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Frühe Stufenpyramiden auf 4000m in Peru#


Von

Hasso Hohmann


Der Río Mosna fließt hier auf einer Seehöhe von 3400 m
Der Río Mosna fließt hier auf einer Seehöhe von 3400 m. Die typischen Felder der indigenen Bevölkerung reichen bis auf fast 4000 m hinauf.
Foto: Hasso Hohmann 1996

Bevor ich 2003 auf eine fünfwöchige Peru-Reise ging, rief mich Wilhelm Dießl, ein Kollege aus Linz in Graz an, er habe in Luftbildern des peruanischen Militärs zwei frühe Pyramiden auf einem kleinen Plateau entdeckt. Sie liegen auf der Ostseite des Huascarán Massivs in Peru am Cerro San Rámon auf ca. 3800 m Seehöhe. Er hatte dem Fund bereits einen Namen nach der tief eingeschnittenen Schlucht Quebrada Taulliragra gegeben – er nannte auch die Ruinen “Taulliragra“. Als ich ihm sagte, dass ich die Absicht habe, auch noch einmal Chavin de Huantar zu besuchen, bat er mich, nach Möglichkeit die von ihm entdeckten Ruinen aufzusuchen. Er schickte mir einige Tage danach Fotokopien von seinen Luftbildern, die ich mit auf die Reise nahm.

Am 1.8.2003 startete ich zu Mittag von Huaraz, eine Stadt in den peruanischen Anden auf 3051 m Seehöhe, um mit dem Bus nach Chavin de Huantar zu gelangen. Die Schotterstraße wurde gerade zu dieser Zeit neu trassiert und verbreitert. So gab es lange Wartezeiten und der Bus brauchte statt der sonst vier Stunden nun sechseinhalb Stunden für die Strecke. Offenbar sollte auch der grob aus dem Fels herausgebrochene unbeleuchtete Tunnel unter der Passstelle über die Cordillera Blanca auf etwas über 4500 m Seehöhe ausgekleidet und mit Licht versehen werden. Durch all das brauchte ich wesentlich länger als bei den zwei früheren Reisen nach Chavin de Huantar und kam erst um ca. 19.30 Uhr an. Dort bezog ich als Erstes ein kleines Hotel, wo ich übernachtete und auch einen größeren Teil meines Gepäcks für meine anschließende Suche von Taulliragra am nächsten Morgen zurücklies.

Chavin liegt im Tal des Río Mosna auf etwa 3200 m Höhe. Ich hatte den Ort bereits 1970 und 1996 besucht. Nach dem archäologischen Ort erhielt die gesamte Kultur ihren Namen. Später fand man an anderer Orten noch wesentlich ältere archäologische Zonen, die der Chavin-Kultur ebenfalls zugerechnet werden müssen.

Am 2.8. brach ich mit relativ leichtem Gepäck in der Früh zunächst zu den Ruinen von Chavin auf. In der nahen archäologischen Zone von Chavin war seit meinem letzten Besuch etliches neu freigelegt worden. Unter anderem wurden weitere Tunnels in den ausgedehnten Plattformen der Anlage entdeckt. Diese wollte ich nach Möglichkeit besuchen. Vor allem aber hatte ich die Absicht, mit meinem 15 mm verzerrungsfreien Weitwinkelobjektiv eine Gesamtaufnahme des Lanzón zu machen. Der Lanzón ist eine mehr als 4 m hohe Steinstele im Zentrum des Tunnel-Labyrinthes in der wohl ältesten der Plattformen der Anlage aus der Zeit um 1000 v. Chr. Archäologe Alejandro, ein Freund von Willi Dießl, zeigte mir einige der neuen Funde und ich lernte das neue Museum kennen. Das Fotografieren des Lanzón Monolithen war der letzte Akt. Ich hatte den Lanzón schon 1970 das erste Mal gesehen.

