Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Weitere Gedankengänge zum Thema der Gotteseigenschaft Jesu#


Von

Giosua Thöny-Schwyn

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 181/2016


Im Folgenden beziehe ich mich auf den Beitrag von Herrn Heinrich Birnleitner „Gotteseigenschaft Jesu – nein oder doch ja?“ („Gedanken Nr. 181 v. 30. 4. 16). Es geht also um die Göttlichkeit des Menschen, Jesu – aber vielleicht auch umgekehrt, um die Menschlichkeit Gottes.

Im ersten Absatz geht der Autor, mit Bezug auf den gleichnamigen Artikel, „Gotteseigenschaft Jesu“ (2016), von Kohlmaier, davon aus, dass dieser mit seinem mathematisch - naturwissenschaftlichen Weltzugriff die Gotteseigenschaft Jesu negativ beurteilt. Diese Erkenntnisweise verortet der Autor geistesgeschichtlich bei Aristoteles, wenn es um das Zählen, Messen und Wägen, also um das Berechnen der Dinge geht; dies sei die Sinnes-fällige Realität des tatsächlich Seienden.

Dem gegenüber stellt der Autor den Ansatz Platons, der von den Sinn-fälligen Ideen als eigentlicher Realität ausgeht; und er urteilt dazu: Ideen eignen sich begreiflicherweise nur sehr begrenzt für eine Überprüfung durch die Wissenschaft. Ganz nüchtern gesprochen handelt es sich hierbei um Gedankenkonstrukte. Für den Autor sind also die Ideen nicht wissenschaftlich zugänglich, wobei er unter wissenschaftlich den mathematisch-naturwissenschaftlichen Erkenntniszugriff aristotelischen Zuschnitts meint; er grenzt also die Glaubensfrage bereits aus dem wissenschaftlichen Bereich aus. Der Grund hierfür liegt dann in der Ideen-Auffassung des folgenden Satzes, gemäss dem diese nur Gedankenkonstrukte sind, oder, wie er a.a.O. sagt, vom Menschen ausgehende Projektionen; diese sind eben, seiner Ansicht nach, subjektiv, beliebig, zufällig, wahrheitsunwürdig und was sonst noch Unwissenschaftliches.

Wenn aber jemand Platon herbeizieht und ihn stark macht, dann sollte man wissen, dass die Ideen objektive gewendete Gestaltformationen der Dinge sind, und zweitens, dass die Wissenschaft gemäss Platon dort anfängt, wo die Mathematische-Naturwissenschaft aufhört, nämlich im reinen Denken, im dialektischen Gedankengang dazu; beides ist z.B. nachzulesen im Dialog Phaidon u.a.O.

Kurz darauf kommt der Autor auf die Idee der Dreifaltigkeit zu sprechen, die er als die bedeutendste Idee der vergangenen zweitausend Jahre einschätzt; es geht ihm also um Gott, sodann Jesu und den Heiligen Geist. Auch hier wird der subjektive Zug in der Ansetzung der Idee manifest, als ob sie bloss anthropogen sei. Zudem wird hier implizit der Heilige Geist angesprochen, doch in seinem weiteren Text mit keinem Wort vertieft erläutert; dieser ist ihm ein blinder Fleck in seinen Ausführungen. Doch es wäre geradezu der ‚Geist’, mit dem die wissenschaftliche Orientierung zurückgewonnen werden könnte; so aber verbaut sich der Autor diesen Weg.

Der Autor geht dann sogleich auf die Gottesthematik mit den Worten ein: Was die Idee Gottes betrifft gibt es eine Kaskade von Abstufungen auf der Welt, angefangen vom abstrakten Gottesbegriff des Judentums bis hin zum Teil reichlich verschwommenen Vorstellungswelten. Auch hier wird die Idee Gottes, wenn er vom abstrakte Gottesbegriff oder von Vorstellungswelten spricht, subjektiv und damit als anthropogenes Produkt aufgefasst.

