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Das Enigma der Enigma#

Im Dorotheum kommt eine der legendären Verschlüsselungsmaschinen der Nationalsozialisten zur Versteigerung.#


Von der Wiener Zeitung (4. Juni 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Edwin Baumgartner


Die Enigma-Maschine
Die Enigma-Maschine.
Foto: William Warby. Aus: Wikicommons, unter CC BY 2.0

Es ist eine Sensation, was da am 4. Juni im Wiener Dorotheum zur Versteigerung gelangt: eine Enigma.

Enigma – „ainígma“, das bedeutet im Griechischen „Rätsel“. Dank dieser rätselhaften Maschine ist das Wort nahezu in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen. Die Enigma war eine der wirksamsten Geheimwaffen der Nationalsozialisten, obwohl sie nie selbst eine Bombe abgeworfen, nie selbst einen Torpedo abgefeuert, nie selbst todbringend detoniert ist.

Die Enigma war eine Verschlüsselungsmaschine. Mit ihr konnten Befehle weitergegeben werden, ohne dass der Gegner sie, selbst wenn es ihm gelang, sie abzufangen, verstehen konnte. Die Enigma war die ausgefeilteste Verschlüsselungsmaschine ihrer Zeit. Sogar heute noch ist sie unübertroffen, was ihre Möglichkeiten der Codierung betrifft.

Verschlüsselte Nachrichten, sogenannte Kryptogramme, waren zu allen Zeiten von größter militärischer Bedeutung. Schon Julius Caesar erfand einen Code, um Befehle, sollten sie in Feindeshand fallen, unverständlich zu machen. Im Ersten Weltkrieg trug die Entschlüsselung der Codes wesentlich zur Niederlage der Achsenmächte bei. Damit war allen, Siegern wie Besiegten, klar, dass es auf herkömmlicher Basis keine noch so komplexen Verschlüsselungen gäbe, die nicht zu knacken wären.

Um zu verstehen, wieso das so ist, führt man sich am besten die Mikrostruktur der Sprache vor Augen, nämlich ihre Laute, oder genauer: deren Verschriftlichung, die Buchstaben. Diese sind nämlich keineswegs gleichmäßig verteilt.

Je nach Sprache kommen einige überproportional häufig und andere überproportional selten vor. Für das Deutsche gilt die Zauberformel ENISRAT. Diese Buchstaben sind die häufigsten, „e“ an erster Stelle der sieben und „t“ an letzter. Die Folge gilt aber nicht für Anfangsbuchstaben, das diesbezügliche Zauberwort für Deutsch heißt DSEI. Gleiche Muster gelten für alle Sprachen, nur ist die Häufigkeit der Buchstaben anders verteilt. Im Englischen und Französischen etwa ist ebenfalls „e“ der häufigste Buchstabe, aber die Häufigkeitsformel lautet für das Englische ETAOI und für das Französische ESAIN. Das Italienischen wiederum neigt extrem zu hellen Vokalen, e, a und i sind nahezu gleich verteilt, die Formel lautet EAIONL

Die Arbeit der Kryptographen#

Wie man auch verschlüsselt, ob mit Zahlen, Buchstaben oder Zeichen: Immer wird ein gewiefter Kryptograph mit etlichen Stunden, die er bei Versuch und Irrtum zubringt, sowohl die Sprache herausfinden als auch die Verschlüsselung knacken können. Eventuell kann man auf entlegene und strukturell ungewöhnliche Sprachen ausweichen, wie es die USA ab 1942 machten, indem sie ihre Befehle auf Navajo durchgaben.

Oder man entwickelt eine Möglichkeit, dass ein Buchstabe nicht durch einen anderen Buchstaben oder eine andere Zahl ersetzt wird, sondern durch eine Vielzahl anderer Buchstaben. Vereinfacht: Wenn im selben Text etwa das a sowohl durch t als auch durch m, p oder e wiedergegeben wird, kommt ein Kryptograph mit einer Häufigkeitsanalyse nicht weiter. Bei dieser Überlegung setzte der deutsche Elektroingenieur Arthur Scherbius (1878–1929) für seine Verschlüsselungsmaschine an. Seine Enigma ist eine Art Schreibmaschine, die jeden eingetippten Buchstaben über mehrere drehende Walzen mit 26 spezifischen Steckkontakten in einen Code übersetzt. Im simpelsten Fall sind 17.000 Kombinationen möglich. Bei den weiterentwickelten Enigma-Maschinen mit bis zu acht Walzen sind es mehrere Millionen von Kombinationsmöglichkeiten.