Im Zentrum eines Tunnelsystems in der niedrigeren Plattform, in der Zeichnung hinter dem runden, eingesenkten Hof, steht der gut vier Meter hohe, monolithische Lanzón.
Im Zentrum eines Tunnelsystems in der niedrigeren Plattform, in der Zeichnung hinter dem runden, eingesenkten Hof, steht der gut vier Meter hohe, monolithische Lanzón.
Zeichnung: Wilhelm Diessl 1992
Der Lanzon ist eine mehr als 4 m hohe Stele, ein Monolith aus der Zeit um 1000 v. Chr. Er trägt das sehr fein gearbeitete Flachrelief eines Monsters.
Der Lanzon ist eine mehr als 4 m hohe Stele, ein Monolith aus der Zeit um 1000 v. Chr. Er trägt das sehr fein gearbeitete Flachrelief eines Monsters.
Foto: Hasso Hohmann 2003

Der Monolith zeigt ein sehr fein ausgearbeitetes Flachrelief mit der Darstellung eines Monsters mit Fangzähnen, Haaren in Form von Schlangen, mit Ohrschmuck und scharfkralligen Pranken. Ich konnte die Stele von einer Seite ohne Blitzlicht bei sehr schwacher künstlicher Beleuchtung aufnehmen. In den engen Gängen mit Kragsteinen ist so etwas eine Herausforderung.

Am frühen Nachmittag brach ich von hier mit einem vollbesetzten Minibus nach San Marcos auf. Nach längerer Wartezeit ging es mit einem Pickup-LKW auf der Ladefläche bei recht niedrigen Temperaturen im Mosna Tal auf der Provinzhauptstraße 17A weiter flussabwärts, bis die unter den vielen Passagieren diskutierte Abzweigung zu einem schmalen Fußweg nach Huantar auf der linken Seite am Steilhang in Sicht kam. Eine in Huantar lebende Frau stieg ebenfalls vom LKW und nahm mich zunächst ins Schlepptau. Sie war aber auf dem steil nach oben führenden Fußweg so schnell unterwegs, dass ich nur kurze Zeit mithalten konnte. Ich hatte zwar das Gepäck stark reduziert, der Weg stieg aber unmittelbar von der Ausstiegstelle auf 2750 m Seehöhe bis nach Huantar auf etwa 3350m Seehöhe fast durchgehend steil an.

Obwohl ich langsamer gegangen war, als die einheimische Frau, kam ich in Huantar tropfnass geschwitzt an. Ich kaufte in einem größeren Lebensmittelgeschäft, das etwas temperiert war, Proviant für die geplante Tour am kommenden Tag, trank mehrere Flaschen Trinkwasser aus und ließ mir den Fußweg nach Anyanga zeigen, jene Ortschaft, die ich noch vor Dunkelheit zu erreichen hoffte und von der aus ich am kommenden Tag auf die östlichen Fußpartien des mächtigen Huascarán Massivs aufsteigen wollte, um die von Willi Diessl im Luftbild entdeckten Ruinen zu finden, persönlich zu checken und zu fotografieren.

Es ging von Huantar wieder hinunter. Der Weg hatte viele Abzweigungen und es gab kaum Menschen in der Region, die ich nach dem richtigen Weg fragen konnte. Als es dunkel wurde erreichte ich trotzdem einige Häuser einer Streusiedlung – es war Anyanga. Die meisten Bewohner konnten kaum oder gar kein Spanisch und ein gewisser Prozentsatz von ihnen wirkte irgendwie dement. Ich fragte einen rotznasigen Buben, ob das Anyanga sei, und er schaute mich als Antwort nur mit großen Kulleraugen und offenem Mund an. Ähnlich ging es mir bei einigen weiteren Kindern und auch bei einem Erwachsenen. Die Menschen waren ärmlich gekleidet, ihre Haare schienen schon lange kein Wasser gesehen zu haben und ihre Kleidung machte großteils einen ungewaschenen ungepflegten Eindruck. Vielleicht hatte die Lage in einem so abgelegenen Tal durch Inzucht oder andere Phänomene zu dieser Situation geführt?

