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Die Wahrheit siegt nicht von allein#

So bescheuert können nicht einmal die Russen sein, meinte mein Mann, eine kommunistische Partei zu zerstören, die endlich einmal wirklich populär ist. Wenig später fielen wir aus allen Wolken. Die letzten Tage des Prager Frühlings – aus dem Tagebuch einer gebürtigen Pragerin.#


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Barbara Coudenhove-Kalergi aus: Die Presse Spectrum (10. August 2018)


Sowjetische Panzer auf dem Altstädter Ring in Prag
Sowjetische Panzer auf dem Altstädter Ring in Prag.
Foto: ALDOR46. Aus: Wikicommons

Prag, Juni 1968. Der Prager Frühling steht in voller Blüte. Ich reise in meine Heimatstadt, halb beruflich in meiner Eigenschaft als Reporterin, halb privat, weil ich sehen will, wie das ist, wenn in einer kommunistischen Gesellschaft plötzlich die Demokratie ausbricht. In meinem Tagebuch liest sich das so: „Die Stadt, früher grau und mieselsüchtig, ist wie verwandelt. Wir kommen uns vor wie im Süden. Vor dem Jan Hus Denkmal auf dem Altstädter Ring sitzen junge Leute, singen, nicht laut und besoffen, sondern leise, glücklich, verliebt. Viele lächelnde Gesichter. Wildfremde Leute sprechen einander an. Ist es nicht schön hier ? fragen sie einander. Schönen Tag noch ! Ich kenne meine grantigen Prager nicht wieder. Kann es sein, dass Politik eine ganze Stadt verzaubert ?“

Die Verwandlung hat schon im Vorjahr begonnen. Im Mai die Kafka Konferenz auf Schloss Dobris bei Prag, einberufen von Eduard Goldstücker, Germanist, Kafka-Kenner und Präsident des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes. Franz Kafka, jüdischer Prager Deutscher, der in seinen Büchern die Schrecken der stalinistischen Herrschaft prophetisch vorausgesehen hatte und in den kommunistischen Staaten als dekadent verfemt war, sollte rehabilitiert werden. Der österreichische Schriftsteller Ernst Fischer, führender Kommunist, war eingeladen und rief, unter Applaus, in den Saal: wir beantragen ein Dauervisum für Franz Kafka in dessen Heimat!

Es folgte einen Monat später der Kongress des Schriftstellerverbandes, bei dem die wichtigsten Autoren des Landes vehement Meinungsfreiheit und Aufhebung des Zensur verlangten. Die Folge: Ivan Klima, Antonin Liehm und Ludvik Vaculik wurden aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Aber der Ruf nach Demokratie liess sich nicht mehr unterdrücken. Die Studenten protestierten, immer mehr Journalisten ignorierten einfach die Zensur. Und auch in der Führung der Partei wurden die kritischen Stimmen lauter. Im Jänner l968 wurde Antonin Novotny, ein Mann der alten Garde, als Parteichef abgewählt und durch Alexander Dubcek abgelöst, den Vorsitzenden der slowakischen KP. Dubcek war ein freundlicher Mann, kein Intellektueller, kein Ideologe. Die Leute mochten ihn, weil er keinen Parteisprech benutzte, sondern redete wie ein normaler Mensch, manchmal stotterte und manchmal auch sagte: das weiss ich nicht.

Und die Demokratisierung ging weiter. Die Zensur, ohnehin schon weithin aufgeweicht, wurde offiziell aufgehoben. Der Ökonomieprofessor Ota Sik, Wirtschaftsverantwortlicher der Partei, stellte ein neues Wirtschaftsprogramm vor: Schluss mit der Kommandowirtschaft, Wettbewerb, Autonomie der Betriebe, sozialistische Marktwirtschaft. Die Bevölkerung war begeistert. Eine Umfrage, die die meisten für verlässlich hielten, ergab 89 Prozent Zustimmung für den neuen Kurs.

