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Die Paragraphen-Eucharistie ist überwindbar #


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 262/2018


In der deutschen Bischofskonferenz ist ein arger Konflikt zutage getreten. Dem Wunsch, dass ein Ehepaar mit verschiedenen Konfessionen – meist katholisch und evangelisch – gemeinsam die Kommunion empfangen kann, sollte nach Auffassung der Mehrheit ihrer Mitglieder durch Herausgabe einer „Handreichung“ entsprochen werden können, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Sieben Bischöfe, die das ablehnen, haben sich daraufhin an Rom gewandt.

Die vatikanische Glaubenskongregation verwies den Konflikt an die deutschen Bischöfe zurück. Papst Franziskus ersuchte diese, "im Geist kirchlicher Gemeinschaft eine möglichst einmütige Regelung zu finden". Er würdige das ökumenische Engagement der deutschen Bischöfe, offenbar ein Lob für das Ansinnen der Mehrheit.

Nach dem derzeitigen Stand des Kirchenrechts (Paragraph 4 des Can. 844) kann nichtkatholischen Christen die Kommunion auf Bitte nur dann gereicht werden, wenn eine schwere Notlage vorliegt, ein Spender der eigenen Gemeinschaft nicht aufgesucht werden kann und „sofern sie bezüglich dieser Sakramente den katholischen Glauben bekunden...“.

Die letztgenannte Voraussetzung regt zu grundsätzlichen Überlegungen an. Es muss also der Angehörige einer anderen Konfession, wenn er mit seinem Ehepartner die Eucharistie empfangen will, den eigenen religiösen Glauben verlassen (ihn gar abschwören?) und sich dem katholischen unterstellen. Doch Mann und Frau sind nach Jesu Wort „nicht mehr zwei sondern ein Fleisch“. Verhindern das unterschiedliche Konfessionen? Doch was bedeuten diese überhaupt? Sind sie nicht Wunden am Leib Christi, Folge von Zwietracht und egoistischer Rechthaberei? Da müsste doch in der Ehe gelebte Ökumene viel mehr Gewicht haben und dürfte gemeinsame Vereinigung mit Jesus nicht ausschließen!

Die Zurückweisung vom Empfang der Kommunion ist eine Zurückweisung von Jesus. Ein solches Vorgehen wäre wohl nur zulässig, wenn es ganz in seinem Sinn erfolgt. Wie jedoch hat sich der Heiland selbst verhalten? Es ist unübersehbar, dass er sich allen Menschen zuwandte, auch, oder gerade den Sündern. Wie kann man nur annehmen, er würde es billigen, die gewünschte Begegnung mit ihm davon abhängig zu machen, dass man Christ sozusagen einer bestimmten Variante ist? Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Bekenntnis des Glaubens kann und darf also keine Voraussetzung für die ganze Teilnahme an der Feier des Gedächtnisses Jesu sein. Sie gründet sich auf dem Mahl am Abend vor seinem Tod und was da geschah, ist im ganz Wesentlichen klar: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“! Dazu sind alle Menschen guten Willens aufgerufen!

Kein Wort ist überliefert, dass dieses wunderbare Geschehen des Glaubens in der Form der Gemeinschaft des Mahles an Bedingungen gebunden wäre, schon gar nicht kann das die Zugehörigkeit zu einer bestimmten christlichen Glaubensrichtung sein! Jesus reichte Brot und Wein als Symbole seiner fortwährenden Existenz für uns alle an die Jünger. Die waren aber weder katholisch noch protestantisch, sondern Juden. Dagegen ist ja der Unterschied von katholischem und evangelischem Glauben eine wahre Kleinigkeit! Zum Glück gab es damals noch nicht Papst und Bischöfe, sonst wäre Jesus stante pede exkommuniziert worden...