Zwei recht clever wirkende und gepflegter aussehende Kinder gaben mir eine sinnvolle Antwort und führten mich zu ihrem Elternhaus. Es handelte sich um ein bäuerliches Gehöft, das zum öffentlichen Weg durch eine Mauer abgegrenzt war und im Wesentlichen aus einem großen Wohnhaus mit Außentreppe und wenigen kleineren Wirtschaftsbauten bestand. Hier wurden Schweine, eine Ziege, Hühner und Meerschweinchen gehalten. Zur Bewachung gab es auch einen Hund. Das gesamte Dorf hatte keinen Strom. Licht musste daher eine Kerze liefern. Bald kamen auch die freundlich wirkenden Eltern der Kinder. Die Mutter war die Sanitäterin für Anyanga, vergab im Bedarfsfall Medikamente und gab Spritzen. Ich konnte hier gegen geringes Entgelt, das ich gleich zahlte, im Erdgeschoss die nächsten zwei Nächte übernachten. Von der Mutter erfuhr ich, dass die Streusiedung damals 120 Einwohner, einen kleinen Greißlerladen und eine kleine Schule hat.

Am nächsten Morgen stand ich schon um 5.30 Uhr mit Hilfe meines Weckers auf, aß zwei mit Tunfisch gefüllte Weißbrote vom Vorabend, packte bei Kerzenlicht meine Sachen für den Tag und zur Sicherheit einen Biwaksack in den Rucksack, rasierte mich draußen an der Wasserstelle bei sehr niedriger Temperatur, putze meine Zähne und füllte sicherheitshalber meine fünf leeren Halbliter-Plastikwasserflaschen mit Wasser des Gehöfts auf. Am Abend vorher hatte ich beobachtet, dass der durch den Bauernhof geleitete Bach weiter oberhalb durch eine Schweinesuhle führt. Ich ging davon aus, dass die Schweine noch schliefen und das Wasser zu dieser Zeit relativ sauber war. Außerdem gab ich in jede Flasche eine Mikropur-Tablette zur Desinfektion, ein Mittel, das auch das österreichische Militär verwendet.

Dann ging es bei Taschenlampenlicht los über eine sehr schmale Brücke bestehend aus drei Baumstämmen über einen etwas breiteren leicht mäandrierenden Bach. Dieser floss hier auf einer Seehöhe von 2980 m. Danach bog ich nach rechts ab und folgte ein Stück einer breitere Schotterpiste um nach einigen hundert Metern endlich seitlich nach links hinauf auf den Berg gegenüber von Anyanga zu gelangen. Schon am Abend zuvor hatte ich im Dämmerlicht versucht, die Luftbilder mit der Realität zur Deckung zu bringen und meinen Aufenthaltsort in den Kopien zu bestimmen. So hatte ich eine Orientierung und wusste, worauf ich hier im Tal zu achten hatte.

Zunächst war der Weg noch gut ausgetreten, stieg nicht zu steil an und führte rechts und links an terrassierten Feldern vorüber. Hier gab es noch Bäume und Büsche. Wo die geneigten Felder nichtbewirtschaftet wurden, wuchs hohes Gras. Inzwischen war es hell geworden. Landwirtschaft wurde offenbar meist auf künstlich angelegte Feldterrassen betrieben. Weiter oben fiel links neben dem Weg eine offensichtlich sehr alte Terrassenmauer auf, die früher wohl auch als Brüstungsmauer gedient hatte. Teile davon ragten noch über das Terrassenniveau hinauf. Auf der zurückspringenden Fläche lagen mittig Reste von einem wohl vorkolumbischen Bau (GPS:S9°25.443/W77°11.856/H3210M) -9.5397222, -77.42111111111112 . Später am Vormittag kam ich zu einer längeren, relativ sorgfältig ausgeführten Treppenanlage, an deren oberem Ende eine rechteckige ummauerte Fläche anschloss (GPS:S9°25.166/W77°12.564/H3780M) -9.4627778, -77.35666666666667 . Dann wurde der Weg immer schmaler und bei einer sehr kleinen niedrigen Hütte bestehend aus einer äußeren Steinmauer und einer schlanken hölzernen, mit Gras gedeckten Dachkonstruktion hörte der Weg endgültig auf.

