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Der große Bluff von Murau#

Der Murauer Kaufmann, Politiker und Widerstandskämpfer Karl Brunner spielte im Chaos des Kriegsendes den Russen vor, dass Murau bereits von den Engländern besetzt wäre und wurde so „Der Retter von Murau“.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


britische Soldaten
Die britischen Soldaten kamen fast zu langsam in die Steiermark, hier bei der Besetzung Kärntens (KK)

Am Ende des Zweiten Weltkrieges kam es in der Steiermark zum Wettlauf der britischen und sowjetischen Truppen, wer weiter in feindliches Gebiet vordringen konnte. Als die Russen bereits in Scheifling standen, waren die Briten noch hinter den Bergen in Kärnten. Und Murau zitterte am 10. Mai 1945 vor der gefürchteten sowjetischen Besatzung. Da hatte der Murauer Gemeinderat Karl Brunner eine kühne Idee - er wollte den Sowjets vorspielen, dass die Engländer bereits in Murau wären und die Russen ihre Truppen gleich in Scheifling lassen könnten. Brunner holte auf eigene Faust 23 britische Kriegsgefangene, die als Landarbeiter um Murau untergebracht waren, und weihte sie in seinen abenteuerlichen Plan ein. Sie stimmten sofort zu, ihre englischen Uniformen hatten sie ja noch, dazu bekamen sie Waffen und fertig war die neue „Besatzung“ von Murau, schildern Günther Jontes und Günter Schilhan in ihrem Buch „Vom Anschluss bis zum Staatsvertrag. Die Steiermark 1938-1955“. In größter Eile wurde von einigen Murauer Frauen nach einem Bild im Lexikon eine englische Fahne genäht. Und bald schon stand an der Straße östlich von Murau ein „englischer“ Posten.

Jetzt musste „nur“ noch die Rote Armee überzeugt und aufgehalten werden. Aber wer konnte als Dolmetsch mit den Russen reden? Da fiel Brunner und seinen Helfern ein, dass im Gasthof Lercher eine sehr hübsche 22-jährige russische Medizinstudentin als „Ostarbeiterin“ tätig war. Auch sie wurde schnell eingeweiht und versprach, ihren Landsleuten zu erklären, „dass Murau längst von den Briten besetzt sei“. Dann schleppte ein Verwandter der Wirtin eine echte englische Fahne an, die er aus Kreta mitgebracht hatte, und schnell wurde mit einigen englischen Landarbeitern eine Straßensperre beim Mauthofbauern errichtet.

Karl Brunner Gedenkbüste
Karl Brunner Gedenkbüste (KK)

„Brunner fährt also mit der Russin, dem Taxiunternehmer Meisnitzer und dem Gendarmen Glettler mit dem einzigen Auto, das sich auftreiben ließ, einem Taxi, von Murau in Richtung Russen und stößt in Lind bei Scheifling auf deren Vorposten“, berichtet Jontes, Dort teilte ihnen ein russischer Major mit, dass sie demnächst bereits Murau besetzen und im Schloss Quartier beziehen würden. Karl Brunner erklärte ihm mit Hilfe der Dolmetscherin, dass er der „Kommissar von Murau“ wäre und dass ein Vorrücken nicht mehr notwendig wäre, da die Engländer bereits dort wären. Um die Russen für sich einzunehmen, gelang es ihm, für die Verpflegung der Besatzer einen Ochsen aufzutreiben. Ein Festmahl begann, dabei erfuhr Brunner, dass die Engländer bereits in Judenburg waren. Er schlich sich vom Festessen weg und schlug sich bis Judenburg durch - bis zum englischen Ortskommandanten. Den bat er, seine Leute schnell nach Murau zu schicken, das sonst von der Roten Armee besetzt würde. Der Kommandant war ganz erstaunt, da er der Meinung war, dass die Russen bereits in Murau wären. Und laut einem alliierten Abkommen würde die Besetzung einer Bezirkshauptstadt auch bedeuten, dass der gesamte Bezirk in die Hände des Besetzers fiel. Jetzt gestand ihm Brunner den Bluff mit den englischen Kriegsgefangenen und der Offizier geriet in Rage, weil damit gegen das Völkerrecht verstoßen wurde. Nachdem sich der Engländer aber wieder beruhigt hatte, erkannte er die Chance, den ganzen Bezirk in englische Hand zu bekommen. Er nahm sofort über Funk Kontakt mit einer britischen Panzereinheit in St. Veit an der Glan auf, die sich schnell in Marsch setzten wollte. Mit diesem Versprechen fuhr Brunner mit seinen Helfern wieder zu den Russen nach Scheifling und dann weiter nach Murau, wo er bereits mit Jubel empfangen wurde, da er dem Murauer Bezirkshauptmann telefonisch schon alles berichtet hatte. Am nächsten Morgen zogen die Engländer in Murau ein - in die letzte noch nicht besetzte Bezirkshauptstadt Österreichs.

Charly und Joggl Brunner
Charly und Joggl Brunner sind die musikalischen Enkel von Karl Brunner (KK)

Dem bekannten Schlagersänger Charly Brunner imponiert die Tat seines Großvaters noch heute: „Eine blendende und zugleich selbstmörderische Idee, die Stadt als bereits besetzt zu erklären, also nach Scheifling zu fahren und den Russen zu sagen, Murau sei eigentlich schon von den Engländern besetzt und sie brauchten nicht mehr zu kommen, all das ist im Nachhinein alles so lustig und abenteuerlich. Aber damals war das schon eine beinharte Sache. Die Bevölkerung ist meinem Großvater noch heute dafür dankbar, dass Murau nicht von den Russen besetzt wurde.“

Zur Person#

Karl Brunner
Karl Brunner (KK)

Karl Brunner (1889-1964)#

Der gebürtige Niederösterreicher wurde im Ersten Weltkrieg schwer verletzt, fand 1918 in Murau als Kaufmann eine neue Heimat und wurde Gemeinderat. Er gründete im Bezirk die Heimwehr und wurde deren Gauleiter. 1934 war er aktiv in den Kampf gegen die Nazis verwickelt, es gab mehrere Tote. Sofort nach dem Anschluss wurde Brunner verhaftet und zu lebenslänglichem Kerker verurteilt, 1940 wurde das Urteil auf 15 Jahre heruntergesetzt und er in die Grazer Karlau überstellt. Beim Bombardement auf die Strafanstalt am 6. April 1945 kamen viele Häftlinge und Wachebeamte ums Leben, Brunner blieb unverletzt und grub mit bloßen Händen den Gefängnisdirektor und zwei Wächter aus den Trümmern aus. Dafür wurde er begnadigt und kam am 19. April wieder als freier Mann nach Murau, wo er sich sofort im örtlichen Widerstand engagierte, der nun den Bürgermeister und die Leute der Waffen-SS entwaffnete. Danach wurde er zum „Retter von Murau“. Brunner wurde Nationalratsabgeordneter der ÖVP, 1953 Landesrat in der Steiermark, 1961 Erster Landtagspräsident. 1995 wurde ihm ein Denkmal gesetzt.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele