Philipp Ther: Der Klang der Monarchie #
Philipp Ther: Der Klang der Monarchie. Eine musikalische Geschichte des Habsburgerreiches. Suhrkamp Verlag Berlin. 564 S. ill., € 32,-
"Der Klang der Monarchie" ist ein besonderes Buch. Es hat nicht nur die Sachbuch-Bestenliste des ZDF erobert und ist als Wissenschaftsbuch des Jahres 2026 nominiert. Der Text bietet eine außergewöhnliche Synthese von Musik, - Kultur- und Weltgeschichte. Seinen 440 Seiten folgt ein detaillierter, mehr als 100-seitiger Anhang. Vor allem ist es ein "Vertontes Buch". Mittels QR-Code kann man 60 der zitierten Werke zum Klingen bringen.
Der Autor Philipp Ther, Professor am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien, hat die Geschichte der Musik der Habsburger-Monarchie systematisch erschlossen: Erstmals wird die Geschichte eines Staates und einer Gesellschaft über musikalische Quellen, also vorwiegend anhand von Musikstücken und eigener Forschungen dazu erzählt, schreibt der Autor, den das Buch seit einem Jahrzehnt beschäftigt und bis in die Träume verfolgt hat. In zehn Kapiteln behandelt er sämtliche für die habsburgische Geschichte relevanten Veränderungen und die Komponisten der einzelnen Epochen.
Das neue Standardwerk beginnt mit Der aufgeklärte Joseph Haydn und das aristokratische Österreich. Bis heute akzentuieren rund 2500 ländliche Prachtbauten die Kulturlandschaft der zwölf Nachfolgestaaten des Habsburgerreiches. Die Schlösser der Fürsten Esterházy waren besonders repräsentativ. Ihr Hofstaat umfasste im 17. und 18. Jahrhundert, dem "goldenen Zeitalter der Aristokratie", rund 300 Bediente. Joseph Haydn zählte seit 1760 dazu. Als Kapellmeister nahm er den Rang eines Kammerdieners ein, entwickelte sich aber zum ersten wirklich freien Komponisten des Habsburgerreiches und Star des Musiklebens. Er erhielt Aufträge aus ganz Europa und lebte zeitweilig in London, wo er vor dem König spielte. In Wien wohnte Haydn anfangs im Michaelerhaus nächst der Hofburg. In seine Zeit fallen die Aufhebung der Leibeigenschaft, der Niedergang des Adels und die Reformen Kaiser Joseph II.
Mit diesem hatte der Haydn-Schüler Wolfgang Amadé Mozart vieles gemeinsam. Beide teilten einen Widerwillen gegen althergebrachte soziale Hierarchien, beide neigten zu sprunghaften Aktionen und brachten trotzdem Veränderungen in Gang, die das Habsburgerreich und seine Musik bis zu dessen Ende prägten. Bekannt ist der arbeitsrechtliche Konflikt des Komponisten mit seinem Dienstherrn Erzbischof Colloredo und dem berüchtigten - nicht gesicherten - Fußtritt. Damit begann für Mozart ein Leben als freier Künstler, der einer höheren Bestimmung folgt … Mozart hielt sich für etwas Besseres und stellte das als Virtuose und Komponist immer wieder unter Beweis.
Das dritte Kapitel trägt den Titel Musik des Krieges und des Sieges. Der Staatskomponist Beethoven und Musik als sozialer Kitt. Bei den Übersiedlung des 22-jährigen von Bonn nach Wien geriet die Kutsche in das Aufmarschgebiet der Armeen der Koalitionskriege. In den folgenden 23 Jahren seines Lebens herrschte, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, stets Krieg. Der Konflikt mit dem revolutionären Frankreich und Napoleon erschütterte Europa… Philipp Ther zeigt, welchen beträchtlichen Beitrag Beethovens Musik zum Überleben der Monarchie im 19. Jahrhundert leistete. Als musikalische Illustrationen wählte er das "Kriegslied der Österreicher", "Wellingtons Sieg", Ausschnitte aus "Fidelio", der 6., 7. und 9. Symphonie.
Dem Wiener Kongress 1814/15 bescheinigt der Autor nur "begrenzte Bedeutung" und betont, dass der spätere Staatskanzler Clemens Lothar Metternich, einer der führenden Politiker Europas, seine Karriere als Balldirektor begonnen hatte. Den Staat kostete der Wiener Kongress umgerechnet eine halbe Milliarde Euro.