Darauf unterscheidet er bezüglich der Gottesfrage zwei unterschiedliche Denk-Ansätze: Es ist einerseits der Platonisch orientierte von einem obersten Prinzip ausgehende deduktive Zugang, auch der semitische, das Abstrakte, das Jenseits betonende, einerseits, sowie andererseits der mehr indogermanische, eben der tendenziell induktive, konkrete, Diesseits-orientierte Ausgang andererseits. Wie schon oben, unterscheidet der Autor auch hier zwei unterschiedliche, wir dürfen sagen, Weltanschauungen zur Gottesthematik, der Platonische Ansatz von oben her, und der entgegengesetzte von unten, vom Humanen her. Diese onto-theo-logische These wird dann vom Autor auch geschichtsphilosophisch eingesetzt, wenn er auf Kulturräume, auf die Kulturregionen und ihre geschichtlichen Epochen zu sprechen kommt. Doch zum Ausgang gilt, die Platonische Gedankenwelt und die Aristotelische Ideenwelt sind grundverschieden.

Dieses onto-theo-logische und geschichtsphilosophische Doppelkonzept mündet dann in die grosse Koordination, in die übergreifende Synthese durch das Christentum; der Autor führt aus: Vor diesem Hintergrund zeigt sich die Einzigartigkeit des im Christentum entwickelten Konzeptes der Dreifaltigkeit als wohl bedeutendster Idee der Welt. Das Christentum vereint nämlich die beiden oben dargestellten maßgeblichen Ideen für das höchtsmögliche Heilige in sich: sowohl den semitischen wie auch den aus Vereinfachungsgründen so bezeichneten indoeuropäischen Ansatz. Zunächst fällt zu dieser These zum Christentum auf, dass er ein onto-theo-logisch-geschichtsphilosophisches Doppelkonzept anlegt, wo er doch von einer Drei-Faltigkeit ausgeht; wo bleibt da der von uns oben erwähnte Rest, also der Heilige Geist? Der Autor kennt eigentlich nur eine Zwei-Faltigkeit: Gottvater und Gottes-Sohn!, als das höchtsmögliche Heilige. Der Titel des Beitrags lautet denn auch: Gotteseigenschaft Jesu!

Doch diese Zerr-Stellung des Autors zur christlichen Dreifaltigkeit, die bloss die Bi-Polarität kennt, ist nicht die einzige, denn dazu gesellt sich noch ein weiteres grosses Problem in dessen onto-theologisch und geschichtsphilosophischem Doppelkonzept, gemäss dem Platonischen, dem semitischen einer- und dem Aristotelischen, dem indogermanischen Ansatz andererseits; denn diese Zuteilung ist für Platon schlicht falsch, weil dieser bereits zu seiner Zeit den Geisteskampf, die Gigantomachie zwischen den Ideenfreunden, den Idealisten einerseits und den Naturalisten, den mathematisch-naturwissenschaftlichen Empirikern andererseits kennt; dazu genügt ein Blick in den Dialog Sophistes. Es ist gerade das genuine Merkmal des Platon, dass sein Philosophieren durchwegs beide Standpunkte berücksichtigt und vereint; er unternimmt bereits die grosse Synthese, und er ist damit vermutlich der erste in der ganzen Geistesgeschichte des menschlichen Denkens; eben darauf gründet auch das Christentum. Diese Kenntnis zu Platon aber ist zumeist unbekannt, wenn auch virulent in der Menschheitsgeschichte präsent. Daher müssen wir zum Autor an dieser Stelle festhalten, dass er zwei schwerwiegenden Denk-Verzerrungen unterliegt, welche seinen Interpretationsansatz wohl zu Fall bringen.

Dass der Autor ein Problem mit der Dreifaltigkeit und der göttlichen Bipolarität hat, dies zeigt sich auch in den folgenden Worten von Ziffer 5: Die Aufgabe der Göttlichkeit Jesu wäre somit wohl auch das Ende des Prinzips der Dreifaltigkeit: zufolge der obigen Argumentation der größten Idee, die die Welt bisher kannte, nämlich der gleichberechtigten Gegenüberstellung der beiden wichtigsten Ausprägungen (Bipolarität) der höchstmöglichen Idee des Menschen. Der Heilige Geist ist im Argumentationsgang schlicht verloren gegangen, er ist ein leeres Versprechen, allenfalls eine blosse Worthülse. 


