Bertrand Michael Buchmann: Agnes von Waiblingen und Leopold III.#
Bertrand Michael Buchmann: Agnes von Waiblingen und Leopold III. Porträt eines Herrscherpaares im Mittelalter. Böhlau Verlag Wien. 192 S., ill., € 32,-
Der Landespatron Leopold III. „der Heilige“ (um 1075 - 1136) und seine Gemahlin Agnes von Waiblingen (um 1072 - 1143) waren das berühmteste österreichische Markgrafenpaar. Sie lebten an der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert, in interessanten Zeiten, wie der Autor festellt. Der Historiker Bertrand Michael Buchmann hatte bei Böhlau 2024 über die Babenberger geschrieben - ein überaus lesenswertes, wissenschaftlich fundiertes und zugleich spannendes Buch, das man, einmal begonnen, nicht mehr aus der Hand legt. Im neuen Werk geht es um das Markgrafenpaar, dessen Entscheidungen bis in die Gegenwart wirken. Das Ehepaar trug wesentlich zum Fortschritt an allen Bereichen des kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens bei. Das Siedlungs- und Straßennetz wuchs, die Geldwirtschaft nahm an Fahrt auf. Kirchtürme und Burgen ragten deutlich sichtbar in die Höhe und demonstrierten Reichtum und Macht des babenbergischen Österreich , macht der Verlag neugierig.
Der Autor empfiehlt, sich das Markgrafenpaar als Menschen aus Fleisch und Blut vorzustellen - hier den tatkräftigen Regenten und Krieger, da die energische Mutter und Mitherrscherin, die dank ihres enormen Reichtums auch als Stifterin auftrat. Dabei ist Phantasie gefragt, denn Die Quellen aus jener Zeit fließen nicht sonderlich üppig. Buchmann gelingt es, Fakten und mögliche Interpretationen ausgewogen darzustellen. Wo konkrete Angaben fehlen, können zeitgenössische Quellen, wie das im 13. Jahrhundert verschriftliche - aber ältere - Nibelungenlied helfen. So erfährt man über die Fürstenerziehung, dass Kinder bald nach der Geburt getauft und von einer Amme gestillt wurden. Danach kamen die Söhne in Obhut eines Hofmeisters, der zur wichtigsten Bezugsperson und zum Lehrer wurde. Ab sieben Jahren lernten sie bei einer anderen Fürstenfamilie reiten, jagen, höfische Spiele und Tänze.
Ob Leopold lesen und schreiben konnte, ist nicht sicher, doch verfügte er über ein großartiges Gedächtnis. Bei Erreichen der Volljährigkeit (um das 20. Lebensjahr) wurde dem jungen Mann üblicherweise das Schwert umgegürtet, sodass er sich fortan Ritter nennen durfte. Leopold soll bei der Schwertleite schon an die 30 gewesen sein. Den Kreuzfahrern schloss er sich nicht an. Auch die Kandidatur zur Königswahl lehnte er ab. Seinen Sitz verlegte er 1108 von Gars am Kamp nach (Kloster-)Neuburg. Hier stifteten Leopold und Agnes das Stift. Leopold starb 1136, wenige Wochen nach der Weihe dieses größten Klosters des Landes. Die meisten Quellen sprechen von einem Jagdunfall, doch wurde er offensichtlich während einer Jagd ermordet.
Fürstentöchter wussten schon als Sechsjährige, dass sie nicht über ihre Zukunft entscheiden durften. Für Agnes wurde die weltliche Laufbahn bestimmt, denn da sie die einzige überlebende Tochter von König Heinrich IV. war, konnte sie dereinst als politisches Bindemittel gut zu gebrauchen sein. Sie erhielt die beste Ausbildung und Erziehung: höfische Etikette, Religion, Lesen lateinischer Texte, Fremdsprachen, Tanzen, Musik, Beizjagd, wohl auch Spinnen, Weben und Kräuterkunde. Aufgewachsen ist sie in Klöstern und Pfalzen, besonders in Speyer und Worms. Agnes leitete später nicht nur den Hofstaat und die Hauswirtschaft, sie vertrat auch ihren Ehemann, stellte Urkunden aus und verwaltete ihr Vermögen.
Im Verlauf des 10. Jahrhunderts erlebte die römische Kirche eine "dunkle Periode". Im Investiturstreit (1075-1122) ging es um das Verhältnis von geistlicher und weltlicher Macht bei der Einsetzung von Äbten und Bischöfen. Dabei spielte Agnes' Vater, König Heinrich IV. eine Schlüsselrolle. Die fünfjährige Tochter war wohl dabei, als er im Winter 1077 die beschwerliche und gefährliche Alpenüberquerung zum "Canossagang" auf sich nehmen musste. Obwohl sich Heinrich vom Kirchenbann befreit hatte, erklärten ihn die deutschen Fürsten für abgesetzt. … Die innerdeutschen Konflikte gingen weiter … Agnes wuchs in einer wahren Kriegsära auf, die bisweilen den Anschein erweckte, als ob sich das Reich selbst zerfleischen wollte, schildert der Autor ebenso spannend wie exakt. Fast immer standen die Babenberger auf der Seite des Königs/Kaisers - und wurden dafür stets reich belohnt. Leopold verhielt sich anfangs neutral, im Oktober 1105 trat er zum rebellierenden Kaisersohn, dem späteren Kaiser Heinrich V., über.
