unbekannter Gast

Uschi Korda: Glücklich wohnen#

Bild 'Korda'

Uschi Korda: Glücklich wohnen. Wiener Alltag im Wohnpark Alt-Erlaa. Mit Fotografien von Harald Eisenberger. Molden Verlag Wien. 192 S., ill., € 30,-

Der Wohnpark Alt-Erlaa, eine der größten Wohnanlagen Österreichs, feiert den 50. Geburtstag. Vor zehn Jahren ist ihr Architekt Harry Glück (1925-2016) verstorben. Gute Gründe, der "Wiener Erfolgsgeschichte" einen repräsentativen Jubiläumsband mit doppelsinnigem Titel zu widmen. Verfasst hat ihn die "Menschenzeichnerin" Uschi Korda, die Fotos stammen vom international tätigen Harald Eisenberger.

Der Wohnpark liegt im Süden Wiens, im 23. Wiener Gemeindebezirk Liesing. An der Grenze von Inzersdorf und Atzgersdorf verwirklichte Harry Glück seine sozialreformerisch-utopische Idee des gestapelten Einfamilienhauses. Die Stadt in der Stadt gilt als Komplex mit hoher Wohnqualität, viel Grün und gleichzeitig effizienter Nutzung des städtischen Raums. Außergewöhnliche Freizeiteinrichtungen stehen den BewohnerInnen zur Verfügung. Bis zum 12. Stockwerk verfügen die Wohnungen über geräumige Terrassen, die wie ein eigener Garten bepflanzt werden können. Zuvor hatte Harry Glück eine Vielzahl von Großprojekten realisiert, man spricht von 18.000 Wohnungen.

Nun sollte ein gesellschaftspolitisches Experiment gestartet werden, die "Gemeinnützige Wohnungsaktiengesellschaft Wohnpark Alt-Erlaa" (AEAG). Mit dem Erwerb einer Wohnung wurde man Aktionär und erhielt ein Mitspracherecht. "Wohnen wie die Reichen - für alle" lautete das Motto des Glück-lichen Wohnens. Nach soziologischen Studien ist der Stolz auf einen Wohnort ein wesentlicher Faktor für die Identifikation, wodurch sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln kann. Im Vorzeigeprojekt an der Peripherie tragen mehr als 30 Clubs und Vereine dazu bei. Das Angebot ist breit gefächert, u. a. Kinder- und Jugendprogramme, Kreativwerkstätten, Tanz, Sport - darunter der größte Tischtennisverein Österreichs - Musik und Seniorenclub.

In der "mutigen Vision" ist die Wohnzufriedenheit mit 97 Prozent extrem hoch. Als wichtigste Qualitäten gelten die "Big Five", die Bürgermeister Michael Ludwig einleitend aufzählt: Funktionalität, Qualität, Leistbarkeit, Durchmischung und Einzigartigkeit. Die Infrastruktur wirkt perfekt: Grünflächen, 2800 Garagenplätze, direkter Zugang zur U-Bahn, Kirche, Kaufpark, Ärztezentren, Kindergärten, Schulen etc.. Dass sich ein Generaldirektor und ein Handwerker in der Badehose … hoch oben am Pool am Dach von Alt-Erlaa treffen, mag zu den Mythen zählen, deren Spuren Uschi Korda folgte. Tatsache ist, dass sieben Dachbäder, ebenso viele Schwimmhallen, 21 Saunen, zwei Solarien und viele verschiedene Sport- und Spielplätze zur Verfügung stehen. Einige weitere Fakten: 3 Wohnblöcke, 9000 BewohnerInnen, 3182 Wohnungen, 35 Grundrisstypen, 24 Stiegen, 23 bis 28 Stockwerke. Baubeginn 1973, Fertigstellung 1976 bis 1985.

Wilhelm (Die Autorin nennt nur die Vornamen der BewohnerInnen) konnte sehen, wie sich … die Weizenfelder vor seinen Fenstern langsam in 100 Meter hohe Wohntürme verwandelten. Der Flugwettertechniker ist einer von 50 "Wohnparklern", die der Autorin vom Leben dort erzählten. Zuvor lässt sie sechs Männer zu Wort kommen, "die den Wohnpark am Laufen halten". Betriebsleiter Peter Pausackl ist neben Budget und Wirtschaftlichkeit für die 120 Personen verantwortlich, die den reibungslosen täglichen Betrieb ermöglichen. Das Team sorgt für die Erhaltung und versucht, die Kriminalitätsrate möglichst gering zu halten - Vorteile, die in Satellitenstädten keinesfalls selbstverständlich sind. Tobias Fink leitet die Haustechnik. Auf sein "Team thermische und energetische Sanierung" kommt eine Mammutaufgabe zu. Der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen erfordert die Nutzung von Erdwärme und Wärmerückgewinnung, außerdem werden 24000 Türen und Fenster ersetzt. Anton Herlt, der pensionierte Chef der Hausarbeiter, hat in Tobias Schönauer als Leiter Hausbetreuung, Kundencenter und Mitarbeiter des Teams Brauchbarmachung einen kompetenten Nachfolger gefunden. Der Hausbetreuer Stefan Gierolla, ein gelernter Maler und Anstreicher, stieg bald zum Techniker auf. 15 Jahre lang war er für die Bad- und Fitnessbereiche zuständig. In die Kompetenz des Gärtners Johann Gangl fallen die Grünanlagen aller GESIBA-Bauten. Drei Gärtner betreuen in Alt-Erlaa 12 Hektar Grünflächen, was fast der doppelten Fläche des Stadtparks entspricht. Im letzten halben Jahrhundert hat sich im Hinblick auf Ökologie und Klimawandel einiges geändert. So setzt man jetzt nur noch einheimische und windresistente Bäume.

