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Statement bei der Präsentation des Buches #

„Kirchenlust statt Frust – der mögliche Glaube von morgen“ #

am 15. Februar 2017#

Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 210/2017


Zunächst will ich zwei Feststellungen vorausschicken, um Missverständnissen oder möglichen Einwänden vorzubeugen. Erstens: Ich habe nichts Theologisches geschrieben und wäre dazu auch gar nicht berufen. Ich gehe aber davon aus, dass sich Jesus einfach an die Menschen gewandt hat, die er antraf, etwa an einen Fischer namens Simon, später Petrus genannt Also fühle auch ich mich vom Rabbi Jehoschua angesprochen und damit berechtigt, selbst aufzunehmen und zu verstehen, was er gesagt hat. Und das auch unabhängig davon, wie es viele anders tun oder getan haben und wie es „amtlich“ geschieht.

Das Zweite: Wie schon dem Buchtitel zu entnehmen, habe ich eine absolut positive Einstellung zur Kirche, die ich als die Gemeinschaft der Gläubigen verstehe. Ich denke auch nicht daran, sie zu verlassen. Es gibt in ihr nach wie vor unendlich wertvolles und unverzichtbares Bemühen, man braucht das nicht darzulegen. Ich kenne und schätze großartige Menschen in der Kirche, von denen ich mich nicht abwenden will, natürlich auch Geistliche. Und vor allem, was mich bewegt: Wir nehmen heute so viele negative Tendenzen im gesamten öffentlichen Leben und im menschlichen Zusammenleben wahr! Das hängt sicher damit zusammen, dass vom Christlichen schon sehr viel verlorengegangen ist. Unverzichtbare Werte werden leider heute in Frage gestellt.

Ich versuche daher in meinem Buch darzulegen, wie aktuell das Liebesgebot ist und was seine Beachtung heute bewirken könnte.

Aber gerade wegen dieser meiner bejahenden Einstellung ist es mir so wichtig, dass endlich der beklagenswerte Zustand der Kirche wirklich wahrgenommen und überwunden wird. Es geht ja nicht nur um die zahlreichen und weiterhin stattfindenden Austritte, sondern um eine zunehmende Entfremdung, die bei sehr vielen Menschen eingetreten ist. Ist das wirklich unvermeidlich und, wie die Kirchenobrigkeit behauptet, Folge der Säkularisierung unserer Gesellschaft? Nach-dem ich mich in den vergangenen Jahren in der Reformbewegung engagiert habe, ist mir die eigentliche Ursache der Kirchenkrise klar geworden. Sowohl die Lehre als auch die Ordnung der Kirche taugen einfach nichts mehr für unsere Gegenwart. Es gibt keinen Grund, das nicht ganz klar und eindeutig auszusprechen, laut und so, dass es möglichst viele hören!

Das Unvermögen, sich dem Fortschritt zu öffnen#

Wieso es zu dieser Entfremdung kam, ist wesentlicher Gegenstand meiner Überlegungen, die ich niedergeschrieben habe, es ist an sich nicht schwer zu erklären. Der Frohbotschaft des Glaubens wurde nach etwa dreihundert Jahren einer phantastischen Entwicklung ein rigides Religionssystem übergestülpt, das vom Denken des Altertums und damals noch unzureichendem Wissen geprägt war. Ebenso von der Absicht, im Bündnis oder sogar durch Gängelung der weltlichen Autoritäten ein Herrschaftsgebilde zu errichten und Macht über die Menschen auszuüben. An sich ist das im Rückblick durchaus nachvollziehbar und hat seinerzeit angesichts einer zum Groß-teil ungebildeten und auch verrohten Gesellschaft auch Gutes hervorgebracht, das darf man nicht übersehen! Aber schon von Anfang an hat man sich dabei in vieler Hinsicht nicht an den erkennbaren Willen Jesu gehalten.

Trotz all dem meint man, das einmal errichtete System müsse für alle Zeiten und unter allen Umständen so bleiben, wie es war und ist. Das ist ebenso unbegreiflich wie unverzeihlich! Das Unvermögen, sich dem gewaltigen seit damals erreichten Fortschritt zu öffnen, hat klar erkennbare Ursachen, die zu beschreiben mir notwendig erscheint. Im Vordergrund dieses Versagens steht der Wahn, man sei berechtigt, im Namen Jesu und Gottes zu handeln, da man ja als deren Stellvertreter dazu beauftragt sei. Da kann man ja bekanntlich nicht irren und braucht auch nichts zu ändern! So verharrt man im verhängnisvollen Irrtum, den kostbaren Glauben Jesu den Menschen mit einer Vorschriftenreligion beibringen zu müssen. Mit Regeln, die einfach unsinnig sind und der notwendigen Seelsorge schweren Schaden zufügen, wie etwa der Zölibat. Das Ergebnis ist eine Pervertierung der Frohbotschaft! Ein Biotop der Unfruchtbarkeit und der Arroganz hat sich gebildet, das geradezu pathologische Züge aufweist.

