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Eine Diskussion zum „Übersinnlichen“#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 263/2018


In meinem letzten Buch „Kirchenlust statt Kirchenfrust – Der mögliche Glaube von morgen“ setze ich mich nicht nur mit Kirche und Religion auseinander, sondern versuche auch, den Blick auf die „Welt des Geistes“ zu richten, in der ja der Glaube beheimatet ist. Ich befasse mich in diesem Zusammenhang u.a. auch damit, dass unser Bewusstsein zu Wahrnehmungen in der Lage ist, die unabhängig von den Sinnesorganen erfolgen.

Dazu bringe ich einige Beispiele, auch persönlich erlebte und eines aus meiner Familie: Mein Vater besuchte einmal einen Hellseher, der einen zur gleichen Zeit sich Anmeldenden, von dem er nichts wusste, in seiner meinen Vater betreffenden familiären Beziehung beschrieb, wobei er auch feststellte, dass dieser Mann nur Töchter haben könne, was sich später bewahrheitete.

Mein Freund Dipl. Ing. Matthias Jakubec, hervortretender Mitstreiter im Anliegen Kirchenreform, nämlich in der Plattform „Wir sind Kirche“, hat mein Buch gelesen und zum erwähnten Gegenstand meiner Überlegungen kritische Anmerkungen gemacht. Er hat zugestimmt, dass ich diese und meine Antwort darauf in den „Gedanken“ veröffentliche. Ich darf annehmen, dass dieser Disput über ein keineswegs nur belangloses Thema bei den Lesern Interesse findet!

* * *

Matthias Jakubec#

Lieber Herbert! Noch einmal möchte ich ein paar Anmerkungen zu Deinem Buch machen, da ich es erst jetzt fertig gelesen habe. Ich hab mich über Deine Apologetik der parawissenschaftlichen Erscheinungen gewundert. Noch dazu, wo Du in den „Gedanken“ Papst Franziskus für seine Mariologie tadelst. (Wenn Papst Benedikt XVI „Maria“ gesagt hat, hat er eigentlich immer „Kirche“ gemeint. Vermutlich ist es bei Franziskus auch so.)

Wie Du Dir denken kannst, halte ich keine dieser Berichte von etwaigen PSI-Phänomenen für wahr. Ich habe weder persönlich je etwas Derartiges erlebt noch irgendwo glaubhafte Zeugen gehört. Nun berichtest Du aber einiges aus eigener Erfahrung. Aus meinem eigenen Forschungsbereich würde ich für viele dieser „Erlebnisse“ die Art und Weise verantwortlich machen, wie unsere Wahrnehmung und unsere Erinnerung funktioniert. Hier habe ich auch einige Erfahrungen mit mir selbst, wie ich in vollster Überzeugung Ereignisse für Tatsachen gehalten habe, die bei sorgfältiger Rekonstruktion der Fakten so nicht gewesen sein können, wie ich sie erinnere.

Eine Alternativerzählung zu der Hellsehergeschichte könnte sein: Dein Vater hat schon im Small Talk dem Hellseher erzählt, dass er mit seinem Schwiegervater über ihn (den Hellseher) gesprochen und dieser ebenfalls einen Besuch erwogen hätte. Der Hellseher hat dann beim Läuten der Hausglocke etwas gesagt wie: „Das könnte jetzt Ihr Verwandter sein.“ Deinem Vater war aber die Eingangsplauderei längst nicht mehr bewusst, und da er Hellseherei erleben wollte, hat ihm sein Priming (die Wahrnehmung erwünschter Sachverhalte) eine solche geliefert. Die Geschichte mit den „nur Töchtern“ kam dann später dazu.

Die Wissenschaft beschäftigt sich selbstverständlich intensiv mit all den behaupteten Phänomenen. Wäre ja toll, das „technisch“ nutzen zu können. Dass es davon keine Ergebnisse gibt, ist wohl ein starkes Argument dafür, dass es sich dabei nicht um Wirklichkeit handelt. Hellseher liegen mit ihren Prognosen bei allen seriösen Untersuchungen ziemlich genau im statistischen Mittel. Wesentlich ist, dass bei allen seriösen Tests Zauberkünstler im Team sind. Uri Gellers Auftritt hat solange nicht funktioniert, wie er von Magic Christian beobachtet wurde.

Selbstverständlich gibt es eine Menge, was wir nicht wissenschaftlich erklären können. Unendlich viel mehr als das, was wir erklären können. Außerdem sind Einzelereignisse prinzipiell unerklärlich. Das liegt in der Natur der Dinge, in der Komplexität der Einflüsse, die zu jedem Ereignis führen.

Allerdings hast Du mit diesem Abschnitt Deines Buches eine Frage angesprochen, die mich seit meiner Jugend beschäftigt: Was ist glaubwürdig? Wieso halte ich das Christentum für Glaubwürdig, das Buch Mormon aber nicht? Wieso halte ich „die Wissenschaft“ für glaubwürdig, die Esoterik aber nicht? Zweiteres liegt an der Methode der wissenschaftlichen Gemeinschaft, Immunisierungen von Theorien zu vermeiden. Und was das Christentum betrifft, so arbeite ich konsequent daran, alles „glauben an“ durch ein „vertrauen auf“ zu ersetzen.

Es geht für Jesus um die Hoffnung, die damit verbunden ist, dass alles, was (von Gott her) geschieht, aus Liebe geschieht. Das hält der praktischen Beobachtung nicht stand. Der Kosmos und seine Evolution ist uns gegenüber indifferent. Aber wir haben es in der Hand, als „Schwestern und Brüder“ Jesu Gott gegenüber unseren Mitmenschen sichtbar zu machen und ihnen gegenüber liebevoll zu handeln. Das ist wohl unsere einzige Hoffnung.

Was das Leib-Seele-Konzept betrifft, halte ich jeden Dualismus für verfehlt. Wir Informatiker haben dafür das Hardware-Software-Konzept. Beides sind nur verschieden Betrachtungsweisen, verschiedene Abstraktionsebenen für die Beschreibung des Geschehens bei der Informationsverarbeitung, sei es im Computer, sei es im Gehirn. Keine Software ohne Hardware, kein Geist ohne Gehirn.

Auch wenn es da Bedürfnisse zu geben scheint, hielte ich es für den falschen Weg, wenn die Kirche Zugeständnisse an die Parawissenschaften machte. Das wäre aus meiner Sicht erst recht wieder Opium für das Volk.

Soviel zu meiner Sicht der Dinge, liebe Grüße,

Matthias

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Meine Antwort#

Lieber Matthias, wir verstehen einander in vielerlei Hinsicht sehr gut, umso mehr drängt es mich zum Widerspruch. Ich knüpfe hier an Deinen Satz an, der da lautet: „Keine Software ohne Hardware, kein Geist ohne Gehirn.“ Du widersprichst damit einem dualistischen Leib-Seele Konzept.

Ich könnte es mir jetzt einfach machen und polemisch feststellen, dass Du damit eigentlich alle menschlichen geistigen Leistungen und auch den ganzen Glauben auf eine Funktion des Organs Gehirn reduzierst, also die Position eines reinsten Materialismus beziehst. Das will ich aber nicht annehmen. Wenn Du von Gott und dem Sichtbarmachen seiner Liebe sprichst, hast Du ja ganz bestimmt nicht nur ein Programm der Software unseres Gehirncomputers im Auge, sondern viel mehr.

Nun zur Sache: Ich zitiere immer wieder und beharrlich Anton Zeilinger, der erklärt, als Physiker persönlich davon überzeugt zu sein, dass es eine geistige Welt außerhalb der materiellen Existenz gäbe. Das ist natürlich eine ganz und gar dualistische Sicht! Und ich meine eben, dass wir in beiden dieser Welten leben und halte die des Geistes für die viel wichtigere, deren Infrastruktur – und nicht mehr! – die naturwissenschaftlich erforschbare Welt ist.

Daraus folgt nach meiner Auffassung, dass die Welt des Geistes den Gesetzen und damit den Beschränkungen der Physis nicht unterworfen ist. Unser Bewusstsein, das dieser Sphäre angehört, überschreitet demnach die Grenzen des Körpers und ist insgesamt nicht an Zeit und Raum gebunden. Wenn man an eine Fortexistenz nach dem Tod oder an die Auferstehung Jesu glaubt, geht es um das, was auch „ohne Gehirn“ existiert. (Hier weise ich auch auf zahlreich dokumentierte Beobachtungen hin, dass Patienten, die bewusstlos waren, und daher das Gehirn dementsprechend funktionslos, nachher schildern, was mit ihrem Körper geschah.)

