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Rainer Metzner: Mit Feuereifer und Engelszungen#

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Rainer Metzner: Mit Feuereifer und Engelszungen. Kleines Lexikon deutscher Wörter biblischer Herkunft. C. H. Beck Paperback. 221 S., € 16,-

Kein literarisches Werk hat die deutsche Sprache so beeinflusst wie die Bibel. Bei vielen der "geflügelten Worte" ist ihre Herkunft meist nicht mehr bewusst. Der evangelische Theologe Rainer Metzner hat für sein kleines Lexikon rund 280 in der Umgangssprache verankerte Wörter, Redewendungen und Zitate ausgewählt. Jedem - von "A und O" bis "Zweig" - widmet er einen kurzen, prägnanten Abschnitt. Bei jedem erfährt man nicht nur Wissenswertes über die Herkunft (mit genauer Angabe der Bibelstellen), den historischen Kontext, die Verwendung in der Kunst und Literatur etc. Dabei haben auch humorvolle Anmerkungen ihren Platz.

Als Pastor hat sich der Autor am reichen Schatz der Lutherbibel bedient. Als Privatdozent stellt er eine umfangreiche Einleitung voran - ebenso wissenschaftlich wie angenehm lesbar. Martin Luther (1483 -1546 hat für die Verbreitung der neuhochdeutschen Schriftsprache eine bestimmende Rolle gespielt … ein volkssprachliches Buch, das bis heute eine von keinem anderen deutschen Buch eingeholte Wirkung erzielt hat. Oft war die Lutherbibel das einzige Buch im Haus, daher gemeinsam mit der Liturgie für lange Zeit ein Sprachvorbild. Über dreihundert Jahre lang im Wortlaut nahezu unverändert, war sie maßgebliche Schullektüre, prägte als Wiedergebrauchsrede das Sprachempfinden von Generationen von Menschen.

Für die Übersetzung des Neuen Testaments brauchte der Reformator 1522 nur elf Wochen, die Übersetzung des Alten Testaments dauerte länger (1534-1545) und war ein Teamwork mehrerer Wissenschaftler aus Wittenberg. Zugrunde lagen die Originalsprachen Hebräisch und Griechisch, nicht die im Mittelalter übliche lateinische Vulgata. Luther wollte "dem Volk aufs Maul sehen", also der gesprochenen Sprache nahekommen, so wörtlich wie möglich, so frei wie nötig, mit "einfachen volkstümlichen Redensarten" statt "Hof- und Schlosswörtern". Dazu verwendete er überlieferte Sprichwörter (z.B. Denkzettel, Jammertal, sich ins Fäustchen lachen) ebenso wie Neubildungen (Neologismen), z.B. Feuereifer, Herzenslust, Lästermaul, Lockvogel, Morgenland oder Schandfleck.

Die Formel "A und O" (= das Wesentliche, Wichtigste, die Hauptsache) ist eine Buchstabensymbolik der Anfangs- und Endbuchstaben des griech. Alphabets (Alpha und Omega) … bezeichnet Gottes bzw. Christi Allmacht als Schöpfer und Vollender. Die feierliche Formel findet sich in Kirchenliedern und in der Literatur. Goethe reimte: "Und seid von Herzen froh; das ist das A und O".

Die Redewendung "Berge versetzen" ist eine Hyperbel für das Tun von scheinbar Unmöglichem (Wunder)…. "Berge versetzen" ist sonst nur Gott vorbehalten … Die Jesustradition stellt den Berge versetzenden Glauben über den Zweifel und Kleinglauben der Jünger Hingegen formuliert Marie von Ebner-Eschenbach in einem Aphorismus: "Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft."

Spr. 1,8-19 ist eine elterliche Lehrrede, die den Sohn vor dem Umgang mit Übeltätern warnt: "Mein Sohn, wenn dich die bösen Buben locken, so folge nicht (V.10)". Im hebräischen Original steht dort "Sünder". Gemeint sind nicht böse kleine Jungs, sondern mord- und raubgierige Verbrecher, die mit trügerischen Versprechungen locken. Zu Luthers Zeiten bezeichnete das Wort "Bube" einen niederträchtigen Menschen (vgl. Spitzbube). Sprichwörter parodieren: … "wenn dich die bösen Buben locken, bleib daheim und stopfe Socken."