Ich habe bei meinen Aufgaben im öffentlichen Leben viel erleben müssen, aber eine solche Kombination von Mangel an Verstand und Wahrhaftigkeit wie bei der Kirchenleitung habe ich eher nicht wahrnehmen müssen (jetzt allerdings scheint die Trump-Administration in den USA im negativen Ranking vorne zu liegen). Es gibt dafür unzählige Beispiele, lassen sie mich, um das anschaulich zu machen, nur ein einziges, typisches und aktuelles – Stichwort Familiensynode – herausgreifen. Man erklärt, an Jesu Wort gebunden zu sein, dass die von Gott verbunden Ehe der Mensch nicht lösen dürfe. Bekanntlich wurde es allerdings gesprochen, als man Jesus fragte, ob man die Frau aus der Ehe entlassen dürfe! Daraus schließt man, dass alle, deren Ehe gescheitert ist und die eine neue eingegangen haben, in schwerer Sünde leben. Das behaupteten stets Leute, die sich „Heiliger Vater“ nennen lassen, obwohl Jesus das ausdrücklich verboten hat. Wie soll man das beurteilen – die Einhaltung von Jesu Mahnungen strikt einzufordern aber das selbst nicht zu tun!!

Handeln entsprechend dem Recht und der Würde des Christenmenschen#

Soweit die Diagnose mit wirklich betrüblichem Ergebnis. Dabei darf es aber keineswegs bleiben, es müssen Auswege gefunden werden! Die Reformbewegungen in der Kirche waren anfänglich der Meinung, man könnte Überzeugungsarbeit in Richtung Hierarchie leisten. Das erwies sich als unmöglich. Diesem System fehlen leider die einfachsten und elementaren Voraussetzungen des menschlichen Umgangs miteinander, nämlich zuzuhören, selbstkritisch nachzudenken und in einen fruchtbaren Dialog zu treten. Es gibt wohl in der zivilisierten Welt sonst nichts, das so stur und uneinsichtig ist wie diese vatikanische Glaubensbürokratie, die sich als Kommandozentrale für die Bischöfe und alle Gläubigen ansieht.

Damit erhebt sich die Frage, wie man den gewaltigen Problemen wirklich beikommen kann. Ich sehe nur einen Weg: Man muss sich von diesem Regime radikal lossagen. Nicht durch den Kirchenaustritt, der ja massenhaft erfolgt, sondern durch das viel zitierte „Auftreten statt Austreten“. Sich zu beklagen, zu mahnen oder zu protestieren hilft nichts, sondern nur ein Akt entsprechend dem Recht und der Würde des Christenmenschen: Man muss dieses System unwirksam machen. Es ist ja durch nichts legitimiert! Weder durch Jesus, was dreist behauptet wird, noch durch das Gottesvolk! Für mich ist dieses System mitsamt seinem längst überholten Vorschriftenwerk unbeachtlich und unmaßgeblich, eigentlich ein Nichts, ein Nullum.

Ich komme dem entsprechend zum entscheidenden Schluss: Katholiken und Katholikinnen sollen ganz bewusst und konsequent den Glauben nach eigener Verantwortung und nach bestem Wissen und Gewissen leben sowie praktizieren. So wie es die Christengemeinden der ersten Stunde getan haben. Das hatte eine phantastische Wirkung auf die Welt! Es geschah aber vor der Zeit, wo die Kaiser Roms und die beamteten Kleriker sich des Glaubens bemächtigten. Wir müssen also zur Quelle zurückkehren! Ich nenne das in meinem Buch eine „Anderskirche“, die sich so bilden sollte. Es wäre das nicht eine so sehr befürchtete „Spaltung“, denn es sollte nicht getrennt und abseits geschehen, wie etwa in Freikirchen, sondern als eine Entwicklung in der Kirche, die von engagierten und fortschrittlich denkenden Katholiken und Katholikinnen getragen wird.

