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Ach ja, wieder Weihnachten#

Von Ernst Zentner

Weihnachten gilt durch sein Grundthema als Familienfest. Leider verläuft das Fest nicht immer harmonisch. Ursache ist generell das durch die dunklere Jahreszeit verursachte übersteigerte Bedürfnis nach einem engeren Zusammensein. Gewöhnlich gipfelt das Familienfest in eine mehr oder weniger große Familientragödie, die niemanden Vor- und Nachteile bringt und den Sinn des Weihnachtsfestes in Vergessenheit abdrängt. Üppiger Alkoholgenuss und quälender Stress im Kampf um die Vorbereitungen fördern die Aggressionen. Aus dem Fest der Liebe wird das Fest hervorbrechenden Hasses. (Das ist aber auch schon was!) Dazu kommt noch, dass die gesamte Familie Krampfes halber zu diesem Fest - das einmal im Jahr stattfindet - zusammenkommt und Reibereien zur Festordnung erkoren werden. Besser wäre es, wenn Verwandte, Freunde in kürzeren Zeitabständen - vielleicht zumindest zweimal im Monat - zusammen kommen und gegenseitig besser kennen lernen. Es findet auch eine gute Konkordanz in der Übereinstimmung wer wem etwas schenkt statt, Bosheiten und Intrigen werden vermindert usf. Dazu gehört es auch zur Grundausstattung mancher Familienangehörige eine Tragödie passend zum Fest zu arrangieren. Ideal ist eine Aufgabenaufteilung, manchmal ist delegieren die beste Methode. Jeder bekommt eine Aufgabe zugeschanzt, einer passt auf die Kinder auf, der andere stellt den Baum auf, der nächste dekoriert. Nicht verzweifeln wenn eine Christbaumkugel nur mehr aus Scherben besteht oder eine Lichterkette mal kein angenehmes Licht von sich gibt. Humor und eine Weihnachtsanekdote ohne politischen Dekor rettet jegliche Situation. Übrigens es ist kein Zufall, dass im Januar - also nach Weihnachten - die Scheidungsraten ansteigen …
Im Streit (oder Suff) provozierte Vergesslichkeit hat oftmals die Feuerwehr anrücken lassen.
Leider ist Weihnachten ein Fest, an dem alles kaputt gemacht werden könnte. (Angeblich!) Nichts wird richtig gemacht, so der allgemeine Glaube. Humor weicht Ernsthaftigkeit. Freude wird durch Nadelsticheleien ersetzt … Es liegt an uns, aus dem Weihnachtsfest das beste zu machen.
Einsamkeit und naive Erinnerungen komplettieren den Reiz des Weihnachtserlebnisses. Ein Blick auf vergangene Weihnachten verklärt zu viel, in Wahrheit können wir uns auf Details doch nicht mehr erinnern … Oder doch?
Ja und was ist danach? Auch das schönste Weihnachtsfest entwindet sich unseren Zutun und wird neue Erinnerung.
Erstaunlich ist, dass - meist zwei bis sechs Wochen - später nach dem Fest ganze Grippeepidemien ausbrechen. Es ist als ob das gut oder schlecht überfeierte Fest die Menschen anfälliger für Krankheiten macht … Das stimmt doch auch nachdenklich.

Traditionen. Ein Friedhofsbesuch, falls der Friedhof nichts zu weit von Zuhause liegt. Eine stundenlange Fahrt bei eisiger Kälte liegt auch nicht jeden Menschen. Mühevolle Versuche mit klammen Händen das kleine Kerzenlicht in der Laterne zum leuchten zu bringen. Ein netter Brauch ist das Aufstecken von kleinen Christbäumen, die vom nächsten Wintersturm verweht werden. Dann Verwandtenbesuche. Ob mit befriedigenden Ausgang, ist nicht ordentlich verifizierbar - zumindest bringen BesucherInnen eine Flasche Wein, fein verpackt als Geschenk mit. Und falls das nicht alles gewesen ist, wird wenigstens über die Gesundheit geredet. Jeder wünscht sich ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr … Aber alle wünschen, jeden eine gute Gesundheit - aber das ist schon etwas, und das wichtigste.
Seit Jahrzehnten ist es den skurrilen Brauch Weihnachtsfeiern in Betrieben und Firmen zu begehen. Lange bevor der Advent schon seine Pforten geöffnet hat, wird gefeiert. Ab November geht es an, im Dezember, den Christmonat wird durchgehend eine Vorweihnachts- oder Adventfeier irgendwo zelebriert. Ist dann das wirkliche Fest da ist die Feierlust möglicherweise verloren oder irgendwo im Trubel entschwunden. Naja, dazu verdonnert die Firmenleitung ihre Arbeitnehmer zu einer Betriebsfeier und einige Wochen später erfahren alle, dass ihnen die Kündigung bevorsteht. Genauso gemein ist es Arbeitnehmer noch einige Monate vor Weihnachten zu kündigen - im Winter Arbeitsplätze finden, das ist in der Welt eine wirkliche Kunst geworden.
Auch ein Zynismus ist wenn ein Wohnungsvermieter auf der berüchtigten Tafel ein frohes Fest wünscht, einen guten Rutsch entbietet und gleichzeitig für den ersten Januartag eine Betriebskostenerhöhung voller Freude ankündigt. Desgleichen für die Regierung eines Staates, der seinem Volk die besten Weihnachtswünsche entgegenschmettert und dann zugleich die Einführung neuer Steuern und Erhöhungen nach dem Jahreswechsel vollzieht. Heißt es nicht irgendwo: Ich verkündige euch eine große Freude …
Nach dem Tag des ersten Märtyrers Stephan liegen schon schöne Bäume auf den Komposthaufen. Für drei kümmerliche Tage wurden sie umgesägt und schön geschmückt und die Angst einige Tannennadeln wegkehren zu müssen, scheint doch größer zu sein als jedem lieb und recht wäre. Der arme Nadelbaum wird so zum Symbol eines Wegwerffestes, das jeder wegen seiner emotionalen riesigen Rückseite sehr gerne weggeschoben wird, als ob es nie gegeben hätte. An dem hat der Handel auch nicht wenig Mitschuld. Das Schenken ist ein schöner Brauch, aber es sollte nicht so exzessiv betrieben werden. Der Glanz vieler Schaufenster täuscht zwar nicht ordentlich, aber auch die Lichterketten in den Fenstern sind Hinweise auf das nahende Fest, Lichterfest - nicht ohne Zufall liegt das jüdische Chanukka mit seinen acht Leuchtern in nächster Nähe. (Der Nadelbaum ist biologisch abbaubar, wohingegen ein in Asien verfertigter künstlicher Christbaum bei einer möglichen Entsorgung eine Belastung für Natur und Umwelt wird.)