Um sich die immerwährende Freundschaft seines treuesten Gefolgsmanns, Friedrich von Büren (um 1050-1105), Graf im Riesgau, zu sichern, belehnte König Heinrich IV. diesen 1079 nicht nur mit dem Herzogtum Sachsen. Er versprach auch seine siebenjährige Tochter Agnes dem 22 Jahre älteren Witwer als Frau. Über die Verlobungsfeier ist nichts Näheres bekannt, das Hochzeitsfest zu Pfingsten 1086 wird so abgelaufen sein, wie sie das Nibelungenlied von Siegfried und Kriemhilde besingt. Agnes Mitgift umfasste die Pfalz Waiblingen (salisches Reichsgut an der Rems) und die Benediktinerabtei Weißenburg. Das Paar übersiedelte nun in die Burg Hohenstaufen in der Schwäbischen Alb. Die Ehe von Agnes und Friedrich dauerte 19 Jahre. Sie hatten elf namentlich bekannte Kinder - aber angeblich waren es 14. Ihrem zweiten Mann, Leopold, schenkte sie verbürgt zehn - vielleicht sogar 15 - Nachkommen. Um das auszuhalten, muss sie ungeheuer gesund und robust gewesen sein, denn … viele Frauen starben im Kindbett. … Im Durchschnitt erreichte nur ein Drittel, höchstens die Hälfte der lebend geborenen Kinder das Erwachsenenalter. … Medizinische Heilung gab es im Mittelalter nicht, man behalf sich mit Beten. Anschaulich beschreibt der Autor nicht nur die großen geschichlichen Ereignisse, wie Investitutstreit und Bürgerkrieg oder Leopolds erstes Regierungsjahrzehnt (1095-1105), sondern auch die materielle Kultur.
Auch ihren zweiten Gemahl konnte sich die Herzogin Agnes nicht aussuchen. Ihr Bruder und Vormund Heinrich V. verlobte sie mit Markgraf Leopold III. Für Agnes war der Wechsel von der Herzogin zur Markgräfin … eine eindeutige Standesminderung, während für Leopold die Einheirat in die kaiserliche Famile einen prestigeträchtigen sozialen Aufstieg bedeutete. Beide waren rege, lebenserfahrene und erfolgreiche Persönlichkeiten. Die Hochzeit fand - wo, ist nicht bekannt - 1106 am Sterbetag von König Heinrich IV. statt, ein vergleichsweise bescheidenes Fest. Die Mitgift bildete die Grundlage für Leopolds Reichtum. Dazu zählten viele aufstrebende Orte an der Donau, möglicherweise Güter rund um Klosterneuburg, und Wertgegenstände. Um das Jahr 1113 übersiedelte der Hof des Markgrafen und seiner Gemahlin in die neue Burg an der Donau. Ein Jahr später wurde der Grundstein für die von beiden gestiftete Kirche gelegt und 1136 das größte und prächtigste Gotteshaus des Landes geweiht. Klosterneuburg sollte ein Modellkloster der Kirchenreform werden. Auch die Familie wuchs beständig. Von Agnes und Leopold sind zehn Kinder namentlich verbürgt, darunter Herzog Heinrich II. Jasomirgott, (1107-1177) Markgraf Leopold IV. (1108-1141), Bischof Otto von Freising (1112-1158).
Erst als Agnes und Leopold in der Mitte ihrer Leben angekommen waren, - sie waren etwa gleich alt - verknüpfte die hohe Politik ihre Schicksalsfäden. Und beide profitierten von der Gemeinschaft: Er wurde der berühmteste Markgraf Österreichs, und auch sie war von der Nachwelt als berühmteste Markgräfin gepriesen worden. Leopold, seit 1485 ein Heiliger, wurde zum Landespatron von Österreich , speziell von Wien und Niederösterreich. Agnes blieb die Ehre der Altäre versagt.
Das neue Buch von Bertrand Michael Buchmann ist ein kompaktes und kompetentes Porträt eines Herrscherpaares im Mittelalter. Zudem führt es in die Gedankenwelt und Alltagskultur jener Zeit ein. Originalzitate und Illustrationen lassen eine - oft missverstandene - Epoche lebendig werden. Lesen lohnt sich in jeder Hinsicht.
