unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
6

Eine Reise ins alte Galizien#

Eine lange Busfahrt zu den 5. Österreich-Tagen in Drohobytsch (Galizien/Ukraine) und nach Lemberg - in die alte k.u.k. Vergangenheit.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Karte der Bevölkerungsgruppen in Österreich-Ungarn 1910
Karte der Bevölkerungsgruppen in Österreich-Ungarn 1910 (KK)

Es war noch finster, als drei Busse kurz nach 5 Uhr Früh aus der Grazer Belgierkaserne zu einer Rundreise durch die Länder der alten k.u.k. Monarchie abfuhren. Über Slowenien ging es auf der Autobahn quer durch Ungarn bis zur ukrainischen Grenze. Bei dichtem Schneetreiben überquerten wir die Waldkarpaten und gelangten spätabends über Stryj nach etwa 950 Kilometern in unser Quartier im Kurort Truskawets in Galizien. Ziel der Reise waren die 5. Österreich-Tage im nahegelegenen Drohobytsch, die heuer unter dem Motto „Steiermark - das grüne Herz Österreichs“ standen. Als musikalische Botschafter mit an Bord waren deshalb 20 Mann der Wolfsberger Dorfmusikanten aus Wolfsberg im Schwarzautal in der Steiermark, lauter lustige Burschen, die mehrmals kräftig aufspielten.

Veranstalter der sechs Österreich-Tage war die Pädagogische Iwan-Franko-Universität Drohobytsch, Organisator der Germanistik-Dozent und Leiter der Österreich-Bibliothek . Jaroslaw Lopuschanskyj. Als Vorsitzender des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa war Erhard Busek einer der prominenten Festredner bei der Eröffnung der Tagung. „Der Brückenschlag zwischen Völkern passiert nicht so sehr durch hohe diplomatische Besuche und große Reden der Politiker, sondern vielmehr durch kleine persönliche Kontakte wie hier, wo sich die Menschen treffen und persönlich kennenlernen“, lobte der ex-Vizekanzler. „Denn wenn man Menschen näher kennenlernt, kann man sie auch verstehen.“

Neben all den wissenschaftlichen Kolloquien, Vorträgen, Ausstellungen, Diskussionen und einer Lesung der Grazer Autorin Valerie Fritsch kam es auch zur Unterzeichnung eines Kooperationsvertrages zwischen den Padagogischen Hochschulen der Steiermark und der Uni Drohobytsch. Eine wichtige Rolle in der Zusammenarbeit mit der Ukraine spielt auch das Österreichische Schwarze Kreuz, dessen Kurator in der Steiermark, Herwig Brandstetter, eine große steirische Delegation anführte und den ukrainischen Partnern zahlreiche Spenden überbrachte.

Stich von Lemberg (1618)
Stich von Lemberg nach einem Gemälde von Aurelio Passaroti (1618) (KK)

„Das Reisen im Osten ist viel aufregender und spannender als im Westen“, erklärte mir ein Mitreisender, der viel in Osteuropa gereist ist. „Hier passiert jeden Tag etwas Unvorhergesehenes, Ungeplantes. Im Westen ist alles so glatt und steril durchorganisiert.“ Und recht hat er, muss ich rückblickend sagen - für Überraschungen war immer gesorgt.

Es ist der nostalgische Reiz der alten k.u.k.Monarchie, dem man hier an fast jeder Ecke begegnen kann und der die Besucher die lange Anreise vergessen lässt: Das bunte Gemisch der Völker und Religionen, das die Region einst geprägt hat. Die Ruthenen (heute Ukrainer), Polen, Juden, Deutschen und die österreichischen Beamten und Militärs, die nach der Teilung Polens 1772 in Galizien die Herrschaft übernommen haben. Die vielen Dichter und Künstler, die aus dieser Gegend stammen - von Joseph Roth, Stanislaw Lem, Martin Buber, Rosa Luxemburg, Leopold von Sacher-Masoch, Manes Sperber, Isaac Singer bis zu Andy Warhol. Jahrhundertelang war die Ukraine von Fremden beherrscht und kämpfte um ihre nationale Eigenständigkeit, gegen die Mongolen, die Polen und Litauer, gegen die Russen, die Österreicher, wieder die Russen, die Deutschen und noch einmal die Russen. Unvorstellbare Gräueltaten haben die Unterdrückungen immer begleitet, vor allem im Zweiten Weltkrieg. Seit 1991 ist die Ukraine nun ein unabhängiger Staat.

Einen Tag verbrachten wir in Lemberg (ukrainisch Lwiw), der alten Hauptstadt des österreichischen Kronlandes Galizien (dessen Name übrigens von der Stadt Galitsch (Halytsch, lateinisch Galicia) kommt und mit dem spanischen Galicien nichts zu tun hat. Die Großstadt mit ihren 750.000 Einwohnern war schon zur Zeit der Habsburger die viertgrößte Stadt Österreich-Ungarns. Die Innenstadt an der heute unterirdisch fließenden Poltwa wird von Gebäuden der Renaissance, des Barock, Klassizismus und Jugendstils geprägt und strahlt mit ihren vielen Straßencafes ein fast mediterranes Flair aus. Deswegen diente Lemberg häufig als Kulisse für russische Filme, die in Rom oder Venedig spielen sollten. Kein Wunder, dass die Altstadt um den großen Rynok-Platz seit 1998 auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes steht. Es gibt hier so viel zu sehen, aber wir müssen lange 985 Kilometer über Polen und Tschechien zurück nach Graz fahren.

Borschtsch-Suppe aus roten Rüben
Borschtsch-Suppe aus roten Rüben, eine ukrainische Nationalspeise aus roten Rüben (Rohnen)
Foto: ENGELE
Galizischer Platz mit St. Andreaskirche
Galizischer Platz mit St. Andreaskirche
Foto: ENGELE
Bronze-Statue des Dichters Leopold von Sacher-Masoch
Bronze-Statue des Dichters Leopold von Sacher-Masoch, der in Lemberg geboren wurde und in Graz seinen berühmten Roman "Venus im Pelz" schrieb
Foto: ENGELE

PS: Auch ein dunkles Kapitel der Vergangenheit verbindet Galizien mit Graz. 1914 bis 1917 wurden tausende ruthenische Männer, Frauen und Kinder aus Galizien und der Bukowina, also eigene Landsleute, zumeist unschuldig und ohne Gerichtsverfahren in das Zivilinternierungslager Thalerhof bei Graz deportiert - als vermeintliche Spione für den russischen Kriegsgegner. 1767 von ihnen überlebten die Seuchen im heillos überfüllten Lager nicht.

Weiterführendes#



zur Übersicht
© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele