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Jana Geršlová: Tschechische Wurzeln österreichischer Marken#

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Jana Geršlová: Tschechische Wurzeln österreichischer Marken. Wie hat es angefangen? Aus dem Tschechischen übersetzt von Johanna Posset. Böhlau Verlag Wien. 345 S. ill., € 39,-

Was verbindet Firmen wie Herzmansky, Meinl oder Wienerberger ? Es sind die tschechischen Wurzeln. Jana Geršlová, Professorin für Ökonomie an der Europäischen Forschungsuniversität Ostrava, hat sich auf Spurensuche von 32 Unternehmen begeben, von denen die meisten noch existieren. Das Ergebnis ist ein anregendes, solid recherchiertes Werk.

Man sagt landläufig, dass jeder echte Wiener eine "böhmische Großmutter" hätte und denkt dabei an die vielen Dienstboten, Köchinnen und HilfsarbeiterInnen, die zur Arbeit hierher gekommen waren, "als Böhmen noch bei Österreich war" (wie es in einem nostalgischen Lied aus dem Jahr 1953 heißt). Die meisten solcher populärer Lieder machten sich über den Akzent der Zuwanderer lustig, die sich in Wien ein besseres Leben erhofften - und meistens enttäuscht wurden. Die Autorin beweist aber, dass die herkömmliche Vorstellung unbedingt ergänzt werden muss um den brain drain geschickter und findiger Menschen aus den böhmischen Ländern in Richtung Wien bzw. heutiges Österreich. Sie schreibt flüssig, geht bei ihrer Spurensuche von der Geographie aus und gliedert ihr Buch nach Branchen.

Es beginnt mit sieben Nennungen im Sektor Architektur und Bauwesen. Um die Jahrtausendwende war die Firma Wienerberger Weltmarktführer bei Ziegeln und Dachziegeln. Die Firmengründer kamen aus Südmähren, Alois Miesbach (1791-1857), der Ingenieurs- und Bauwesen sowie Wirtschaft studiert hatte, und sein Erbe und Neffe Heinrich Drasche (1811-1880). 1855 verfügte Miesbach über neun Ziegelwerke mit 4.700 ArbeiterInnen und 30 Kohlebergwerke mit 2.300 Bergleuten. Drasche erweiterte die Fabrik auf dem Wienerberg und gründete weitere. 1862 produzierten sie 130 Millionen Ziegel. Er galt bald als reichster Mann Wiens und wurde in den Ritterstand erhoben. Ebenfalls in der Ringstraßenzeit wirkte Josef Hlávka. Er war einer der prominentesten Bauunternehmer und wird mit dem Arsenal, der Votivkirche und der Staatsoper in Verbindung gebracht. Sein Büro errichtete 142 Bauwerke, teilweise nach eigenen Projekten.

Fünf Tschechische Wurzeln in der Technik führen u. a. zu Familie Anger aus dem Erzgebirge, die sich mit der Produktion von Kunststoff und Brillen international einen Namen machte: Wilhelm Anger (1926-2014) war ein bedeutender Erfinder und Unternehmer … Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Anton und seiner älteren Schwester Anneliese war er ab den 1950ern gleich in drei Sparten Pionier: Maschinenbau, Produktion von Kunststoffkomponenten (bahnrechendes Material Optyl) und von Kunststoff allgemein sowie Entwicklung und Herstellung von (Sport-)brillen. Er war der Gründer der Marke Carrera und seine Schwester gründete mit ihrem Mann später die Firma Silhouette.

Sechs Handelsunternehmen sind bis heute berühmt: Das Warenhaus Herzmansky als 1863 eröffneter Konsumtempel war die Idee von August Herzmansky (1834-1896). Ende der 1890er Jahre verfügte er über die größte Verkaufsfläche für Textilien in der Monarchie. Seine Firma für eher luxuriöse Kolonial- und Gemischtwaren folgte einem amerikanischen Trend: Fixpreise und ein repräsentativer Geschäftspalast in der Mariahilfer Straße mit modernster technischer Infrastruktur. Diese sollten ihn allerdings das Leben kosten. August Herzmansky starb an den Folgen einer Kopfverletzung, die er sich in seiner Liftanlage zugezogen hatte. Die Nachfolger vergrößerten beständig das Warenhaus, von dem ein Teil der Fassade in der Stiftgasse erhalten blieb. 1998 eröffnete im Gebäude das "Weltstadthaus der Firma Peek & Cloppenburg". Das Kleiderhaus Tlapa in Favoriten war eine Wiener Institution für preiswerte Maßkleidung. Im Weltausstellungsjahr 1873 vom Schneidermeister Wenzel Tlapa gegründet, genosss es mehr als 125 Jahre einen hervorragenden Ruf. Noch Ende der 1990er Jahre gab es einen Höhepunkt der Entwicklung. Doch internationale Konkurrenz und Strukturwandel führten 2016 zum unwiderruflichen Ende. Das Gebäude wurde abgerissen und an seiner Stelle ein Wohn- und Bürohaus errichtet.