Eine in der alten Kirche sich erneuernde Kirche könnte ganz wichtige Wirkungen herbeiführen. Sie sollte vor allem wieder die Freude an einem vom sauertöpfischen Klerikalismus befreiten Glauben entstehen lassen. Eine Freude, die sehr wohl erlebt werden kann, aber so sehr zu vermissen ist. Dieses Defizit ist, wie ich meine, der entscheidende Grund für das Weggehen so vieler. Dazu kommt etwas ganz Wesentliches, nämlich die Darstellung eines authentischen Christentums, die im gesamten öffentlichen und privaten Leben sichtbar wird. Heute sehen ja die Menschen das Christentum durch die verdunkelnde und verzerrende Brille der so genannten Amtskirche. Diesen Mangel zu beheben erscheint in einer Welt unerlässlich, die von geistiger Austrocknung bedroht ist.

Es bedarf einer Kirche der Gesinnung und der Herzen#

Und es gäbe noch eine Hoffnung: Gelänge das Entstehen und Wirken einer solchen Anderskirche, wäre es auf Dauer der Hierarchie nicht möglich, abseits zu stehen. Es könnte ein heilsamer und sehr wohl wirksamer Druck entstehen. Ein solcher ist ja ohnedies schon längst da! Der eklatante und zu einem wesentlichen Teil von der Kirchenleitung selbst verschuldete Mangel an geeigneten Priestern wird dazu zwingen, mehr Aufgaben engagierten Laien zu übertragen. Ein wesentlicher Teil des sehr spärlich gewordenen Nachwuchses an Geistlichen ist als eher seltsamer Typus leider kaum geeignet, die Kirche voranzubringen. Aber Ehrenamtliche, die sich wunderbar einsetzen, gibt es zum Glück viele und sie sind heute schon unentbehrliche Säule des Kirchengeschehens, wobei Frauen eine ganz wichtige Rolle spielen! Ohne diese Leute könnte der Verein glatt zusperren!

In diesem Zusammenhang ist noch etwas Wichtiges zu sagen: Der jetzt im Amt befindliche und so sympathische Papst erkennt zweifellos wesentliche Mängel des Systems und bemüht sich bewundernswert um Verbesserungen. Er versteht die Nachfolge Jesu viel besser als seine Umgebung, aber ihm sind die Hände gebunden. Er kommt aus diesem System und er wird es nicht allein ändern können. Wenn Päpste vor ihm etwas entschieden haben, will er das nicht widerrufen. Es bleibt also bei der absurden Zurückweisung der Frauen in der Seelsorge. Franziskus ist mit einer Phalanx der Konservativen konfrontiert, welch die Päpste nach Johannes errichtet haben. Er will diese Leute nicht übergehen und eine Spaltung der Kirche riskieren. Sieht er aber nicht, dass die Trennung schon längst geschehen ist? Nur eine Minderheit derer, die ihre Kirche bejahen und aktiv sind, steht auf der Seite der Leitung, eine klare Mehrheit aber auf der Seite eines unverfälschten Christenglaubens.

Ich bin ganz davon überzeugt, dass nur solche mutige und tief greifende Entwicklungen die Kirche vor dem Niedergang bewahren können. Sicher ist, dass die weitaus überwiegende Mehrheit der Menschen diese Auffassung teilt, es wurde auch durch eine repräsentative Umfrage bestätigt, die wir durchführen ließen. Ich will diesen Menschen eine Stimme geben, ich fühle mich dazu verpflichtet, so wie ich es als Politiker immer wollte. Nicht vorsichtig, verschämt und zögerlich, sondern man muss die Dinge wirklich beim Namen nennen! Das wird nicht jedem gefallen, aber es ist unvermeidlich. Ein gar nicht mehr angebrachter Respekt vor der kirchlichen Obrigkeit muss abgelegt werden – bei vielen und vor allem bei der Jugend ist er ohnedies aus gutem Grund längst nicht mehr vorhanden.

Ob es wirklich gelingen kann, durch einen von unerträglichen Lasten befreiten Glauben „Lust an der Kirche statt Frust“ anzustreben, weiß ich nicht. Aber ich betrachte diese Perspektive als zukunftsfähig und lege allen nahe, drüber nachzudenken. Wir brauchen eine lebendige Gemeinschaft des Glaubens, aber es muss eine wirklich ganz anders gelenkte sein! Es bedarf einer Kirche der Gesinnung und der Herzen! Dass diese Erkenntnis ins Bewusstsein dringen sollte, ist die Absicht meines Buches. Ich habe mich im 83. Jahr, also am Ende meines aktiven Lebens in der Öffentlichkeit stehend, dazu entschlossen und bitte, dieses Bemühen mit Verständnis aufzunehmen!