Franz Schubert lebte fernab der diplomatischen Luxuswelt in der Vorstadt, wo sich viele das Schulgeld für ihre Kinder nicht leisten konnten. Er muss sich das Kapitel Die Diktatur des Biedermeier und die Nationalhymnen im Habsburgerreich mit dem tschechischen Komponisten und Dirigenten František Škroup teilen. Beide waren etwa gleich alt und Söhne von Lehrern. Škroup schrieb, ursprünglich als Theatermusik, die tschechische Nationalhymne, neben der ungarischen das erste Werk dieser Art im Habsburgerreich.
Böhmische Walzer und Wiener Polka betitelt sich das Kernkapitel Habsburg-Pop. Erst 1895 führte die Monarchie umfassende Urheberrechte ein. Die massenhafte Vermarktung der Musik ließ auch anspruchsvollere Kompositionen zum Allgemeingut werden. Ein zweiter Faktor für den großen Aufschwung des Habsburg-Pop liegt in der Begegnung und Vermischung elitärer und populärer Musik, die man auch sozialhistorisch betrachten sollte. Dies gilt vor allem für den Walzer … Als dessen Ahnherr lässt sich Wolfgang Amadé Mozart erkennen, der einen "Deutschen" in das Finale des ersten Aktes von "Don Giovanni" einbaute. Wenig später veröffentlichte der aus Böhmen stammende Jan Vanhal "Ländlerisch-Deutsche Tänze". Als weitere Voraussetzung nennt Philipp Ther das rasante Anwachsen der Großstadt, das vor allem auf Zuwanderung - sowohl von Adeligen und Unternehmern, als auch von Arbeitern und Dienstpersonal - zurückging. Die Zahl der Gasthäuser mit Konzert- und Tanzsaal nahm stark zu seit Kaiser Joseph II. öffentliche Bälle erlaubt und die Sperrstunden verlängert hatte. Die Tanzwut erfasste alle Schichten. Untrennbar verbunden ist der Walzer mit der "Firma Strauss", die entsprechend gewürdigt wird. Auch die Polka entwickelte sich im Jahrzehnt vor der Revolution zu einer globalen Mode. Bessere Druckververfahren ermöglichten noch schnellere Verbreitung. In den 1880 er Jahren entstand die Schrammelmusik als neues Genre. Seinen prominentesten Fan fand das Quartett von Johann und Josef Schrammel mit dem Klarinettisten Georg Dänzer und dem Gitarristen Anton Strohmayer in Kronprinz Rudolf.
Das Kapitel Marsch-Marsch! beschäftigt sich mit der Revolution von 1848 und Österreich als Militärstaat. Philipp Ther schreibt: Die Militärmusik hat in Österreich eine lange Vorgeschichte, die bis auf Kaiser Maximilian und die Türkenkriege zurückgeht … Sie machte den eigenen Soldaten Mut und lenkte sie von der Todesgefahr ab, in die sie sich zwangsläufig begaben. … Ihre schiere Lautstärke schüchterte ein. Zu den berühmtesten Militärkapellmeistern zählten Philipp Fahrbach Vater und Sohn, Karel Komzák, Alphons Czibulka und Carl Michael Ziehrer. Insgesamt stammten deutlich mehr als die Hälfte der österreichisch-ungarischen Militärkapellmeister aus Böhmen oder Mähren.
Die letzten Kapitel beleuchten Musik als Sprache. romantische Utopie und musikalische Praxis, sowie Das misogyne Reich: Musik als Männerwelt und Schluss mit lustig: Die Operette und der Erste Weltkrieg. Schließlich geht es um Das musikalische Nachleben des Habsburgerreiches. Die Wiener, Prager und Budapester Moderne. Hier ist auch Platz für ein persönliches Statement des Autors: Die alte Ordnung ist zusammengebrochen. Meine Angst vor diesem Ende der Geschichte und die Unfähigkeit der Menschheit, die Klimakatastrophe abzuwenden, haben mich mit dazu motiviert, dieses Buch zu schreiben. Es war eine Flucht in die Musik … Das Hören, das Nachspielen und das tiefere Verstehen der Musik waren ein Trost in Zeiten, in denen ich morgens keine Zeitung mehr lesen mochte und manchmal die Nachrichten im Radio ausgeschaltet habe. Doch Angst und Resignation sind schlechte Ratgeber, politisch und privat. So schließt das Buch, nicht optimistisch, aber realistisch: Der keineswegs triviale Habsburg-Pop und die leider verhängnisvolle Militärmusik gehören zum Klang der Monarchie. Diese ging 1918 als Staat unter und 1938 als kultureller Raum, doch sie lebt als Reich der Musik weiter.
