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Zeitzeuge: "Alle haben sich zur SS gemeldet - bis auf drei"#

Zum Kriegsende am 8. Mai 1945 mobilisierten die Nazis ihre letzten Reserven. 15-Jährige sollten zur SS, Jugendliche wurden an die Front geschickt: Wienerinnen und Wiener erinnern sich an HJ und BDM und das letzte Aufbäumen des NS-Regimes.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 8. Mai 2019

Von

Michael Schmölzer


Gert Sabidussi in den Fängen der SS-Keiler: 'Der HJ-Bannführer hat rundheraus gesagt, dass er überzeugt ist, dass wir den Krieg ver lieren. ‚Aber‘, hat er gesagt, ‚wir brauchen fähige SS-Leute, um vor Torschluss noch reinen Tisch zu machen.‘'
Gert Sabidussi in den Fängen der SS-Keiler: "Der HJ-Bannführer hat rundheraus gesagt, dass er überzeugt ist, dass wir den Krieg ver lieren. ‚Aber‘, hat er gesagt, ‚wir brauchen fähige SS-Leute, um vor Torschluss noch reinen Tisch zu machen.‘"
Foto: © Michael Schmölzer

Wien. Zelten, Lagerfeuer und Kadavergehorsam: Das NS-Regime sorgte ab 1938 in der "Ostmark" dafür, dass es den totalen Zugriff schon auf die Jüngsten unter den "Volksgenossen" erhielt. Alle Kinder und Jugendlichen, Buben und Mädchen, mussten ab dem Alter von zehn Jahren zum "Jungvolk" oder den "Jungmädeln", ab 14 ging es dann zur HJ beziehungsweise zum BDM.

Von Lagerfeuerromantik und dem großen Abenteuer konnte bald nicht mehr die Rede sein: Als Hitler ab 1944 militärisch immer stärker in Bedrängnis geriet, zeigte sich, dass die Nazi-Schergen nicht davor zurückschrecken, auch die Jüngsten an der Front zu verheizen oder als Mitglieder der Waffen-SS für ihre Vernichtungspolitik einzuspannen. In den letzten Kriegsmonaten wurden 17-Jährige und noch jüngere zur SS mehr oder weniger zwangsverpflichtet. Viele tausende mussten, schlecht bewaffnet, in den letzten Kriegswochen mit Panzerfaust und Gewehr gegen die Alliierten ausrücken.

In Wien und Berlin wurden im April 1945 Hitlerjungen in Sonderbataillone zusammengefasst. Die Verluste waren hoch, weil die unerfahrenen - und sehr oft fanatisierten - Halbwüchsigen altgedienten sowjetischen Gardesoldaten gegenüberstanden. In Berlin wurden im Bezirk Spandau 4000 Buben von den Rotarmisten niedergemetzelt, in Wien sind mehrere Hundert bei den Kämpfen gefallen. Die "Wiener Zeitung" hat sich bei den letzten Zeugen dieser Ereignisse umgesehen.

"Man musste sich freiwillig zum Kriegsdienst melden"#

Gert Sabidussi war 1944 frisch bei der Hitlerjugend, als er in die Fänge der SS-Keiler geriet. "Man wurde mit 14 Jahren vom deutschen Jungvolk in die Hitlerjugend überstellt. Da musste man sich - wohlgemerkt freiwillig - zum Kriegsdienst melden", erzählt er.

"Da wurde alles in das Bannoberkommando in der Tuchlauben im ersten Bezirk einberufen, das weiß ich noch sehr genau. Dort hat man uns gesagt, ‚ihr seid ja alles deutsche Jungs‘. ‚Jungs‘, wohlgemerkt. Die Kommandierenden waren Wiener, aber die haben den nötigen Jargon schon gut beherrscht. Und die haben gesagt: ‚Ihr meldet euch natürlich alle freiwillig zur Waffen-SS.‘ Mit 14 Jahren und ein wenig darüber."

1945, knapp vor Kriegsende: Sowjetische Panzer in Wien. HJ-Abteilungen sollten sie stoppen.
1945, knapp vor Kriegsende: Sowjetische Panzer in Wien. HJ-Abteilungen sollten sie stoppen.
Foto: © Archiv

"Da waren wir so ungefähr 20 Leute", berichtet Sabidussi, "und da war einer, der hat einen fantastischen Meidlinger Dialekt geredet. Der hat gesagt: ‚Und was ist, wenn man sich nicht freiwillig meldet?‘ Den habe ich bewundert, dass er die Frechheit hat."

Damit begannen aber die Probleme, auch für Sabidussi. "Dann hat der Kommandierende dort gesagt: ‚Wer sich nicht freiwillig meldet, vortreten!‘ Da sind drei vorgetreten", so der Zeitzeuge, "alle anderen haben sich ‚freiwillig‘ zur Waffen-SS gemeldet. Alle die Buben waren dann zumindest auf dem Papier bei der Waffen-SS. Die, die nicht wollten, waren der Meidlinger, dann ich und noch einer."

Sabidussi musste in der Folge lange warten, wie er erzählt, und wurde schließlich einem HJ-Bannführer vorgeführt. "Das war ein hohes Tier, ein Oberst, und er hat sich mit mir eine gute dreiviertel Stunde unterhalten und wollte mich überzeugen, dass es sinnvoll und nützlich wäre, wenn ich mich zur Waffen-SS melde", sagt Sabidussi. Das Gespräch habe ihm große Angst eingejagt, erinnert er sich. "Mir, dem Buben, hätten sie ja nichts machen können, wohl aber meinen Eltern. Der Bannführer hat ernstlich mit mir diskutiert. Er hat mich nicht gezwungen und dann hat er gesagt, ‚mit euch Oberschülern ist nie etwas anzufangen‘".

Die Sache war aber noch nicht ausgestanden, wie Sabidussi der "Wiener Zeitung" erzählt. "Dann fragt mich dieser Bannführer, ‚glaubst Du, dass wir den Krieg gewinnen?’ Da hab ich mich nicht getraut, Ja oder Nein zu sagen, obwohl es klar war, dass der verloren ist. Und da habe ich zurückgefragt, ‚Bannführer, glaubst Du, dass wir den Krieg gewinnen?‘ Der hat eine Uniform getragen, die ist mir komisch vorgekommen. Ich vermute, das war irgendeine Art Uniform der Waffen-SS. Aber er hat rundheraus gesagt, dass er überzeugt ist, dass wir den Krieg verlieren würden. Das war 1944, knapp vor der Invasion in der Normandie."

"Daraufhin habe ich gefragt, ‚und warum, Bannführer, soll ich mich dann zur SS melden?‘ Er sagte: ‚Weil wir fähige Leute brauchen, um vor Torschluss noch reinen Tisch zu machen.‘" "Es war mir nicht klar, was er mit ‚reinem Tisch‘ gemeint hat", so Sabidussi.

"Ich habe alles getan, um nicht einberufen zu werden"#

Auch Wolfgang Breunig war zu Ende des Krieges in der Hitlerjugend und wurde dort zur Wehrmacht angeworben. "Ich sollte bei der Hitlerjugend sein, aber ich habe geschwänzt, wo es nur möglich war", erinnert er sich. "Da waren Heimabende, da hat man sich wirklich sehr heimisch gefühlt. Man hat dort hauptsächlich gerauft und einander wehgetan. Ich habe versucht, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, damit sie mich nicht von hinten anfallen."

Die rauen Sitten bei der HJ sollten aber nur ein Vorgeschmack auf das sein, was noch kam: "Ich hatte die Einberufung zum Volkssturm für den 1. April 1945", erinnert sich Breunig. Sein Vater habe damals gesagt, "jetzt, wo die Russen schon so nahe sind, wirst du nicht eingezogen". Und der Vater sei dann persönlich zu der Stelle hin, wo sich sein Sohn zum Kriegseinsatz hätte melden sollen. "Er ist lachend nach Hause gekommen", erinnert sich Breunig "und hat gesagt: ‚Dort sind gar keine Leute mehr, im Hof ist nur ein Haufen mit Akten, die brennen. Brennende NSDAP-Abzeichen und brennende Hitler-Bücher. Das hat sich erledigt.‘"

Aber ein Schulkollege, so Breunig, sei eingezogen worden und sei auch gefallen. "Ich habe alles getan, um nicht einberufen zu werden. Das war ja jedem klar, dass das nicht gutgehen kann." Bereits einige Monate zuvor sei er allerdings gefragt worden, "ob ich zur SS will". "Der Mensch, der mich vorgeladen hat, hat mich in sein Zimmer hineingerufen und ich habe gesagt, dass es mein innigster Wunsch wäre, zur Marine zu kommen", lacht Breunig. "Weil ich gewusst habe, die Marine nimmt mich keinesfalls. Die nimmt vor allem keine Brillenträger. Ich hatte eine Brille, habe die aber abgenommen. ‚Am Meer bin ich zuhause‘, habe ich gesagt."

Der Zeitzeuge bestätigt, dass es mit der "Freiwilligkeit" oft nicht weit her war: "Die haben auf die Buben auch körperlich Druck ausgeübt, indem sie sie geohrfeigt haben. Und wenn man sich gemeldet hat, ist man oftmals zuerst in die Napola gekommen. Eine NS-Eliteschule. Ein Bekannter von mir, der war dort und wurde zu Kriegsende in Prag furchtbar von Tschechen verprügelt."

Franz Mikolasch musste sich im April 1945 zum Kriegseinsatz gegen die vorrückenden Sowjets melden. "Ich sollte zum Volkssturm gehen. Ich wurde einberufen und musste mich auf der Hohen Warte melden, Ecke Barawitzkagasse/Hohe Warte. Die Hitlerjugend hat das riesige Haus für sich beschlagnahmt, dort musste man sich melden. Man musste dorthin gehen", so Mikolasch. Wer nicht wollte, wurde gezwungen: "Wir haben es oft erlebt, dass eine HJ-Truppe einfach ins Haus gekommen ist und die Leute abgeholt hat."

Hitlerjungen wurden im 'Wehrertüchtigungslager' auf den Krieg vorbereitet.
Hitlerjungen wurden im "Wehrertüchtigungslager" auf den Krieg vorbereitet.
Foto: © Archiv

"Ich habe mich also im Parterre gemeldet. Da waren so ein paar Burschen mit 17, 18, 19 Jahren, in HJ-Uniform. Ich hatte keine an, ich war Zivilist. Und dann hat es geheißen: ‚Geh rauf in den ersten Stock und such Dir ein Bett aus.‘ Da waren Stockbetten und noch fünf bis sechs Burschen oben, die da unschlüssig herumgelehnt sind und mehr oder weniger nicht gewusst haben, was sie tun sollen. Das Haus war relativ leer. Ich bin dann draufgekommen, dass es einen Hinterausgang gibt und einfach gegangen. Niemand hat mich aufgehalten", so Mikolasch.

Und was ist mit den anderen passiert? "Das weiß ich nicht", sagt Mikolasch. "Das hing davon ab, wer das Kommando hatte. Der hat entweder gesagt, ‚Burschen, geht’s heim‘. Oder: ‚Ihr müsst die Straßenkreuzung verteidigen.‘"

Hunderte Wiener Jugendliche in den Tod geschickt#

Der Zeitzeuge Gerald Stourzh, später Geschichtsprofessor an der Uni Wien, konnte sich einer Mitgliedschaft bei der HJ entziehen, hatte aber am 1. April 1945, knapp bevor die Kämpfe um Wien begannen, eine denkwürdige Begegnung: "Es war Ostersonntag, ich bin friedlich in den Türkenschanzpark gegangen", erinnert er sich im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", "und hatte ein Buch zum Lesen dabei. Einen Roman. Und da marschiert ein mit Panzerfäusten bewaffneter HJ-Zug vorbei. Singend und mit einer Fahne. Ich habe nicht reagiert, sondern weitergelesen. Daraufhin sind zwei oder drei Anführer dieser Gruppe auf mich zugesprungen und haben mich hochgerissen, sodass ich aufstehen musste. Die haben mich angebrüllt und gefragt, warum ich die Fahne nicht gegrüßt habe. Das war eine Hakenkreuzfahne, ich habe sie, zugegeben, nicht einmal bemerkt. Die haben mich dann zu der Fahne gestoßen und ich musste den Hitlergruß leisten. Dann haben sie mich in Ruhe gelassen." Der Zug fanatisierter Jugendlicher sei möglicherweise ein Teil jener HJ-Bataillone gewesen, die im Westen Wiens gegen die Rote Armee gekämpft haben, vermutet Stourzh.

Viele Wiener Jugendliche sind im April 1945 in die Schlacht gezogen und haben ihr Leben verloren. Es wurden im Eilverfahren zwei HJ-Bataillone gebildet, in denen 17-Jährige und jüngere versammelt wurden. Die Buben sollten "Panzerjagdkommandos" bilden und an den Brennpunkten gegen die Rote Armee eingesetzt werden. Ein Teil kam in den Westen Wiens, bei Purkersdorf, zum Einsatz. Ein Teil kämpfte am Zentralfriedhof. Die HJ-Einheiten konnten die Russen jeweils nur kurz aufhalten und wurden dann überrannt. Die Verluste waren enorm.

