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Der Papst und der Segen „Urbi et orbi“#


Von

Hugo Zsolnai

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 281/2019


Es ist eine alte Sitte, dass der Papst am Weihnachtsfeiertag vor die Menge tritt, eine Weihnachtsbotschaft verkündet und dann den Segen „Für die Stadt und den Erdkreis“ (d.h. für die ganze Welt) spendet.

Dieses Jahr erschien mir die Szene gespenstisch; und die Gedanken, die dabei aufstiegen, möchte ich kurz wiedergeben.

Auf dem Petersplatz im Vatikan hatten sich unzählige Menschen aus aller Welt versammelt. Der Platz war gefüllt. Die Menschen konnten den mächtigen Petersdom betrachten, in einer Entfernung, die nicht als Nähe bezeichnet werden kann. Der Balkon, auf dem der Papst auftreten wird, ist etwa 200 m von der Absperrung entfernt, hinter der der erste Zuschauer steht. Fern und kalt.

Unter dem Balkon haben sich Uniformierte versammelt, die zum Teil musizierten und zum Teil, wie die Vatikanische Garde, unmittelbare Gefolgschaft darstellten. Hier hätten man sich schon einige „gewöhnliche“ Christen und Kinder erwartet, die die Christenheit hätten vertreten können.

Exakt zur zwölften Stunde erschien der Papst, diesmal nicht in prunkvollen Gewändern und ohne die Insignien des Papsttums, wie einst Tiara und Bischofsstab. Jesus hätte sich auch so gekleidet. Schlicht und ohne Prunk.

Keine Kardinäle, nur ein Kardinal, der den Ablass verkündete, und zwei nicht näher definierte Begleiter, die ziemlich unbeteiligt aussahen.

Der Papst war ziemlich ernst, als wüsste er, dass hinter dem Vorhang seine Mitarbeiter darüber wachten, dass ihm kein unkontrolliertes Wort über die Lippen käme. Der Heilige Geist, der in solchen Situationen die Wortwahl bestimmen sollte, hatte keine Chancen. Der Papst sprach über Kriege und über das Leid in der Welt. Über die Krise seiner Kirche verlor er kein Wort. Die berühmte Einleitung Jesu „Ich aber sage euch...“ kam nicht. Die Worte hätten auch so lauten können:

„Jesus kam in diese Welt, um eine Erneuerung des jüdischen Glaubens, der im Alten Testament zum Ausdruck kommt, einzuleiten. Seine Jünger gründeten nach seinem Tod eigene Gemeinden. Im Rahmen dieser Neugründung gab es neue Regelungen, die so nicht überliefert worden waren. Sie entsprachen nicht immer den Regeln des jüdischen Glaubens.

Noch weniger aber entsprachen sie dem Geiste Jesu. So haben schon die Kirchenväter aus der überwiegenden Praxis der frühen Gemeinden, die hauptsächlich von Männern geführt wurden, abgeleitet, dass nur Männer zum Priestertum zugelassen werden dürfen. Dabei gab es in der Anfangszeit der christlichen Verkündigung auch Frauen als Gemeindegründer und Gemeindeleiter. Beim Apostel Paulus ist eine von ihnen besonders hervorgehoben, nämlich Junia, der Paulus wegen ihrer exemplarischen Tätigkeit sogar den Titel „Apostolin“ verlieh. Trotzdem hat man in der Folge aus dem Umstand, dass Jesus ein Mann war, schließen wollen, dass Frauen ihn nicht bei der Feier des Abendmahles vertreten könnten. Ich aber sage euch: Gott erschuf den Menschen als Mann und Frau. Deshalb haben die Frauen die gleichen Rechte und Pflichten in meiner Kirche.

Zur Zeit des Kaisers Konstantin wurden die christlichen Gemeinden in der Katholischen (d.h. der Allgemeinen) Kirche zusammengefasst. Im Laufe der Zeit wurden in ihrem Rahmen immer wieder neue Regelungen erlassen oder bestehende verändert, im ersten Jahrtausend durch die Ökumenischen Konzilien, danach aber hauptsächlich durch die Päpste.

Dabei kam es zu schweren Fehlentwicklungen. So wurde bestimmt, dass nur Priester die sogenannten Sakramente spenden können. Ich aber sage euch: Ein jeder Christ, eine jede Christin ist ein Priester, eine Priesterin in ihren Wirkungskreisen. So ist die Erinnerung an das letzte Abendmahl immer dort heilig, wo man sie würdig und in dem eigentlichen Sinne der Verbrüderung anwendet.

Auch wurde bestimmt, dass nur der Papst anordnen kann, wer die Kirche vertritt. Ich aber sage euch: Ihr könnt euch eure geistlichen Führer wählen, so wie ihr eure weltlichen Politiker in demokratischer Abstimmung ermittelt.

Dies ist die Botschaft des lebendigen Gottes, der mir die Gelegenheit gibt, dies zu bestimmen. Ich tue dies im vollen Besitz der geistigen Kräfte und mit der Kraft des Heiligen Geistes. Und nun gebe ich euch meinen Segen.“

Das wäre es gewesen. Und da es nicht geschah, sah der Papst noch lange sorgenvoll in die Menge. Einsam und seiner Weltlichkeit bitter bewusst.


Dkfm. Hugo Zsolnai (87a) ist Dozent an der Universität Bratislava und Wortgottesdienstleiter in der Pfarre Biedermannsdorf