Unser eigentlicher Widerspruch liegt in Deiner Feststellung, dass die von mir erwähnten und beispielshaft dargelegten Beobachtungen über naturwissenschaftlich nicht erklärbare Fähigkeiten des menschlichen Geistes (oder Bewusstseins) niemals bewiesene „PSI-Phänomene“ seien. Du verhältst Dich da wie viele andere Naturwissenschaftler, die, um ungelösten Fragen auszuweichen, ein ablehnendes Pauschaluteil abgeben, das sich als Vorurteil erweist. Eigentlich erinnert das an das Wort Christian Morgensterns „Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf“. (Dieser Dichter sagte übrigens auch: „Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare“.)

Ich beschäftige mich von Jugendtagen an mit dem, was man gemeinhin „Esoterik“ nennt. Dies nicht in Form unkritischer Aneignung oder eines „Glaubens“ in der mehrfachen Bedeutung des Wortes, sondern mit dem Bemühen eines vernünftig denkenden Menschen, den folgende Frage bewegt: Warum teilt sich die Menschheit in zwei Gruppen, von denen eine Übersinnliches unreflektiert akzeptiert, und die andere, die ebenso unreflektiert alles Derartige verwirft? Es wäre doch sehr naheliegend und sogar dringend geboten, sich vorurteilslos mit dem auseinanderzusetzen, was man – wie auch Du schreibst – wissenschaftlich nicht erklären kann.

Mir geht es in meinem Buch entsprechend seiner Thematik um die mangelnde Konsequenz einer Kirche, der übersinnliche Phänomene samt gesamter Esoterik angeblich höchst suspekt sind, die aber nicht bezweifelt, dass der greise Simeon den kleinen Jesus in die Zukunft vorausschauend („präkognitiv“) als den Messias erkennen konnte. Wie es überhaupt in der Bibel an allen Ecken und Enden übersinnlich zugeht, aber das wird halt immer auf den Heiligen Geist zurückgeführt. Wäre es nicht Aufgabe der Kirche, wenn so viele Leute von „esoterischen“ Dingen etwas halten, sie auch dort abzuholen? Mit kluger Unterscheidung der Geister könnte man Vertrauen und Glaubwürdigkeit gewinnen, statt durch bloßes Abweisen zu verlieren. Darum geht es mir! (Von Exorzismen, dem beobachteten Treiben des Teufels, päpstlichen Blutphiolen etc. will ich lieber schweigen.)

Schau Dich einmal wirklich gründlich um, lieber Matthias: In der Wissenschaft kommt es allmählich zu einem Umdenken. Es stimmt einfach nicht, wie Du meinst, dass alles Übersinnliche unbewiesen ist, es gibt unzählige und seriös dokumentierte Berichte darüber, die man stets geflissentlich ignoriert hat. Aber nun wagen sich auch kompetente Leute zunehmend an das Thema heran. In den „Gedanken“ Nr. 258 vom 7. April dieses Jahres ging ich darauf näher ein, etwa mit dem Hinweis auf den jüngst erschienenen „Welt-Geist“ Nelsons.

Wenn, wie ich in meinem Buch erwähne, ein US-Physiker einen ganzen Band darüber schreibt, wie man mit der besonderen Fähigkeit von Menschen geheime gegnerische Rüstungsanlagen erfolgreich zu orten vermochte, kann ich mir schwer vorstellen, dass das einfach nur Unsinn ist. Da wäre doch schon längst ein Aufschrei der Fachwelt erfolgt! Ich könnte die Reihe der Publikationen, die PSI-Phänomene seriös beschreiben, lang fortsetzen und will mir wirklich nicht vorstellen, dass es sich bei all dem um „Fakes“ handelt.

Zusammenfassend: Ich versuche einfach, darauf hinzuweisen, dass wir in einem gewaltigen Umfang mit Fragen konfrontiert sind, welche die Wissenschaft und die Kirche herausfordern, und wo die Antworten fehlen. Nämlich solche, die dem Glauben nicht widersprechen, sondern sogar besser verstehen lassen könnten. Sie sollten auf ernsthafte Weise gesucht werden, auch wenn es sehr schwer oder gar unmöglich erscheint. Aber Wegschieben und einfaches Verneinen bringen uns da nicht weiter.

Das meint in unserer freundschaftlichen Verbundenheit

Dein Herbert