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Alexandra Hilkenmeier: Ehrenamt #

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Alexandra Hilkenmeier: Ehrenamt. Verlag Kremayr und Scheriau Wien. 136 S., € 20,-

Beim ehrenamtlichen Engagement liegt Österreich im europäischen Spitzenfeld: Fast die Hälfte der Jugendlichen und Erwachsenen beteiligt sich. Wir sprechen über Ehrenamt oft so, als wäre es selbstverständlich und immer freiwillig, immer selbstlos, immer gut. Doch die Realität ist komplexer, schreibt Alexandra Hilkenmeier. Die Autorin weiß, wovon sie spricht. In einem Tiroler Dorf aufgewachsen, kennt sie das Ehrenamt von klein auf: Freiwilliges Engagement war bei uns nie bloß ein Begriff oder Mittel zum Zweck, sondern einfach Teil des Lebens - auch ihres eigenen.

Freiwilligkeit - formelle und informelle - ist unbezahlt, gemeinwohlorientiert, kooperativ und findet im öffentlichen Raum (nicht innerhalb der eigenen Familie) statt. Gerade bei der formellen Freiwilligentätigkeit geht es darum, eine Funktion zu erfüllen und Aufgaben zu übernehmen, für die man andernorts eine Rechnung stellen … würde. Dennoch engagieren sich 25,8 % der österreichischen Bevölkerung in Vereinen und Organisationen ohne monetäre Gegenleistung.

Alexandra Hilkenmeier nennt acht Facetten des formellen Ehrenamts: (1) Rettung, Feuerwehr, Katastrophenschutz. In Österreich gibt es nur sechs Berufsfeuerwehren (in einigen Landeshauptstädten), bei allen anderen handelt es sich um Freiwillige Feuerwehrleute, die zu 99 % in ihrer Freizeit im Einsatz sind. Das Engagement in Blaulichtorganisationen erspart dem Staat Ausgaben und stiftet sozialen Zusammenhalt. (2) Sozial- und Gesundheitsbereich. In ländlichen Gemeinden sind staatliche Angebote oft nicht flächendeckend vorhanden. Hier sind es meist Mütter, die einspringen. Ihren stillen, aber bedeutenden Einsatz bemerkt man erst, wenn ihn niemand mehr übernimmt.

(3) Bildung. Ehrenamt im Bildungsbereich passiert oft nebenbei, und wieder engagieren sich besonders Frauen dafür. (4) Der drittgrößte Bereich ist (nach Sport und Blaulichtorganisationen) die Kultur- und Freizeitgestaltung. Mehr als 420.000 ÖsterreicherInnnen sind hier regelmäßig aktiv - ob Blasmusikverein, Laienbühne oder Kunstinitiativen. (5) Kirche und Religion. Auch da hat die Autorin familiäre Erfahrungen. Sie und ihr Bruder waren von Kindesbeinen an in der Pfarre tätig. Ihre Großmutter singt seit 70 Jahren im Kirchenchor. Die Professionalisierung innerhalb des kirchlichen Ehrenamts ist beachtlich und zeigt, dass es sich hier nicht rein um "freiwillige Mithilfe", sondern um selbstgestaltete Mitverantwortung handelt. … Viele soziale und gemeinnützige Einrichtungen arbeiten kirchennah, aber nicht direkt im Auftrag der Kirche. … Das Ehrenamt … wirkt dadurch weit über den Gottesdienst hinaus als verlässlicher Teil der Zivilgesellschaft.

(6) Sport und Bewegung. Sportvereine gehören einfach dazu … Fast ein Drittel aller Freiwilligen, die formell ehrenamtlich tätig sind, engagieren sich in einem Sportverein. Mit rund 15.000 Sportvereinen bildet der Sport in Österreich, neben seinen weiteren Funktionen ein zentrales Rückgrat der Freizeitkultur. (7) Umwelt, Natur und Tierschutz. Dafür interessieren sich etwa 177.000 ÖsterreicherInnen. Ein gutes Beispiel ist der Alpenverein, auch Naturschutzbund und WWF nennt die Autorin, deren Vater als Bergretter immer in Bereitschaft steht. (8) Politisches Engagement. Politisches Ehrenamt ist mehr als das Rückgrat unserer Demokratie - es ist praktisch ihr Nervensystem.

Wie im Berufsleben sind die Leitungsfunktionen meist Männern vorbehalten: Männer machen, Frauen kümmern sich. Dementsprechend ist die Anerkennung ungerecht verteilt. Warum sich jemand ehrenamtlich engagiert, kann viele Gründe haben. Motivation ist wohl der wichtigste. "Intrinsische Motivation" kommt aus der Tätigkeit selbst, die Freude bereitet, Sinn gibt, den eigenen Werten entspricht. "Extrinsische Motivation" wird durch äußere Einflüsse bestimmt, Belohnungen, Sanktionen und "die subtile Macht des sozialen Umfelds." Dazwischen befindet sich das Flow-Erleben Dabei handelt es sich um jenen Zustand, in dem die Grenzen zwischen Anstrengung und Leichtigkeit verschwimmen. … Die Handlung selbst wird zur Belohnung, die ehrenamtliche Arbeit verliert ihren belastenden Charakter und wird zu einer erfüllenden Tätigkeit.