Auf den Felsformationen auf der gegenüberliegenden, nördlichen Seite des Taulliragra-Tales erkennt man einen Fußweg.
Auf den Felsformationen auf der gegenüberliegenden, nördlichen Seite des Taulliragra-Tales erkennt man einen Fußweg.
Foto: Hasso Hohmann 2003

Von hieran ging ich im unwegsamen Gelände weiter. Weiter oberhalb lag ein ausgedehntes Trümmerfeld. Es schien aus den Resten einiger älterer Bauten zu bestehen (GPS:S9°24.584/W77°13.117) -9.5622222, -77.24916666666667 . Ich war mir auch in diesem Wegabschnitt sicher, dass ich relativ genau wusste, wo ich mich auf den Kopien der Luftbilder befand.

Die Hänge wurden immer steiler, was man auf den Fotos nicht sehen konnte. Das Tal des Taulliragra-Flüsschens zu meiner Rechten wurde immer tiefer und die seitlichen Flanken immer rauer. Über die markanten Felsformationen im Norden auf der anderen Seite des Tales sah man deutlich einen schmalen Fußweg. Dennoch traf ich an diesem ganzen Tag keinen Menschen; nicht einmal von weitem sah ich jemanden. Erst am Abend knapp vor Anyanga begegnete ich einem Jäger.

Um mich zu orientieren versuchte ich mehrfach auf der anderen Seite des Tales markante, hintereinander liegende, übereinander sichtbare Objekte, die daher in der jeweils selben Vertikalebene liegen mussten, in den Fotos zu identifizieren und miteinander zu verbinden. Zwei solche Objektpaare ergeben im Luftbild zwei Linien, in deren Schnittpunkt ich dann im Luftbild stehe. Bei den mir zur Verfügung stehenden Militärluftbildern war diese Methode nicht sehr genau, aber eine gute Orientierungshilfe.

An einigen Stellen war das unwegsame Gelände durch aus dem Berg austretendes Wasser und flachere Einschnitte sumpfig und schwer passierbar. Hier zeigte sich, dass all die Quellen, die ich zum Teil bereits am Vorabend von Weitem an den Hängen des Bergmassivs gesehen hatte, ein fauliges, nach Schwefelwasserstoff riechendes Wasser an die Oberfläche fördern, dass nicht trinkbar ist. Ich war also froh, Wasser in Anyanga in meine leeren Flaschen trotz der Schweinesuhle abgefüllt zu haben. An anderen Stellen ging ich über immer steiler werdende Hänge. An einem extrem steilen Abschnitt brachte mich mein Rucksack so stark in Schieflage, dass ich nur mit Mühe einen Absturz verhindern konnte. Am Ende ging es nochmals über eine weite Senke voller Geröll mit riesigen Steinbrocken und etwas nach Mittag erreichte ich endlich auf einer Anhöhe das Ziel der Wanderung, die Ruinen von Taulliragra, die Willi Dießl auf den Luftaufnahmen entdeckt hatte (S9°24.312 / W77°13.860 / Höhe: 3810M) -9.4866667, -77.45555555555556 .

Die nordöstliche der zwei Pyramiden mit der Vertiefung nahe dem Zentrum der obersten Plattform.
Die nordöstliche der zwei Pyramiden mit der Vertiefung nahe dem Zentrum der obersten Plattform.
Foto: Hasso Hohmann 2003
Beide Pyramiden auf dem Cerro San Ramon in Richtung der schneebedeckten Berge des Huascaran-Massivs aufgenommen.
Beide Pyramiden auf dem Cerro San Ramon in Richtung der schneebedeckten Berge des Huascaran-Massivs aufgenommen.
Foto: Hasso Hohmann 2003

Vor Ort legte ich eine Skizze der zwei nicht sehr hohen Stufenpyramiden an, stellte fest, dass die Mauern der einzelnen Großstufen tatsächlich an den Ecken abgerundet bzw. unter 45° abgewinkelt sind – meist ein Zeichen für recht frühe Bauwerke wie die Bauten von La Galgada, die etwa ab 3000 v. Chr. errichtet wurden. Ich machte mit dem Maßband einige grobe Messungen und ergänzte diese mit einer Reihe von Fotos.

