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Falsch und auch jämmerlich – ein Ärgernis#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 266/2018


Am 30. Mai dieses Jahres erfuhr die staunende katholische Welt, dass die Zurückweisung der Frauen von geistlichen Ämtern auf einer unfehlbaren päpstlichen Entscheidung beruhe und daher eine „Wahrheit ist, die zum Glaubensgut der Kirche gehört.“ (!) Als ich das las, erfasste mich Übelkeit. Ich muss gestehen, dass ich zornig wurde und seither sehr ernsthaft darüber nachdenke, ob es mit der Würde eines freien und vernunftbegabten Christgläubigen vereinbar ist, sich diesem Kirchensystem zu unterstellen.

Inzwischen hat sich mein Ärger etwas beruhigt und ich meine, dass man diesen letzten klerikalen Erguss aus Rom am besten nicht ernst nehmen und ignorieren sollte. Aber trotzdem muss man sich damit auseinandersetzen, auch deshalb, weil der Schaden beträchtlich ist. Und wieder zeigt sich ein höchst betrübliches Bild vatikanischer Unfähigkeit einerseits und der Hilflosigkeit andererseits, die darin besteht, dass man sich gegen solchen Unfug nicht wehren kann. Dass es sich um Unfug handelt, ist eindeutig, aber es soll das auch entsprechend dargelegt werden.

Zur Sache selbst ist nicht viel zu sagen. Der Ausschluss von Frauen von der Priester- und Diakonenweihe wird seit langem diskutiert und auch kritisiert. Die Gegenargumente sind eindeutig. Etwa, dass sich die Frauen in der heutigen Welt quer durch alle Bereiche, auch – oder gerade – in Führungspositionen wie die Männer bewähren. Ihre volle Teilhabe am ganzen öffentlichen Leben ist überall selbstverständlich geworden und bereichert dieses auf unverzichtbare Weise.

Es gibt kein stichhaltiges theologisches Argument für diese Diskriminierung der Frauen, außer die wirklich fadenscheinige Behauptung, dass Jesus keine „Vollmacht erteilt“ habe, weibliche Priester zu weihen. Es wäre also beispielgebend und verbindlich, wie Jesus bei der Auswahl der „zwölf Apostel“ vorging. Doch wollte man das tatsächlich in jeder Hinsicht genauest nachvollziehen, hieße das, nur Angehörige des jüdischen Glaubens nehmen zu dürfen! Jesus hat weder Priester geweiht noch dazu eine Vollmacht erteilt. Seine Jünger einschließlich des Petrus waren Schüler, wie sie Prediger (Rabbis) und geistliche Führungspersönlichkeiten damals um sich versammelten. Doch Jesus hat bei seinem gesamten Tun Frauen gegenüber keine männliche Überlegenheit an den Tag gelegt. (Man denke auch an die Bedeutung der Maria aus Magdala.) Paulus folgte dieser Haltung, sonst hätte er nicht die Junia als Apostelin bezeichnet.

Dass die Abwehr von Berufungen zur Seelsorge aufgrund kirchlich erfundener Vorschriften eine „strukturelle Todsünde“ ist, kann nicht oft genug gesagt werden. Aber im vorliegenden Fall geht es um das wirklich verfehlte Strapazieren des Begriffes Unfehlbarkeit, um eine kirchliche Vorschrift einzubetonieren. Dieses wackelige antike Möbel aus dem kirchlichen Inventar den Gläubigen heute vorzusetzen, ist schon an sich kühn, aber sein Herbeischaffen ist überhaupt nicht geeignet, der Diskriminierung von Menschen des Gottesvolkes aufgrund des Geschlechts eine Rechtfertigung zu verschaffen.