Doch zurück zum gebotenen Ernst. Es ist allgemein bekannt, dass sich Ehepaare unterschiedlicher christlicher Religionszugehörigkeit um das katholische Verbot, gemeinsam zur Kommunion gehen, meist nicht kümmern und dass ihnen diese auch so gut wie immer gewährt wird. Wir sehen hier wieder einen der zahlreichen Fälle des Auseinanderklaffens von kirchlicher Vorschrift und Glaubenspraxis, von überbordendem Regelwerk und vernünftigem religiösen Empfinden. Das bringt die Kirche in große Gefahr. Werden Regeln nicht mehr beachtet, muss man sie entweder durchsetzen oder dem Rechtsempfinden der Menschen (hier dem Sensus fidelium) anpassen; andernfalls geht alle Autorität verloren! Dass hier nur die zweitgenannte Möglichkeit in Frage kommt, liegt auf der Hand.

Im christlichen Sinn müsste jeder, den es drängt, an der Katholischen Messe teilzunehmen, dort mit herzlicher Gastfreundschaft begrüßt und voll aufgenommen werden. Die Regel des Kommunionverbots ist Ausdruck eines wirklich üblen klerikalen Exklusivitätsdenkens, das die katholische Messe erfasst hat. Bei dieser sollte es in erster Linie um die Begegnung mit Jesus gehen, seinem Leben für uns und seinen Wegweisungen. Die Christen der Frühzeit versammelten sich, einfach in den Häusern einander begegnend, um miteinander das Brot zu brechen und ihr Leben der Frohbotschaft zu unterstellten – was ja die unvorstellbare Ausbreitung des Glaubens erklärt.

Spätestens seit dem 4. Jahrhundert und dem Bündnis mit der weltlichen Macht trat allerdings ein Wandel im Verständnis der Eucharistie ein. Immer mehr trat das kultische Exerzitium in den Vordergrund, ebenso eine konsequente Disziplinierung des Volkes, dem man das Christentum so auferlegte, wie man es „amtlicherseits“ wollte. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Umformung der Frohbotschaft war die Einführung und Ausgestaltung des Priestertums und der Hierarchie. Die Zusage Jesu, unter denen zu sein, die sich in seinem Namen versammeln, sollte sich nur verwirklichen, wenn ein durch bestimmten Ritus geweihter Mann „in persona Christi“ agiert, um dieses für den Glauben elementar bedeutsame Geschehen herbeizuführen.

Natürlich war es richtig, zu regeln, zu ordnen und Wildwuchs zu verhindern, aber letzten Endes bewirkte das von reichlicher Überheblichkeit gekennzeichnete kirchliche Regelwerk eine verhängnisvolle Verzerrung und Einengung der Sicht auf das Heilige. Es bedeutet hochmütige Abweisung alle dessen, was nicht dem aufgebauten und rigiden System entspricht, auch wenn es aus gewissenhaft empfundenem Glauben kommt. Immer wieder trat daher im Lauf der Kirchengeschichte Kritik an einem Regime auf, das nicht die Heilszusage Jesu, sondern sich selbst in den Mittelpunkt stellt. Sie wurde stets zurückgewiesen und wurde zur eigentlichen Quelle jener Probleme, welche die Kirche seit Beginn der Neuzeit und bis zum heutigen Tag schwer belasten, zur Ursache aller Reformbestrebungen von Vergangenheit und Gegenwart. Oft blieb und bleibt nur übrig, sich zur Wahrung von eigenem Gewissen und Freiheit loszusagen. Denn das kirchliche Korsett ist eng geschnürt mit den Bändern erdachter religiöser Vorstellungen, die zu einem erheblichen Teil aus längst vergangenen Zeiten stammen. Es nimmt dem Glauben die Luft zum Atmen und findet immer weniger Verständnis.