Das ist der Stand der Dinge, als mein Mann Franz Marek, Mitglied des Politbüros der KPÖ und führender Eurokommunist, nach Prag kommen. Wir treffen Ota Sik. Ich notiere im Tagebuch: „Ich kenne Audienzen bei kommunistischen Grössen und bin beeindruckt vom anderen Stil, der hier herrscht. Professor Sik redet offen und ungeschminkt. Ja, die Menschen in den Betrieben haben die ineffiziente Parteiwirtschaft satt und sind bereit für etwas Neues, sagt er, aber um wirklich weiterzukommen, braucht man neue Betriebsleiter. Neue Leute müssen her, überall, sonst haben Reformen keine Chance. Er lädt uns ins Gartenrestaurant Barrandov zum Mittagessen ein. Er wird erkannt. Ständig kommen Leute an unseren Tisch, wollen dem Hoffnungsträger die Hand geben, sagen: machen Sie weiter ! Lassen Sie sich nicht entmutigen !“

Eduard Goldstücker nimmt uns mit auf die Karlsuniversität, wo er eine Vorlesung über die Verantwortung des Schriftstellers hält. Der Hörsaal ist gerammelt voll.Die Studenten sitzen auf den Fensterbrettern, auf dem Boden, diskutieren leidenschaftlich. Eine wichtige Forderung: die in den Fünfzigerjahren hingerichteten politischen Gegner der kommunistischen Machthaber müssen rehabilitiert werden ! Unser Freund Antonin „Tonda“ Liehm ist Chefredakteur der Literaturzeitschrift Literarny Listy. Das ist eine anspruchsvolle Zeitschrift, aber in diesen Monaten verkauft sie über l4o.ooo Exemplare pro Woche, weil hier die interessantesten politischen Artikel zu finden sind. Tonda führt uns in den Filmclub, wo wir die neuen tschechischen Filme von Milos Forman, Jiri Menzel und anderen sehen, die inzwischen internationale Anerkennung gefunden haben. Jetzt kommt eine Talentexplosion ! Auf allen Gebieten! Ihr werdet sehen ! sagt Tonda.

Als wir eines Morgens in unserem Hotel beim Frühstück sitzen, kommt einer unserer tschechischen Bekannten hereingestürmt, die neueste Ausgabe der Literarny Listy in der Hand. Hier ist das später berühmt gewordene „Manifest der 2ooo Worte“ abgedruckt, das von dem Schriftsteller Ludvik Vaculik verfasst und von zahlreichen führenden Intellektuellen unterzeichnet worden ist. Für jedes dieser Worte haben sie uns drei Panzer geschickt, sagen die Tschechen später, nach der Invasion der Warschauer Paktstaaten. Aber das Manifest hat es tatsächlich in sich. Es richtet sich „an die Arbeiter, an die Landwirte, an die Künstler, an alle“.

Das Programm des Sozialismus sei in die Hände der falschen Leute geraten, heisst es darin. An „herrschsüchtige Egoisten, skrupellose Feiglinge, Leute mit schlechtem Gewissen“. Jetzt habe „das Parlament vergessen zu tagen, die Regierung zu regieren, die Direktoren zu dirigieren. Zur Anständigkeit reicht es nicht mehr. Die Beziehungen zwischen den Menschen sind verdorben, die Freude an der Arbeit ging verloren“. Jetzt gelte es, die Dinge in die eigene Hand zu nehmen, Bürgerkomitees zu gründen, die korrupten Betriebsleiter zur Rechenschaft zu ziehen. Und, in Anspielung an ein berühmtes Wort von Jan Hus, „Die Wahrheit siegt nicht von allein“. „Der Frühling geht zu Ende“, schliesst das Manifest, „im Winter werden wir mehr wissen“.

