Anita Eichinger, F. J. Gangelmayer, G. Murauer, A. Nierhaus (Hg.): Rathaus Wien#
Anita Eichinger, Franz J. Gangelmayer, Gerhard Murauer, Andreas Nierhaus (Hg.): Rathaus Wien. Residenzverlag, Wien Museum, Wienbibliothek im Rathaus. 408 S., ill., € 30,-
Dombaumeister Friedrich Schmidt (1825-1891) wurde als Architekt des Rathauses berühmt. Zur 200. Wiederkehr seines Geburtstages haben sich Wien Museum und Wienbibliothek zusammengetan, um eine Ausstellung und ein repräsentatives Begleitbuch zu gestalten. Auf mehr als 400 Seiten enthält es 20 profunde Textbeiträge, meist von MitarbeiterInnen der beiden Institutionen. Sie behandeln nicht nur den Bau des Wiener Verwaltungszentrums, sondern auch kulturgeschichtliche und Spezialthemen, wie Feste, Alltag auf der Baustelle oder Rathauskeller. Zahlreiche historische Illustrationen, darunter Pläne von Schmidts Wettbewerbsprojekt, sind selten gezeigte Schätze. Eine Bilderserie der Architekturfotografin Hertha Hurnaus beleuchtet die aktuelle Situation. Ein zusammenfassender Kulturgeschichtlicher Rundgang und eine Chronik in Bildern (von Gerhard Murauer, Alfred Pfoser) runden das bemerkenswerte Werk ab.
Friedrich Schmidt war der Sohn eines Württembergischen Pastors. Er absolvierte das Stuttgarter Polytechnikum und parallel eine Steinmetzlehre. Schon als Schüler beeindruckte ihn die gotische Architektur. Er wirkte am Kölner Dom, erwarb die Baumeisterkonzession und baute Kirchen in Deutschland. In Wien verhinderten die etablierten Akademie-Professoren zunächst die Berufung des Zugereisten. 1859 übersiedelte der Architekt mit seiner Frau und zwei Kindern nach Wien. Nun wurde Schmidt hier Akademieprofessor und Dombaumeister. Die Restaurierung des Nordturms von St. Stephan (um 1860) ist ihm ebenso zu verdanken wie u.a. sechs repräsentative Kirchenbauten. Mit dem Entwurf für das Rathaus konnte er den Wettbewerb unter 65 Teilnehmern für sich entscheiden. Sein neugotisches Projekt Saxa loquuntur überzeugte, trotz mancher Polemik, die Jury prominenter Ringstraßenarchitekten. Charakteristisch war der knapp 98 m hohe Turm, den eine 3,40 m hohe Figur aus Eisen und Kupfer (die als Blitzableiter dient) bekrönt. Durch diesen Kunstgriff überragt der Rathausturm trotz des kaiserlichen Verbots die nahe, 99 m hohe Votivkirche. Das Rathaus wurde zum höchsten Bauwerk der Ringstraße.
Bei der Ausschreibung des Ringstraßen-Wettbewerbs (1858) war sein Bauplatz noch unklar. Die Architekten planten das "Stadthaus" u. a. beim Stadtpark, in der Nähe des Alten Rathauses, auf dem Stephansplatz, an Stelle des späteren Stadtparks, auf dem Börse- oder dem Schwarzenbergplatz. Der große Paradeplatz zwischen Josefstadt und City kam wegen des Widerstands der Armee vorerst nicht in Frage. Erst als die Schmelzgründe dem Militär zugesprochen wurden, konnte die Gemeinde 1868 an die Verbauung der "Sandwüste" denken. Im selben Jahr wurde der Rechtsanwalt Cajetan Felder (1814-1894) Bürgermeister. Er engagierte sich nicht nur für den Rathaus-Neubau, auch die Erste Hochquellenwasserleitung, die Anlage des Zentralfriedhofs, Schulen und die Donauregulierung waren Großprojekte seiner Ära. Obwohl die Stadtfinanzen angespannt und unvorhergesehene Ereignisse - wie die Umstellung der Maße auf das metrische System - zu bewältigen waren, förderte er das Projekt energisch. Dem Gemeinderatsbeschluss 1870 folgte 1883 die Eröffnung - gerade rechtzeitig zum Jubiläum 200 Jahre nach der osmanischen Belagerung. Die Baukosten lagen bei umgerechnet 123,5 Mio. €.
Großzügigkeit war das oberste Prinzip. Das Wiener Rathaus zählt mit einer Grundfläche von 152 mal 127 Meter und sieben Höfen zu den größten Europas. Der 71 m lange Festsaal galt für Jahrzehnte als geräumigster seiner Art. Die "Gründerväter" bewiesen Weitblick, auch wenn man ihnen Größenwahn vorwarf. Auf einer Baufläche von ca. 19.000 m² brachte Schmidt 1575 Räume unter: Der übersichtliche Grundriss beruhte auf einem strengen Quadratraster mit dem Joch eines Kreuzrippengewölbes als modularer Basis und vermittelte den Eindruck, dass die schier unüberblickbare Vielfalt der unterschiedlichen Funktionen des riesigen und komplexen Bauorganismus hier mit sicherer und leichter Hand angeordnet wurde … Repräsentation und Administration waren miteinander verbunden. (Andreas Nierhaus).