Motive können egoistisch und altruistisch sein, wobei egoistisch nicht unbedingt als negativ zu sehen sei. Dazu zählt auch das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben oder eine andere Form der Selbstwertsteigerung. … Eine weitere Säule des Ehrenamts ist der Sozialfaktor … Neue Kontakte entstehen, bestehende Beziehungen werden in der gemeinsamen Arbeit gefestigt. In ihrem Leben - von der pfarrlichen Jugendleiterin zur Referentin der Sternsingeraktion und Freiwilligendienst im Ausland, mit 27 studiert sie an der Diplomatischen Akademie - hat Alexandra Hilkenmeier die vielen Gesichter der Ehrenamtlichkeit kennengelernt. Sie kritisiert kompetent und bietet Lösungsansätze an. In den meisten Fällen überwiegen die positiven Effekte. Wer sich freiwillig engagiert, investiert nicht nur in andere, sondern auch in sich selbst.

Im Kapitel Hier und anderswo zieht die Autorin Vergleiche zwischen Österreich und anderen Ländern. Allgemein zählt Österreich mit seinem freiwilligen Engagement zu den europäischen Spitzenreitern. Während sich im EU-Schnitt etwa ein Fünftel der Bevölkerung ab 15 Jahren ehrenamtlich beteiligt, liegt dieser Anteil in Österreich bei nahezu der Hälfte - ein Wert, den sonst nur Länder wie Schweden, die Niederlande oder das Vereinigte Königreich erreichen. "Wer helfen will, kann nichts falsch machen" sei eine gefährliche Annahme. Helfen wollen kann auch schaden - im Inland ebenso wie im Ausland.

Zu oft mangelnder Ausbildung kommen bei Auslandseinsätzen spezielle Herausforderungen. Viele junge Menschen sind voll Idealismus und wollen etwas "Lebensveränderndes" tun. Anbieter von Freiwilligenprogrammen passen ihre Angebote diesen Erwartungen an. Sie bieten flexible Kurzzeiteinsätze ohne große Vorbereitung und Qualifikationsanforderungen. Für die nötige Reflexion ist kaum Platz. Das mache den Volontariatstourismus nicht nur massiv fragwürdig, sondern kann auch langfristig negative Folgen … haben. … Nicht die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung stehen im Fokus, sondern die Erlebnisse der "Helfenden". … Mehrere Freiwillige erkennen, dass ihre Anwesenheit keine tatsächliche Hilfe darstellt, und dass sie in manchen Fällen eher eine Belastung für die lokale Bevölkerung sind. Stichworte dazu: Critical Whiteness … Ziel ist es, Machtverhältnisse sichtbar zu machen, die durch Weiße Perspektiven oft unreflektiert reproduziert werden. … White savior Complex (Komplex des Weißen Retters) … Eurozentrismus … wird in der postkolonialen Theorie kritisch hinterfragt, da er bestehende Ungerechtigkeiten zementieren kann, selbst wenn er vermeintlich neutral oder wohlmeinend auftritt.

Regelmäßig erscheinende Freiwilligenberichte zeigen einen beginnenden Strukturwandel. Gerade für junge Menschen ist Engagement keine gesellschaftliche Verpflichtung mehr, sondern eine Entscheidung unter vielen. Sie wollen sich einbringen, aber nicht zu jedem Preis … Das Motto muss lauten: "partnerschaftliche Strukturen statt Opferbereitschaft". Nur so bleibt Ehrenamt attraktiv. Das solid recherchierte Buch enthält eine Fülle von Fakten und eigenen Erfahrungen. Es bietet viel Stoff zum Nachdenken und sollte zum Handbuch für alle werden, die sich ehrenamtlich engagieren oder vorhaben, dies zu tun. Das Resümee der Autorin: Ehrenamt ist, wie so vieles, ein Spiegel unserer Gesellschaft. … Wir haben gesehen, dass Ehrenamt nicht immer eine rein freiwillige oder selbstbestimmte Entscheidung, sondern oft kulturell geprägt, sozial erwartet oder strukturell bedingt ist. Wir haben erfahren, dass internationaler Idealismus manchmal, wenn auch unbeabsichtigt, massive Schäden anrichten kann, dass Engagement an seine Grenzen stößt, wenn es Lücken füllen soll, die eigentlich staatlich abgesichert sein müssten, und dass selbst wohlmeinendes Handeln ungleiche Machtverhältnisse reproduzieren kann. Trotz dieser Herausforderungen bleibt Ehrenamt, besonders in Österreich, ein zentraler Pfeiler des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

hmw