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Museumsmanagement Niederösterreich (Hg.): Mobile Dinge, Menschen und Ideen#

Bild 'Mobiles'

Museumsmanagement Niederösterreich (Hg.): Mobile Dinge, Menschen und Ideen. Stationen bewegter Geschichte (nicht nur)in Niederösterreich. 176 S., ill. € 26,40

Von der Jungsteinzeit bis ins 21. Jahrhundert reicht der Zeithorizont der hier dargestellten Mobilität. Das ansprechend gestaltete Buch (Layout: Sarah Wehinger) geht auf ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zurück. Sieben niederösterreichische Institute und Einrichtungen waren an dem dreijährigen Projekt (2019-2022) beteiligt. Mit den deutschen Universitäten von Frankfurt und Göttingen gab es gemeinsame Workshops. Die 17 Team-Mitglieder kamen aus den Fächern Geschichte (aller Epochen), Kunstgeschichte, Ethnologie und Sozialwissenschaften.

Unsere Quellen waren einerseits Objekte aus den Landessammlungen Niederösterreich sowie anderer Sammlungen auf dem Gebiet des Bundeslandes, andererseits aber auch Bild- und Schriftquellen sowie autobiographische Zeugnisse, die mit Dingen in Verbindung stehen. Den gemeinsamen Objektpool aller Themenbereiche bildete der "mobile Hausrat". … Das Bewusstmachen von "Kultur" als Grundlage gesellschaftlicher Identität wird erst durch das Bewusstmachen von Mobilität verständlich. Denn Mobilität gehört zu den Grundkonstanten menschlichen Daseins und ist somit aus historischer Sicht eine der wichtigsten individuellen wie gemeinschaftlichen Erfahrungen. Eine rein sesshafte Gesellschaft oder Gemeinschaft gab es nie, nicht einmal in der Jungsteinzeit, schreibt Martha Keil vom Institut für jüdische Geschichte in St. Pölten zur Einführung.

Als Beispiel jener Epoche dient die Siedlung Asparn-Schletz im Weinviertel - um 5500-4000 v. Chr., am Übergang von der Mittel- zur Jungsteinzeit - ein "bandkeramischer Zentralort." Franz Pieler, Julia Längauer und Daniela Fehlmann widmen ihm den Beitrag Scherbe, Stein, kein Papier. Das eindrucksvolle Foto eines rekonstruierten Langhauses bildet dazu den Einstieg. Die Analyse der Funde ergab eindeutig intensive Verbindungen und überregionale Beziehungen nach Nordosten, in den mährischen böhmischen und slowakischen Raum in einer Ausdehnung von 500 km Luftlinie. Sie verweisen auf die Ablöse zweier unterschiedlicher Mobilitätskonzepte. Die Funde kann man in den Sammlungen MuseumsZentrum Mistelbach und UrgeschichteZentrum (MAMUZ Erlebnismuseum und Wissenszentrum für Urgeschichte und historische Archäologie) bewundern.

Sammlungen sind das Herzstück jedes Museums. Besonders die alltagsgeschichtlichen Sammlungen enthalten jene Dinge, die ganz real bei Menschen in Verwendung waren. Jedes einzelne davon erzählt seine eigene Geschichte, schreibt Ulrike Vitovec, Geschäftsführerin des Museumsmanagements Niederösterreich. Niederösterreich ist das Bundesland mit den meisten Museen. In Neupölla befindet sich das Erste österreichische Museum für Alltagsgeschichte. Ein Ausstellungsteil betitelt sich "Pfarren und Gläubige". Im Buch trägt das Kapitel über Frömmigkeitsforschung den Titel Wearables. Der Begriff bezeichnet elektronische Geräte, die in Kleidungsstücke eingenäht sind. Karin Kühtreiber, Thomas Kühtreiber und Regine Puchinger-Spies finden Parallelen zu Devotionalien, die Katholiken von der frühen Neuzeit bis weit ins 20 Jahrhundert am Körper oder in der Kleidung trugen. Sie sollten helfen, Gebete zu übermitteln und in einer als brüchig erlebten Welt Segen garantieren. Die AutorInnen nennen religiöse Medaillen, Rosenkränze und kleine Andachtsbilder als Beispiele. Diese wurden häufig von Wallfahrtsorten mitgebracht und als Grabbeigabe verwendet. So ermöglichen die frommen Souvenirs Rückschlüsse auf das Pilgerwesen. Eine Karte zeigt Herkunftsorte von Böhmen bis Rom. Bruderschaften und Orden vertrieben Medaillen ebenso wie Devotionalienstände oder Wanderhändler. Damit ist es möglich, nicht nur die Mobilität dieser kleinen Dinge und ihrer BesitzerInnen, sondern auch von religiösen Ideen und deren TrägerInnen nachzuvollziehen.

