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Julia Hillebrand, Shao-Lan Hertel, Moritz Woelk (Hg.): Drachen#

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Julia Hillebrand, Shao-Lan Hertel, Moritz Woelk (Hg.): Drachen. Mythos und Wirklichkeit. Mit Beiträgen von Manuela Beer, Walter Bruno Brix, Christina Clever-Kümper, Thomas Foerster, Carola Hagnau, Dominik Hennhöfer, Carina Koch, Peter W. Marx, Petra Rösch, Jennifer Schamper, Karen Straub und Moritz Woelk. Herausgegeben für das Hessische Landesmuseum Darmstadt, das Museum für Ostasiatische Kunst Köln und das Museum Schnütgen, Köln. Hirmer Verlag München. 176 S., ill., € 40,-

Drachen haben Konjunktur. Aktuell ist das Buch Drachen und Lindwürmer im Böhlau-Verlag erschienen. Der österreichische Philologe, Mediävist und Theologe em. Univ. Prof. Rudolf Simek konzentriert sich auf das europäische Mittelalter. Nun widmen sich prominente deutsche Museen in Darmstadt und Köln dem faszinierenden Thema. Dabei - und im perfekten Begleitbuch - erweitern sie den Rahmen. Die Reise führt durch die Jahrtausende und Kulturen in Kunst, Kultur und Naturgeschichte. Aus dem Inhalt: Drachen-Spektakel, Reptilien, Kosmologie, volkstümliche Umzüge, Drachen auf der Erde, im Wasser und in der Luft … Während der Drache in den europäischen Vorstellungen ein gefährliches Monster darstellt, das beseitigt werden soll, ist er in China, Korea und Japan positiv konnotiert. Das vielfältige und ansprechend gestaltete Begleitbuch zur Ausstellung entschädigt alle, die sie nicht sehen können, auf das Beste. Es präsentiert wissenschaftliche Erkenntnisse mehrerer Disziplinen spannend und verständlich, und lässt viele Bilder sprechen.

Das Kuratoren- und Herausgeberteam geht vom Bekannten aus: Drachen in Kunst und Kultur der Moderne und Gegenwart. Das beginnt schon im Kinderzimmer: Drachen als Spielzeuge, Stofftiere oder Figuren fiktionaler Geschichten sind heute kaum mehr aus Kinder- und Jugendzimmern wegzudenken. Kinder erwecken sie mit ihrer Fantasie zum Leben. Zwar gab es nie Drachen, doch sah man sie über die Jahrtausende als Realität an, wie Exponate in Wunderkammern und Kirchen zeigen. Im 20. Jahrhundert veränderte sich die Darstellung von Drachen in Theater und Film tiefgreifend . Mit den 1990 er-Jahren ging man zur digitalen Animation über. Der Film "Jurassic Park" kombinierte erstmals aufwendige Animatronic- Modelle für Nahaufnahmen und computergenerierte Bilder für dynamische Bewegungen, wobei Dinosaurier das Erscheinungsbild beeinflussten.

Wahrscheinlich kommt der Drache aus China. Die weltweit älteste Darstellung eines geschuppten, vierbeinigen Wesens mit großem Maul und Klauen stammt aus einem neolithischen Grab des 5. Jahrtausends v. Chr. in der Provinz Henan. Anders als im Westen ist der Drache in Ostasien mehrheitlich positiv besetzt: ein starkes Schutztier, Symbol des chinesischen Kaisers, das Kraft verkörpert und diese auch verleihen kann. Der Drache lebt im Wasser und bringt den fruchtbaren Regen. … Korea und Japan, die den Drachen aus China übernommen haben, integrierten ihn in ihre eigenen Vorstellungen. Im Buddhismus, der im 1. nachchristlichen Jahrhundert China erreichte, wird der Drache zur Schutzgottheit und hilft, Irrungen auf dem Weg zur Erleuchtung zu bekämpfen.