Die theologische und kirchenrechtliche Situation, so sehr man ihr auch im Ganzen kritisch gegenüberstehen kann, ist betreffend die Unfehlbarkeit eindeutig. Im Can 749 ist festgelegt, dass diese der Papst in Ausübung des sog. außerordentlichen Lehramts besitzt. Es kann sich dabei aber niemals um seine persönliche Auffassung handeln, sondern er muss, um absolute Verbindlichkeit herzustellen, dabei das ordentliche und als solches klar zu erkennende Lehramt der ganzen Kirche ausüben. Dazu hat das II. Vatikanische Konzil in der dogmatischen Konstitution über die Kirche (LG 25) ausführlich Stellung genommen:

Von der Unfehlbarkeit, „der sich der Bischof von Rom erfreut“, wird hier ausdrücklich festgestellt, dass sie im Prinzip die gleiche wie die der Bischöfe ist und „so weit wie die Hinterlage der Offenbarung reicht, welche rein bewahrt und getreulich ausgelegt werden muss“. Die Unfehlbarkeit besitzen zwar, wie das Konzil erklärt, die einzelnen Bischöfe nicht, sehr wohl aber dann, wenn sie in Wahrung des Gemeinschaftsbandes übereinstimmend eine bestimmte Lehre als endgültig verpflichtend vortragen. Dies wird lt. Lumen Gentium noch offenkundiger, wenn sie „auf einem Ökumenischen Konzil vereint für die ganze Kirche Lehrer und Richter des Glaubens sind“.

Die vom Konzil genannte Übereinstimmung der Bischöfe ist zweifellos so zu verstehen, dass sie Ergebnis einer in der Gesamtkirche stattgefundenen Reflexion eines Glaubensinhaltes zu sein hat. Die Bischöfe sind in diesem Zusammenhang nicht als Beauftragte des Papstes sondern als Repräsentanten ihrer Diözese zu verstehen. Das Konzil stellt ja fest, dass sie „nicht als Stellvertreter der Bischöfe von Rom zu verstehen sind, denn „sie haben eine ihnen eigene Gewalt inne und heißen in voller Wahrheit Vorsteher des Volkes, das sie leiten“ (LG 27).

Vorsteher zu sein, bedeutet dementsprechend auch, im Sinne derer zu handeln, denen man „vorsteht“. Bei Entscheidungen betreffend die Glaubenslehre sollen die Bischöfe wiedergeben, was sie unter dem Beistand des Heiligen Geistes erkannt haben. Dieser offenbart sich auch den Gemeinden. So wird es wohl als zumindest ratsam anzusehen sein, auch den Glaubenssinn der Gläubigen zu erforschen. Dieser gilt – wie die internationale Theologenkommission im Jahr 2014 erklärte – als sicheres Kriterium, „um zu entscheiden, ob eine bestimmte Lehre oder Praxis zum apostolischen Glauben gehört“.

Es ist also ganz eindeutig: Was der Papst nach einem gesamtkirchlichen Willensbildungsprozess verkündet, hat affirmativen, also feierlich bekräftigenden Charakter, und es muss sich eben um eine sorgfältig gebildete übereinstimmende Auffassung handeln. Die Voraussetzungen für eine „unfehlbare“ Lehraussage sind also mehrfache und ganz besondere. Das kommt schon dadurch zum Ausdruck, dass es immer um göttliche Offenbarung geht, die zu interpretieren ist und was im Gegenstand wahrlich nicht der Fall sein kann.

Die eingangs genannte Erhebung des Ausschlusses von Frauen von den Weiheämtern zur nicht anzweifelbaren Wahrheit unternimmt der Präfekt der Glaubenskongregation Luis Ladaria, der vom Papst zur Nachfolge von Kardinal Müller berufen wurde. Ladaria behauptet im Zuge seiner Begründung, das Schreiben von Papst Johannes Paul an die Bischofe „Ordinatio sacerdotalis“ aus 1994, in dem die Einschränkung der Priesterweihe auf Männer als endgültig bezeichnet wird, erfülle die Voraussetzungen für die unfehlbare lehramtliche Aussage. Habe sich doch dieser Papst vor dem Verfassen seiner Erklärung „mit Bischofskonferenz-Vorsitzenden beraten“ und die hätten „einstimmig erklärt, die Kirche müsse in dieser Frage ‚dem Auftrag Christi‘ folgen“.

Man ist verwundert. Wo ist dieser „Auftrag“ zu finden? Und konnte man von Bischöfen, die bekanntlich vor ihrem Amtsantritt dem Papst Gehorsam schwören müssen, Bedenken oder gar Widerspruch erwarten, wenn der Papst ihren „Rat“ einholte? Sie waren dessen Kreaturen, was im Sinne der Wortbedeutung, von jemandem erschaffen (lat. creare) zu sein, verstanden werden möge. Die „Beratung“ mit ihnen kann daher wohl keineswegs die einmütige und ausreichend gestützte Übereinstimmung des Glaubenssinns in der Weltkirche bedeuten!