Das Skulpturenprogramm zeugte vom bürgerlichen Selbstbewusstsein. Die bekanntesten Bildhauer der Ringstraßenepoche schufen die Figuren - männliche für die Darstellungen der Berufe und allegorische weibliche, wie für die Wiener Vorstädte. 45 Plastiken zierten die Hauptfassade, je zehn die Risalite im Süden und Norden, sowie 13 an der Westfassade. Dazu kamen noch zehn Standbilder im Festsaal. Andere Repräsentationsräume sollten mit Historiengemälden ausgeschmückt werden. Da die Honorarforderungen des Malerfürsten Hans Makart zu hoch - und die Baukosten ohnehin schon weit überschritten waren - ging der Auftrag an Ludwig Mayer, einen Schüler Leopold Kupelwiesers. Der Wiener Gemeinderat hatte damit einen repräsentativen und würdigen Sitzungssaal erhalten. (Elke Doppler). Die Realisierung der Innenausstattung des Rathauses glich einem Drahtseilakt zwischen Ökonomie, politischem Willen der Kunst- und Gewerbeförderung und notwendiger Repräsentation der Kommune. Schmidt zweifelte: Ob es mir möglich sein wird, an der factischen Vollendung Theil zu nehmen, weiss Gott allein. Bei der Anschaffung des Mobiliars strebte man Qualität und Nachhaltigkeit an, dachte sogar an einen jahrhundertelangen Gebrauch. (Eva-Maria Orosz).
Der Rathausarchitekt sorgte sich auch um Kunstgewerbe und -industrie für sein Gesamtkunstwerk. Die Firmen Carl Geyling's Erben und Tiroler Glasmalereianstalt lieferten Kunstverglasungen für 207 Fenster und Oberlichten. Schmidt entwarf Beleuchtungskörper - mit dem Highlight des 3,2 t schweren Lusters für den Gemeinderats-Sitzungssaal. Der Luster mit einem Durchmesser von 5 m war für 252 Glühlampen konzipiert. Für weitere Räume lieferte die Firma J & L. Lobmayr elektrische Glasluster in Venezianer Art mit bunten Hohlglasteilen. Außerdem spendete der Kunstindustrielle nach Schmidts Entwurf eine Trinkgarnitur mit Karaffe, Pokal und Tablett samt einem passenden Kredenztisch. Für das Gewerbe waren Geschenke dieser Art eine Ehre. Im Auftrag der Hafnerinnung fertigte der k. k. Hofhafnermeister Bernhard Erndt einen monumentalen Majolikakamin an. Der Rathausmann war ein Geschenk der Schlosserei des Ludwig Wilhelm, die Brücken- und Eisenkonstruktionen für die Ringstraßenzone lieferte. Seine Werkstätte im 9. Bezirk beschäftigte 200 Arbeiter, darunter den besonders talentierten Vorarbeiter Alexander Nehr, der den Rathausmann schuf. Der krönende Abschluss des Turmes hätte ebenso eine weibliche Gestalt sein können: "Vindobona" oder "Austria" standen zur Diskussion.
Das Rathaus war auch in technischer Hinsicht ein Meisterwerk. Es besaß eine der größten und modernsten Zentralheizungsanlagen der Welt, ein ausgeklügeltes Ventilationssystem und hydraulische Aufzüge. Bald lösten Glühlampen (zumindest teilweise) die Gasbeleuchtung ab. Ein Telegrafennetz von 47 km und 20 km Telefonleitungen erleichterten die amtsinterne Kommunikation. Der eiserne Dachstuhl stammte von der Firma Ignaz Gridl, die u. a. die Konstruktionen für das Schönbrunner Palmenhaus und die Gasometer in Simmering herstellte. Obwohl man beim Rathausbau großzügig gedacht hatte, war es schon nach wenigen Jahren zu klein. Mit der Eingemeindung der Vororte und der Kommunalisierung von Unternehmen der städtischen Infrastruktur wuchsen die Aufgaben der Stadtverwaltung, ebenso im Roten Wien. Nach 1945 wurden Gebäude im Rathausviertel angekauft, um magistratische Dienststellen unterzubringen. Letztlich bleibt das Rathaus aber eine "Daueraufgabe". Die Gebäudetechnik musste auf den neuesten Stand gebracht werden, die Wienbibliothek erhielt einen Tiefspeicher, ständig sind Restaurierungen nötig. Die Arbeit an diesem Haus ist nie abgeschlossen. (Franz J. Gangelmayer, Stefan Novotny).
