für zeitliche Einordnungen als Basis für weitere kultur- und sozialgeschichtliche Interpretationen. Neue naturwissenschaftliche Verfahren liefern Informationen zu Ernährungsgewohnheiten, Verwandtschaftsverhältnissen, Herstellungstechniken und die Herkunft von Materialien.
Für Frauen waren Schmuck, Fibeln, Gürtel- und Brustgehänge und Arbeitsgeräte wie Spinnwirtel häufige Beigaben. Bei Männern fand man Waffen, Pfeile, Schilde, Helme etc., während bei beiden Arm- und Fingerringe, Gürtelschnallen, Messer, Scheren und Pinzetten, sowie Gefäße aus Keramik, Glas, Bronze und Holz erhalten blieben. Anthropologische Untersuchungen zeigen, dass die Menschen im Frühmittelalter 50 bis 60 Jahre oder älter werden konnten. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei 35 Jahren. Eine hohe Sterblichkeit wird für junge Mütter, Neugeborene und Kleinkinder angenommen - obwohl diese auf den Gräberfeldern unterrepräsentiert sind.
Das frühmittelalterliche Alemannien kannte keine Städte. Ländliche Siedlungen prägten das Landschaftsbild. Hecken oder Zäune grenzten die Gehöfte voneinander ab. Wohnhäuser hatten meist eine Breite von fünf bis acht und eine Länge von sieben bis 18 m, doch sind auch drei- und vierschiffige Grundrisse bezeugt. Dazu kamen kleinere, rechteckige Grubenhäuser. In manchen wurde Stoff aus Wolle und Lein gewebt. Angebaut wurden vor allem Dinkel und Gerste, Hafer, Nacktweizen und Hülsenfrüchte. Rinder, Pferde, Schweine, Schafe und Ziegen dienten als Nutztiere. Eisen war in Alemannien ein wichtiger Rohstoff für Waffen und Geräte. Keramikproduktion findet sich selten. Holz verarbeitete man zu Baukonstruktionen und Möbeln. Münzen spielten keine Rolle, es herrschte der Tauschhandel. Metallgefäße und Schmuckperlen wurden importiert.
Eine Zäsur bildete die Christianisierung. Im 6. und 7. Jahrhundert wirkten iroschottische Missionare in Alemannien. Um 600 entstand das Bistum Konstanz. Die Gotteshäuser waren klein, aus Stein oder Holz. Sie bestanden aus einem rechteckigen Raum und einem östlich anschließenden Chor. Im 7. Jahrhundert gab es Bestattungen bei und in Kirchen.
Das letzte Kapitel, Nachwirken, führt zum Ausgangspunkt der erfundenen Traditionen zurück. Zu Johann Peter Hebels Zeiten gab es längst keine Alemannen mehr … Nach dem Ersten Weltkrieg begann erneut die Suche nach vermeintlich "uralten" Wurzeln der Fasnet. Da es diese aber nicht gibt, kam es zu einer Reihe von Innovationen. Gleiches gilt für den Bollenhut, den ein Maler nach 1880 zum Symbol einer ganzen Region machte - was dem Tourismus äußerst dienlich war. Zwischen Spätantike bzw. Frühmittelalter und Gegenwart klafft eine Lücke von weit über tausend Jahren. … Alemannische Dialekte und die schwäbisch-alemannische Fasnet erfreuen sich einiger Beliebtheit , haben aber mit der alemannischen Bevölkerung des Frühmittelalters … nichts zu tun. Johann Peter Hebel hat die Fiktion eines Alemannentums grundgelegt.