Natürlich sind bei Zusammenkünften eines Festes wie Weihnachten, zur Bescherung mit ihren altgewohnten Ritualen, von Zeitgenossen unter verbissener Mimik auch Reminiszenzen an verklungene Weihnachtsfeiern angebracht. Oft sarkastisch bis lustig, manchmal makaber bis cool. Der Mensch neigt zur Übertreibung. Manche Zeitgenossen sagen das Weihnachtsfest ist im übertragenen Sinn sogar ein Jäger- und Sammlerfest. Der moderne Mensch erjagt ein Geschenk für seinen Liebsten und der Beschenkte sammelt die Geschenke um sich. Sie werden zum Statussymbol des Reichtum, der Beliebtheit des Geehrten und weiss Gott was noch alles. Nun wenn das mit dem Fest des Jägers und Sammlers stimmt, liegen von der Urzeit bis in die Gegenwart vermutlich einige gute Hundertausend Jahre, wenn nicht Millionen Jahre. Irgendwann haben Menschen immer öfters an Jahrestagen - zum Beispiel der kürzeste Tag und die längste Nacht = die heiligste Nacht - Feste zelebriert. Wenn ich an den 24. Dezember denke, ist doch das der Geburtstag Jesu von Nazaret. Eigentlich ein fröhliches Fest, an dem Happy Birthday, dear Jesus gesungen werden sollte. Der Tag mit der längsten Nacht fällt doch immer auf den 21. Dezember, das ist sogar noch der Winterbeginn. Eigentlich stimmt das Datum des Weihnachtsfest nicht ordentlich … Und kalt ist es obendrein. Früher mussten die Menschen an Wintervorräte denken, Lebkuchen waren etwa lange haltbar. Heute werden sie schon im September gegessen und im Dezember gibt es nichts mehr … Tragisch ist das Weihnachtsfest für einen Menschen, der kurz zuvor einen Angehörigen verloren hat. Ich erinnere mich an einen Kardinal, der einmal gesagt hat, die Geburt Jesu Christi, steht über alles - sie ist das größte Geschenk Gottes an die Menschen. Ihr ist nichts übergeordnet und kann nichts übergeordnet werden. Am Land, im rustikalen Leben, gab und gibt es den Brauch, für jeden Verstorbenen am Festtagstisch einen eigenen Sessel aufzustellen, damit seine Anwesenheit auch symbolisch klargestellt ist.
Weihnachten als Familienfest ist fest durch das im Neuen Testament - das wie das Alte Testament - von den Zeitgenossen kaum gelesen wird - umrissen. Hl. Maria, Hl. Joseph und das Jesuskind. Daneben die Hirten, Heiligen Drei König und die Tiere im Stall. Das Ideal einer Familie. Vorbild für eine Familie. Musterbeispiel für eine Familie. Aber das gibt es kaum. Eine perfekte Familie werden sie mit einer Lupe suchen müssen und wenn wir eine solche finden, wird sie ihre Perfektion nicht ständig hochhalten können. Ich finde es ist besser eine unperfekte Familie, in der alle einander vertrauen können und Stütze finden in Krisensituationen.

Nachbetrachtung: Es muss nicht jeder meiner Meinung sein. Es sind nur Skizzen für einen reibungslosen Ablauf eines nur einmal im Jahr stattfindenden Festes - aber wahrhaft ohne Schwierigkeiten ist das Fest der Feste noch nie abgelaufen. Wenn es ohne Probleme vonstatten gegangen ist, dann stimmt offenbar da auch etwas nichts … Übrigens nach Weihnachten folgt Ostern … Aber das hat nicht Dimension wie Weihnachten, obwohl es vom theologischen her den monumentaleren Gedanken hegt.

(c) Ernst Zentner 2008 Bisher unveröffentlicht/2019