Im umfangreichen Interviewteil kommen Handwerker, wie im viel zitierten Bonmot, selten zu Wort. Dafür Menschen mit interessanten Biographien, besonders jene, die sich in Wiens größter WG zum Wohl aller engagier(t)en. Zu den "Erstbewohnern", die noch die Baustelle erlebten, gehört Christa, die Schauspiel und Musik studiert hatte. Sie gründete den Kirchenchor, rief einen Kinder- und Jugendchor ins Leben und veranstaltet noch heute Konzerte. Die Turniertänzer Susanna und Anton haben den Alt-Erlaa Tanzklub gegründet, der jetzt 83 Mitglieder zählt. Gerlinde leitete die Volkshochschule in Liesing und wirkt im Wohnpark als Sporttrainerin. Lisi managt den Kinder- und Jugendclub, in dem 150 Familien Mitglieder sind. Ihr Bub ist im "Ju Jitsu-Ryu Tsunam Alt-Erlaa- Club" aktiv, der jüngst österreichischer Vizemeister wurde. Die Facebookgruppe mit 3000 Mitgliedern verdankt Maria ihre Existenz. Sie sagt: Alt-Erlaa ist wie ein eigenes Dorf in der Stadt. Hier fehlt es an nichts. Heinz, Chef der EDV bei der Gemeinde Wien, konnte seine Kontakte zu Elektronikfirmen nützen, um das Projekt "Wohnpark-TV" (WPTV) zu etablieren. Inzwischen ist sein Kabelfernsehen, "der älteste noch existierende offene Kanal des Landes", auch im Internet vertreten. Nachrichten über den Wohnpark, Gottesdienstübertragungen aus der eigenen Kirche und Initiativen des Mieterbeirats stehen auf dem Programm. Aus einer solchen ist das WPTV auch entstanden. In den 90 er Jahren sollte die Hausbetreuung ausgelagert werden. Nachdem alle via TV über die Pläne erfahren hatten, die ihre Lebensqualität beeinträchtigt hätten, blieb das hauseigene Serviceteam.

Dessen Effizienz wird von den derzeitigen BewohnerInnen ebenso geschätzt, wie von ehemaligen - etwa Thomas Brezina. Mit 70 Millionen verkauften Büchern zählt er zu den erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuchautoren weltweit. Brezina zog 1985 ein und blieb vier Jahre. Ich habe … wie in einem Elfenbeinturm in völliger Stille gelebt, erinnert er sich gerne. Vor allem aber fielen die Lästigkeiten des Alltags weg … das stimmt die Menschen friedlich und nimmt den Stress.

Eine wesentliche Rolle im Zusammenleben spielt der Mieterbeirat, in dem man Beschwerden und Anregungen bespricht. Einstimmige Beschlüsse trägt der Obmann dann der Hausverwaltung vor. Derzeit ist der emeritierte Universitätsprofessor Manfred Obmann. Er denkt an legendäre Feste auf den Gängen, bei denen man bis zum Morgengrauen beisammensaß, um zu besprechen, wie man die Welt im Kleinen und im Großen verbessern könnte.

Vieles davon ist geschehen, doch die damals größte nicht-kommunale Wohnbauanlage ist in die Jahre gekommen und steht vor neuen Herausforderungen. Das europaweit einzigartige Leuchtturmprojekt "weg vom Gas, nur noch Erdwärme" steht an. Die Arbeiten werden bei laufendem Betrieb durchgeführt und sollen pro Wohnung nur einige Tage dauern. In einer Musterwohnung kann man sich über den Ablauf informieren. Die Verantwortlichen haben am Erfolg keine Zweifel. Der "Goldstandard des sozialen Wohnbaus" (Bürgermeister Michael Ludwig) dürfte in Alt-Erlaa für weitere Jahrzehnte erhalten bleiben.

hmw