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Überbevölkerung oder Planet der Pensionisten? #

Angst vor Entvölkerung hat die Angst vor Überbevölkerung abgelöst. Doch Populationspanik ist in beiden Fällen verkehrt.#


Von der Wiener Zeitung (31. Mai 2021) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Thomas Seifert


"Der Kampf, die Menschheit zu ernähren, ist verloren. In den 1970er und 1980er Jahren werden hunderte Millionen Menschen verhungern. Zum jetzigen Zeitpunkt kann nichts mehr ein drastisches Ansteigen der Todesraten verhindern, obwohl viele Leben dadurch gerettet werden könnten, wenn es gelänge, die Tragfähigkeit der Erde durch eine Erweiterung der Nahrungsmittelproduktion und eine fairere Verteilung der Nahrung zu verbessern."

Das Buch, in dem diese Zeilen zu lesen waren, schlug 1968 - passend zum Titel des Werks - ein wie die sprichwörtliche Bombe: Paul R. Ehrlich hat mit "Die Bevölkerungsbombe" eine hitzige Debatte über die Bevölkerungsexplosion entzündet. Im Jahr 1968 lebten 3,53 Milliarden Menschen auf dem Planeten. 43 Jahre später, am 31. Oktober 2011, begrüßte der damalige UN-Generalsekretär Ban Ki-moon symbolisch den siebenmilliardsten Erdenbewohner. Und heute? 7,9 Milliarden Menschen leben auf unserem Planeten, 2023 werden es 8 Milliarden sein.

Bevölkerungstatistik der Vereinten Nationen (2019)
Grafik: Bevölkerungstatistik der Vereinten Nationen (2019), Gapminder; Wz-Bearbeitung
Quelle: oneworldindata.org

Doch zurück ins Jahr 1968: Es war die Zeit, in der man die Theorien des britischen Ökonomen Thomas Robert Malthus wiederentdeckte, der in seiner Bevölkerungstheorie ("An Essay on the Principle of Population", 1798) das Problem der Überbevölkerung ausführte: "Bei dem großen Gastmahle der Natur ist durchaus kein Gedeck für ihn (den Menschen, Anm.) gedeckt."

Die Überbevölkerungsapokalypse, vor der Malthus und später auch Ehrlich warnten, ist bisher ausgeblieben. Hatte Ehrlich also unrecht? Seinen Kritikern hielt der heute 89-Jährige stets entgegen, dass seit dem Erscheinen seines Buches rund 200 Millionen Menschen verhungert sind. Und er erinnerte in Interviews an einen anderen Aspekt seines Buches: Die Menschheit müsse die Umweltverschmutzung in den Griff bekommen, "bevor unser Planet unwiederbringlich zerstört ist", hieß es darin. Treibhauseffekt und Klimawandel waren zu diesem Zeitpunkt noch kein Thema.

Die "Bevölkerungsbombe" ist nicht detoniert#

Die "Bevölkerungsbombe" ist bis heute aber jedenfalls nicht detoniert: Entgegen Ehrlichs Prognosen ist auch die Zahl der Ärmsten in den vergangenen Jahrzehnten gesunken - bis Covid-19 kam. Die demografische Angstlust schlägt nun in die entgegengesetzte Richtung aus: Während Ehrlich vor einer Überbevölkerung warnte, sinken in den Industrienationen die Geburtenraten rapide.

Die Sorge der Regierenden lautet nun also Entvölkerung, nicht Überbevölkerung. Vor allem drei Probleme werden ins Treffen geführt. Erstens: Wenn immer weniger Junge immer mehr Alte erhalten müssten, dann drohe der Kollaps des Pensionssystems. Zweitens: Ältere Konsumenten hätten ihre Bedürfnisse gestillt, es drohe ein langsamer Nachfrageverfall samt einer zerstörerischen Phase der Deflation. Und drittens: Junge Leute seien der Sauerteig der Gesellschaft, sie brächten Dynamik, Wagemut und kreatives Mojo ein, während die Alten vor allem die herrschenden Zustände bewahren und nichts mehr riskieren wollten. Eine sklerotische Gerontokratie sei die Folge.