Des Weiteren ist darauf die Redewendung: Die Eigenschaften der Person von Gott Vater... für uns höchst fragwürdig, denn dadurch leistet der Autor in der Anrede Gottes einem Anthropomorphismus Vorschub, identifiziert diesen als einen Übermenschen, der für die Begründung einer (Philosophischen) Theologie wohl mehr als nur überholt ist; diese Redeweise ist heutigentags nur noch kindertauglich. Auch dazu sei auf Platon verwiesen, denn darüber, wie über Gott, das Sein oder das Eine noch zu sprechen möglich ist, dies wird insbesondere im Dialog des Parmenides erörtert. Ähnliches gilt fürs die Rede von Gottes Sohn, also Jesus.

Kulminativ zur ontotheologisch-geschichtsphilosophischen Darstellung fasst der Autor das Entwickelte unter dem folgenden Stichwort zusammen: Wenn man, ..., die Idee Gottes als höchstmögliche Idee annimmt, dann verfügt die Christenheit sozusagen über zwei derartige höchstmögliche Ideen: die abstrakt- orientalisch- idealistische einerseits (Platon), und die in der Person Jesu für den westlichen Wirklichkeitssinn konkretisierte andererseits (Aristoteles). Die Gleichzeitigkeit dieser beiden Zugänge erscheint als eigentliche Ursache für den Aufstieg der christlich-westlichen Welt: die Dialektik zwischen den beiden genannten Prinzipien des Göttlichen. Diese These hat auch für mich eine gewisse Plausibilität – doch genügt das? Wir erinnern uns, dass der Autor den Wissenschaftsbegriff in aristotelischer Richtung auf den mathematisch-naturwissenschaftlichen Weltzugang eingeschränkt hat; welchen Wert und welchen Status nehmen dann all die Sätze des Autors ein? Sind sie nicht ebenso als unwissenschaftlich abzuqualifizieren, weil nicht quantifizierbar, also blosse Ideen oder Gedankenkonstrukte? Ist dies somit des Autors bloss subjektive Meinung? Oder reine Glaubens-Sache? Hier tauchen also massive reflexionspragmatische und wissenschaftsphilosophische Probleme auf, die wohl nicht in der Sinn-Flucht des Autors gelöst werden können.

Der Autor, gegen Schluss seines Beitrages, verneint seinerseits die Schlussfolgerung Kohlmaiers, der die Gotteseigenschaft Jesus, gemäss seiner wirklichkeitsnahen Herangehensweise, negativ einschätzt; aber: Die damit verbundene Aufgabe der Bipolarität könnte als deren Folge wohl auch den Verzicht auf die mit einer derartigen Konstellation verbundenen dialektischen Wechselwirkungen zwischen den beiden Erscheinungsformen des Göttlichen (Gott und Jesus) bedeuten. Daher kommt der Autor zum Schluss, dass eine Gotteseigenschaft Jesus unter allen Umständen erhalten werden muss, es gilt Jesus im göttlichen Rang wahrzunehmen.