Mehrere Kapitel sind Mode und Trachten gewidmet. Ulrike Vitovec und Annina Forster nennen ihren Beitrag Bewegte Mode. Kleidung aus dem Wald- und Weinviertel in den Sammlungen von Museen. Dabei konzentrierten sie sich auf Kleidungsteile, die tatsächlich in der Region getragen wurden. Im 19. Jahrhundert übten die Städte großen Einfluss auf ihr Umland aus. Stoffe, Schnitte und Muster wanderten "von Ort zu Ort, von Schneiderei zu Schneiderei". Damit entstand in ein Mix aus überregionalen und modischen Strömungen, die sich in den textilen Sammlungen widerspiegeln. Da sieht man "Hauben in großer Zahl", dirndlartige Kleider, städtische Modelle, auch seidene Braut- oder Bürgerkleider. Sogar die Arbeitskleidung einer Frau, die um 1900 als Stewardess auf einem Kreuzfahrtschiff tätig war, ist dabei. Abgetragenes Alltagsgewand ist eher selten. Von besonderem Interesse sind heute Stücke, deren persönliche Geschichte überliefert ist: Um 1900 kaufte sich eine Magd von ihrem Ersparten eine weiße Spitzenbluse. Das Kleidungsstück war für sie so kostbar, dass sie es sorgsam aufbewahrte aber kaum trug. Eine Nachfahrin überließ die gut erhaltene Bluse der Sammlung Wagner in Altmelon.

Mit Kleidermoden und Museumskleidern im Wald- und Weinviertel beschäftigt sich Reinhard Bodner. Er bereichert seinen Artikel mit Überlegungen zum Thema "Tracht": Zumindest teilweise war Tracht als Mode im Sinne der Aufnahme von Neuem wahrnehmbar. Sammelnd wurden "Wunschbilder und Idealisierungen von ländlicher Kleidung konstruiert." Beim Inventarisieren und Katalogisieren setzte sich die "museale Fixierung" fort… In Eggenburg wurde die Trachtenerneuerung vom Krahuletz-Museum in den 1930 er Jahren vehement gefordert. Es war nur noch ein kleiner Schritt zur Feldforschung der NS-Frauenschaft, um "Tracht" zu dokumentieren und zu erneuern. Die Resultate wirken teils bis heute nach: Es ging also nicht nur um Kleidungsgeschichte "an sich", sondern auch um "Geschichtsbekleidung": darum, wie das Historische in Museen und anderen öffentlichen Orten vorgezeigt und ausgeschmückt, eingehüllt und verborgen wird - und wie dabei mobile Dinge, Menschen und Ideen zusammenwirken.

Einer großen Gruppe von ÖsterreicherInnen war das Trachten-Tragen ab 1938 verboten. Ihnen widmet sich Merle Bieber in ihrem reich illustrierten Artikel "Koschere" Lederhosen, "jüdische" Dirndln. Das Tragen von Tracht als Repräsentation der Zugehörigkeit ? Sie schreibt: Aus der Zeit zwischen 1900 und 1938 und wieder vereinzelt nach dem Zweiten Weltkrieg sind Fotografien überliefert, die Niederösterreichische und Wiener Jüdinnen und Juden oder deren Nachkommen in Tracht oder Trachtenmode zeigen. Zu den prominenten Beispielen zählten der jugendliche Hugo von Hofmannsthal und seine Mutter (1882), Theodor Herzl mit seinen drei Kindern (1890), Sigmund und Anna Freud (1913) oder Arthur Schnitzler (1921). Das Interesse an Trachtenmode hing mit der Sommerfrische (für die man sich "landmäßig verkleidete") und besonders den Salzburger Festspielen zusammen. Rudolf Krommer, der Berater ihres Begründers Max Reinhardt, gilt als "Vermittler der Trachtenmode".

Philipp Mettauer widmet sich einem der düstersten Kapitel der Mobilität in jüngerer Zeit. In Der verschwundene Steyr XX und Schneeschuhe in Palästina geht es um "Arisierte" Dinge und Dinge des Exils mit Schwerpunkt St. Pölten. Schließlich führt der Artikel (Nicht) im Gepäck. Kleidung und andere notwendige Dinge: Mehr als Fluchtbegleiter ? in die Gegenwart. Anne Unterwurzacher, Veronika Reidinger, Dieter Bacher, Barbara Stefan und Richard Wallenstorfer nehmen auf zwei Fluchtbewegungen Bezug: deutschsprachige Vertriebene nach 1945 und die Flucht nach Österreich rund um das Jahr 2015. Für beide dienten autobiographische Erzählungen als Quellenmaterial. Objekte des "Museums auf der Flucht" waren bis zu dessen Umbau im Volkskundemuseum Wien ausgestellt. Kuratorinnen sprachen vom "Humus, aus dem eine neue Kultur entstehen kann."

hmw