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Günther Marchner: Land in Sicht#

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Günther Marchner: Land in Sicht. Zukunftsräume für Regionen im Umbruch. Anton Pustet Verlag Salzburg. 152 S., € 24,-

In Österreich leben mehr Menschen in ländlichen Regionen (39 %) - mehr als im EU-Durchschnitt - als in Städten (35 %). Regionen sind nicht "fix", sondern werden von Vorreiterinnen, Pionieren, Interessensgruppen und Managements beeinflusst, gemacht, neu erfunden, schreibt Günther Marchner. Ebenso wenig gibt es "das Land" als homogenen Raum, das typische Dorf oder "den" Bauernhof.

Der Autor - Historiker, Politikwissenschaftler und Organisationsentwickler - weiß, wovon er spricht. Günther Marcher, geboren 1962 in Bad Aussee, aufgewachsen auf einem Nebenerwerbsbauernhof im steirischen Salzkammergut, bewegt sich zwischen verschiedenen Welten. Er lebt in "Multilokalität" und mehreren "Heimaten". Was ihn zum Schreiben bewegt, ist seine Leidenschaft für Geschichte und für aktuelle Zustände von Städten und Regionen. Er ist überzeugt: Für seine Zukunft braucht der ländliche Raum nicht mehr von dem, was gemeinhin mit ihm verbunden wird, wie zum Beispiel "Tradition" … und "Identität". Er benötigt im Gegenteil mehr von dem, was gemeinhin dem urbanen Raum zugeschrieben wird: Vielfalt, Chancengleichheit, Offenheit und mehr Zugang zu Wissenschaft und Technologien.

In Bad Mitterndorf hat der Autor die Boom-Phase der 1960-er und 1970-er Jahre hautnah miterlebt. Mitte der 1980er-Jahre begann die Kritik am Massentourismus und die Erfindung des "sanften Tourismus". Inzwischen weiß man: Für eine Tourismusregion sollte es nicht nur um Umsätze und Nächtigungszahlen gehen, sondern um "Wertschöpfung und Wertschätzung". Beispiele dafür hat der Autor am Kärntner Weißensee - wo man durch die verzögerte Entwicklung aus den Fehlern anderer lernen konnte - in Osttirol und in den Bergsteigerdörfern gefunden.

Rund 87 % der Fläche Österreichs werden land- und forstwirtschaftlich genutzt. Die Anzahl der Betriebe nimmt ständig ab, von 240.000 im Jahr 1995 auf rund 100.000 drei Jahrzehnte später. 3 % der Bevölkerung sind in diesem primären Sektor tätig. "Wachsen oder Weichen" scheinen die einzigen Alternativen. Abhängigkeiten, Kostendruck und Verschuldung lassen kaum anderes zu. Doch gibt es Auswege. Günther Marcher hat Beispiele gefunden, wie Hofladen, Direktvermarktung oder ökologische Landwirtschaft. Salzburger Bergbauern gründeten 1979 die Tauernlamm-Genossenschaft. Seither verkaufen sie nicht über den Zwischenhandel, sondern über direkte Vertriebswege wie Märkte oder Gastronomie.

In den alten Dörfern gab es nicht nur Landwirtschaft, sondern auch Handwerk und Gewerbe. Wenn Handwerksbetriebe bereit sind, sich neue Kompetenzen anzueignen, etwa Kommunikationstechnik, Marketing, Design oder Service, bieten sich ihnen Entwicklungschancen. Die technologische Transformation und der Anstieg an Ein-Personen-Unternehmen haben Coworking Spaces, Maker Spaces (offene Werkstätten) und Hubs (Kreativzentren) hervorgebracht. … Sie bieten Zugang zu gemeinsamer Infrastruktur, fördern Austausch und Vernetzung und geben Impulse für eigene Ideen und neue Gründungen. Außerdem helfen sie, Leerstände zu vermeiden und Ortskerne zu beleben.

Der Verlust lebendiger Ortszentren wird oft beklagt. Man spricht vom "Donut-Effekt": die Mitte bleibt leer, die Geschäfte sperren zu oder wandern in neue Einkaufszentren in der Umgebung ab. Gasthaus, Schule, Bank und Post schließen. Gefragt wären aber, um im Bild zu bleiben, saftige Krapfen mit schmackhafter Fülle. Wie Baukultur die Ortskerne stärken kann, zeigt der Verein "Landluft". Diese Initiative ging von der TU Wien aus und vergibt Baukulturpreise. Als Vorbilder revitalisierter Zentren gelten die Salzburger Umlandgemeinde Thalgau und die obersteierische Stadt Trofaiach, wo sich ein Innenstadtkoordinator um die Entwicklung kümmert.

