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Die Stafette der Feindseligkeit#

Wolfgang Paterno erzählt die Geschichte eines Todesurteils in der NS-Zeit.#


Von der Wiener Zeitung (3. Juni 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Edwin Baumgartner


Als die Welt noch in Ordnung war: Hugo Paterno mit seiner Frau Maria und einem seiner Kinder im Juni 1932
Als die Welt noch in Ordnung war: Hugo Paterno mit seiner Frau Maria und einem seiner Kinder im Juni 1932.
Foto: privat

Am 7. Juli 1944 gegen 17 Uhr wird Hugo Paterno, Zollbeamter aus Lustenau, in München mit dem Fallbeil hingerichtet. Seine Verbrechen laut Anklageschrift: Er hat die nationalsozialistische Staatsführung verächtlich gemacht, die Wehrkraft zersetzt, gegen das „Heimtückegesetz“ verstoßen. Und so weiter.

Welch ein Grund für ein Todesurteil.

Und welch eine Niedertracht, die zu diesem Todesurteil geführt hat. Denn natürlich hat Hugo Paterno seine aufmüpfigen Reden nicht öffentlich auf dem Marktplatz geschwungen. In einem persönlichen Gespräch hat er seine Ansichten geäußert. Die Denunziation folgte auf dem Fuß.

Hugo Paterno ist nicht der einzige Fall eines Menschen, der in der Zeit des Nationalsozialismus nur wegen systemkritischer Aussagen zum Tod verurteilt wurde. Doch sein Fall wird durch das Buch „So ich noch lebe. . .“ auf eine Weise greifbar, die alle bestialischen Mechanismen der NS-Diktatur samt ihrer Nachwirkungen in demokratischen Zeiten zeigt. Hugo Paternos Enkel, der österreichische Journalist Wolfgang Paterno, hat sich auf Spurensuche begeben und legt ein Buch vor, das zu den wichtigsten Veröffentlichungen zum Thema Denunziation und Justiz im NS-Staat gehört. Und zwar, weil die Tragödie aller Opfer gerade im Einzelschicksal berührt.

Das große Vergessen#

Akribisch stellt Wolfgang Paterno nicht nur die Vorgänge dar, die er als „Stafette kalter Feindseligkeit“ bezeichnet und die in letzter Konsequenz zum Todesurteil führen; er schildert auch, und diese Ebene ist im Grunde noch beklemmender, wie die Mitwirkenden an dem Justizmord nach dem Krieg mit ihrer Verantwortung umgehen. Da endet die „Stafette der kalten Feindseligkeit“ nämlich nicht. Sie verwandelt sich nur in eine Stafette der Vergesslichkeit und der Schuldwegweisungen. Die Denunzianten nämlich sind bekannt. Doch sie finden ihre Ausreden – vor sich selbst, vor der Gemeinschaft, vor Gericht: Wer sich überhaupt noch erinnern kann, weiß immer nur, dass er selbst unschuldig ist und andere die Fäden gezogen haben.

Heinrich W. etwa lässt zwar sein Gedächtnis insgesamt im Stich, nur eines weiß er mit Sicherheit: „Ich fühle auf jeden Fall nicht mich an dem Schicksal Paternos mitschuldig.“

Rosa R. weiß, dass sie sich nicht rächen wollte und Paterno auch nicht angezeigt hat. Aber die Trafikantin war doch die Hauptanklägerin? – Nein, gar nichts habe sie getan, und ganz gewiss habe sie Hugo Paterno nicht der Gestapo gemeldet. Nichts hätte sie getan, wäre sie von Reinhold S. nicht dazu aufgefordert worden. (Also hat sie doch etwas getan... Aber das sind wohl Wortklaubereien.) Zumal Reinhold S. niemanden zu irgendetwas aufgefordert haben will, sondern er „hatte schon damals den Eindruck, dass die Anzeigerin (Rosa R.) Paterno mit dieser Anzeige etwas auswischen wolle.“ Eigentlich mochte Reinhold S. Paterno, er „hat mir charakterlich zugesagt wegen seines ruhigen Wesens“.

Hugo und Maria Paterno mit ihren Kindern.
Hugo und Maria Paterno mit ihren Kindern.
Foto: privat

Einer schiebt es auf den anderen, und wenn man sich gar nicht mehr herausreden kann, fangen die Gedächtnislücken an.

Fehlende Einsicht#

Immerhin wird Rosa R. vor Gericht gestellt und zu drei Jahren „schwerem Kerker“ verurteilt. Von Einsicht, von Übernehmen von Verantwortung merkt man nichts. „Ich fühle mich völlig unschuldig“, sagt sie im Verhör. An nähere Einzelheiten erinnert sie sich erwartungsgemäß nicht, nur daran, nichts Verwerfliches getan zu haben.

Allein das Aufzeigen dieser Vorgänge würde das Buch lesenswert machen. Es ist darüber hinaus ein stilistisches und erzähltechnisches Meisterwerk. Das sei umso deutlicher angemerkt, als Sachbücher oft diese Seite vernachlässigen. Wie sich Wolfgang Paterno behutsam an seinen Großvater herantastet, von dem Menschen, der ihm „ein Unbekannter“ ist, allmählich Konturen zeichnet, Daseinsspuren verfolgt und darum kämpft, ihm schreibend und beschreibend nahezukommen, ist, bei aller dokumentarischen Klarheit, berührend und überwältigt den Leser auch emotional.

Das Grab Hugo Paternos ist leer. Die Nationalsozialisten übergaben seinen Leichnam einem anatomischen Institut. Sie wollten seine Spuren auslöschen, ihn aus dem Gedächtnis tilgen.

Dank Wolfgang Paterno ist ihnen das gründlich misslungen.

Sachbuch#

„So ich noch lebe . . .“ – Meine Annäherung an den Großvater. Von Wolfgang Paterno, Haymon, Innsbruck/Wien, 2020, 299 Seiten, 24,90 Euro
Wiener Zeitung, 3. Juni 2020