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Schule & Bräuche#

Helga Maria Wolf

Von der Schultüte bis zur weißen Maturafahne reichen die Bräuche in den Klassenzimmern, zwischendurch feiert man Feste im Jahreslauf und Geburtstage.

Dass Jugendliche Feste nicht missen wollen und auch Traditionen nicht grundsätzlich abgeneigt sind, zeigt eine aktuelle Masterarbeit. Ruth Hauck hat "eine Untersuchung über das Erleben von Brauchtum, den Zugang und das Jugendverhalten zu kirchlichen und weltlichen Herbstbräuchen" durchgeführt. Dazu befragte sie Schülerinnen einer Berufsbildenden Höheren Schule (BAKIP) aus Wien und Niederösterreich. Sie kommt zu dem Schluss: "Feste müssen abwechslungsreich und modern sein. … Ein Fest muss mit Spaß und Ausgelassenheit in Verbindung zu setzen sein."

Spaß und Ausgelassenheit hatten auch in mittelalterlichen Schulbräuchen Platz, als Lehren ein Privileg der Kirche und Lernen eines der männlichen Kinder und Jugendlichen war. Der Schulbesuch galt als Voraussetzung für das Priesteramt, und dazu waren nur wenige auserwählt. Die Ausnahmen aus dem strengen Schulalltag waren zeitlich streng limitiert. In den Klosterschulen wählten die Zöglinge am Tag der Unschuldigen Kinder (28. Dezember), am Nikolaustag (6. Dezember) oder am Festtag des Schülerpatrons Gregorius (früher am 12. März) einen Knabenbischof. Dieser Herrscher für einen Tag hatte sein Gefolge, wurde inthronisiert und die Erwachsenen mussten ihm gehorchen. Ein Fresko aus der Zeit um 1500 in der Martinikerk in Groningen (Niederlande) zeigt einen Episcopus puerorum. Er trägt ein halb grün, halb braunes Mäntelchen, eine Bischofsmütze mit Narrenschellen und an Stelle des Krummstabes eine Schweinshaxe. Die Knaben veranstalteten Heischegänge durch die Stadt und Messparodien, ähnlich den Asinaria festa der Subdiakone. Dies erinnert an Bräuche der "verkehrten Welt", wie sie die Antike zu den Saturnalien kannte, während derer die Herren die Sklaven bedienten.

Im Zusammenhang mit dem Schülerbrauch steht das "Frisch- und Gsundschlagen" am Unschuldigen-Kinder-Tag. Die Kinder versetzen den Erwachsenen einen Schlag mit Fichtenzweigen oder Birkenruten, sagen einen Spruch und erhalten dafür kleine Geschenke. Der Heischebrauch hat nichts mit einem vermeintlichen Vegetationszauber oder einer "Lebensrute" zu tun, sondern mit der Rute, mit der Schüler gezüchtigt wurden. Geflochtene Ruten, Reisbesen und Haselstöcke, die sie selbst schneiden mussten, waren ein Jahrtausend hindurch pädagogische Gebrauchsgegenstände. Den Kindern wurden die Kenntnisse "ins Gedächtnis geschlagen". Der hl. Benedikt (um 480- 560) schrieb die Strafe für widerspenstige Schüler vor und so blieb es - belegt durch verschiedene Abbildungen - bis in die Renaissancezeit. Im 16. Jahrhundert gingen arme Schüler und ihre Lehrer zu Weihnachten, Neujahr, Dreikönig oder Gregori heischen. 1589 ist das Laetare- oder Gregorisingen für Wiener Neustadt bezeugt. Besonders die protestantischen Schulmeister förderten diesen Umzugsbrauch. Hingegen wollten sie katholische Singbräuche nicht weiter durchführen, 1571 verlor ein evangelischer Lehrer in Tulln deshalb sogar seine Stelle.

Bis in die Barockzeit lag das Schulwesen in privaten und kirchlichen Händen, besonders des Jesuitenordens. Maria Theresia führte die allgemeine Schulpflicht ein. Ab 1774 bestand eine sechsjährige Unterrichtspflicht an Volksschulen. Auch nach der Neuorganisation behielt die Kirche, die über Erfahrung auf dem Bildungssektor und die nötige Infrastruktur verfügte, die Aufsicht. In den Dörfern sollten die Pfarrer Schulgründungen organisieren. Die Lehrer waren oft gleichzeitig Mesner und Organisten. Nach der Maria-Theresianischen Schulordnung wurden auf dem Land "Trivialschulen", in der Stadt "Hauptschulen" eingerichtet. Als Vorbilder und pädagogische Lehranstalten dienten "Normalschulen". Allerdings bestand Widerstand in der Bevölkerung, weil man Kinder als Arbeitskräfte ansah. Viele Bauern schickten sie nach Gutdünken, oder gar nicht, in die Schule, wie Peter Rosegger und Adalbert Stifter schilderten. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren zwei Drittel der Bewohner der österreichisch-ungarischen Monarchie Analphabeten. Auf einen Lehrer kamen im Durchschnitt 80 Kinder. Zur "Abrichtung der Schulmeister" gab es mehrmonatige "Präparandenkurse". Nach bestandener Prüfung sollte man als Schulgehilfe arbeiten, mit Erreichen des 20. Lebensjahrs als Hilfslehrer, danach konnte man sich um eine freie Stelle als Lehrer bewerben.