Die Sache ist also völlig klar: Immer wieder zeigen sich von qualifizierter Seite Zweifel an der katholischen Regelung, der andere christliche Kirchen nicht folgen. Papst Franziskus hat das große Verdienst erworben, die freie Rede zuzulassen, aber in dieser Angelegenheit bekommt er ganz offensichtlich Angst vor der eigenen Courage. Anscheinend fürchtet er, dass die Frauenordination die Kirche zerreißen würde, und er sieht sich daher veranlasst, einer möglicherweise gefährlichen Entwicklung Einhalt zu gebieten.

Dass er dabei seinen Leiter der Glaubenskongregation vorschickt, mag verständlich sein, aber keineswegs ist zu akzeptieren wie das geschehen ist. Dass dieser von einer „Wahrheit als Glaubensgut der Kirche“ spricht, ist geradezu absurd. Johannes Paul II. und Benedikt der XVI. haben vielmehr versucht, eine angezweifelte und theologisch nicht eindeutig begründbare Vorschrift der Kirche zu verteidigen und Gegenströmungen mit harter Hand zu unterdrücken. Ein solcher Schritt der Abwehr von Unerwünschtem kann niemals als Ausübung des Lehramtes im Namen der gesamten Kirche, also der Bischöfe und auch der Gläubigen, verstanden werden! Dass der Präfekt der Glaubenskongregation so einen gravierenden Fehler begeht, ist blamabel, nicht nur für ihn.

Man nimmt die Unfehlbarkeitskeule in die Hand, um andere Meinungen niederzuhalten. Das ist nicht nur unwürdig, sondern auch jämmerlich. Motiv dieser Vorgangsweise ist ganz zweifellos nicht, göttliche Offenbarung zu interpretieren, sondern ganz offensichtlich die Angst vor Widerstand und Unruhe. Doch der Preis von Ruhe, die durch Diskussionsverbote hergestellt werden soll, ist hoch, das hat sich in der Geschichte immer erwiesen. Gerade in unseren Tagen bereiten Autokraten größte Sorge, die ihre Macht auf rücksichtslose Unterdrückung anderer als ihrer Meinung stützen. Darf die Kirche so handeln? Gar „im Auftrag Christi“?

Ganz abgesehen davon: Die Vorgangweise ist auch ganz einfach dumm. Der Priestermangel nimmt katastrophale Ausmaße an. Er ist in erster Linie dadurch begründet, dass man die Berufung zur Seelsorge bei der einen Hälfte der Christenheit wegen des „falschen“ Geschlechts, und bei der anderen wegen des scheinbar verwerflichen Wunsches nach einem Familienleben abweist.

Wenn Geistliche an allen Ecken und Enden fehlen, müssen die sog. Laien einspringen, und zwar in gleicher Weise Männer und Frauen! Ohne diese wäre der Kirchenbetrieb in den Gemeinden längst zusammengebrochen. Sie wirken heute schon oft auch als Vorsteher bei Wortgottesfeiern, die als Ersatzhandlung für die Messe dienen sollen. Der Schritt zur Eucharistie ohne Priester ist nur mehr ein kleiner. Er wird mit Sicherheit getan werden.

Nichts ist naheliegender, als dass man auf den Druck unsinniger Vorschriften mit Selbsthilfe reagiert. Fortschritt ist nur möglich, wenn man intelligent gegen die Regeln verstößt, meinte der Theaterregisseur Boleslaw Barlog so trefflich. Da hilft nicht, dass man diese Regeln immer mehr bekräftigt und immer öfter einbläut. Die Frauen werden den Männer-Priestermangel still und freundlich, wie es so oft ihre Art ist, ausgleichen. Das, was man so geflissentlich verhindern will, fördert man also im Endeffekt sogar!

Die Herrschaften im Vatikan übersehen, dass sie viele Menschen nicht mehr ernst nehmen können, weshalb zuerst ihre Entscheidungen und dann sie selbst unwichtig werden. Kann man erwarten, dass sie irgendwann klüger werden, nämlich gerade jetzt, wo ein Papst alle ermuntert, den rechten Weg in der Nachfolge Jesu zu gehen? Leider scheint es nicht so zu sein, wie das Beispiel zeigt.