Andernfalls droht die Konsequenz: Mit dem in Gang befindlichen Ersatz des Gottesbezuges durch das humanistische Menschsein als höchsten Wert kommt in Wahrheit letztlich dessen Abschied von der überirdischen Überhöhung von uns Menschen zum Ausdruck. Doch was bleibt angesichts dieser drohenden Gefährdung der Menschheit zu tun übrig? Des Autors Ausweg: Die Antwort auf derartige Fragen scheint möglicherweise keine des Wissens, sondern eine solche des Wollens zu sein: nämlich, wollen wir einen Gott über uns anerkennen, wollen wir Jesus als göttliche Person wahrhaben? Nicht das Wissen, nicht die Wissenschaft kann und soll es in dieser Existenzialfrage des Menschen richten, nein, es ist das Wollen, und zwar jenes des Menschen, das entscheidet, ob wir einen Gott oder einen göttlichen Jesus wollen; aber ist des Menschen Wollen etwa Gottes Wille? Oder ist dies eine blosse Verlegenheit des Autors; ist es nicht eine Kapitulation des Menschen vor sich selbst? Denn, wenn das Wollen entscheidet, dann ist dieser unübersehbar dezisionistische Zug letztlich eine Macht-Frage; wer hat das Sagen in dieser Existenzfrage in seiner Gewalt? Hier trifft wohl die vom Autor oft beschworene Dialektik der weltanschaulichen Standpunkte zur Gottes-Jesus-Frage sich selbst – er gerät in den welt-geistes-geschichtlichen Strudel, in diesen Machtkampf hinein. Damit ist er aber immer noch im Denkhorizont Platons; nur letzterer hat diese, sehr wohl auch gewalttätige Auseinandersetzung, in seiner Epoche synthetisch gelöst und von da ab menschheitsgeschichtlich wegleitend vorgelegt, wenn auch zumeist unerkannt, ungesehen und ungehört. Dies also ist wohl die dies Autors überschiessende Glaubensleistung? Ein blosser Kraft-Akt? Wir können also zum Beitrag des Autors festhalten, dass die ebenso für ihn geltende dogmatischen Festlegung der Gotteseigenschaft Jesu und in weiterer Folge wohl das damit zusammenhängende Prinzip der Dreifaltigkeit seither selbst bedeutendsten christlichen Denkerpersönlichkeiten offenbar – bis auf den heutigen Tag – Schwierigkeiten bereitet – jawohl, auch ihnen Herr Birnleitner!

Zum Abschluss gestatte ich mir eine Gesamtwürdigung dieses Beitrags von Birnleitner. Es ist eine durchaus hoch bemerkenswerte Leistung, auf vier Seiten die Weltgeschichte der Menschheit abzuhandeln, die fundamentale Rolle der Welt-Religionen und insbesondere die Funktion des Christentums darin zu kennzeichnen, aber auch die Rolle der Mathematischen-Naturwissenschaft darin zu berücksichtigen, und zwar geschichtsphilosophisch in einer Doppelkonzeption (Platon – Aristoteles) gepaart mit der christlichen Dreifaltigkeit. Eine beachtenswerte Leistung!

Dennoch muss hier zusammengefasst kritisch vermerkt werden, dass der Autor die onto-theologische Dreifaltigkeitskonzeption zur Bipolarität verzerrt, der Heilige Geist wird dabei unterschlagen; die geschichtsphilosophische Konzeption, Aristoteles – Platon, wird von letzterem her in der Tat falsch angesetzt; der Glaube wird vom Wissenschaftsbegriff ausgegrenzt (diskriminiert, wie heute gern gesagt); die geschichtsphilosophische Dialektik durch die Polarität ist weltanschauungsphilosophisch unreflektiert und schlägt auf ihn selbst zurück; letztlich verfällt er einem pragmatischen Dezisionismus (das Wollen), der der Gewalt Tür und Tor öffnet und keinen Machtgelüsten widerstehen kann. Ihm fehlt eine tragfähige Onto-Theologie (zur Dreifaltigkeit), ein sachgegründeter Gottes-Begriff wie einen zureichenden Begriff für den s.g. Heiligen Geist wie eine Deutung zu Jesus selbst. Ihm mangelt eine weitgreifende Universalgeschichtskonzeption wie eine systematisch tiefgreifende Weltanschauungsphilosophie. Doch insgesamt gibt der Beitrag von Herrn Birnleitner Anregung zu vielseitigen Gedankengängen über Gott und die Welt.

Dr. Giosua Thöny-Schwyn studierte Pädagogik an der Universität Zürich, war Assistent an deren Pädagogischen Institut mit Forschungsschwerpunkten der Geschichte der Pädagogik sowie der Forschungstheorie. Er arbeitet als Dozent an der Universität Zürich und mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds am Thema geisteswissenschaftlicher Forschungstheorie.