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Michael J. Greger (Hg.): Volkskundlich sammeln ?#

Bild 'SLIVK'

Michael J. Greger (Hg.): Volkskundlich sammeln ? Salzburger Beiträge zur Volkskunde 29. Eigenverlag des Salzburger Landesinstituts für Volkskunde. 184 S. ill., € 15,-

Seit vier Jahrzehnten publiziert das Salzburger Landesinstitut für Volkskunde (SLIVK) Beiträge zur Volkskunde: Bücher, Broschüren, interreligiöse Kalender und die - mehrfach prämiierte - dreiteilige CD-ROM-Reihe "Bräuche im Salzburger Land. Zeitgeist - Lebenskonzepte - Rituale - Alternativen". Nun liegt die 29. Produktion Volkskundlich sammeln ? vor. Es handelt sich um den Tagungsband einer Veranstaltung, die 2024 zu einem Doppeljubiläum stattfand. Anlass waren der 100. Geburtstag des Volkskundemuseums im Monatsschlössel des Hellbrunner Schlossparks und die 40. Wiederkehr der Eröffnung des Salzburger Freilichtmuseums in Großgmain.

Das Buch sichert die Ergebnisse des bereichernden Austausches und wertvoller, selbstkritischer Reflexionsarbeit, schreibt der Herausgeber. Der Kulturwissenschaftler Michael J. Greger leitet das SLIVK seit 2019. In seiner Einleitung fasst er die neun Beiträge prägnant zusammen : Das Fragezeichen hinter dem Tagungstitel "Volkskundlich sammeln?" war jedoch mit Bedacht gewählt worden. So wollten die Referent:innen der Tagung den Besonderheiten und Merkwürdigkeiten der spezifisch "volkskundlichen" Sammlungs- und Dokumentations-, auch Ausstellungspraxis im Kontext der Fach- und Disziplinenentwicklung auf den Grund gehen.

Konrad J. Kuhn, Professor für Europäische Ethnologie an der Universität Innsbruck, beschäftigt sich mit Nutzungen und Belastungen. Zum Sammeln von Kulturwissen. Er erinnert daran, dass alte Dinge im Museum eine neue Funktion - in einem übertragenen Zusammenhang erhalten: Eine Maske war nicht länger individuell hergestelltes Element für eine performative Aufführung, sondern wurde zum Ausdruck eines "wertvollen" Brauchs. Die Dinge waren nun Beweis für Identitäten - für lokale, regionale und zunehmend auch für nationale.Ging es den Museumsmännern des 19. Jahrhunderts in bester Absicht um das Bewahren, so scheint heute der Binnenexotismus widersprüchlich (Greger: zwischen Selbstethnisierung und Tourismus). Seit den 1970er Jahren geriet das frühere oft positivistische Verständnis in den Museen fachpolitisch unter Ideologieverdacht. Dem gegenüber spricht sich der Autor für partizipativ ausgerichtete und publikumsorientierte Museen aus.

Der langjährige Salzburger Archivar, Hubert Schopf, nennt seinen Beitrag Volkskundliches (Sammeln) in der frühen Landeskunde. Er widmet sich dem Wirken der Proto-Volkskundler, die sich vor der Institutionalisierung des Faches einschlägigen Themen widmeten. 1860 konstituierte sich die Gesellschaft für Salzburger Landeskunde. Sogleich erforschte sie mittels Fragebogen "Sagen und Gebräuche" des Bundeslandes und erhielt viele Rückmeldungen. Eine treibende Kraft war der (Nerven-)arzt Franz Valentin Zillner, der aufgrund dessen als ersten Beitrag 100 Untersberg-Sagen publizierte.

Der Historiker Hieronymus Bitschnau und der Musikhistoriker Wolfgang Dreier-Andres bringen interessante Details über die Anfänge der Institutionalisierung von Tracht und Volkslied in Salzburg. Im von vielen Veränderungen gekennzeichneten 19. Jahrhundert konstituierten sich bürgerliche Vereine zur Trachtenerhaltung. Die Mitglieder trugen Dirndlkleider und kurze Lederhosen, die von der Konfektionskleidung und Trachtenmode aus Bayern beeinflusst waren. Man zog an, was einem gefiel. Wie eine Salzburger Tracht auszusehen hätte, war um die Jahrhundertwende nicht klar. 1910/11 wurde eine "Landeskommission betreffend Förderung und Hebung der Salzburger Eigenart in Tracht, Sitten und Gebräuchen" ins Leben gerufen. Sie hatte u. a. die "Neuschaffung von zeitgenössischen Volkstrachten" zum Ziel. Das Sammeln von Volksliedern war die Sache von Einzelpersonen, ein Österreichisches Volksliedunternehmen wurde erst 1904 gegründet.