Zeitzeuge Franz Mikolasch: 'Das Schicksal als Halbwüchsiger hing im April 1945 davon ab, wer das Kommando hatte. Der hat entweder gesagt. ‚Burschen, geht’s heim‘. Oder: ‚Ihr müsst die Straßenkreuzung da verteidigen‘'
Zeitzeuge Franz Mikolasch: "Das Schicksal als Halbwüchsiger hing im April 1945 davon ab, wer das Kommando hatte. Der hat entweder gesagt. ‚Burschen, geht’s heim‘. Oder: ‚Ihr müsst die Straßenkreuzung da verteidigen‘".
Foto: © Michael Schmölzer

Die, die überlebten, zogen sich im Westen in Richtung des heutigen Wolfersberg, wo ein Barackenlager war, und weiter über den Satzberg und den Heuberg zurück. Diese HJ-Einheiten wurden von den Sowjets eingekesselt. Einigen gelang es, in der Nacht auf den 8. April zu entkommen, andere wurden niedergemacht. In der letzten Phase der Kämpfe um Wien wurden HJ-Kompanien an der Floridsdorfer Brücke eingesetzt. Die Zahl der Toten wird heute auf mehrere Hundert geschätzt.

"Das war wirklich ein Kinder-KZ"#

Der Historiker Manfried Rauchensteiner schreibt in seinem Buch "Der Krieg in Österreich 1945", dass sich in letzter Minute auch eine BDM-Führerin mit einem Trupp Mädchen beim militärischen Oberkommando meldete, um mit der Waffe gegen die Rote Armee zu kämpfen.

Die Mädchen wurden von den Nazis generell nicht verschont. Sie mussten ab dem Alter von zehn Jahren zu den "Jungmädeln", später zum BDM. Gemäß der NS-Ideologie sollten sie dort zu "Anmut und Schönheit" erzogen und auf ihre Rolle als Mutter möglichst vieler künftiger Soldaten vorbereitet werden. Im Verlauf des Krieges wurden sie als Flakhelferinnen und Funkerinnen eingesetzt oder in den Büros der Wehrmachtsstellen. Wie die Zeitzeugin Martha Emele berichtet, herrschte bei den "Jungmädel" und vor allem beim BDM ein ruppig-militärischer Ton.

"Weitspringen und Laufen gab es", erinnert sich Emele. "Da war ich zwölf Jahre und bei den "Jungmädel". "Meine Klasse ist nach Breitenstein verlegt worden und die Lehrer sind auch mitgekommen, hatten aber nichts zu reden. Wir sind dort angekommen, dann sind diese BDM-Führerinnen gekommen - das war wirklich ein Kinder-KZ, das kann ich so sagen. In gewisser Weise. Wir hatten zwar am Vormittag Unterricht, aber wir waren in kleinen Zimmern zu viert, Stockbetten, ich da oben."

"Wir mussten jeden Tag in der Früh den Hitler-Gruß zum Besten geben und zum Stubenappell antreten. ‚Mädelschaft vollzählig angetreten‘ und so. Dann wurde das Bett kontrolliert, wenn das nicht ‚sehr schön‘ war, wurde alles heruntergerissen. Bei mir war es nie ‚sehr schön‘. Genauso musste alles im Kasten gestapelt sein. Und dann wurde das Waschbecken kontrolliert und wenn es schmutzig war, hat das jeder ins Gesicht geschmiert bekommen."

Militärischer Drill bei BDM und HJ: 'Weil ich nicht mitgesungen habe, musste ich zur Strafe eine halbe Stunde in der Kälte bei der Fahne stehen', erinnert sich die Zeitzeugin Martha Emele.
Militärischer Drill bei BDM und HJ: "Weil ich nicht mitgesungen habe, musste ich zur Strafe eine halbe Stunde in der Kälte bei der Fahne stehen", erinnert sich die Zeitzeugin Martha Emele.
Foto: © Archiv

"Einmal habe ich nicht mitgesungen", erinnert sich Emele, "da musste ich ohne Überkleidung eine halbe Stunde in der Kälte bei der Fahne stehen. Ich bin natürlich krank geworden. Es war hart, wirklich. Die Lehrer hatten keine Macht, die 18 jährigen Führerinnen haben das Sagen gehabt. Dann war Besuchstag und ich wollte meiner Mutter alles erzählen, war aber wie verstummt. Ich hab kein Wort herausgebracht." In Wien war die Lage nicht viel besser. "Wenn ein Fliegerangriff war", so Emele, "musste ich das Kofferl mit den Dokumenten nehmen und schauen, dass ich meine Mutter erreiche. Dort, wo die Vorortelinie ist, Krottenbachstraße, da strömte man in den Tunnel, weil der relativ sicher war. Es war aber immer sehr spannend, ob ich es dort hinschaffe. Bei uns im Haus sind alle Fenster und die Tür nach Bombeneinschlägen durch den Luftdruck draußen gewesen. Ringsherum ist sehr viel kaputt gewesen. Die gefährlichsten Bombentreffen waren die in den Keller. Hinter dem Burgtheater sind viele umgekommen, weil eine Bombe schräg hineingekracht ist."

