Gabriele Reiterer: Anna Plochl#
Gabriele Reiterer. Anna Plochl. Landwirtin - Pionierin - Habsburgerin. Verlag Molden Wien. 240 S., ill., € 30,-
Anna Plochls Lebensbogen war einzigartig und unvergleichlich. Er begann mit der verklärten Alpensehnsucht eines habsburgischen Prinzen, deren Erfüllung er in Anna, dem Ausseer Bürgermädchen, zu finden meinte. … Das Wunschbild entpuppte sich schon sehr bald als mutige, tatkräftige Frau mit eigenem Willen, schreibt Gabriele Reiterer. Die international tätige Lehrbeauftragte und Wissenschaftsjournalistin rückt kompetent die kitschige Liebesgeschichte zwischen der Postmeisterstochter und dem Steirischen Prinzen zurecht. "Dabei lässt sie sich oftmals von jenen Zwischentönen leiten, die im wissenschaftlichen Denken keinen Widerhall finden …," liest man in Wikipedia über die Autorin. Als Quellen dienten ihr Briefe, deren Veröffentlichung erstmals von der Familie gestattet wurde.
Die Geschichte spielte sich in der "Sattelzeit" um 1800 ab. Die Französische Revolution (1789) bedeutete den Anfang vom Ende der feudalen Ordnung. Bis 1815 zogen die Napoleonischen Kriege die Habsburger-Monarchie schwer in Mitleidenschaft. Kaiser Franz II./I. legte daraufhin 1806 die deutsche Kaiserkrone nieder. Der letzte Kaiser des Heiligen Römischen Reichs regierte dann bis zu seinem Tod als Franz I. das Kaisertum Österreich. In seinen letzten Lebensjahren brachte der Wiener Kongress (1814/15) unter der Regie des Staatskanzlers Klemens Wenzel Lothar von Metternich die Neuordnung Europas. Der Kaiser vertraute ihm nicht nur die Politik an, sondern ließ sich auch in Familienangelegenheiten von ihm beeinflussen. So musste die Kaisertochter Marie Louise das "Monster" Napoleon heiraten.
Der Kaiser war - wie Erzherzog Johann und der Sieger von Aspern, Erzherzog Karl - eines der 16 Kinder des Großherzogs von Toscana und späteren Kaisers Leopold II. (1747-1792) und Maria Ludovica von Spanien. Sie pflegten, so die Biographin, eine harmonische Ehe und bürgerliche Sitten. Die Kinder wurden "gut und zärtlich" erzogen und beherrschten zahlreiche Sprachen. Wenig harmonisch verlief die Beziehung der Brüder Johann und Franz, der nach dem frühen Tod ihres Vaters nicht nur Kaiser, sondern auch Vormund wurde.
Es war die Zeit, in der die frühe Volkskunde - zwischen Aufklärung und Romantik - entstand. Die "Alpenverherrlichung" ergriff auch Erzherzog Johann. Er meinte, im "Gebirgsvolk" Menschen zu finden, die groß und schön, "noch nicht verdorben, ehrlich und gescheit" wären. Johanns idealistisch-ideologischen Ansichten standen im Gegensatz zu denen seiner Brüder. Während Karl als erster Besieger Napoleons in die Geschichte einging, erlitten die von Johann geführten Truppen dramatische Niederlagen. Die Folgen schlugen eine tiefe emotionale Wunde in sein Wesen und belasteten ihn lange.
Anna Plochl (1804-1885) war damals noch ein Kind. Ihr Vater Jakob Plochl stammte aus Slowenien und erwarb 1803 das Ausseer Bürgerrecht, wenige Jahre später die sozial angesehene Position des Postmeisters. Als ihre Mutter nach der Geburt des 13. Kindes starb, übernahm Anna als Älteste mit 17 Jahren alle Aufgaben in Haus und Hof. Jakob Plochl heiratete erst 1824 wieder. Erzherzog Johann verbot seiner Gefährtin die Teilnahme an der Hochzeit, wie er überhaupt ihrer Familie nicht zu trauen schien.
1819, bei ihrer ersten Begegnung, war Anna 15, Johann 37 Jahre alt. Der Habsburger befand sich auf Inspektionsreise im Salzkammergut. Anna und andere junge Frauen begrüßten ihn. Der Erzherzog sah in ihr sein Wunschbild eines heilen, ländlichen Kosmos verkörpert. Drei Jahre später kam es zum entscheidenden Gespräch, und in Salzburg gaben sich beide das endgültige Versprechen. Wenig überraschend verzögerte der kaiserliche Bruder die Heiratserlaubnis mit einer Bürgerlichen. Daraufhin beschloss das Paar, eine Lebensgemeinschaft ohne Heirat einzugehen. Anna sollte in Johanns Haus die Wirtschaft führen. Vater Plochl brachte seine Tochter 1823 in den Industrieort Vordernberg, wo der Erzherzog ein Radwerk besaß. Ihr "Kammerl" lag, wie jene der Dienstboten, im oberen Geschoß, während er ebenerdig wohnte.