Insgesamt kann man mit Fug und Recht als den Kardinalfehler des klerikalen Systems bezeichnen, zu meinen, man könne den Glauben bis ins kleinste Detail vorschreiben und jedes Abweichen davon ahnden. Doch der Glaube gereifter Menschen ist ein kreatives Geschehen und bedeutet bemühte Suche. Sehr wohl bedarf er der Anregung und auch Anleitung, aber niemals kann dieses Streben von irgendwoher durch „Gehorsam“ ersetzt werden. Müsste nicht das Beispiel Jesu beachtet werden? Ihm ging es nicht um Vorschriften und Paragraphen, sondern er „sprach stets in Gleichnissen“, womit er die Menschen zum Nachdenken und zu einem Wandel der Herzen bewegen wollte.

Das Streben nach Auswegen ereignet sich

Wenn schon seit Langem die Teilnahmezahlen der kirchlichen Sonntagsmesse dramatisch zurückgehen, darf dies also nicht verwundern. Die Menschen werden hier - positive Ausnahmen gibt es gottlob auch – mit theologischen Altlasten zugedeckt, statt das Bewusstsein einer gemeinsamen aktiven und auch kreativen Begegnung mit Jesus sowie mit Gott zu erlangen. Sie werden mit in alten Zeiten Vorgefertigtem „versorgt“, und das vielfach auf eine kaum verträgliche Weise.

Man muss ein Glaubensbekenntnis aufsagen, das gar kein solches sondern das Nachplappern von Dogmen ist. Man muss sich als unwürdig deklarieren und wird mit der Darbringung eines Opfers konfrontiert, das der Herr annehmen solle, aber kein normaler Mensch versteht (wenn er nicht vielleicht an den Opferstock denkt). Denn Jesus hat ein für alle Mal sein Leben für seine Aufgabe geopfert. Und man soll – um auf das eingangs genannte Thema zurückzukommen – das Bewusstsein haben, dass alles wirklich „clean“ ist, denn kein Christ einer anderen Konfession darf dorthin kommen, wo die Eucharistie gereicht wird. Auch wenn es ihm ein Bedürfnis ist und das heutzutage so gut wie alle tun, selbst wenn sie gar „Sünder“ sind.

Ebenso darf aber auch nicht verwundern, dass es zunehmend Bestrebungen gibt, sich von der aufgrund des Priestermangels oft gar nicht in der Nähe erreichbaren Messe unabhängig zu machen. Diese darf ja unbedingt nur dann veranstaltet werden, wenn ein geweihter Priester verfügbar ist. Auch wenn er dieser von irgendwo herbeigeschafft wurde, mit der Situation der Feiernden gar nicht vertraut und womöglich deren Sprache nicht ausreichend mächtig ist. Die stattdessen vielfach stattfindenden und von Laien beiderlei Geschlechts geleiteten „Wortgottesfeiern“ sollen die entstandenen Lücken füllen. Sie werden meist gern angenommen und befriedigen doch das Bedürfnis nach dem gläubigen Erlebnis.

Der Unterschied zur Eucharistiefeier ist bei diesen Zusammenkünften im Namen des Herrn mit freiem Auge kaum mehr wahrzunehmen. Die Anwesenheit Jesu ist aufgrund seiner Zusage sicher, aber er wird angeblich erst in Form der „Transsubstantiation“ (laut Tridentinum, um die Mitte des 16. Jh.), also durch die vom Priester herbeizuführende Wandlung, in Brot und Wein „real präsent“. Da die Kirche lehrt, dass diese Anwesenheit eine andauernde sei – man muss ja vor dem Tabernakel niederknien – werden bei derartigen Feiern oft auch früher konsekrierte Hostien (zu Deutsch: Opfertiere) verteilt.