Wie später herauskam, war dieses Manifest der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und die Hardliner in der Parteiführung dazu bewog, die „Bruderstaaten“ des Warschauer Paktes zum Eingreifen zu bewegen. Damals sagten die Konservativen im Westen, diese rasante Demokratisierung würde die Sowjetunion nie akzeptieren. Und hatten recht. Die Linken waren optimistischer. Sie hatten die Studentenbewegung in Frankreich, Deutschland, Amerika und auch in Österreich gesehen und die Protestbewegung in Polen verfolgt. Ihr Traum: mehr soziale Gerechtigkeit im Westen, mehr Demokratie im Osten schien in greifbare Nähe gerückt.

So bescheuert können nicht einmal die Russen sein, meinte Franz Marek, eine kommunistische Partei zu zerstören, die endlich einmal wirklich populär ist und bei freien Wahlen mühelos gewinnen würde. Und so fuhren wir in jenem Sommer vergnügt auf Urlaub nach Italien. Und fielen aus allen Wolken, als wir am 22.August die Zeitung aufschlugen und die Schlagzeile sahen „Panzer in Prag“.

Was folgte, steht in den Geschichtsbüchern. Die „brüderliche Hilfe“ der Warschauer Paktstaaten gegen die „Konterrevolution“ in der Tschechoslowakei. Die Rücknahme aller Reformen. Die Wiedereinführung der Zensur. Die gewaltsame Überführung der tschechoslowakischen Parteiführung nach Moskau, wo diese gezwungen wurde , um Blutvergiessen zu vermeiden, die schmachvolle „Moskauer Erklärung“ zu unterzeichnen, die das „brüderliche“ Eingreifen der Verbündeten akzeptierte. Nur einer weigerte sich, das Papier zu unterschreiben: Frantisek Kriegel, Mitglied des Zentralkomitees, Chef der sogenannten Nationalen Front, einst Arzt bei den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg. Die Reaktion der Moskauer Parteiführer kam prompt: „dieser galizische Jude“ müsse in der Sowjetunion bleiben, mit ungewissem Schicksal, die anderen dürften heimfahren. Ohne Kriegel fahren wir nicht, sagten diese, worauf die Russen nachgaben und die ganze Gruppe nach Prag zurückkehrte. Ich habe Frantisek Kriegel Jahre später, als ich wieder nach Prag einreisen durfte, im Spital besucht. Er war todkrank und hat diesen Spitalsaufenthalt nicht überlebt. Aber ich bin heute noch stolz darauf, dass dieser einsame Tapfere damals zu mir sagte, auf deutsch: Mädel, bleib, wie du bist.

Der Prager Frühling war zu Ende. Aber noch nicht der Widerstand der Tschechen, die damals eine der Sternstunden in ihrer Geschichte erlebten. Die Menschen, die in der Schule russisch gelernt hatten, stellten sich den Panzern in den Weg und diskutierten mit den Soldaten. Wisst Ihr überhaupt, wo Ihr seid ? Glaubt ihr wirklich, dass hier die Konterrevolution herrscht ? Dass wir Eure brüderliche Hilfe herbeigerufen haben ?

Findige Bürger drehten auf den Strassen nach Prag die Wegweiser um und leiteten die heranrückenden Armeen in Sackgassen und unzugängliche Gegenden. Plakate mit Widerstandsparolen erschienen übernacht an den Plakatwänden. Eines lautete: „Lenin, wach auf, Breschnew ist verrückt geworden.“ Radio und Fernsehen, deren Studios von den Invasoren besetzt waren und von wo offizielle Propaganda ausgestrahlt wurde, sendeten illegal weiter. Redakteure und Techniker fanden Wohnungen befreundeter Menschen und improvisierten von dort aus Informationssendungen. Vergeblich versuchten die neuen Herren, die illegalen Sender zu orten. Tschechische Eisenbahner hatten die Eisenbahnwagen mit den entsprechenden Geräten auf irgendwelche Nebengeleise geschoben und dort „vergessen“. Es dauerte Wochen, bis diese gefunden und das „freie“ Radio und Fernsehen gestoppt werden konnte.