Von den sechs vorgestellten Beispielen im Bereich Lebensmittel und Brauereien haben alle überlebt. Mautner-Markhof stieg von der böhmischen Provinz zum Marktführer in Österreich auf. Julius Meinl wurde zum Synonym für bestgerösteten Kaffee. Der erfolgreiche Industrielle Moritz Sobotka (1843-1918) war "der Name hinter der Stadlauer Malzfabrik".Bis zum Ersten Weltkrieg wurde das Unternehmen zur größten Mälzerei Europas, deren Hauptabnehmer Bierbrauereien waren. Das Großunternehmen diversifizierte sein Sortiment (Malzkaffee, Bäckermalzextrakt für die Herstellung von Brot und Gebäck und das bis heute bekannte Getränk Ovomaltine) und belieferte Exportmärkte über seine Zweigstellen in Deutschland, England, USA, Italien und Frankreich. Leipnik-Lundenburger Invest Beteiligungs AG (LLI) ist eine renommierte Handelsgesellschaft in Wien … LLI ist die Muttergesellschaft von GoodMills Group, der größten Firma in Europa in den Segmenten Weizen, Mehl und Mühlen und der Firma café+co … Die Wurzeln der LLI reichen zurück bis ins Jahr 1867 und dahinter stehen große Namen wie die der Familie Skene und der Familie Schoeller. Die Cousins Kuffner standen an der Wiege der Ottakringer Brauerei, während die Spur der Gösser Brauerei zu Leopold Löwy führt. Ihre Geschichte reicht bis zur ersten Jahrtausendwende zurück, als die Nonnen der Abtei Göss Bier brauten. Im 19. Jahrhundert erfolgte die Wiederentdeckung und Neugründung durch Max Kober und Leopold Löwy.

In Gastronomie und Hotellerie lassen sich ebenfalls tschechische Wurzeln finden, auch wenn es sich um ganz unterschiedliche Firmen handelt. Das Hotel Panhans am Semmering auf 1000 m Seehöhe hat aus dem Fin de Siecle die größte Tradition. Vinzenz Panhans (1841-1905) und sein Neffe Franz Panhans (1869-1913) waren Chefköche im nahen Südbahnhotel. Dann führten sie das nach ihnen benannte Hotel. Aus einer Unterkunft mit 44 Zimmern wurde ein luxuriöses Haus mit Kurzentrum nach Plänen der prominenten Theaterarchitekten Fellner & Helmer. Artur Wolf aus Saaz (1870-1931), eine "umtriebige Persönlichkeit" , übernahm nach dem plötzlichen Tod seines Bruders das Grand Hotel Bristol an der Wiener Ringstraße. Das Schweizerhaus der Familie Kolarik im Prater gilt als inoffizielle tschechische Botschaft. Das Restaurant "Zum schwarzen Kameel" blickt auf eine 400-jährige Geschichte zurück. Josef und Alois Stiebitz waren k.k . Hoflieferanten, ihr Lokal Am Hof/Bognergasse war und ist eine angesagte Adresse für Gourmets und prominente Gäste. Über solche freut sich auch das Café Hawelka wo man mehr als nur böhmische Buchteln genießen kann. Ebenfalls als Kulturinstitution gilt die Café-Konditorei Aida mit ihrem zuckerlrosa Corporate Design. Die 1913 gegründete Firma verdankt ihren Namen der Opernbegeisterung ihrer Besitzer Josef und Rosa Prousek. Das Familienunternehmen, in dem die erste Espresso-Kaffeemaschine Österreichs stand, wird heute in vierter Generation geführt und hat 31 Filialen.

Das Luxussegment Glas und Bijouterie bildet das letzte Kapitel. Wie immer hat die Autorin treffende Titelzeilen gefunden: Swarovski - Glas und Glanz…, Riedel-Glas - der Glaskönig des Erzgebirges und seine Dynastie und J & L. Lobmeyr - mit Glasmaterial aus Böhmen zur Weltspitze. Jana Geršlová berichtet über Aufstieg und Niedergang der Unternehmen, soziales Engagement und Mäzenatentum, spart auch Enteignung und Vertreibung nicht aus. Dass sie die verschiedenen Aspekte ohne Parteinahme oder Verbissenheit referiert, macht das faktenreiche Werk besonders lesenswert. Zusammenfassend betont sie die Innovationskraft der Firmen, deren Erfindungen noch heute von Bedeutung sind - der kreative Geist in diesen Unternehmen war allgegenwärtig. Die Autorin plant, ihre verdienstvolle Tätigkeit fortzusetzen. Es besteht bereits eine längere Liste mit hier noch nicht angeführten Namen von Unternehmern …

hmw