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Daniela Schadauer: Mehr als nur ein Bahnhof #

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Daniela Schadauer: Mehr als nur ein Bahnhof. Visuelle Strategien im Kontext der Stadtentwicklung am Beispiel des Hauptbahnhofs Wien. Veröffentlichungen 55, Europäische Ethnologie Universität Wien. 184 S. ill., € 24,-

Im 19. Jahrhundert galten Bahnhöfe als Stadttore, in Wien gab es ein Dutzend Kopfbahnhöfe. In den Bahnhofcities des 21. Jahrhunderts bilden Hybridbahnhöfe, die Verkehr, Erlebnis und Shopping in einem Gebäude vereinen, das Zentrum - wie beim Quartier Belvedere rund um den ersten Durchgangsbahnhof Wiens, den Hauptbahnhof. Der Transformation des Stadtteils zwischen dem noblen 4. und dem 10., einem traditionellen Arbeiterbezirk, widmet Daniela Schadauer eine Studie, der ihre Dissertation aus dem Jahr 2017 zugrunde liegt. Die Arbeit verortet sich in der Europäischen Ethnologie, die sich als gegenwartsorientierte und historisch argumentierende empirische Kulturwissenschaft ihren Forschungsfeldern annähert. Der urbane Raum zählt aktuell zu einem der zentralen Forschungsfelder im Fach.

Es ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld, an dem neben den Kulturwissenschaften auch Stadtplanung, Landschaftsplanung, Städtebau, Architektur, Geographie und Soziologie Interesse haben. Zunehmend verstehen sie Planungsprozesse als ergebnisoffenen Prozess, der situative Änderungen wie auch urbane Alltagspraktiken stärker berücksichtigt. Im konkreten Fall Hauptbahnhof - Quartier Belvedere erstreckt sich das Stadtentwicklungsgebiet auf rund 100 ha, was der Größe des 8. Wiener Gemeindebezirks entspricht. Ein Jahrzehnt nach der Fertigstellung verzeichnet der Stadtplan zwei neue Stadtviertel. Im Nordteil entstand das Quartier Belvedere mit Büro-Hochhäusern als Finanz- und Dienstleistungszentrum. Der Südteil, das Sonnwendviertel, ist dem Wohnbau, mit einem großen Park und Bildungscampus, vorbehalten.

Die Autorin nennt zwei zeitliche Fixpunkte ihrer Studie. Diese umfasst den Beginn der Bahnhofsschließung des Süd- und Ostbahnhofs und endet in einer Phase kurz bevor der neue Hauptbahnhof fertiggestellt wurde … (Es ist) ein kulturwissenschaftlich-ethnographischer Blick auf ausgewählte Momente und Ereignisse, die aber die systematische Funktion besitzen, auf grundlegende Prozesse eines Stadtteilumbaus aufmerksam zu machen. Es sind Momente einer Festivalisierung oder auch Eventisierung des sowohl physisch vorhandenen als auch des imaginierten zukünftigen Raumes.

Die "erste Bahnhofsgeneration" an diesem Standort bestand aus dem Raaber und dem Gloggnitzer Bahnhof - errichtet zwischen 1840 und 1846. Bahnhöfe wurden damals außerhalb des Linienwalls (dessen Verlauf die Gürtelstraße folgt) von konkurrierenden privaten Investoren gebaut, in diesem Fall vom Bankier Baron Georg Simon Sina von Hodos. Die mit Dampfloks betriebenen Bahnlinien dienten dem Personen- und Gütertransport. Die Südstrecke, die zum Semmering führte, war von touristischer Bedeutung. Vom Raaber Bahnhof erreichte man die ungarische Stadt Györ/Raab. Diese Verkehrsanlagen, die das Stadtbild an der Peripherie massiv veränderten, waren schon nach einer Generation zu klein und wurden zwischen 1859 und 1873 durch die historistischen Großbahnhöfe (Süd- und Ostbahnhof) ersetzt. Sie sollten als Gebäude mit öffentlichem Charakter den ankommenden Reisenden durch ihre Gestaltung ein spezifisches Bild von Wien vermitteln. … Die Großbahnhöfe galten als Inbegriff für Weite und Ferne … der Südbahnhof, dessen Streckennetz bis nach Triest führte, wurde … mit dem "Traum vom Süden" verknüpft. Mit der repräsentativen Schauseite richtete sich zur Stadt, im Rücken der Bahnhöfe siedelten sich Großindustrien an. Dementsprechend stieg das Bevölkerungswachstum. 1910 zählte Favoriten mit 160.000 Bewohnern zu den dichtest besiedelten Bezirken. "Hinter der Bahn" galt als verrufene Gegend.

Nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg entstand die dritte Bahnhofsgeneration am selben Standort. Seit 1956 war der Südbahnhof der größte Österreichs. Es galt als Symbol des Wiederaufbaus und Fortschritts und bestand bis 2009. Um die Jahrtausendwende begannen die Planungen für einen hybriden Wirtschafts- und Dienstleistungsraum, eine Shoppingmall mit Gleisanschluss. Der neue Hauptbahnhof stellt die vierte Bahnhofsgeneration im Süden Wiens dar. Der Spatenstich erfolgte 2007, der Baubeginn erst 2010. Seit 2015 wird der ÖBB-Fernverkehr aus allen Richtungen hier abgewickelt. Der neue Hauptbahnhof mit prägnantem Rautendach vereint auf mehreren Höhenniveaus Shoppingmall, Regional- und Fernverkehr und soll die Bahnhofsviertel im Norden und Süden der Stadt miteinander vernetzen, schreibt Daniela Schadauer. Die Verbauung der neu entstandenen innerstädtischen Flächen rund um den Bahnhof soll den neuen Wirtschaftsstandort stärken, zu neuen Aufenthaltsorten in der Stadt führen und die Umgebungsgebiete, vor allem den Bezirk Favoriten aufwerten. Von InvestorInnen und PlanerInnen wurde das Bauvorhaben als "Jahrhundertprojekt" und als neue "Visitenkarte von Wien" beworben.

Die Autorin hat den Transformationsprozess des ihr gut bekannten Ortes jahrelang bei intensiven Recherchen, Interviews und fotografischen Wahrnehmungsspaziergängen verfolgt. Mit wissenschaftlicher Akribie und einem umfassenden theoretischen Unterbau liegt das Hauptaugenmerk der Studie auf den visuellen Strategien im Kontext der Stadtentwicklung. Dazu zählt die Darstellung des Projekts durch Imageneering - urbanes Imageneering: Repräsentationsprozesse und städtische Imagetransfers. Sie schreibt: Der Terminus Imageneering setzt sich aus den Worten Image und Engeneering zusammen und verweist auf die Tätigkeit der sogenannten Imageneers …, welche die Themenparks von Disneyland und Disneyworld visuell prägten. Architekturrendering (digital gestützte und errechnete Vorgänge der Visualisierung mithilfe spezieller Software) steht zwischen Information und Vermarktung. Im Bereich der Architektur und Immobilien hat sich die 3D-Visualisierung schnell zum Standard entwickelt. Sie ermöglicht die Kommunikation zwischen Planungsbeteiligten, Anrainern und Investoren. Der Autorin scheint dabei die Frage notwendig, was von wem wie ins Bild gesetzt wird.

Um das Projekt Hauptbahnhof verständlich zu machen, griffen ÖBB und Stadt Wien noch zu einem speziellen Mittel. Sie ermöglichten Interessierten vom "bahnorama" Blicke auf die Baustelle: Die "Schaustelle" als Event. Durch einen Ausstellungscontainer, in dem die Präsentation nach allen Regeln der Kunst erfolgte, gelangte man zum höchsten Holzturm Europas. Zwei Panoramalifte des 67 m hohen Turms führten zur Aussichtsplattform. 350.000 Besucher - Einheimische wie Touristen - machten von dem kostenpflichtigen Angebot Gebrauch. Das ambitionierte Projekt endete unrühmlich. Weder gelang die geplante Aufstellung des mobilen Aussichtsturms an einem anderen Platz in Wien, noch der Verkauf. Der neue Eigentümer, der sich zur Demontage verpflichtet hatte, hielt seinen Vertrag nicht ein. Die Gemeinde musste dem Zwangsabriss ihres Prestigeprojektes zustimmen.

Der Abschied vom Bahnhof verlief spektakulär. Zahlreiche Neugierige machten letzte Fotos, es wurden Partys gefeiert und künstlerische Interventionen gesetzt. Kulturredakteure entdeckten am kahlen "Epochenfossil" verblüffende Raumwirkungen und qualitätvolle Ausstattung. Hans Haider nannte sie "museumswürdig". Das Technische Museum bewahrte einige Objekte. Der Schriftzug "Südbahnhof" von der Fassade fand prominent Platz im Wien Museum. Daniela Schadauer schließt mit der zentralen These der Arbeit: Der Abschied und die Baustelle als Erlebnis, das Rendering als Zukunftsbild und das Informationszentrum als Vermittlungsort verkörpern eine neue Form stadtplanerischer Kommunikation, die bauliche Großprojekte nicht nur konzipiert, sondern auch erzählt.

hmw