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Quo usque tandem abutere...?#


Von

Heribert Franz Köck

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 228/2017


Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra? (Wie lange noch, Catilina, wirst du unsere Geduld missbrauchen?) Diese berühmte, über den Kreis von Lateinschülern hinaus bekannte Frage, die einst der damalige Konsul Cicero im Senat an den der Umtriebe gegen die römischen Republik verdächtigen Senator Catilina gerichtet hat,[1] drängt sich auf, wenn man das dieser Tage in der Zeitschrift DIE WELT/N 24 erschienene Interview mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller[2] liest, in dem dieser Unverständnis dafür äußert, dass ihn Papst Franziskus nicht als Präfekt der Glaubenskongregation verlängert hat, deshalb „nachtritt“, von „höfischen Gehabe“ spricht und so den Papst „zwischen den Zeilen“ kritisiert. Dabei zeigt er eine Dreistigkeit, die ihresgleichen sucht und nur durch eine maßlose Überschätzung der eigenen Person erklärt werden kann. Dieselbe allein darauf zurückzuführen, dass er einmal Dogmatikprofessor war, hieße, eine ganze Zunft beleidigen, die im deutschsprachigen Raum doch so kritische Geister wie Karl Rahner oder Herbert Vorgrimmler, Walter Kaspar oder Hans Küng, Hermann Häring oder Otto Hermann Pesch hervorgebracht hat.

Müllers kirchliche Karriere ist von einem engen Verhältnis zum früheren Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, gekennzeichnet, der in ihm früh des gleichen Geistes Kind erkannt haben und ihn auch als Bischof für Regenburg (wo Ratzinger einmal Professor war) vorgeschlagen haben dürfte. In Regensburg eckte Müller immer wieder an, u.a. wegen „Neuordnung“ der Laienarbeit im Bistum, die das Mitsprachrecht der Laien so stark einschränkte, dass ihm das Zentralkomitee der deutschen Müller eine „nicht hinnehmbare Rechtsverletzung“ vorwarf. Die von Ratzinger geleitete Glaubenskongregation hingegen dankte ihm ausdrücklich für sein Bemühen, die „diözesanen Regelungen voll und ganz mit den Anforderungen der Ekklesiologie des II. Vatikanischen Konzils und den Bestimmungen des Codex Iuris Canonici von 1983 in Einklang zu bringen“. Im Sommer 2016 ernannte ihn Benedikt XVI., dessen Veröffentlichungen er seit 2008 in 16 Bänden unter den Titel Joseph Ratzinger, Gesammelte Schriften herausgegeben hat, zum Präfekten der Glaubenskongregation, wohl um sich eines ihm genehmen „theologischen Statthalter“ zu versichern.

Wenn man jenen glauben darf, die behaupten, Benedikt XVI. habe sich schon damals mit dem Gedanken seines Rücktritts getragen, dann hat er damit seinem Nachfolger mit Absicht eine schwere Hypothek hinterlassen, die dieser nicht so ohne weiteres loswerden konnte, weil das als Affront gegen den Vorgänger hätte gedeutet werden können. Vielleicht in der Hoffnung, dass sich Müller mit der Zeit von Ratzinger werde emanzipieren können, beließ ihn Franziskus im Amt und konnte ihm so auch nicht die mit demselben traditionell verbundene Kardinalwürde vorenthalten. Damit beging Franziskus den gleichen Fehler wie Johannes XXIII., der nach den Worten von Hans Küng auch geglaubt hatte, mit den unter Pius XII. groß gewordenen Kurialen eine Kirchenreform in Sinne des Zweiten Vatikanums machen zu können.

