Paula Kollonitz: Mit dem Kaiser zum Popocatépetl#
Paula Kollonitz: Mit dem Kaiser zum Popocatépetl. Die Reise nach Mexiko im Jahr 1864. Edition Frauenfahrten. Hg. Gabriele Habinger. Promedia Verlag Wien. 280 S., ill. € 22,-
Der Titel ist zügig gewählt, der Inhalt spannend. Der Kaiser war der Habsburger-Erzherzog Ferdinand Maximilian ("Max"). Der zwei Jahre jüngere Bruder Kaiser Franz Josephs lebte von 1832 bis 1867. Tragischerweise willigte er 1864 ein, die Krone Mexikos anzunehmen. Sein Bruder zwang ihn, auf die Thronrechte in Österreich zu verzichten und gab ihm kaum Unterstützung. Liberal gesinnt, wollte Max in Mexiko Humanität und Recht Geltung verschaffen. Doch wurde er nach drei Jahren gefangen genommen und erschossen.
Den Popocatépetl sah er nur von der Ferne. Dieser ist mit etwa 5400 m der zweihöchste Berg Mexikos und einer der aktivsten Vulkane des Landes. Im April 1864 reiste das Kaiserpaar von seinem Schloss Miramare bei Triest ab. Dem Transport diente die Fregatte Novara, mit der die berühmte Weltumseglung stattgefunden hatte. Mit an Bord waren 85 Personen, darunter die Obersthofmeisterin Gräfin Melanie Zichy-Metternich mit ihrem Gemahl und die Hofdame Gräfin Paula Theresia Josepha Felicitas Kollonitz von Kollegrád (1830-1890). Sie sollten Kaiserin Charlotte während der Überfahrt zu Diensten sein. Die belgische Königstochter galt als "außergewöhnlich reiche, intelligente und gebildete Schönheit". Wie die Biographin Brigitte Hamann festellte, war es vor allem Charlottes politischer Ehrgeiz, daß Max die Krone annahm. Als er abdanken wollte, da das Abenteuer Mexiko zu scheitern drohte, hinderte sie ihn daran. Vergeblich bat sie in Europa und beim Papst um Hilfe. Mit ihrem Anliegen erfolglos, verfiel Charlotte dem Wahnsinn.
Die Wiener Begleiterinnen hätten nach der Ankunft von mexikanischen Damen abgelöst werden sollen, doch verzögerte sich die Abreise. Paula Kollonitz' im Todesjahr Maximilians erschienene Reiseerinnerungen erwiesen sich als Bestseller. Schon nach vier Wochen erschien die zweite Ausgabe. Das Buch wurde auf Englisch (4 Auflagen), Italienisch und Holländisch übersetzt. Für die Hofdame war die sechswöchige Schifffahrt keine Lust- sondern eine anstrengende Dienstreise. Von Seekrankheit geplagt, absolvierte sie ein dichtes, standesgemäßes Programm. Schon beim ersten Zwischenstopp in Rom (mit Papstbesuch) berichtete sie von "allen Gräueln eines officiellen Lebens". Die nächsten Stationen waren Gibraltar, Madeira und Martinique. Die Autorin ließ sich von der Natur bezaubern und beurteilte die indigene Bevölkerung meist wohlwollend als edle Wilde. Die Begegnung mit der fremden Welt muss ein massiver Kulturschock für sie gewesen sein.
In meinen Regenmantel gehüllt, stand ich auf dem Verdeck, begrüßte die Berge Afrikas, den herrlichen Felsen von Gibraltar und die dunkelgrünen Wellen des Ozeans, die sich scharf abgrenzten vom blauen Mittelmeer. … Erst im Süden weiß man, was ein Garten ist … Üppig wild blüht hier alles durcheinander, spottet der ordnenden Hand und entfaltet sich zu einer Größe und Vollkommenheit, die all unser gewohntes Maß überschreitet. Die Besichtigung von Madeira fiel der Besucherin zu kurz aus, weil die Majestäten die Blumeninsel schon kannten, Kaiserin Elisabeth hatte dort mehrere Monate gelebt. Nie sah ich so herrliche Rosen … alles jubelte in mir vor hohem Entzücken! Enttäuscht war sie hingegen von den Madeirern: Die Eingeborenen tragen ein so trauriges Gepräge von moralischer und physischer Vollkommenheit … ein so erbärmliches, affenartiges Aussehen, dass der Kontrast mit der übrigen, so reich ausgestatteten Natur ein gar trauriger ist. Doch nutzte die Reisegesellschaft ihre Dienste: Wir setzten uns in kleine unbespannte Strohschlitten, einige Eingeborene hockten rückwärts auf, leiteten das Gefährt mit Fußstößen und mit Blitzesschnelle, wie von Eisbergen rutschten wir in zehn Minuten den tausend Meter hohen Berg herab. … Mit dem Abschied von Madeira begann erst der volle Ernst der Reise. Erheiterung brachte die Sitte der Matrosen, (die)… als Neptun, Amphitrite und andere Meeresgötter und Göttinnen maskiert erschienen … und versprachen den Ungetauften ihren Segen, worauf das Signal zu einem allgemeinen Überschütten und Bespritzen gegeben wurde, wovon nur die Damen gänzlich verschont blieben.