Nochmals darf es nicht verwundern, wenn es für engagierten Christen naheliegt, frei gestaltete Feiern des Gedächtnisses Jesu nicht nur als Ersatz für die fehlende Sonntagsmesse zu erleben, sondern auch zu anderen geeigneten Anlässen, wie etwa bei Familienrunden, Andachten verschiedener Art usw. Oder eben auch zum Zweck eines gemeinsamen Feierns ohne kirchenamtliche Regulierung! Damit eröffnet sich die wunderbare Chance, das, was die frühen Christen Herrenmahl nannten, in seiner ursprünglichen, authentischen und klerikal unverfälschten Form zu feiern. Die Heilige Schrift kann gemeinsam gehört und besprochen, es kann gemeinsam gebetet und gemeinsam Jesu gedacht werden, indem allen Brot und Wein gereicht wird.

Das Wort gemeinsam sei deswegen hervorgehoben, weil die Teilnehmer nicht Konsumenten eines kultischen Geschehens sind, sondern ihren Glauben an den Auferstandenen und seine Begleitung in unserem Leben persönlich zum Ausdruck bringen. Es ereignen sich heute schon solche frei gestaltete Feiern und es gibt Bemühungen, dazu anzuregen und zu ermutigen. Die Erfahrung zeigt, dass sie von denen, die sich entschließen, daran teilzunehmen, als beglückend empfunden werden. Natürlich ist dafür Sorgfalt und gute Vorbereitung unerlässlich. Es bedarf der Erprobung und Erfahrung, diesbezügliche Studien werden erarbeitet. Es geht dabei keinesfalls um ein Verdrängen der kirchlichen Veranstaltungen, sondern um eine zusätzliche Möglichkeit, das Gedächtnis Jesu ohne die Einengung des überholten kirchlichen Regelwerks zu begehen.

Von solchen möglichst getreu dem Evangelium gestalteten Feiern könnten auch wertvolle Impulse für weitere liturgische Fortschritte ausgehen. Das passive Anhören unverständlichen lateinischen Gemurmels eines von der Gemeinde abgewandten Priesters ist schon weitgehend überwunden. Aber das Ziel einer Eucharistiefeier, die alle und besonders junge Menschen wirklich anregt und bewegt, ist noch lange nicht erreicht. Daran sollte gerade im Kirchenvolk gearbeitet werden; und das wird dankenswerter Weise von fortschrittlich denkenden Priestern auch unterstützt.

Natürlich sind da auch eine gewisse Scheu oder gar Furcht zu überwinden, die von manchen empfunden werden – man könnte ja, wie es im Kirchenrecht ausdrücklich angedroht wird, zur Strafe für ein solches eigenmächtiges Handeln „exkommuniziert“ werden. Doch was bedeutet dieses Wort? Ausschluss von der Gemeinschaft. Aber niemand kann einen Christen von der Gemeinschaft mit Jesus ausschließen, ebenso wenig von der mit den Brüdern und Schwestern im Glauben. Die Trennung kann nur vom System und dessen Repräsentanten erfolgen. Sie ist wohl kaum als Verlust, sondern unter den heutigen Gegebenheiten eher als Gewinn zu betrachten.

Papst Franziskus bemüht sich auf bewundernswerte Weise, ein neues Denken herbeizuführen, aber er stößt dabei – wie gerade der deutsche Bischofsstreit zeigt – auf die Uneinsichtigkeit der Beharrenden, denen Paragraphen wichtiger sind als christliche Inspiration. Das kirchenrechtlich vorgegebene Regime bleibt also noch wie es ist; und nicht wenige in den oberen Rängen der Hierarchie warten nur darauf, dass möglichst bald wieder ein Papst kommt, der das Kirchenrecht nicht „untergräbt“ (O-Ton Kardinal Burke).

Um nochmals zur Kommunion für verschiedenkonfessionelle Paare zurückzukommen: Frei gestaltete und dem Auftrag Jesu folgende Feiern kennen solche absurden Schranken nicht. Sie laden alle Menschen guten Willens ein, welche die Gemeinschaft in Jesus Christus erleben wollen. Und nur darauf darf es in unserer Kirche ankommen, auf sonst wahrlich nichts!