Sie war viel allein, er war wenig daheim und zeigte sich dominant. Obwohl sie das Hauswesen selbständig managte, musste sie kleinliche Vorschriften bezüglich Kleidung, Frisur, Tagesablauf oder Ausgehen ertragen. So blieb es auch, als sich die Besitze vermehrten. Der Brandhof in der Mariazeller Gegend bildete den Hauptsitz der steirischen Besitzungen. Der nahe von Vordernberg gelegene Glöcklhof war "ein biologischer Garten Eden." In Pickern bei Marburg (Slowenien) begann Johann eine Musterwirtschaft im Weinbau. Schloss Schenna in Südtirol kam zu Beginn der 1840 er Jahre in seinen Besitz. Mit seiner Wirtschaft zählte es zu den eindrucksvollsten Besitzungen des Erzherzogs. Dort befindet sich auch das Familienmausoleum. Die "namenlose" Gefährtin reiste von einem Gut zum anderen, organisierte Transporte, übte Bauaufsicht aus und kommandierte das Personal. Mit ihrem meist abwesenden Partner kommunizierte sie brieflich.
Erst 1829, nach sechs Jahren des "ehelosen Zusammenlebens" langte die Erlaubnis zur Hochzeit ein. Dennoch blieb Annas Status "undefiniert": Als morganatische Ehefrau war sie weder standesgemäße Frau eines Erzherzogs noch die Frau eines Landadeligen, noch Gattin (und Miteigentümerin) eines bürgerlichen Landbesitzes. Es gab keinen Ehevertrag, von einer (üblichen) Morgengabe ist nichts bekannt. Die Beziehung zwischen Anna und Johann war auf vielen Ebenen ein Novum.
In diese Zeit fällt auch die Agrarrevolution, die das seit dem Mittelalter übliche System der Dreifelderwirtschaft beendete. 1819 gründete Johann die Steirische Landwirtschaftsgesellschaft, die Agrarwissenschaftler, Grundbesitzer, Beamte und Bauern einschloss. Frauen und Bäuerinnen waren ausgeschlossen, doch sie wurden mit ihrer Arbeit zu Protagonistinnen und Pionierinnen. Auf den erzherzoglichen Mustergütern, die bei der Modernisierung eine wichtige Rolle spielten, war es nicht anders. Anna identifizierte sich vom ersten Moment an mit dem "gemeinsamen" agrarischen Werk und widmete sich der Aufgabe mit Leidenschaft, Hingabe und uneingeschränktem Einsatz. Für den Aufbau und die Führung der großen pionierhaften Betriebe spielte sie eine zentrale Rolle, die bis heute nicht umfassend erkannt, beleuchtet und gewürdigt ist. Bei einem Besuch der kaiserlichen Familie auf dem Versuchshof durfte sie sich nur kurz (und stumm) blicken lassen.
Überhaupt führte sie als "Persona dubia" eine Existenz der Dauerkränkung und war mit absonderlichen Reaktionen zwischen Ignoranz und offener Abwehr konfrontiert. 1834 erhob sie der Kaiser endlich in den Freiherrenstand, "von Brandhofen". 1839 kam ihr Sohn Franz zur Welt, Anna galt mit ihren 34 Jahren für die damaligen Zeit als späte Erstgebärende. Johann blieb, damals völlig ungewöhnlich, während der schweren Geburt bei ihr. Mit fünf Jahren erhielt Franz den Stand eines Grafen von Meran, während seine Mutter noch jahrelang eine niederrangigere Freifrau bleiben musste.
Anna Brandhofen erlebte eine tiefgreifende Zeitwende mit. Im Revolutionsjahr 1848 befand sie sich in Wien, während der ganze Hof fort war. Erzherzog Johann stieg zum Stellvertreter des geflüchteten Kaisers Ferdinand I. auf und wurde in Frankfurt zum deutschen Reichsverweser gewählt. Johanns Wahl fand viel Zustimmung. Plötzlich stand seine Frau, die damit als Allerletzte gerechnet hätte, im Mittelpunkt. Das Volk betrachtete Anna als eine der ihren und erhob sie zur mächtigen Identifikationsfigur. … Sie schwankte zwischen Panik und Angst … Zurück in Österreich, verbesserte sich auch das Verhältnis zum Hof. 1850 erhob der junge Kaiser Franz Joseph seine Großtante in den Gräfinnenstand. Anna, Gräfin von Meran, starb 81-jährig anno 1885. Ihr Tod löste allergrößte Anteilnahme aus. Hochadel und Vertreter des habsburgischen Erzhauses kamen zur Einsegnung und zum Requiem nach Aussee.
