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Die Lehren aus dem Abtreibungsvotum in Irland:#

Ein Plädoyer für eine zeitgemäße Kirche#


Von

Damian Sassin

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 274/2018


Im Mai dieses Jahres haben die Iren bei einer Abstimmung über die gesetzlichen Bestimmungen zur Abtreibung in ihrem Land klar für eine liberalere Gesetzgebung votiert und damit den Weg freigemacht für Gesetze, die mit der traditionellen Lehre der katholischen Kirche nicht mehr übereinstimmen. Dieses Abstimmungsergebnis zeigt eine erdrutschartige geistige Veränderung in diesem urkatholischen Land an. Etwas salopp gesagt: die Aufklärung ist in Irland angekommen und hat dort jetzt auch durchschlagenden Erfolg. Die Menschen nutzen ihren eigenen Verstand („sapere aude“) und suchen die Selbstbestimmung in moralischen Fragen.

Man mag inhaltlich dazu stehen, wie man will. Man mag auf der Seite der Befürworter der kirchennahen Option sein (die sich beim Votum in Irland bei eher traditionell eingestellten Menschen vielfach in einer als „stilles Ja“ gemeinten Stimmenthaltung ausgedrückt hat); man mag aber auch auf der Seite der Modernisierer stehen. Eines haben die Iren mit der Abstimmung ganz deutlich gemacht: die Zeiten, in denen die Kirche schlicht und ergreifend diktieren konnte, was die richtige Moral ist, sind vorbei, sogar im katholischen Irland.

Die irische Bischofskonferenz hat in einer gemeinsamen Stellungnahme zum Ergebnis des Referendums deutlich gesagt, dass in ihrem Land eine veränderte Stimmung herrscht und dass die Kirche an Einfluss verliert. Kurz danach hat Bischof Kevin Doran von der Diözese Elphin (mit Sitz in Sligo im Nordwesten der Insel) in einem Radiointerview allen Ernstes gesagt, diejenigen Katholiken, die bei der Abstimmung für die Liberalisierung der Gesetze votiert hatten, sollten dies als Sünde betrachten und zur Beichte gehen. Bischof Doran distanziert sich damit von der Einsicht der Bischofskonferenz als Ganzer und zeigt, dass er nichts verstanden hat. Er steht auf der Basis der alten Lehre und hält diese eisern hoch.

Die Selbstbestimmung, die moralische Freiheit der Einzelnen vom Votum ihrer Kirche versteht er ganz offenbar nicht und lehnt sie kategorisch ab. Leider steht dieser Bischof als Sinnbild dafür, dass die Kirche sich von ihrer alten Haltung nicht ohne Weiteres trennen kann. Dabei ist die Aussage der Bischofskonferenz als Ganzer, nüchtern betrachtet, eine korrekte Schlussfolgerung, deren Offensichtlichkeit gar nicht deutlicher zu Tage treten könnte. Die Schlussfolgerung der irischen Bischöfe reicht aber nicht weit genug.

Was diese jüngste Entwicklung in Irland uns lehrt, ist in meinen Augen dies, dass die Kirche sich mit ihrer moralischen Lehre und vor allem ihrem Anspruch aufs Rechthaben in Sachen der Moral total vergaloppiert hat. Die moralischen Lehren unserer Kirche mögen im Sinne einer guten Menschlichkeit und eines guten Umgangs mit dem menschlichen Leben insgesamt ja in Ordnung gehen und dürfen in dem Sinne beibehalten werden. (Mit allem Respekt vor den irischen Wählern, die dieses Votum zustande gebracht haben: Eine Masse an Menschen muss nicht immer Recht haben, nur weil sie in der Mehrheit ist.)

Aber die Art, wie die Kirche ihre diesbezüglichen Lehren formuliert, verkündet und in die Gesellschaft einbringt, wird sich radikal ändern müssen. Vor allem der Anspruch, den die Kirche bisher damit verbunden hat, muss notwendig fallen gelassen werden. Überdies hat sie einen so unübersehbaren wie unübersichtlichen Sumpf an Verfehlungen vieler ihrer amtlichen Vertreter bis hinauf in den Kardinalsrang zu beklagen und dadurch massiv an Glaubwürdigkeit verloren. Ein ganz gewaltiges „Mea culpa“ wäre hier der erste notwendige Schritt zur Aufarbeitung. Wie schwer dieser erste Schritt fällt, erleben wir an unserem Papst Franziskus, der mühsam in kleinen Schritten dahin findet, demütige Selbsterkenntnis namens der Kirche zu äußern, zumal wo es um die vielen schlimmen Fälle von Pädophilie geht. Einige Bischofskonferenzen haben inzwischen mit entsprechenden Äußerungen nachgezogen, ohne aber überall zu überzeugen.

Für meine Begriffe ist es höchste Zeit, dass die Kirche sich auf ihre Kernkompetenz besinnt. Und die Kernkompetenz der Kirche, die Kernkompetenz aller Getauften, besteht doch darin, dass wir das befreiende Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen haben. Alles, was Moral ist, auch wenn sie im Gewand der Moraltheologie daherkommt, ist zweitrangig, ist aus dem Evangelium erschlossen (was wir einmal so hoffen bzw. annehmen wollen).

Man mag auf die Demokratisierung dieser Welt und auf die fast schon irrsinnig gewordene Pluralität an Meinungen und moralischen Codices schimpfen, wie man will, so ist diese unsere Welt heute. Das heißt auch, dass das einst von Papst Johannes XXIII. geforderte Aggiornamento hier erst noch einmal ganz neu einzulösen ist. Damit verbunden ist zweifellos, dass die Weltkirche insgesamt ihren Anspruch auf Meinungsführerschaft herunterfahren und demütig für ihre Positionen zu werben lernen muss. Das impliziert aber auch, dass gute Inhalte in einer modernen Sprache wie auch mit Sensibilität und Empathie vorgetragen werden.

Es wird erfahrungsgemäß dauern, bis die Kirche sich eine solche Haltung zu eigen macht. Und es steht zu hoffen, dass sie das eines Tages schafft. Zu lange hat die Kirche zu viel Macht und Einfluss gehabt, und an dieser so heiklen Stelle steht sie vor der Entscheidung darüber, ob sie Demut im Sinne und im Stile Jesu wirklich will oder nicht. Die von der Kirche geforderten Veränderungen sind groß und vielschichtig, und sie kratzen am Ego der Institution. Aber wenn sie sich am Vorbild Jesu ausrichten will, sollten diese Veränderungen möglich sein, ohne dass die Kirche ihr Innerstes aufgibt. Denn Macht und Einfluss sind nicht das Innerste der Kirche. Das innerste der Kirche ist das Festhalten am Vorbild Jesu und an seinem Evangelium.

Damian Sassin, Mühlheim am Main, ist Freier Theologe und Redner