Die Redensart "sich ins Fäustchen lachen" (= heimlich, schadenfroh lachen) ist schon vor Luther belegt, jedoch durch ihn bekannt geworden … Gemeint ist, dass einer hinter vorgehaltener Hand hämisch lacht, um seine wahre Gesinnung zu verbergen (Vgl. Ps. 41,7f., Nah. 3,19)

Der Ausdruck "Friedenstaube", der so nicht in der Bibel steht, lehnt sich an Gen. 8,11 an, wonach die von Noah ausgesandte Taube beim zweiten Mal mit einem frischen Olivenblatt im Schnabel zur Arche zurückkehrt. … Das Aussenden von Vögeln, um Land zu erkunden, geht vielleicht auf einen alten Schifffahrtsbrauch zurück. Eine Parallele liegt im Gilgamesch-Epos vor. … Die Taube mit dem Ölzweig ist ein beliebtes Kunstmotiv (Picasso, Le Corbusier, Mika Launis). In der Literatur: "Wehend fühl ich schon den Schlummer, mild wie eine Friedenstaube, mit dem Ölzweig in dem Munde, über meinem Haupte schweben." (Franz Grillparzer: Die Ahnfrau …)

Die seit dem 6./5. Jahrhundert v. Chr. (Konfuzius, Herodot) belegte ethische Maxime, im 16. Jahrhundert "Goldene Regel" genannt, ist ein klassischer Grundsatz universaler Weisheit … Die Bergpredigt kennt die positive Form: "Alles was ihr wollt, dass die Menschen euch tun, so tut auch ihr ihnen." … In der Literatur: "Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu! Lass die Gesinnung merklich sein, so ist der halbe Sieg schon dein" (Gottfried Keller: Parteileben…)

"Halleluja" ist ein liturgischer Ruf: "Lobet den Herrn" (hebr. "halal": loben, preisen, rühmen, und: "jah" Jahwe, Name des Gottes Israels). … Das Kirchenlied kennt ihn als Ausruf festlicher Freude ("Kommet ihr Hirten", "Christ ist erstanden"). Beliebt ist er in der Popularmusik (Leonhard Cohen: Hallelujah, 1984). Seit dem 19. Jahrhundert wird er auch im nichtchristlichen Kontext abgeflacht als emotionaler Ausruf verwendet im Sinn von "Wunderbar!, Gottseidank!, Endlich!, Geschafft!"

Die Wendung "Ein Kamel durch ein Nadelöhr" (= etwas Unmögliches) geht auf Mt. 19,24 par. zurück. "Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme." Das Rabbinische lässt einen Elefanten durchs Nadelöhr gehen. Später versuchte man aus dem "Kamel" (griech. kamélos) ein dickes Seil (griech. kamilos) zu machen oder das Nadelöhr auf ein niedriges Stadttor zu beziehen. Dieses ist aber archäologisch nicht nachweisbar.

Das "Lästermaul" (= Lästerer) geht auf Spr. 4,24 zurück. … "Lästermaul" (abfällig) ist derb. Luther hat "Lästermaul" (ähnlich "Lästerzunge") mit Vorliebe zur Bezeichnung von Schmäh- und Lügenrednern gebraucht, ist aber von Gegnern wie Thomas Müntzer auch selbst so beschimpft worden. Ein Sprichwort ist: "Wer einem Lästermaul das Ohr leiht, lästert mit."

Die Redewendung "auf keinen grünen Zweig kommen", (= keinen Erfolg, kein Glück haben) spielt auf Hi 15,32 an. … Die Redensart könnte auch auf ein altes Grundstücksrecht (Käufer erhielten ein Stück Rasen mit einem Zweig) oder auf das Turnierwesen (Sieger erhielten einen grünen Zweig) zurückgehen.

hmw