Timna Brauer: Die Arik Brauer Villa #
Timna Brauer: Die Arik Brauer Villa. Ein Gesamtkunstwerk. Verlag Brandstätter Wien. 288 S. ill., € 50,- (Auch in englischer Sprache lieferbar)
Arik Brauer (1929-2021): Ein außergewöhnlicher Mensch. Die Arik Brauer Villa: Ein außergewöhnliches Buch. Das Museum mit Werken des künstlerischen Universalgenies besteht seit 2003 in der Cottagevilla, die Brauer mehr als ein halben Jahrhundert mit seiner Familie bewohnt und als Gesamtkunstwerk gestaltet hat. Über seine Arbeiten meinte er: Es geht mir nicht darum, dass der Betrachter meiner Bilder alles weiß und so versteht, wie ich es verstehe oder verstehen will. Ein Bild, ein Kunstwerk muss in meinen Augen etwas sein, was die Phantasie anregt und entflammt - in ganz ekstatischer Weise.
Am Ende des großformatigen Kunstbandes befindet sich die Bleistiftzeichnung "Brandstätter verhandelt". 1998 hat Christian Brandstätter eine wunderbare und aufwendig gestaltete Monographie über meinen Vater herausgebracht. Fast dreißig Jahre später habe ich die Freude mit seinem Sohn Nikolaus, dem Nachfolger, für diese neue Publikation zu kooperieren, schreibt die Musikerin Timna Brauer, die älteste der drei Töchter des Künstlers. Als Leiterin des Privatmuseums erfüllt sie mit dem exzellenten Buch einen seiner letzten Wünsche. Alle Exponate sind abgebildet und mit einführenden Texten versehen. Es ist ein sehr persönliches Buch geworden… In Arik Brauers künstlerischem Schaffen hat sich sein ganzes Leben widergespiegelt. Ein Großteil dieses Werkes ist untrennbar mit seinem Haus verbunden.
Das Haus ist eine klassische Cottage-Villa in Wien-Währing. Sie wurde 1884 nach Plänen von Carl Borkowski - der ebenso wie ihr späterer Besitzer Maler und Sänger war - errichtet. Borkowski, der schon in Deutschland eine Gartenstadt geplant hatte, gründete 1872 mit Heinrich Ferstel den Cottageverein und wurde dessen Chefarchitekt. 50 Ein- und Zweifamilienhäuser wurden nach seinen Plänen errichtet, so auch die Brauer-Villa in der Cottagegasse 30, mit Türmchen, historistischem Fassadenschmuck und einem wunderbaren Park. Ihr erster Besitzer war der Buchdrucker und Lithograph Carl Angerer, der als Erfinder der Strichätzung in die Fachgeschichte einging. Als Arik Brauer die Villa erwarb, gestaltete er die Fassade mit eigenen Wandmalereien, denn, so sagte er: Es gibt keinen besseren Platz für ein Bild als die Außenwand eines Hauses. Die ursprünglichen Werke ersetzte er Ende der 1990 er-Jahre durch Fliesenmalerei (Keramik).
Wie schon Carl Angerer nutzte Arik Brauer das Souterrain als Werkstatt. Auch die Beletage hat er künstlerisch gestaltet und sich gewünscht, dass dieses Herzstück nach seinem Tod zugänglich gemacht wird. Die Garderobe präsentiert eine Sammlung zur Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Die Treppenhalle wird durch den Zyklus Die Zauberflöte veredelt. Brauers Lieblingsoper inspirierte ihn sein Leben lang. Ein Kabinett enthält die wenigen Porträts, die der Universalkünstler schuf und selbst angefertigte Möbel mit Ölmalereien auf Blattgold. Der Speiseraum ist der nächsten Künstlergeneration gewidmet. Wir drei Töchter haben von Kindesbeinen an musiziert, getanzt, modelliert und gemalt ... von unseren Eltern immer gefördert. Die Malecke in der Großen Halle nennt Timna Brauer Mittelpunkt der Schöpfung. Hier hängen die wichtigsten Gemälde und ein Keramikrelief, dazu kommen Musikinstrumente, Skulpturen und Goldschmuck. Öl und Tempera-Malereien spannen den Bogen von der Pariser Zeit (1958-1965) , in der er seinen Durchbruch als Maler geschafft hat bis zu den letzten Gemälden (2021). Für die Holzvertäfelung des Grünen Salons komponierte Arik Brauer den Zyklus der Elemente.
Die 200 m² große Ausstellungshalle wurde 2003 eröffnet und ist von einem Skulpturenpark umgeben. Die Idee zum Museum stammte von Naomi Brauer. Stets erwies sich die Ehefrau als treibende Kraft in Brauers Leben. Mein Vater war bescheiden und genügsam, sie aber eine unbeirrbare, aufstrebende Königin. Sie war diejenige, die meinen Vater immer wieder zum Wachstum angetrieben und sich mit ihren Wünschen meistens durchgesetzt hat. Naomi Dahabani kam aus einer traditionellen orientalischen Familie. Ihr Großvater war als Kind aus dem Jemen ausgewandert. Sie lernte ihren Mann in Tel Aviv kennen, wo er mit seiner Schwester als Tanzduo gastierte. Später trat das Ehepaar in Paris als Gesangsduo Naomi et Arik Bar-Or mit israelischen und orientalischen Gesängen auf. Auch den Künstlernamen verdankte Brauer seiner Frau. Weil sie "Erich" nicht gut aussprechen konnte, nannte sie ihn "Arik" (Arie, hebräisch Löwe). Als Maler verwendete er erst ab 1971 den Künstlernamen.
