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„Das Wort Revolution macht Angst“ #

INTERVIEW. Das heutige Russland hat wenig Freude mit dem 100. Jahrestag. Autor Sergej Lebedew über eine Staatsmacht, die die Reste der Geschichte ausschlachtet – aber so, wie sie es will. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Kleinen Zeitung (Donnerstag, 9. März 2017)

Von

Nina Koren


Moskau Revolution
Wer revoltiert, kann umkommen – das ist eine Lektion aus den Umbrüchen von 1917, die den heutigen Eliten in Moskau ins Konzept passt
Foto: PICTUREDESK

Sergej Lebedew, Schriftsteller aus Moskau, holt in seinen Büchern die Vergessenen und Verschwiegenen der russischen Geschichte hervor. Derzeit schreibt er in Graz an seinem neuen Roman.

Russland begeht heuer den 100. Jahrestag der russischen Revolution – jenes Umbruchs, der mit dem Sturz der zaristischen Herrschaft die Chance für eine demokratische Entwicklung geboten hätte. Wie steht das heutige Russland zu den Ereignissen?

SERGEJ LEBEDEW: Jahrestag ist für die russische Regierung heikel, weil man sich mit der Bewertung der Ereignisse schwertut. Hier kämpften Russen gegen Russen. Die offizielle Geschichtsschreibung hat von Helden, Siegen und der Größe Russlands zu berichten. Lenin wird von der heutigen politischen Führung nicht mehr als positive Figur gesehen, die sich gut feiern lässt. Zudem greift die heutige Staatsmacht in ihrer Propaganda nicht nur auf das sowjetische, sondern auch auf das 1917 gestürzte zaristische Imperium zurück, um von den Machtsymbolen der Herrschaftssysteme von damals politisch zu profitieren.

Die Revolution wirkt bis heute nach. Putins Position als Staatschef ist stabil, dennoch lösten die Maidan-Umbrüche in Kiew Ängste aus, der Funke der dortigen Aufstände könnte auch nach Moskau überspringen.

Das Wort „Revolution“ ist ein Wort, das nicht gerne ausgesprochen wird. Revolution macht Angst, kann die Staatsführung gefährden. Es steht gegen die Werte, die derzeit offiziell gepredigt werden. Stabilität und Modernisierung – das sind die Schlagworte von heute. Deswegen wird man von offizieller Seite heuer wohl eher die Schattenseiten einer Revolution hervorkehren. Zum Beispiel die Gefahr von Gewalt und die Todesopfer. Und man wird die Bemühungen Stalins hervorstreichen, zu reparieren, was unter Lenin schiefgegangen ist.

Woher kommt der Impuls, Stalin wieder zu idealisieren?

Als Putin an die Macht kam, war es Priorität seiner Wähler, Ordnung und materielle Entschädigung zu bekommen für die Leidensjahre der 90er. Damals bekamen Lehrer oft monatelang ihr Gehalt nicht bezahlt. In weniger als vier Jahren gelang es ihm, eine pünktliche Auszahlung zu organisieren. Danach brach die Zeit für symbolische Entschädigung an. Da kam nur ein Thema infrage: der Zweite Weltkrieg und Stalin als Herrscher, dem der Sieg über Nazi- Deutschland zu verdanken ist. Ich glaube, die Leute spüren tief drin, dass Russland derzeit wieder auf die hintersten Seiten der Geschichte rutscht. Nichts bewegt sich. Der Staat ist zum privaten Business einiger weniger verkommen. Und so beten viele den verflossenen, gefallenen Gott von früher an. Jeder weiß, dass das ein Gott ist, der Blutopfer fordert. Weil die Menschen von heute die Tragödien von damals nicht durchleben mussten, glauben sie, sie wären bereit, diesen Preis zu bezahlen, um ein starkes Russland zu bekommen.

Sergej Lebedew
Sergej Lebedew
Foto: HEIMO BINDER

Auf welche Weise profitiert das System Putin vom Vereinfachen oder Verschweigen der Vergangenheit?

Die Bolschewiken waren zynische Mörder, die viele Verbrechen begingen. Aber ein großer Teil von ihnen glaubte tief an ihre Ideen und Utopien. Die jetzigen Leute sind vollkommen frei von jeder Ideologie oder Vision. Sie haben sich nur dem Kriminellen verschrieben. Ihr Hauptziel ist es, ihre Geschäftsinteressen durchzubringen und so viel Geld wie möglich aus der russischen Wirtschaft für sich selbst herauszuholen. Der einzige Weg, um diese Position beizubehalten, besteht darin, mit den nostalgischen Gefühlen und Ängsten der Bevölkerung zu spielen. Putin war der Mann, der die Rolle des Beschützers einnehmen konnte und den Leuten versprach, ihnen ihre Ängste abzunehmen – indem er den Siegeskult von früher pflegt. In gewisser Weise ist es ein zynisches und meisterliches Spiel der Postmoderne – sie schnappen sich die wirkungsvollsten Symbole aus der Vergangenheit, mischen sie zusammen und inszenieren sich als Nachfolger der Helden von damals. Und für die Leute hat das immer noch Anziehungskraft.

Der britische Historiker Orlando Figes beschreibt Russland als ein Land in kollektiver Amnesie, dessen Gesellschaft aus den alten Traumata und Ängsten heraus nicht in der Lage ist, für sich einzutreten und den staatlichen Behörden etwas entgegenzusetzen.

Das System zeigt seine Macht sehr offen. Nicht nur mit der Festnahme einiger Staatsdiener oder Demonstranten. In Moskau wurden beispielsweise kleine Verkaufsstände und Kioske an den U-Bahneingängen über Nacht mit Bulldozern einfach zerstört und entfernt. Plötzlich waren sie weg. Die Leute waren gewohnt, sich dort ihre Zigaretten oder Fast Food zu kaufen. Tausende verloren einfach ihren Job. Ohne geringste öffentliche Debatte oder Information darüber. Das war Ausdruck dieses starken Willens des Staates: „Wir wissen, was gut für die Stadt ist. Wir wissen, was gut für euch ist. Und wir werden es machen, weil wir es machen.“ Die Leute merken, dass hier staatliche Aggression dahintersteht, sie erkennen sie wieder.

Der Ausdruck „russkij bunt“, „russische Revolte“, steht in Russland nicht erst seit 1917 für eine wilde Gewaltorgie, die bis heute Angst macht. Letztlich bekamen wohl auch deshalb die Putin-kritischen Proteste von 2012 keine dauerhafte Unterstützung.

100.000 Menschen standen im Mai 2012 in den Straßen. Doch was passierte mit den Demonstranten auf dem Bolotnaja- Platz? Etwa 40 Personen, vollkommen willkürlich ausgewählt, wurden festgenommen und zu Haftstrafen von drei bis vier Jahren verurteilt. Vor diesem Zeitpunkt betrug der Preis für Straßenproteste 15 Tage Haft. Das konnte man in Kauf nehmen. Aber drei Jahre in einem russischen Gefängnis, unter den schlechten Bedingungen und mit dem Risiko, gefoltert zu werden: Danach bist du, so sagen Anwälte, physisch zerstört und ein krankes Wrack. Selbst dann, wenn man nicht geprügelt wird. Dass dies der neue Preis für Proteste ist, wurde im Fernsehen groß berichtet. Bei der nächsten Demonstration waren nur noch 2000 Menschen dort, 50 Mal weniger. Das ist vollkommen verständlich. Auch wenn die Stalin-Verbrechen verdrängt werden, ist dieser monströse Schatten aus der Vergangenheit immer präsent. Es genügt, an dessen Methoden zu erinnern, sie wirken weiter.

Wo sehen Sie Russland in zehn Jahren?

Ich sage es am besten metaphorisch. Ich erinnere mich gerne an die weißen Luftballons, die damals zum 25. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer in den Himmel aufstiegen. Mir fiel damals auf, dass die Ballons Richtung Osten flogen, und ich sagte mir: Diese Mauer in Berlin wird für immer verschwinden – aber womöglich wird eine neue entstehen, weiter östlich davon. Als die proeuropäische ukrainische Regierung ankündigte, dass sie einen Schutzwall an der Grenze zu Russland bauen möchte, wurde mir klar, wo die neue Mauer stehen würde. In den Köpfen ist sie schon da.

Buchtipp:#

„Menschen im August“. Fischer, 2015

Kleine Zeitung, Donnerstag, 9. März 2017