Das war auch die Stunde des ORF. Der damalige Generalintendant Gerd Bacher, ein Konservativer und Kommunistenfresser von Gnaden, hatte sich in den Monaten des Prager Frühlings gleichwohl mit dem tschechoslowakischen Fernsehchef Jiri Pelikan angefreundet, seinerseits ein aktiver Befürworter der Demokratiebewegung. Die beiden sorgten dafür, dass die illegalen Sendungen aus Prag über den ORF ihren Weg ins demokratische Europa fanden. Wien wurde zur wichtigen Schaltstelle des Widerstands.

Aber irgendwann erlahmten die Kräfte derjenigen, die die Rückkehr zur kommunistischen Herrschaft sowjetischer Prägung nicht akzeptieren wollten. Die tschechische Kommunistische Partei – eine der ganz wenigen in Europa, die seinerzeit in demokratischen Wahlen zur stärksten Partei geworden war - wurde „gesäubert“. Zehntausende Mitglieder wurden ausgeschlossen. Weitere zehntausende Tschechen und Slowaken verloren ihre Arbeitsplätze. Akademiker wurden Hilfsarbeiter, Tagelöhner, Putzfrauen. Der spätere Verteidigungsminister und der spätere Prager Erzbischof wurden Fensterputzer. Und als nach der Wende l989 der neue Aussenminister Jiri Dienstbier angelobt werden sollte, musste er sich entschuldigen: er hatte noch Dienst als Heizer bei der Prager U Bahn. Es begann die lange, graue, ereignislose Zeit der sogenannten „Normalisierung“. Die Wirtschaft stagnierte. Der Lebensstandard sank. Parteigünstlinge und Opportunisten hatten Saison. Wir tun so, als ob wir arbeiten und sie tun so, als ob sie uns bezahlten, sagten die Prager Witzbolde. Wer konnte, verliess das Land.. Eduard Goldstücker, der während der Nazizeit in England in der Emigration gewesen war, ging zum zweitenmal ins Exil, wieder nach England. Ota Sik wählte die Schweiz, wo er eine Professur an der Universität Sankt Gallen annahm. Jiri Pelikan ging nach Italien. Und Antonin Liehm, der einst Jean Paul Sartre ins Tschechische übersetzt hatte, fuhr nach Paris. Unterwegs machte er Station in Wien und übernachtete auf unserem Wohnzimmersofa. Und Zdenek Mlynar, einst Mitglied des Zentralkomitees der Partei und einer der nach Moskau verschleppten Parteiführer, übersiedelte ganz nach Wien, wo er sich seiner naturwissenschaftlichen Ausbildung entsann und im Naturwissenschaftlichen Museum in der Insektenabteilung Arbeit fand.

Auch in der kommunistischen Weltbewegung und insbesondere in der kleinen Kommunistischen Partei Österreichs hinterliess die Niederschlagung des Prager Frühlings ihre Spuren. Ernst Fischer und Franz Marek wurden aus der Partei ausgeschlossen, viele Parteimitglieder gingen mit ihnen. Ernst Fischer veröffentlichte später ein Buch mit dem Titel „Ende einer Illusion“.

Ist vom Prager Frühling etwas übriggeblieben ? Der Schriftsteller Pavel Kohout, auch er einer der führenden Männer der Bewegung, antwortete vor kurzem auf diese Frage: gar nichts. Mag sein. Sternstunden der Geschichte sind kurz, sie sind nie von Dauer. Aber die Ereignisse von l968 waren so etwas wie die Generalprobe für den grossen Völkerfrühling von 1989. Und sie bleiben in der Erinnerung und in der Geschichte eines Volkes erhalten, wie ein Schatz, der nicht vergeht und aufbewahrt wird für künftige Generationen.