Die Sorge in Peking: Wird China alt, bevor es reich wird?#

Zuletzt machte China Schlagzeilen. Die Classe politique im Pekinger Regierungsviertel Zhongnanhai beherrscht seit langem die Urangst, dass China alt werden könnte, bevor es reich wird. In der renommierten Londoner Zeitung "Financial Times" wurde vor einigen Wochen das Gerücht verbreitet, dass die jüngste Volkszählung in China ergeben haben soll, dass 2020 als jenes Jahr in die Geschichte der Volksrepublik eingehen könnte, in dem die Bevölkerungszahl knapp unter der 1,4-Milliarden-Einwohner-Marke zu liegen kommt - ein Wendepunkt in der Bevölkerungsentwicklung Chinas. Als jedoch Mitte Mai die offiziellen Zahlen veröffentlicht wurden, hieß es, die Bevölkerungszahl sei von 1,4 Milliarden im Jahr 2019 auf 1,412 Milliarden Chinesen im Jahr 2020 angestiegen.

Dennoch: Angesichts der stark fallender Geburtenrate (derzeit: 1,7 Kinder pro Frau im gebärfähigen Alter) und der Tatsache, dass China kein Einwanderungsland ist, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Bevölkerungszahl zu sinken beginnt - und das könnte schon 2022 der Fall sein. Im Jahr 2100 wird das Reich der Mitte jüngsten Prognosen zufolge jedenfalls 730 Millionen Einwohner zählen, und im Land werden gleich viele 85-Jährige wie 18-Jährige leben.

China liegt damit übrigens besser als der ostasiatische Trend: Die fünf Länder und Territorien mit den global niedrigsten Geburtenraten sind Taiwan, Südkorea, Singapur, Macao und Hongkong (allesamt unter 1,22 Kinder pro Frau im gebärfähigen Alter). Die Gründe sind vielfältig - von hohen Kindererziehungskosten über schwach ausgeprägte staatliche Familienfördersysteme bis hin zu fehlender Frauengleichberechtigung.

Altersverteilung der Bevölkerung weltweiter Vergleich 2020
Altersverteilung der Bevölkerung weltweiter Vergleich 2020
Grafik: WZ; Quelle: via Statista

Auch in den USA wurde Anfang Mai über die niedrigste Bevölkerungswachstumsrate seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1790 diskutiert (7,4 Prozent in den vergangenen zehn Jahren). Die Altersgruppe über 80 Jahre ist nun größer als jene der Kleinkinder unter 2 Jahren, und die Geburtenrate ist auf 1,6 Kinder pro Frau im gebärfähigen Alter gefallen.

"Das ist ziemlich bedeutsam", zitierte die "New York Times" unlängst den Demografen Ronald Lee, Gründer des Center on the Economics and Demography of Aging at the University of California, Berkeley. Die USA seien lange Zeit anderen entwickelten Nationen in puncto Bevölkerungswachstum davongeeilt. "Wenn das Bevölkerungswachstum längere Zeit niedrig bleibt, dann bedeutet das das Ende des Amerikanischen Exzeptionalismus in dieser Frage", stellte Lee fest. Neben fallenden Geburtenraten ist ein Sinken der Zuwanderungszahlen (vor allem aus Mexiko) für die sich einbremsende Bevölkerungsentwicklung verantwortlich. Strengere Grenzkontrollen und eine verbesserte Wirtschaftslage in Mexiko sind nach Expertenmeinung die Gründe für diesen Trend.

Was den USA droht, ist in Europa längst Realität#

Was nun auf die USA zukommt, ist in vielen europäischen Staaten längst Realität: Die Geburtenrate liegt zum Beispiel in Italien bei 1,47 Kindern pro Frau im gebärfähigen Alter, Italien altert rapide. Auf der italienischen Insel Sardinien kämpfen Bürgermeister etwa um die Existenz der Geburtenstationen in den Spitälern ihrer Gemeinden. Gibt es weniger als 500 Geburten auf einer Station, dann verliert diese die staatliche Unterstützung. In der Gemeinde Capracotta - zwischen Rom und Bari gelegen - wurde aus jenem Haus, das einst den örtlichen Kindergarten der Gemeinde beherbergte, ein Altenheim. Einst lebten rund 5.000 Menschen in Capracotta, heute sind es 800.

Gemeinden wie Capracotta gibt es in Italien viele. Italiens Präsident Sergio Matarella nannte die Überalterung seines Landes "ein Problem, das die Existenz des Landes berührt". Die niedrigen Geburtenraten sind Umfragen zufolge das Resultat einer konservativen Familienpolitik und der schlechten Perspektiven am Arbeitsmarkt: Mehr als 50 Prozent der 18- bis 20-Jährigen gaben an, dass sie sich vorstellen könnten, niemals Kinder zu haben. Länder wie Ungarn, Serbien, Rumänien, Bulgarien oder Bosnien sind, was die Bevölkerungsentwicklung betrifft, die Schlusslichter Europas. Dort stimmt die Bevölkerung mit den Füßen über ihre Regierungen ab und kehrt ihren Herkunftsländern reihenweise den Rücken. Die Folge: Die jüngeren, dynamischeren Einwohner wandern nach Westeuropa ab, die älteren, weniger mobilen bleiben zurück.

Österreich gehört zu jenen 13 EU-Ländern, in denen die Bevölkerungszahl - noch - wächst: Exakt 8.932.664 Menschen lebten am 1. Jänner 2021 in Österreich, das waren um 31.600 Personen mehr als zu Jahresbeginn 2020. Der Grund für das Wachstum: die Zuwanderung. Die Geburtenrate lag mit 1,44 Kindern pro Frau im gebärfähigen Alter unter jener Italiens und Deutschlands (1,54). In Ländern mit einer Kombination aus ausgeprägter Frauengleichberechtigung, gut ausgebauten Kinderbetreuungseinrichtungen und robusten Sozialsystemen liegen die Geburtenraten aktuell noch höher, etwa in Frankreich (1,88), Schweden (1,76) oder Dänemark (1,73).

Wolfgang Lutz, einer der führenden Demografen der Welt, hält die gerne geschürte Sorge vor dem demografischen Niedergang für überzogen. Ein Schrumpfen der Bevölkerung sei nicht unbedingt ein Problem, meint er, solange jene, die in Pension gehen, durch besser gebildete und damit produktivere Jüngere ersetzt würden. "Automatisierung und Künstliche Intelligenz werden die Produktivität in Zukunft weiter erhöhen", ist Lutz überzeugt. "Allerdings bedeutet das, dass die jungen Leute noch besser ausgebildet sein müssen, denn wenn Roboter und immer leistungsfähigere Maschinen einen immer größeren Anteil der manuellen Arbeit übernehmen, dann müssen die Arbeitskräfte der Zukunft die Programmierer dieser Maschinen und Roboter sein."

Sinkende Geburtenraten müssen also keine Tragödie sein - im Gegenteil. Sie ermöglichen zukünftigen Generationen ein Leben in Wohlstand, sagt Lutz. "Die Weltbevölkerungskurve wird bei nicht ganz 10 Milliarden Menschen abflachen und dann zu sinken beginnen", prognostiziert er. "Am Ende des nächsten Jahrhunderts werden dann zwischen 2 und 4 Milliarden Menschen auf dem Planeten Erde leben - gut gebildet, dadurch gesund, wohlhabend und in der Lage, auf den bereits unvermeidbaren Klimawandel zu reagieren."

Wiener Zeitung, 31. Mai 2021