Es zeigte sich, dass die Skizze der Ruinen von Willi Dießl grundsätzlich im Bereich der Pyramiden stimmt. Manche der anderen Terrassen in seiner Perspektive gibt es allerdings in dieser Form nicht. Es handelt sich dabei vielfach um freistehende Mauern in einer Senke im Süden der zwei Pyramiden. Sie stammen vielleicht aus einer jüngeren Zeit, da die Mauern noch nicht umgestürzt sind. Der kaum erkennbare Rest einer Mauer verläuft anscheinend sogar über Teile der westlichen Pyramide, reicht bis zur östlichen und sieht sekundär aufgesetzt aus. Hier neben dieser Mauer wie auch bei dem sechseckigen ummauerten Feld im Bereich südöstlich der östlichen Pyramide staffelte Dießl in mehreren Stufen kleine Terrassen nach unten.

Besonders westlich der sechseckigen Fläche sind es in Wirklichkeit Mauersysteme mit Durchlässen. Die umschlossenen Felder sind zum Teil inzwischen mit dornigem Strauchwerk und hohem Gras gefüllt. Möglicherweise dienten die Mauern einst als Windschutz für kleine Felder vielleicht mit Nutzpflanzen in den Zwischenräumen, um sie gegen die eisigen Fallwinde aus der Sierra Blanca abzuschirmen?

Nach circa einer knappen Stunde Aufenthalt samt Pause und kurzer Stärkung ging ich wieder zurück Richtung Anyanga. Ich wollte nicht in die Dunkelheit kommen. Für eine eingehendere Untersuchung und detaillierte Vermessung der archäologischen Zone mit einer Ausdehnung von etwa 130 m (O-W) mal 150 m (N-S) hätte man zumindest eine Übernachtung vor Ort mit Zelt und dicken Decken organisieren müssen. Ich wanderte zunächst auf der gleichen Route und später auf einer modifizierten nach Anyanga zurück, wo ich gerade bei Dunkelheitsanbruch einlangte.

Ich verbrachte nochmals eine Nacht in dem Bauerngehöft, nachdem ich in der nahen kleinen Tienda 1,5 Liter Coca Cola und Kekse gekauft hatte. Die Sonne war längst untergegangen, als ich mich bereits um 19.00 Uhr nieder legte. Leider gab es in dem üppigen Bettzeug kleine Mitbewohner – Pulgas, Flöhe. Sie hier ohne ordentliches Licht zu fangen und zu zerdrücken war schier unmöglich.

Mit Hilfe meines Weckers stand ich am 4.8. wieder gleich in der Früh um etwas vor 5.30 Uhr auf, aß ein paar Kekse, machte mich reisefertig und war bereits um 6.00 Uhr wieder unterwegs. Diesmal ging ich nicht noch einmal über Huantar über den Berg sondern querte zunächst auf dem gleichen Weg wie am Vortag in der Früh wieder die schmale Brücke über den Bach im Westen von Anyanga, ging über die Schotterstraße westlich des Baches nach Norden bis zu der breiteren Schotterstraße, die nördlich parallel neben der Quebrada Taulliragra nach Osten verläuft.

Dieser Weg war weiter aber wesentlich weniger anstrengend, weil er nur mit geringem Gefälle hinab führte. Die enge Brücke über das Taulliragra-Flüsschen im Norden bestand wieder aus nur drei nebeneinander liegenden Baumstämmen. Diesmal waren hier aber Äste von Bäumen und Strauchwerk sorgfältig dicht aneinander quer darüber gelegt. Auf diesen lag noch eine dicke, relativ feste Auflage aus Steinen und Erdreich. Von weitem konnte ich sehen, wie ein Reiter zu dieser frühen Stunde über die schmale Brücke ritt, um zur West-Ost verlaufenden Straße im Norden zu gelangen. Auch ich benutzte die Brücke und kam so nach einem weiteren Stück Weg schon um 8.30 an die Einmündung dieser Schotterstraße in die Hauptstraße 14A bzw. an jene Stelle, an welcher das Taulliragra-Flüsschen, neben dem ich gegangen war, in den Río Mosna mündet. Die Provinzhauptstraße 14A verbindet Huari im Norden mit Chavin de Huantar im Süden und führt entlang des Río Mosna flussaufwärts.