Ein Schulmeister durfte mehrere Gehilfen beschäftigen. Der prominenteste war wohl der Komponist Franz Schubert (1797-1828). Sein Vater, Franz Theodor Florian Schubert, arbeitete zunächst als Schulgehilfe in der Karmeliterschule (Wien 2, Taborstraße 21), wo auch sein Bruder Karl Lehrer war, dann an drei Schulen im heutigen 9. Bezirk. Mit Ende des Schuljahres 1786/87 wurde Schubert senior zum Lehrer ernannt und übernahm die Trivialschule auf dem Himmelpfortgrund (Nussdorfer Straße 54, Museum Schubert-Geburtshaus). Die "verfallene" Schule hatte keinen guten Ruf und kaum Schüler. Franz Schuberts Vater musste meistens arme Kinder unentgeltlich unterrichten. Von den Einkünften konnte er nicht einmal den Zins für die Schule bestreiten. Zehn Jahre später hatte er 174 Schüler, deren Eltern vielfach mittellos waren. Das Schulgeld betrug wöchentlich drei, in den höheren Klassen vier und fünf Kreuzer. (Ein Kilo Rindfleisch kostete damals 10 Kreuzer). Der Lohn eines Schulgehilfen lag um 1850 in der 12. und letzten Einkommensklasse, zu der auch Taglöhnerinnen, Invalide, Arme, Kranke und Sträflinge zählten, zwischen 75 und 150 Gulden jährlich. Ein Schullehrer in der Kategorie 11 verdiente, wie ein "gemeiner Soldat" oder Arbeiter 150 bis 250 Gulden. 1816 quittierte Franz Schubert den Schuldienst bei seinem Vater. Am 17. Juni schrieb er in sein Tagebuch: "An diesem Tag componirte ich das erste Mahl für Geld. … Das Honorar ist 100 fl. W.W."

Zu Schuberts Zeiten kam in Mittel- und Norddeutschland die Schultüte, ein großes, mit Süßigkeiten gefülltes Gebinde, auf. 1810 hieß es in Sachsen, dass "kleinen Menschen der Abschied vom Elternhaus mit einer 'Zuggodühde' versüßt" wurde. 1817 erhielt ein Schüler in Jena "eine mächtige Tüte Konfekt" zur Einschulung. 1852 erschien in Dresden das "Zuckertütenbuch für alle Kinder, die zum ersten Mal in die Schule gehen", 1920 das Bilderbuch "Der Zuckertütenbaum". Der Zuckertütenbaum wächst im Schulkeller. Seine Früchte sind reif, wenn die Kinder schulreif sind, die diese dann ernten dürfen. In manchen Klassen befand sich ein Gestell, an dem die von den Eltern vorbereiteten Tüten aufgehängt und von den Kindern weggenommen wurden. Ein literarisches Zeugnis gab Erich Kästner von seinem Schuleintritt in Dresden 1905: "Meine Zuckertüte hättet ihr sehen müssen! Sie war bunt wie hundert Ansichtskarten, schwer wie ein Kohleneimer und reichte mir bis zur Nasenspitze! … Ich trug meine Tüte wie eine Fahnenstange vor mir her. … Es war ein Triumphzug. Die Passanten und Nachbarn staunten. Die Kinder blieben stehen und liefen hinter uns her…" Die Geschichte endete unerfreulich: Der kleine Erich stolperte und die Köstlichkeiten ergossen sich über den Gehsteig. In Österreich fand das Kindergeschenk 1938 Eingang, der zweite Schub erfolgte in der Wohlstandswelle der 1960er Jahre. Damals warben die Süßwarengeschäfte auf einem Plakat: "Wie die Muttermilch gehört die Schultüte zum Grundrecht des Staatsbürgers. Nur solche (Bild eines Raben) Eltern schenken keine Schultüte. Versüßen auch Sie Ihrem Kind den Beginn des Ernstes des Lebens durch eine Schultüte. Nur vom Fachgeschäft mit dem Branchensymbol BON BON die Schultüte auf dem ersten Schulweg". Inzwischen ist die Gabe hierzulande allgemein üblich - und der wirtschaftliche Faktor nicht zu unterschätzen.

Während die Schultüte den Beginn des Schülerlebens markiert, steht am Ende - hoffentlich - die weiße Fahne am Gymnasium. Sie zeigt an, dass alle Prüflinge die Matura bestanden haben. Eigentlich symbolisiert sie den Verzicht auf Gegenwehr. Schon der Geschichtsschreiber Publius Cornelius Tacitus berichtete im 2. Jahrhundert vom Einsatz einer weißen Flagge bei der Kapitulation römischer Legionäre. In jüngster Zeit wurde aus dem Schutzzeichen in kriegerischen Situationen ein Symbol des Friedens und der Friedensbereitschaft. Im Matura-Kontext dominiert der Aspekt der Reinheit: Niemand hat einen "Fleck".

Erschienen in der Zeitschrit "Schaufenster Kultur Region", 2016