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Ein Weihnachtsfilm im Sommer? EYES WIDE SHUT#

Von Ernst Zentner

Im Sommer 1999 startete weltweit in den Lichtspieltheatern Stanley Kubricks neuester und letzter Film Eyes Wide Shut (GB/USA 1999). Mit Tom Cruise und Nicole Kidman als Ehepaar Dr. William "Bill" Harford und Alice Harford - im Leben waren beide tatsächlich verheiratet. Er ein Allgemeinmediziner und sie eine Psychologin, die die gemeinsame sechsjährige Tochter betreut. Das Ehepaar Harford besucht eine glanzvolle Weihnachtsparty eines Industriellen namens Victor Ziegler. Dieser wiederum braucht Harford zur Behandlung einer rauschgiftsüchtigen Liebhaberin. Inzwischen tanzt Alice mit einem ungarischen Geschäftsmann, der sie zu verführen sucht.
Durch einen von Alice erzählten Traum wird Bill eifersüchtig und will für die "Untreuephantasie" Vergeltung. Eine Odyssee inmitten Erotik und Verführung erlebt er. Eigentlich ein Abstieg in die Hölle. Die Tochter eines verstorbenen Patienten wagt direkte Avancen, wehrt besonnen ab. Jugendliche halten ihn für einen Freier, beleidigen ihn. Eine Prostituierte - sie ist krank - will ihn einladen. In ihrer einfachen Wohnung steht auf einem Bücherregal ein Buch zum Thema "Introduction Scientology" … Ein früherer Studienkollege Nick Nightingale spielt als Pianist in einer Jazzkapelle. Dieser wird zum Lockvogel: Von ihm erhält er ein Passwort für eine geschlossene Gesellschaft. Übrigens hier hat der bärtige Regisseur einen versteckten Cameo-Auftritt. Bei einem Kostümverleiher wird Bill Zeuge wie dessen minderjährige Tochter mit zwei Asiaten ein Liebesspiel macht. Durch eine List gelingt ihm mittels Mönchskostüm der Zutritt zu einer in einem Villa nahe New York abgehaltenen Orgie. Er wird erwischt, und von einer der anwesenden maskierten - und sparsam bekleideten - Damen wird er ausgelöst. Jene Dame - eine Schönheitskönigin - verstirbt noch in der Nacht. Harford befallen ernsthafte Zweifel. Später: Ziegler macht Harford Vorwürfe, weil dieser zu der Party einer geheimen Gesellschaft gegangen ist. Und das neben einem rotbespannten Billardtisch! Ein Stalker ist hinter ihm her. Wenig später entdeckt er seine vergessene Maske am Kopfpolster neben seiner schlafenden Ehefrau. Zerwürfnis und Versöhnung folgt. Das Finale des Films ist unspektakulär und einfach. Während eines Einkaufsbummels für ein Weihnachtsgeschenk für beider Tochter hat Alice nur einen einzigen Wunsch. Ja was wird das schon sein?
Im Film dominieren farbig illuminierte Weihnachtsbäume. Lichterketten erleuchten einen Ballsaal. Farbensymbole durchziehen den gesamten Film. Rot steht für Lust und Pein. Blau für Nüchternheit und Emotionslosigkeit. Die Nacktheit in manchen Sexszenen ist eher belanglos. Ästhetik dominiert. Am gruseligsten und schönsten sind die dem Karneval von Venedig nachempfundenen Masken. Darunter sogar eine Maske, die stilistisch kubistisch wirkte und eine andere deutete eine Pestmaske an. Die musikalische Untermalung verrät den Geschmack Kubricks. Dimitri Schostakowitschs Walzer leitet ein und beendet den Film. In bedrohlichen Szenen kam das Klavierstück Musica Ricercata II: Mesto, Rigido e Cerimoniale von György Ligeti zum Einsatz. Das visionäre Filmgenie orientierte sich an Arthur Schnitzlers Traumnovelle (1926) und versetzte die Handlung in das New York der Gegenwart. Cruise und Kidman tragen Unterwäsche einer österreichischen Modefirma, und erscheinen wie Models in einem Unterwäsche-Katalog. Kidman philosophiert über eine Million Jahre Menschheitsgeschichte. Cruise, gekleidet in dunkle Boxershorts denkt nach. Sieht er dabei den Filmbesucher an oder Alice? Kubrick hatte einen Film über ein heterosexuelles Paar, das eine Krise durchlebt, gemacht. Aber auch dunkle Anspielungen auf Homosexualität geistern durch das eindrucksvolle Movie.
Obwohl die Handlung in New York spielt ist die Atmosphäre eher europäisch durchwoben, wenn nicht vom Wiener Charme?
Überall gibt es Anspielungen auf frühere Kubrickfilme: "2001 - A Space Odyssey" (1968), "Barry Lyndon" (1976), "Shining" (1980), "Lolita" (1962) u. a. m. Bemerkenswerte Leistungen liefern fast alle NebendarstellerInnen ab: Leelee Sobieski, Sydney Pollack, Sky du Mont, Rade Šerbedžija, Thomas Gibson und besonders Alan Cumming (bekannt aus "James Bond 007 - Goldeneye", 1995) als affektierter, liebenswürdiger Hotelportier, der mit Bill Harford geradezu flirtet.
"Eyes Wide Shut" ist kein Stück umgesetzte abgewandelte Literatur, sondern ein Thriller, der (als Satire) Leidenschaft sichtbar macht und auf die Schwächen der Menschen inmitten einer Farce keine Rücksicht nimmt. Ein ruhiges - und kommerziell erfolgreiches - Filmkunstwerk, das unentwegt Diskussionsstoff bietet. Bis heute.
Eigentlich ein "Kubrick". Er hat offenbar sein gesamtes Seelenleben in den Film hineingewoben. Wenige Tage nach der finalen Schnittfassung starb er.
Bissige Ironie: Nach den Dreharbeiten reichte das Ehepaar Cruise-Kidman die Scheidung ein …
Abschließend: Wenn die Frage kommt, welches wäre der richtige Weihnachtsfilm? Dann ist es "Eyes Wide Shut"! Nur am Rande betrachtet, ganz ehrlich: das Fest am Ende des Jahres macht die Menschen irgendwie unruhig …

Quellen

Nachtrag

1969 wurde eine TV-Adaption "Traumnovelle" (mit Karlheinz Böhm, Erika Pluhar, Helga Papouschek, Gertrud Kückelmann, Kurt Sowinetz, Emil Stöhr u. a., ZDF/ORF) unter der Regie von Wolfgang Glück produziert. Ich bin mir ganz sicher, dass Kubrick diesen Film gesehen hat. Affinitäten im Inszenierungsstil sind vorhanden.
Diese ältere Version ist auch unter Umständen vielleicht besser. Aber das ist Ansichtssache.