Der Sektor "Creative Industries" umfasst in Österreich 13 % aller Unternehmen, meist in urbanen Ballungsräumen und zu drei Viertel als Einpersonenfirmen. Die Zukunft ländlicher Regionen wird auch davon abhängen, an diesen Sektor anzuknüpfen … Kreativwirtschaftliche Kleinstunternehmen brauchen … geeignete Infrastrukturen, eine gute Vernetzung mit Ballungsräumen sowie ein offenes kreatives Milieu. Die technischen Voraussetzungen, wie Kommunikationsnetze, wären schon vorhanden. Die "Kraft neuer Kombinationen" ist noch ausbaufähig.

Als Paradebeispiel, vorhandene Traditionen und Stärken auf innovative Weise mit neuen Anforderungen zu verknüpfen, gilt der Bregenzerwald. Nirgendwo in Europa gibt es eine vergleichbare Dichte an Handwerksbetrieben. Seit 1999 fördert der "Werkraum Bregenzerwald" Leistungen von Handwerk und Baukultur. Die Plattform mit ihren rund 100 Mitgliedern, darunter 40 holzverarbeitende Betriebe, organisiert Ausstellungen sowie Wettbewerbe und betreibt Nachwuchspflege. Eine Besonderheit liegt in der Verbindung von Handwerk, Architektur und Design.

Auch altes Wissen kann zum Zukunftspotential werden: Es geht um Rückbesinnung - Re-flexion - anstatt um ein nur blindes Nach-vorne-Schauen. Überlieferte Produktionstechniken und Organisationsformen können im Hinblick auf z.B. Ressourceneffizienz neue Aktualität erlangen. Ein Beispiel ist die "Arche Noah" in Niederösterreich. Die 1989 gegründete Initiative zur Erhaltung und Pflege bedrohter Kulturpflanzen zählt heute 17.000 Mitglieder und Förderer. Im Salzkammergut besinnt man auf historische Techniken der Holzrestaurierung oder den Bootsbau. Bauern demonstrieren Biokompostierung oder Pferdekraftnutzung. Eine Ernährungswissenschaftlerin hat sich mit dem Erfahrungswissen von Bäuerinnen beschäftigt und ein Institut für traditionelle europäische Heilkunde gegründet. Sogar für den Weltmarkt lässt sich mit kreativen Ideen auf dem Land produzieren: "Austrovinyl" stellt wieder Schallplatten her. DesignerInnen, BeraterInnen und andere Kreative haben sich als "Creative Industries Styria" zusammengefunden.

Der Autor hat viel Beispielgebendes entdeckt, scharfsinnig Zusammenhänge und Voraussetzungen aufgezeigt. Doch nicht alle Initiativen sind erfolgreich. Menschen brauchen ein Netzwerk und Angebote, damit sie sich zu Hause fühlen können. Das Ankommen gelingt nicht allen "Zuagroasten". Viele wollen sich einbringen, ihre Ideen werden aber von den Ortsansässigen nicht angenommen. Ein Beispiel für Spannungsverhältnisse, die in Perspektivenlosigkeit führen, lieferte die Kulturhauptstadt Bad Ischl-Salzkammergut 2024 … zwischen urbaner Arroganz und ländlichem Traditionalismus blieb nicht viel Platz für zukunftsweisende Perspektiven.

Günther Marchner sucht und findet weiter Perspektiven, vor allem solche "mit öffentlichem Rückgrat." Zusammenfassend stellt er fest: Eine gut ausgestattete Infrastruktur für Mobilität, Daseinsvorsorge sowie für zukunftsweisende Wirtschaftsentwicklung und Erwerbsmöglichkeiten bildet das öffentliche Rückgrat für zukunftsfähige ländliche Räume. Gerade darin liegt eine wichtige parteiübergreifende Aufgabe: Lösungen zu entwickeln, die sich an den tatsächlichen Herausforderungen orientieren - jenseits von Mythen, Ideologien und gewohnten Vorstellungen.

hmw