Beim Museumseingang begrüßen drei große Keramikskulpturen die Gäste: Eine freundliche Eule mit Blumenstrauß, eine Figur, die "Rauchverbot" symbolisiert und eine mit der Aufschrift "Putz die Schuh". Arik Brauer wollte, dass sein Museum wie ein Tempel betreten werden sollte. Der repräsentative Prachtband folgt der künstlerischen Entwicklung chronologisch. Im Entree lernt man das Frühwerk kennen. Schon als Schüler fertigte das "Wunderkind" (1929-1938) ausdrucksvolle Tierbilder an. Die Kindheit im Wiener Außenbezirk Ottakring endete 1938 abrupt, als der Sohn einer Wienerin und eines aus Litauen zugewanderten orthopädischen Schuhmachers als "Geltungsjude" degradiert wurde. In all den Jahren der Verfolgung hat mein Vater weiter gezeichnet und gemalt. Die Jahre 1942 bis 1945 überstand er als Tischlerlehrling im Ältestenrat der Juden in Wien, zuletzt als U-Boot in der Kleingartenhütte eines Onkels. Im Frühling 1945 erlebte er die Befreiung durch die Rote Armee: Er wagt sich aus seinem Versteck heraus, schreitet mutig dem Panzer entgegen und singt dem Soldaten ein russisches Lied vor. Dieser wirft ihm ein Paar russische Stiefel zu. Mit den geschenkten zwei linken Schuhen bewarb er sich an der Akademie der bildenden Künste. Das Studium dauerte bis 1951, in der Klasse von Albert Paris Gütersloh waren Ernst Fuchs und Anton Lehmden seinen Kollegen, wo wir wunderbare, schöpferische Jahre verbrachten, wie sich der Phantastische Realist erinnerte. Seine Bilder der Nachkriegsjahre spiegeln ein Thema, das eigentlich nicht gemalt werden kann, darunter das frühe Meisterstück Mann im Gas. Brauers Vater Simche Brauer wurde 1944 im KZ Stutthof ermordet.
Die Museumshalle zeigt das Hauptwerk (1957-2018): Öl- und Tempera-Malereien und Keramikskulpturen. Arik Brauer entwarf seine Bilder nur im Kopf. Er machte keine Skizzen, aber er veränderte Gemälde im Lauf der Jahre. Ein beeindruckendes Beispiel ist Die Insel der Seligen. Das aufwendig gestaltete Buch stellt die drei Fassungen (1994, 2000 er- Jahre und um 2010) vor. Die Natur und ihr Schutz waren dem Künstler immer wichtig: Ich habe noch nie Bilder ohne Blumen und Bäume gemalt, meinte er einmal und bezeichnete die Rettung der Stopfenreuther Au 1985 als sein größtes Erlebnis. Berührend ist auch Mona Lisa 80, bei der Brauer Leonardos Bildkomposition übernahm. Mona Lisa ist trotz ihres hohen Alters erkennbar, mit dem berühmten Lächeln und ihrem verschmitzten Blick. … Laut meinem Vater eine "Ode an die Schönheit der Frau im hohen Alter" - eine Würdigung meiner Mutter, schreibt Timna Brauer. In den 1970-er Jahren beschäftigte sich Arik Brauer mit einem Zyklus zur Geschichte des jüdischen Volkes - von der spanischen Inquisition anno 1492 bis zur NS-Zeit. Auch Gestalten aus dem Alten Testament waren sein Thema: Juden sind auch als Atheisten in gewissem Sinne religiös. Ich bin dafür ein gutes Beispiel.
Die Bilder sind vielschichtig, berührend und trotz ihrer Buntheit oft bedrückend. Hintergründig auch die fast lebensgroßen Keramikskulpturen im Park. Im Mittelpunkt steht die mehr als 4 m hohe Menschenrechtssäule (um 2002). Arik Brauer beherrschte zahlreiche künstlerische Techniken meisterhaft. Seine Tochter stellt sie in ihrem wunderbaren Buch vor: Porzellanmalerei (für die Manufaktur Augarten) und Porzellanfiguren (für das Schachspiel), Bleistiftereien (Griechische Mythologie, Jux und Scherz…), Druckgrafik (Farbradierungen, Siebdrucke …) Er schuf 2300 Bilder, hunderte Grafiken, Plastiken sowie Bücher und gesellschaftskritische Chansons wie "Sie hab'n a Haus baut". In Architektur und Gebäudegestaltung war Arik Brauer in Österreich, Deutschland und Israel tätig. Seine Fliesenwand für das Kulturzentrum Castra in Haifa ist mit 300 m² die größte der Welt.