In Martinique unternahmen einige Mutige eine Fußexpedition in den Urwald. Während Melanie Zichy-Metternich teilnahm, doch stellenweise getragen werden musste, blieben Kaiserin Charlotte und Paula Kollonitz zurück. In Jamaica besuchte man die als Piratennest berüchtigte Hafenstadt Port Royal und die Hauptstadt Kingstone, wo es der Gräfin - mit Ausnahme der "übermächtig herrlichen" Natur nicht behagte: … sieht von der Entfernung sehr schön aus, ist aber in der Nähe ekelhaft schmutzig … Die Schönheit der Vegetation lässt sich nicht schildern.
In Veracruz sah der Kaiser seine neuen Untertanen, die ihm einen "äußerst kühlen Empfang" bereiteten. Nur wenige kamen zur Begrüßung, auch die Damen, die den Wiener Hofstaat ablösen sollten, waren nicht erschienen. Sie fürchteten das Gelbfieber, das in einem der damals ungesundesten Orte der Welt zahlreiche Opfer forderte. Mit der von den Franzosen gebauten Bahn ging es weiter über Sümpfe, durch Einöden, in welchen man nur verkrüppeltes und versengtes Gestrüpp und einzelne Kaktusstauden erblickt. Bei der Endstation fehlte es an Unterkunft und Beförderungsmitteln. Zumindest die Majestäten hatten ein solid gebautes englisches Reisecoupé, das sie unversehrt in die Stadt Mexiko brachte. Wir waren im Beginne der Regenzeit … Kultiviert ist dort nichts, alles Urwald … Doch wurden uns von allen Seiten Hindernisse aufgetürmt. Der Guerillaführer Diaz lauerte in einem Versteck, um den Kaiser zu überfallen - Militäreskorten konnten das verhindern.
Die beiden Riesen, Popokatepetl und Iztazzihuatl, zwischen sechzehn- und achtzehntausend Fuß hoc , lagen vor uns … Endlich lag die Stadt La Puebla de los Angeles vor uns … die beim Eintritt in dieselbe nur Trümmer zeigte. … Trotzdem ist Puebla eine sehr anziehende Stadt und ihre Architektur ist bei weitem schöner und eigentümlicher als die von Mexiko, sie ist auch reinlicher gehalten. … Die bevorstehende Ankunft des Kaiserpaares hatte nun alle Tätigkeit in Anspruch genommen, überall wurden Triumphpforten errichtet, Kirchen und Häuser geschmückt, allerlei Vorbereitungen getroffen.
Endlich … erblickt man Mexiko … eine schönere, imposantere Lage hat wohl keine Stadt der Welt - wenn auch in verwahrlostem Zustand. Könnte ihre Pracht einfallen, würde sie Paris und St. Petersburg in den Schatten stellen, meinte Paula Kollonitz. Im Palast herrschte große Unordnung, weil man an der Ankunft der Herrschaften gezweifelt hatte. Beim feierlichem Einzug des Kaiserpaares wurde dieses von einer großen Menschenmenge "sehr herzlich" begrüßt. Das Kaiserappartement fand die Gräfin "äußerst geschmacklos". Wie sie schildert, war die Kaiserin "über alles entzückt", während etliche Diener "in dumpfer Verzweiflung" gleich nach Europa zurückwollten. Die Gräfin beschreibt die Sehenswürdigkeiten der Stadt und ihrer Umgebung und das Alltagsleben der Bevölkerung. Sie kommentiert die Rolle des unglücklichen Kaisers, der sich rasch zur Besichtigung seines Reiches aufmachte und sich bald Intrigen gegenübersah.
Im November 1864 nahm Paula Kollonitz Abschied von Mexiko und kam nach abenteuerlicher Fahrt vor Weihnachten in Europa an. Sie schließt ihr Buch: Die nun beendete Reise bleibt die schönste Erinnerung meines Lebens. … Die Welt ist doch schön! Wer es kann, der gehe und bewundere sie. 1873 heiratete die Autorin den Belgier Felix Eloin, der dem Stab Kaiser Maximilians angehört hatte, und übersiedelte mit ihm nach Brüssel. Die Ehe verlief nicht glücklich. Paula Eloin residierte wieder in Österreich, wo sie 1890 starb.