Alan Turing (ca. 1938)
Alan Turing (ca. 1938)
Foto: unbekannt. Aus: Wikicommons, unter PD

Was eine Enigma verschlüsselt, kann nur eine Enigma entschlüsseln: Die Walzen und die Kontakte von Verschlüsselungsmaschine und Entschlüsselungsmaschine müssen kongruent eingesetzt sein. Sogar dann, wenn es dem Gegner gelingt, eine Enigma zu erbeuten, nützt ihm das wenig, solange er nicht die genauen Reihenfolgen der Walzen und der Kontakte kennt. Als die Nationalsozialisten die Enigma einsetzten, tauschten sie die Walzen dreimal am Tag aus. Die Erfolge in den „Blitzkriegen“ gegen Polen und Frankreich sowie die Dänemark- und Norwegen-Invasionen verdankte die Heeresleitung der Nationalsozialisten zu einem großen Teil der Enigma: Die Befehle konnten tatsächlich geheim weitergegeben werden. Die Gegner wurden von den strategischen Winkelzügen überrascht und hatten ihnen nichts Wirksames entgegenzusetzen.

Vor allem im U-Boot-Krieg gegen England brachte die Enigma dann den Nationalsozialisten strategische Vorteile. Die „Wolfsrudel“ konnten koordiniert werden, ohne dass die Briten eine Chance auf Gegenmaßnahmen hatten. Manche Historiker behaupten sogar, dass Großbritannien den U-Boot-Krieg verloren hätte, wäre es nicht gelungen, auch den Enigma-Code zu knacken. Die landläufige Einschätzung ist, dass der Zweite Weltkrieg Krieg zwar den gleichen Ausgang genommen, aber zwei Jahre länger gedauert hätte, wäre es nicht gelungen, die Enigma-Maschine zu knacken. Dass die Briten den Enigma-Code entschlüsseln konnten, verdanken sie dem überragenden Mathematiker Alan Turing.

Turing gegen Enigma#

Turing, 1912 geboren, hatte als Spezialgebiet Logik, und er war fasziniert von Maschinen. Die Briten hatten ein deutsches U-Boot aufgebracht und eine Enigma erbeutet. Dadurch kannten sie zwar das Funktionsprinzip, konnten damit aber wenig anfangen, ohne Kenntnis der Kontakte und Walzenfolgen. Hier kam Turing ins Spiel: Er konstruierte die „Bombe“. Auf der Basis eines Wortes, das in dem zu entschlüsselnden Text aller Wahrscheinlichkeit nach vorkommt, überprüft die „Bombe“ mehrere hintereinander geschaltete Enigma-Maschinen auf sinnvolle Ergebnisse. Dadurch wurde es im britischen Entschlüsselungszentrum Bletchley Park möglich, innerhalb kurzer Zeit die richtigen Walzen- und Kontaktkombinationen zu finden. Und wie wurde Turing dafür geehrt? – Gar nicht. Denn er war homosexuell, und einem Homosexuellen konnte Großbritannien keine herausragende Leistung zubilligen. Schlimmer noch: 1952 wurde Turing zur chemischen Kastration verurteilt. Zwei Jahre später beging der Mann, der das Enigma der Enigma geknackt hatte, Suizid.

Die Enigma-Maschine, die im Dorotheum zur Versteigerung kommt, stammt aus dem Jahr 1944. Der Schätzpreis liegt zwischen 30.000 und 40.000 Euro: Vergleichsweise wenig Geld für ein Stück Geschichte aus der Ecke, in der sogenanntes Drittes Reich, Geheimnis, Rätsel und der Reiz der Mathematik eine faszinierende dunkle Verbindung eingehen.

Der Zweite Weltkrieg hätte zwei Jahre länger gedauert, hätte man die Enigma nicht knacken können.

Wiener Zeitung, 4. Juni 2020