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Bernstein#

Helga Maria Wolf

Bernstein, der Schmuckstein aus fossilem Harz kommt transparent bis undurchsichtig meist honigggelb sowie in den Farben weiß, rot, braun und schwarz vor. Die deutsche Bezeichnung leitet sich von "brennen" (mittelniederdeutsch: börnen) ab und ist auf die auffällige Brennbarkeit zurückzuführen, die auch als Kriterium gegenüber Nachahmungen aus Kunststoff gilt. Die griechische Bezeichnung "Elektron" geht auf die Bedeutung von glänzend, strahlend zurück. Sie wurde ihrerseits zur Wurzel von "Elektrizität", die sich durch Reiben mit Bernstein erzeugen lässt.

Bernstein kommt in mehr als 200 Orten auf allen Kontinenten vor. Die bekanntesten europäischen Fundregionen sind der südöstliche Ostseeraum und die Halbinsel Samland im Baltikum (Russland). In Österreich entdeckten Forscher Im 19. Jahrhundert Vorkommen von Bernstein, wie den Rosthornit genannten am Sonnberg bei Guttaring in Kärnten. Der Kochenit aus dem Tiroler Kochental zählt mit einer Entstehung vor 230 Millionen Jahren zu den ältesten fossilen Harzen. Ebenfalls außergewöhnlich sind, mit 120 bis 130 Millionen Jahren, die Funde aus der Nähe von Golling in Salzburg. Ihre Farbe kann braun, rot oder schwarz sein. Manche Stücke enthalten Einschlüsse von Mücken oder mikroskopisch kleinen Pilzsporen. Auch hier stießen Wanderer 1885 auf Bernsteinstücke. Doch erst in den 1960er Jahren wurde der "Ölschwefel", wie man das Harz wegen seines Geruchs dort nannte, wissenschaftlich beschrieben. 1979 brachten Sprengungen für einen Güterweg größere Mengen davon zu Tage.

Bereits die Menschen der Jungsteinzeit verarbeiteten das Material. In der griechischen Antike trugen sie Schmuck aus importiertem Bernstein. Mehrere Handelswege ("Bernsteinstraße") führten von der Ostsee zum Mittelmeer. Im Weinviertel (Niederösterreich) reichen die ersten Spuren der Bernsteinstraße rund 4000 Jahre zurück. Das Urgeschichtemuseum Asparn an der Zaya zeigt die im Ortsteil Schletz, gefundenen Bernsteinperlen. Einer der Handelswege verlief entlang der March, eine anderer ab Poysdorf nach Norden. Als Feldweg im Gemeindegebiet von Drasenhofen bildet er die Grenze zur tschechischen Republik. 2001 etablierte sich der Verein Österreichische Bernsteinstraße und erfand "Betty Bernstein". Das wissbegierige kleine Mädchen ist die Marke für museumspädagogische Programme, die zwischen Ostern und Allerheiligen an 30 Orten im östlichen Weinviertel und in der Region Auland-Carnuntum stattfinden. Seit 2016 geht das Betty Bernstein Musical auf Österreich-Tournee.

Die Blütezeit der Bernsteinstraße war die Epoche des Imperium Romanum. Plinius der Ältere (23-79) berichtet von einer Expedition römischer Soldaten im Auftrag Kaiser Neros an die Ostseeküste. Der Offizier erwähnte, dass die Bäuerinnen in der Poebene Ketten aus Bernstein als Schmuck und Heilmittel gegen Halskrankheiten trugen, Kindern band man diese als Amulett und beim Zahnen um. Von Mythologie und Legenden umwoben, sollte das fossile Gold medizinischen wie superstitiösen Zwecken dienen. Ein antiker Schriftsteller namens Callistratus empfahl Bernstein "gegen Verrücktheit von Personen jeden Alters". Goldbernstein um den Hals getragen, vertreibe das Fieber. Mit Honig und Rosenöl abgerieben, sei er gesund für Ohren und Augen, pulverisiert sollte er bei Magen- und Darmproblemen helfen.

Im Mittelalter, als die Paternostermacher Rosenkränze aus dem fossilen Harz herstellten, war das Bernsteinregal ein Monopol, dem der Deutsche Orden seinen Wohlstand verdankte. Die Ordensritter verboten anderen den Handel mit weißem Bernstein, dessen medizinische Wirkung sie zu schätzen wussten. Die gelehrte Äbtissin Hildegard von Bingen (1098-1179) sah Bernstein als eines der wirksamsten Medikamente an. Nach dem Prinzip, dass Gleiches durch Gleiches geheilt werde ("similia similibus curantur") trug man Bernstein-Amulette gegen Gelbsucht. Das leicht brennbare Harz erfüllte auch die Funktion von Weihrauch, dann sollte es zudem gegen Ischias helfen. Moderne Esoteriker schwören auf die Wunderkräfte des Heil- und Schutzsteins, sie sprechen ihm "positive Schwingungen" zu, die Angst nehmen und die Lebensfreude steigern sollen.

Seit alters her verwendete man Bernstein für Schmuck und Zierate. In Nordfriesland (Deutschland) fand man 12.000 Jahre alte Anhänger und Perlen aus Baltischem Bernstein. In der für ihre steinzeitlichen Felsmalereien bekannten, von 16.000 bis 11.000 v. Chr. benützten, Höhle von Altamira in Spanien, gab es ebenfalls Gegenstände aus Bernstein. In der Neuzeit schätzte ihn der Adel zur Herstellung repräsentativer Objekte. Der preußische Hof gab hunderte Pokale, Dosen, Konfektschalen und Degengriffe als Hochzeits- und Diplomatengeschenke in Auftrag. Friedrich I. ließ 1712 das Bernsteinzimmer für sein Charlottenburger Schloss anfertigen. 1716 schenkte sein Sohn das Zimmer dem russischen Zaren Peter I. Seit 1945 ist es verschollen und - wieder einmal - ranken sich Mythen um Bernstein.

Erschienen der Zeitschrit "Granatapfel", 2017