Die Regionalmuseumsreferentin des Landes, Monika Brunner-Gaurek, beschäftigt sich mit den frühen Wegbereitern des volkskundlichen Sammelns in Salzburg, Karl Adrian (1861-1949) und Sebastian Greiderer (1862-1928). Deren Credo war: Wie früher die Volkskunst durch die Stadt zerstört wurde, muss sie nun durch die Stadt wieder gehoben werden.

Die Leiterin des Volkskunde Museums, Anna Engl, und der Archivleiter im Salzburg Museum, Andreas Zechner, blicken auf die ersten hundert Jahre der volkskundlichen Abteilung im Salzburg Museum zurück: Dinge sammeln, ausstellen und deuten. Sie berichten von Menschen im Museum, Sammelreisen im Gebirge, Sammel-Netzwerken, konstruierten Regionaltrachten, Ankauf von Salzburger Erzeugnissen, Glaubensvorstellungen und Inszenierten Traditionen. So erfährt man, dass zum Anthropologentag 1905 für 300 Festgäste und 6000 Zuschauer ein Parkfest organisiert wurde, bei dem ein Hochzeitszug, schöne und schiache Perchten, der Lungauer Samson, Schützen und Garden auftraten. Trachtenvereine und Bergknappen gaben Tanzvorführungen.

Michael Span vom Salzburger Freilichtmuseum referiert über die Entwicklung dieser Gebäudesammlung. Auch er versieht seine Standortbestimmung mit einem Fragezeichen: "Altartig" - "typisch" - "systematisch" - und weiter ? Klar steht das Ziel vor Augen: In transdisziplinärer Zusammenarbeit mit Denkmalschutz, Forschung und Lehre sowie unter Einbindung verschiedener Interessensgruppen … sollen dabei jenseits nostalgischer Verklärung … kulturgeschichtliche, ökologische, soziale, technologische und gestalterische Aspekte aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden.

Der Herausgeber des - auch für Laien - lesenswerten Buches, Michael J. Greger und Vivienne Marquart (Kulturreferat München) folgen den Spuren zweier Forscher: Volkskunde zwischen konservativer Heilslehre und engagierter Sommerfrische. Bürgerliches Hobby und Lehrerfleiß bei Ilka Peter (1903-1999) und Richard Treuer (1903-1982). Ilka Peter absolvierte die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt, studierte Gymnastik, Tanz und Akrobatik und war eine frühe "Volkskundlerin". Ihre Ausbildungen befähigten sie, Tänze aufzuzeichnen. Dabei bewegte sie sich (mit teilnehmender Beobachtung) in den Männerwelten der Gasselreime und des Ranggelns. Der Pädagoge Treuer - auch er war Grafiker, dann Pädagoge - betrieb seine Reliktforschung bei Schülern und Lehrern.

Es folgt die Fotostrecke Bilder zwischen den Zeiten - zur Fotografischen Serie "Like father, like son" von Anna Aicher. Die deutsche Fotografin porträtierte u. a. Musikanten, Schnabelperchten und Ranggler. Martin Hochleitner, der Direktor des Salzburg Museums schreibt dazu:Was sie festhält, hat eine Geschichte und es wird sich erst noch weisen, was davon auch eine Zukunft haben wird.

Wie ein roter Faden zieht sich die Zeitgeschichte durch die Reflexion über das letzte Jahrhundert. Die Vergangenheit bekannter Salzburger NSDAP-Mitglieder wie Richard Wolfram oder Kuno Brandauer ist ebenso Thema wie die die Nicht-Parteizugehörigkeit von Ilka Peter und Richard Treuer. Sie erscheinen allerdings in der Minderheit.

Den Abschluss der Tagung bildete eine Gesprächsrunde, deren Gesamtmoderation der Leiter des Tiroler Volkskunstmuseums, Karl C. Berger, übernommen hatte. Fünf Punkte wurden in der Diskussion als Ausblick formuliert, darunter: Den Monolog zu einem Dialog formen. Museumsmenschen und Sammlungen dürfen widersprüchlich sein. Den "sozialen Ort" Museum als Ort der Begegnung gestalten.

hmw