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Mythologenschule#

Noch nach zwei Jahrhunderten wirken die seit den Anfängen der Volkskunde idealisierten Vorstellungen der Romantik weiter, obwohl sie wissenschaftlich überholt sind. Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859) gründeten die Altertumskunde, die Germanistik, waren "die" Märchensammler und verfassten eine "Deutsche Mythologie" (1825). Den Ursprung der Überlieferungen, wie Märchen, Lieder, Bräuche, vermuteten sie in weit zurückliegender Zeit, über der "der Schleier des Geheimnisses gedeckt" liege, "an den man glauben soll" (Jacob Grimm, 1805). Für die Brüder Grimm ging alles auf eine "organisch gewachsene Ständegemeinschaft in germanischer Frühzeit zurück, die es so niemals gegeben haben konnte", wie der Kieler Volkskunde-Professor Kai Detlev Sievers festellte. Er würdigt die besonders von Jacob Grimm gepflegte historische Methode, weist aber auch auf Widersprüche und die "latent vorhandene Gefahr willkürlicher Heranziehung von Belegen unterschiedlicher zeitlicher, räumlicher und sozialer Provenienz" hin, der weder die Gründerväter noch Volkskundler späterer Generationen entgingen. 

Grimms "Deutsche Mythologie" inspirierte Wilhelm Mannhardt (1831-1880) zu Forschungen. Er hatte zum Ziel, die Mythologie als exakte Wissenschaft zu begründen und eine Sammlung mittelalterlicher Quellentexte unter dem Titel "Monumenta Mythica Germaniae" herauszugeben. Mannhardt startete die erste groß angelegte volkskundliche Fragebogenaktion, mit 150.000 in Europa verschickten Fragebogen über Erntebräuche. Seine Schlüsse aus den zurückgesandten 2.500 Antworten erschienen 1875-78 im zweibändigen Werk "Wald- und Feldkulte". Nach seiner Interpretation gingen Anfangs- und Schlussrituale auf Fruchtbarkeitsmagie und Vegetationskulte zurück. Die von ihm angenommene Existenz tierischer "Korndämonen" wie "Roggenwolf und Roggenhund" verleitete ihn zu der Annahme, die Bräuche reichten in eine ferne Vergangenheit zurück. "Dabei reihte er alle thematisch zusammenhängenden Brauchbelege aneinander, ohne ihre soziale, wirtschaftliche, geographische und historische Bedingtheit zu berücksichtigen." (Sievers) Nach 90 Jahren wertete die deutsche Ethnologin Ingeborg Weber-Kellermann (1918-1993) Mannhardts umfangreiches Material neu aus - und am zu völlig anderen Erkenntnissen.

Später adaptierte und verabsolutierte der englische Ethnologe James George Frazer (1854-1941) Mannhardts Theorien. Sein Werk "The golden bough" (Der goldene Zweig) erschien 1890. Nach der Jahrhundertwende fand die Mythologenschule Kritiker. So nannte der einflussreiche Sozialanthropologe Bronislaw Malinowski (1884-1942) Frazers "Goldenen Zweig" ein "Märchenbuch für Erwachsene". Obwohl dieses Werk Theorien aus "kuriosem Datenmaterial" konstruiert, erzielte es hohe Auflagen und wird noch immer ediert.


Quelle: Kai Detlev Sievers: Fragestellungen der Volkskunde im 19. Jahrhundert. In: Grundriss der Volkskunde (Hg. Rolf W. Brednich) Berlin 1988. S. 37 f.
Jana Salat: Ethnologie und Öffentlichkeit. In: Ethnohistorie (Festschrift für Karl R. Wernhart) Wien 2006. S. 102