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Mateusz Mayer: Canaletto & Bellotto#

Bild 'Canaletto'

Mateusz Mayer: Canaletto & Bellotto. Beobachtung und Erfindung in Venedig, London und Wien. Verlag Hirmer, München, Kunsthistorisches Museum Wien. 192 S. ill., € 40,- (Auch in englischer Sprache lieferbar)

Der "Canaletto-Blick" vom Belvedere ist viel zitiert, wenn in Wien von Stadtbildpflege die Rede ist. Bernardo Bellotto, der sich auch Canaletto nannte, malte "Wien vom Belvedere aus gesehen" 1759/60. Das 135 mal 213 cm große Ölgemälde zählt zu den Schätzen des Kunsthistorischen Museums. Von März bis September 2026 bildet es ein Highlight der Ausstellung "Canaletto & Bellotto". Das großartige Buch ist der Begleitband dazu. Außer allen perfekt reproduzierten Gemälden zeigen die Illustrationen Details, die tiefen Einblick in das Schaffen und Denken von Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, geben.

Der Kurator und Autor Mateusz Mayer schreibt: Im Europa des 18. Jahrhunderts war diese Art von Stadtansicht oder veduta äußerst beliebt und der Name "Canaletto" wurde zu einem Synonym dieser Bildgattung. Doch es mag verwirren, dass nicht nur ein, sondern zwei Künstler diesen Namen verwendeten. Der erste ist Giovanni Antonio Canal (1697-1768), bekannt als der eigentliche Canaletto. Der zweite ist sein Neffe und Schüler Bernardo Bellotto (1722-1780), der vor allem für Ansichten von Dresden, Wien und Warschau berühmt ist. Er übernahm den Namen seines Onkels, indem er einige Werke mit "Bernardo Bellotto genannt Canaletto" signierte. Bellotto tat dies gewiss nicht nur , um seine künstlerische Verbindung zu seinem berühmten Verwandten zu unterstreichen, bei dem er gelernt hatte, sondern auch zur Steigerung seines eigenen Marktwertes.

Beide Künstler kamen aus Venedig, der Stadt, die man La Serenissima, die Durchlauchtigste, nannte. Giovanni Antonio Canal entstammte der angesehenen Gesellschaftsschicht cittadini originari, die direkt unter dem venezianischen Patriziat stand. Er hat die Bildgattung der Stadtansichten nicht erfunden, doch Canalettos brillante, gestochen scharfe und architektonisch präzise Kompositionen waren einzigartig und erwiesen sich als die begehrtesten Veduten des 18. Jahrhunderts. Obwohl er die Camera Obscura - eine dunkle Kammer, in der eine Szene von außen durch eine Linse auf eine ebene Fläche projiziert wurde - verwendete, blieb viel Raum für künstlerische Freiheit. Er kombinierte Elemente aus verschiedenen Blickwinkeln und änderte das Reale so ab, dass es einem Ideal entsprach. Seine Malweise verbindet Beobachtungen aus erster Hand mit mechanischer Erfassung … gefiltert durch seine ganz eigene Bildsprache. Canaletto beschäftigte Gehilfen, darunter seinen Neffen Bernado Bellotto, der als Dreizehnjähriger in die Werkstatt eintrat. Er übernahm die Arbeitsmethoden seines Onkels, entwickelte seine eigene künstlerische Sprache und wurde mit 16 Jahren Mitglied der Malerzunft Fraglia. Wie Canaletto schuf er zunächst Venedig-Veduten.

Nachdem in den 1740-er Jahren die Nachfrage kriegsbedingt zurückging, verlagerten Canaletto und Bellotto ihre Tätigkeit in andere europäische Städte. Der Onkel übersiedelte nach London und blieb neun Jahre. Der Neffe zog nach Dresden, wo er zum Hofmaler avancierte und elf Jahre tätig war. Eine Gruppe großformatiger Werke zeigt Ansichten der Stadt und ihrer Umgebung. Erstmals findet sich auf dem Bild "Dresden vom rechten Elbufer" die Inschrift Bernardo Bellotto/detto Canaleto. 1759 begann das zweijährige Wiener Intermezzo. Bellotto fand Förderer wie Reichsfürst Wenzel Anton Graf Kaunitz-Rietberg oder Fürst Joseph Wenzel von Liechtenstein. Aus dieser Zeit sind zehn größere Gemälde von Schlössern und Gärten und sechs kleinere Veduten erhalten.