"Vom BDM aus", so Emele, "mussten wir dann auf diese Ruinen hinaufkriechen in der Obkirchergasse, ich kann mich genau erinnern, und dort noch ein paar Habseligkeiten von Leuten heraufholen. Es hat nach geborstenen Gasleitungen gerochen. Es war anstrengend. Das waren die Einsätze, dafür mussten wir herhalten."

Ursula Klasmann, Jahrgang 1930, wurde als Lettin mit "deutschstämmiger" Mutter im Zweiten Weltkrieg von den Sowjets vertrieben und kam so zuerst nach Deutschland, schließlich nach Wien. Sie hat ihre Zeit beim BDM ganz anders in Erinnerung: "Wir kamen in die Slowakei nach Tatralomnitz in der Hohen Tatra", so Klasmann. "Ein Kurort mit einem gigantischen Hotelkomplex. Natürlich waren wir ein rotes Tuch für die dortige Bevölkerung. Wir mussten in Uniform durch den Ort marschieren, dort wurden wir angefeindet."

"Da wurden drei Mädchen ausgewählt", erinnert sich Klasmann, "und wir sollten in ein Führerinnen-Nachwuchslager. Wir kamen nach Nitra und wurden bestens versorgt. Sehr gut haben wir gegessen, dort habe ich das erste Mal Erdbeerknödel bekommen. Wir hatten keinen Unterricht und mussten nur diese Bänder und Striche lernen, wie die deutschen Dienstgrade heißen, irgend so einen Blödsinn. Und dort war ein Teich, da durften wir schwimmen, und laufen und es gab gutes Essen. Klasmanns Fazit heute, 75 Jahre später: "Mir hat das wahnsinnig viel Spaß gemacht."

Ursula Klasmann über den BDM: 'Man hat das Militärische in Spaß umgewandelt. Wir haben Sport gemacht, bei den Heimabenden habe ich ein Märchen aufgeführt, Dornröschen oder so. Den Begriff ‚KZ‘ habe ich kurz vor Kriegsende das erste Mal gehört.'
Ursula Klasmann über den BDM: "Man hat das Militärische in Spaß umgewandelt. Wir haben Sport gemacht, bei den Heimabenden habe ich ein Märchen aufgeführt, Dornröschen oder so. Den Begriff ‚KZ‘ habe ich kurz vor Kriegsende das erste Mal gehört."
Foto: © Michael Schmölzer

Mit dem "Spaß" war es schnell vorbei, als die Slowaken zu den Waffen griffen, um die Nazi-Unklammerung abzuschütteln und die Front von Osten rasch näher rückte. "Da begannen die Bombenangriffe auf Wien, das hat man aus den Briefen der Eltern gewusst", so Klasmann. "Wir mussten das Lager verlassen und sind mit dem Zug von Nitra nach Tatralomnitz und dann nach Wien. Da habe ich das erste mal den Ausdruck ‚KZ‘ gehört. Da wurde am Gang geplaudert und irgendeine hat gesagt: ‚KZ‘. Und eine andere hat gefragt: ‚Was ist das?‘ Die Antwort: ‚Da müssen die Leute arbeiten und bekommen Erbsen zu essen.‘"

"Unsere Führerin war die Ott, die war nicht sehr angenehm"#

Pia Slavicki wohnte 1945 in der Kärntner Straße. Sie war gemeinsam mit der drei Jahre älteren Schauspielerin Elfriede Ott, die damals am Kohlmarkt wohnte, beim BDM. "Meine Führerin war die Elfriede Ott", erzählt Slavicki, "sie war uns als BDM-Führerin so etwas von egal. Aber angenehm war sie nicht. Sie war eine Mädelscharführerin oder so etwas und politisch stark ausgerichtet. Sie war etwas Höheres. Und ich weiß nicht, wie lange sie dieses Theater gespielt hat."

In ihrer Autobiografie "Ich hätte mitschreiben sollen . . .", gibt Ott zu, begeisterte Nationalsozialistin gewesen zu sein. "So eine richtige, glückliche Nazi-Familie", sei man Zuhause gewesen, der Vater, ein von den Nationalsozialisten Verführter. Ott zeigt sich in ihrem Buch verzweifelt, dass sie nicht von den offensichtlichen Grausamkeiten der Nazis aufgerüttelt worden wäre. "Warum, warum haben wir nicht zu denen gehört, die alles durchschaut haben?", klagt sie.

Hitler Jugend und Bund Deutscher Mädchen

Wiener Zeitung, 8. Mai 2019