Hingegen gelten Drachen in der europäischen Antike als feindlich gesinnte Riesenschlangen und Ungeheuer. Unter den prominenten Leihgebern der Ausstellung ist auch das Kunsthistorische Museum Wien. Eine Abbildung im Buch zeigt "Der Drache tötet die Gefährten des Kadmos " aus dem 16. Jahrhundert. Er hat seine spitzen Krallen und Zähne in zwei Gefährten des mythischen Gründers der Stadt Theben gebohrt - der ihn dramatisch besiegt.

Nicht die Antike, sondern die Bibel formte das Drachen-Bild in der christlichen Kunst. Das erste biblische Buch, die Genesis, ist, wie das letzte, die Apokalypse, von einer bildhaften Sprache geprägt. Albrecht Dürer hat sich um 1500 mit den beiden Erzählungen beschäftigt und sie in unvergleichlicher Weise künstlerisch umgesetzt. Die Ungeheuer, die als Personifikation des Teufels gelten, werden von christlichen HeldInnen und Heiligen überwältigt. Die bekanntesten sind Michael, Georg und Katharina. Das Bezwingen des Drachen wurde seit dem Mittelalter bei Prozessionen an kirchlichen Festtagen und in Umzügen anschaulich mit Drachenattrappen dargeboten. Drachenfiguren waren auch Teil der Fastnachtsspiele wie dem Nürnberger Schembartlauf.

Die Darstellung von Drachen beschränkte sich nicht auf ihre Rolle in antiken Sagen, der Bibel oder Heiligenlegenden. Drachen sind in allen Kunstgattungen, von der Architektur bis zur Glas- und Buchmalerei, zu finden. Sie erscheinen an untergeordneter Stelle, wie beispielsweise in Ranken als Teil wilder Naturkräfte, aber auch als prominente Einzelobjekte. Anknüpfend an die aus der Antike überlieferten „Wächterdrachen“ kam ihnen vielfach eine unheilabwehrende Funktion zu, etwa an Kirchenfassaden oder als Wasserspeier.

Die Vorstellungswelt des Mittelalters und der frühen Neuzeit verstand Dachen als Teil der göttlichen Schöpfung. In Bestiarien und Enzyklopädien wirken sie wie Studienobjekte nach natürlichem Vorbild. Bucklig, gehörnt, hundeartig, zwei- oder vierbeinig, mit großen Flügeln, langem Schwanz oder herausgestreckter Zunge. Bei dem weitbekannten Klagenfurter Lindwurm handelt es sich in Wirklichkeit um den fossilen Schädel des eiszeitlichen Wollhaarnashorns Coelodonta antiquitatis. Als er jedoch um 1335 gefunden wurde, deutete man ihn selbstverständlich als Drachenschädel. Dieses Relikt ist sogar so bedeutend, dass es fest in die Gründungssage der Stadt verwoben ist.

Die bekanntesten lebenden Vertreter im Tierreich sind die Flugdrachen der Gattung Draco, einer kleinen, baumbewohnenden südostasiatischen Echsenart. Ihre Fähigkeit, von Baum zu Baum zu gleiten, erinnert an die geflügelten Drachen des Mittelalters. Der über 2 m lange Komodo-Dache Varanus komodoensis wird seiner Beute tatsächlich gefährlich. Sein giftiger Speichel führt noch Tage nach dem Biss zum Tod. Python aus der griechischen Mythologie lebt in der Bezeichnung einer Schlangenart weiter. Die Entmythologisierung des Drachen setzte im 16. und 17. Jahrhundert ein.

Dass Drachen Symbol des Krieges, der Krankheit und des politischen Gegners sein können, verdeutlichen verschiedene historische Zeugnisse. …Aus politischer Sicht ist und bleibt der Drache ein Sinnbild für Stärke und Schutz, aber auch für Bedrohung und Kampf. Im Kontrast dazu stehen die überaus verschiedenartigen und kunterbunten Drachen in Kinder- und Jugendzimmern. Diese Protagonisten der Kinder- und Jugendliteratur, von Filmen, Serien und Puppentheaterstücken lassen zusammen mit den vielzähligen Spielzeugdrachen junge und erwachsene Gäste in Erinnerungen schwelgen. Dabei steht eines fest: Drachen sorgen generationsübergreifend für Begeisterung und begleiten Groß und Klein durch ihr Leben.

hmw