Wien erlebte nach der osmanischen Belagerung von 1683 einen regelrechten Bauboom. In den Vorstädten entstanden Adelspaläste oft von Stararchitekten des Barock entworfen. Das nicht mehr bestehende Palais Kaunitz (im heutigen Esterhazypark) hatte der Staatsmann umgestalten lassen. Man erkennt den an der Balustrade lehnenden aufgeklärten Diplomaten - das erste Mal in Bellottos Oevre, dass ein Mäzen so prominent in Szene gesetzt - und von weiteren Staffagefiguren begleitet wird. Ähnlich repräsentativ gruppiert der Künstler die Herrschaften beim Gartenpalais Liechtenstein in der Rossau. Bei der Ansicht von Osten sind es ein adeliger Herr und zwei Damen. Beim Gegenstück dürfte es sich um den Fürsten und seinen Pagen Angelo Soliman handeln. Das Palais war ein Meilenstein moderner Wiener Architektur … Bellottos Ansichten wurden von Joseph Wenzel von Liechtenstein in Auftrag gegeben, einem angesehenen Staatsmann und Kunstmäzen. … Die Ansicht von Osten lenkt den Blick über das Parterre hinweg zu Fischer von Erlachs "Belvedere". Dahinter setzt sich die Sichtachse bis zur neuen Vorstadt Lichtental … und weiter bis zum Kahlenberg fort. Das Gegenstück stellt die Gartenfassade dar. Die Architektur und das Parterre mit seinen Statuen erstrahlt im Sonnenlicht, kontrastiert durch Bellottos charakteristische tiefe Schatten. Hinter dem Palais entfaltet sich die Silhouette Wiens.

Für das Kaiserpaar malte Bellotto zwei monumentale Ansichten von Schloss Schönbrunn, eine Sequenz von sechs Stadtansichten sowie Darstellungen von Schloss Hof, weiß Mateusz Mayer. Bei der panoramaartigen Ansicht Wien vom Belvedere aus zeige sich der empirische Realismus des Künstlers. Mit der Zusammenschau von Palästen, Gärten, Kirchtürmen und modernen Sternwarten fasst das Panorama beinahe das gesamte Spektrum des bürgerlichen, religiösen und wissenschaftlichen Lebens in Wien zusammen. Doch um eine dramatischere Wirkung zu erzielen, brachte Bellotto … subtile, aber bewusste Verzerrungen in Maßstab und Proportionen ein. … Türme und Kuppeln wurden enger zusammengerückt, ihre Vertikalität scheint übertrieben, sodass die Stadt dichter und monumentaler erscheint … es präsentiert Wien als eine idealisierte Weltstadt, kommentiert Mateusz Mayer den berühmten Canaletto-Blick. Das Bild zeige auch Canalettos Sinn für Inszenierung. Die Adeligen, die die Schönheit der Parks genießen, sind nicht allein abgebildet, Gärtner fungieren als Staffagefiguren, wie auf anderen Bildern Marktfrauen, Arbeiter oder Bettler. Vorbilder lieferten u.a. die "Kaufruf"-Kupferstiche des Akademieprofessors Johann Christian Brand. Alle Personen sind theatralisch komponiert. Eine in helles Sonnenlicht getauchte Stadt … auch wenn im Schatten Arbeit, Zwang und Armut fortbestehen. Solche pointierte Meditation über Kontraste bieten auch die Veduten, die Dominikanerkirche, Universitätsplatz, Freyung, Mehlmarkt und Lobkowitzplatz darstellen.

Etwa gleichzeitig entstanden um 1760 drei Ansichten von Schloss Hof. Eine Generation vorher hatte Prinz Eugen von Savoyen die ursprüngliche Befestigungsanlage von Johann Lucas von Hildebrandt zu einer weitläufigen Residenz mit Terrassengärten umbauen lassen. Damit schuf der Feldherr und Kunstmäzen Arbeitsplätze für Hunderte Handwerker und zurückkehrende Soldaten. 1755 erwarben Franz Stephan und Maria Theresia das noble Anwesen. Es war Schauplatz glänzender Feste, Jagdschloss und Witwensitz. Die wohl eindrucksvollste der Schloss Hof-Ansichten ist Bellottos Blick auf die Gartenseite. Von einem erhöhten Standpunkt oberhalb des hexagonalen Bassins aus überblickt das Gemälde die fünf Terrassen des Gartens. Besonders bei der Ansicht des Ehrenhofes tritt die Staffage - von Adeligen bis zu ärmlich gekleideten Gestalten - ungewöhnlich prominent hervor.

Als Bellotto erkannte, dass er keine Anstellung am Wiener Hof erhalten würde, übersiedelte er nach Deutschland. Dresden war durch den Siebenjährigen Krieg verwüstet, künstlerisches Arbeitsmaterial im Wert von 50.000 Talern verloren, doch traf der Künstler seine Familie gesund an. 1768 zog er mit ihr nach Warschau, trat als Hofmaler in den Dienst des Königs Stanislaw II. , und blieb es bis zu seinem Tod 1780. Hier endet die 57 Katalognummern umfassende Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien. Das Buch mit 67 Abbildungen spannt den Bogen zwischen dem Schaffen von Canaletto und Bellotto in Venedig in den 1730-er und 1740-er Jahren bis zur Architekturphantasie mit Selbstbildnis in den Roben eines venezianischen Edelmannes (um 1765). Diese Demonstration künstlerischer Virtuosität bringe Bellottos Anspruch auf künstlerische Autonomie zum Ausdruck. Die Betrachter lesen ein Horaz-Zitat: "Malern wie Dichtern stand stets das gleiche Recht zu, alles zu wagen."

hmw