Ich musste sehr lange eineinhalb Stunden an dieser Einmündung warten, bis das erste Fahrzeug in der richtigen Richtung die Straße passierte und auf mein Zeichen auch anhielt. Im Wagen saßen zwei Erwachsene und ein Kind. Sie nahmen mich um 6 Soles nach San Marcos mit. Dort hatte ich gleich einen Minibus, der mich weiter nach Chavin de Huantar brachte und beim Hotel absetzte.

Ich holte das große Gepäck ab und packte meinen Rucksack neu. Wegen der Straßenbauarbeiten fuhr dann allerdings der Bus erst um 16.30 Uhr ab. Wenige Kilometer weiter musste er dann trotzdem schon wieder anhalten und bis 18.30 Uhr auf seine Weiterfahrt warten. So kam ich erst spät in der Nacht in Huaraz an, wo ich in dem kleinen Hotel Dido’s nochmals abgestiegen bin.

Leider konnte ich durch die enorme Zeitverzögerung auf diesem zweiten Teil der Rückfahrt von Chavin nach Huaraz keine Fotos vom Tal, den Häusern und dem Tunnel machen. Interessant war aber eine Serie von vertikal aufgestellten Gesteinsschichten der Felswände neben der Straße, zwischen denen sich Kohleflöze befanden. Hier gab es auf Strassenniveau Stollen, die in den Berg führten. Zweimal konnte ich in die schwach beleuchteten Kohleabbaustollen blicken, in denen indigene Arbeiter des Mosna Tales ihr Heizmaterial abbauten. Sie arbeiteten offenbar auch bei Nacht.

***

Viel später zurück in Österreich sprach ich mit Willi Dießl über Taulliragra und zeigte ihm meine Skizzen und Fotos. Weil ihm aber mein Ergebnis offenbar nicht ausreichte oder weil er dem Ergebnis nicht glauben wollte, beschloss er, sich selbst im folgenden Jahr 2004 nach Taulliragra zu begeben. Er nahm sich in Anyanga einen Führer, der behauptete, dass er die Ruinen kenne. Offensichtlich kannte er die Pyramiden von Taulliragra aber nicht und beide konnten die zwei Pyramiden auch mit Hilfe der Luftbilder nicht finden bzw. erreichen.

Wilhelm Dießl zürnte seinem Führer selbst später noch in Linz heftig. Auf Basis meiner Angaben wollte er aber auch seine Zeichnung für sein Buch mit dem Titel Huantar San Marcos. Sitios Arqueologicos en la Sierra de Ancash, das 2005 in Lima in Peru nach endlosen Kämpfen mit der dortigen Druckerei erschienen ist, nicht ändern, ohne die Situation vor Ort selbst gesehen zu haben. So blieb seine Zeichnung ein interessantes Dokument auf Basis der Luftbilder - leider mit einigen Fehlern. Willi Dießl verstarb viel zu früh 2007 ohne nochmals nach Peru reisen zu können.

Die Perspektive von Taulliragra zeigt links die zwei Pyramiden. Das Plattformensystem rechts ist in der Natur kaum erkennbar. Die Mitte des Bildes ist eine Geländesenke, in der freistehende Mauern statt der kleinteiligen Plattformensysteme zu finden sind.
Die Perspektive von Taulliragra zeigt links die zwei Pyramiden. Das Plattformensystem rechts ist in der Natur kaum erkennbar. Die Mitte des Bildes ist eine Geländesenke, in der freistehende Mauern statt der kleinteiligen Plattformensysteme zu finden sind.
Zeichnung: Wilhelm Dießl 2002

In diese Zeichnung wurden die Hauptobjekte aus der Dießl-Zeichnung bestätigend übernommen, andere weggelassen und manche der Plattformen u.a. gegen Mauern ausgetauscht. Jedenfalls wäre für eine echte Dokumentation von Taulliragra eine genaue Vermessung mit mehr Zeit vor Ort notwendig.
In diese Zeichnung wurden die Hauptobjekte aus der Dießl-Zeichnung bestätigend übernommen, andere weggelassen und manche der Plattformen u.a. gegen Mauern ausgetauscht. Jedenfalls wäre für eine echte Dokumentation von Taulliragra eine genaue Vermessung mit mehr Zeit vor Ort notwendig.
Zeichnung: Hasso Hohmann 2004