Tatsächlich bildete sich an der Kurie bald eine Fronde von konservativen Kardinälen gegen Franziskus, zu denen u.a. auch der Präfekt der Gottesdienst- und Sakramentenkongregation, Kardinal Robert Sarah, der sich besonders den Gedanken und Initiativen Papst Benedikt XVI. verpflichtet fühlt, sowie der frühere Präfekt der Apostolischen Signatur, Kardinal Raymond Leo Burke, der 2014 abgelöst und zum Kardinalpatron des Malteser-Ordens gemacht wurde, gehören. Letzterer hat zusammen mit den früheren Kardinal-Erzbischöfen von Bologna und Köln, Carlo Caffarro und Joachim Meisner, sowie dem früheren Präsidenten des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaft, Kardinal Walter Brandmüller, 2016 einen (später von ihnen veröffentlichten) Brief an Papst Franziskus gerichtet, in dem sie diesem vorwerfen, durch sein – auf den Ergebnissen der Bischofssynode von 2015 aufbauendes – Apostolisches Schreiben Amoris laetitia von 2016 nicht nur hinsichtlich der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener Missverständnissen und Verwirrungen Vorschub zu leisten, was zu Bedrohung der gesamten Morallehre der Kirche werden könne.

Müller selbst hat diesen Brief zwar nicht unterzeichnet und die Vorgangsweise der vier Kardinäle sogar kritisiert, in der Sache aber immer wieder auch öffentlich eine Stellung bezogen, die geeignet war, die Intentionen der Bischofssynode und des Papstes zu konterkarieren. Jüngste Höhepunkte seiner Entgleisungen waren die Kritik an jenen Gläubigen, die ihre Bischöfe dazu ermuntern wollten, die Intentionen des Papstes umzusetzen, und seine recht unverblümte Aufforderung, diese Leute sollten sich lieber an ihre Bischöfe als an den Papst halten, sowie die schon fast trotzig wirkende Aussage, für ihn komme es nicht auf den Papst, sondern auf Gott an. Dieser Tenor findet sich auch in Müllers Interview in der ZEIT wieder, wo er von einer „scheinheiligen Papstdevotion“ spricht. Dabei hat er offenbar gar nicht reflektiert, wie viele der von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ernannten Bischöfe ihre Karriere einer solchen (heilig oder scheinheilig) zur Schau getragenen „Papstdevotion“ verdanken.

Dass er abgelöst wurde, kann Müller nicht verstehen, wo ihm das Amt des Präfekten der Glaubenskongregation doch „auf den Leib“ geschnitten sei. Nach seiner Auffassung gibt es also keinen besseren Präfekten der Glaubenskongregation als Gerhard Ludwig Müller; und es gibt auch keine angemessenere Funktion für Gerhard Ludwig Müller als die des Präfekten der Glaubenskongregation. Bei dieser Auffassung wird es verständlich, warum Müller nicht nur enttäuscht, vielleicht sogar gekränkt, sondern völlig frustriert ist. „Ich bin alleine für dieses Amt nach Rom gegangen.“ Und immerhin habe er in diesem Zusammenhang auch beträchtliche finanzielle Aufwendungen getätigt. Dreimal sei er umgezogen, bis er seine Wohnung hätte beziehen können.

Und „[d]ann die Renovierung, die Klimaanlage, das alles auf eigene Kosten“. Und dann beklagt er, dass „[w]ir Deutschen […] die Wohnungen [kriegen], in die man am meisten investieren muss.“ Jemand, der, wie Müller, dem ehemalige Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst (2008-2014), trotz der für seine Residenz aufgewendeten hohen Kosten lange des Stange gehalten hat („Erfindungen von Journalisten“), kann mit der zur Sanierung der vatikanischen Finanzen angesagten Sparsamkeit nur schwer zurecht kommen, wenn er standesgemäß wohnen möchte. Immerhin hat es nicht an Geld für ein großes Fest anlässlich der Kardinalsernennung gefehlt, ein bisschen in Widerspruch zu der von Papst Franziskus immer wieder angemahnten Bescheidenheit.

Und das alles soll jetzt unter der Rubrik „Außer Spesen nichts gewesen“ abzuschreiben sein? Für einen ehemaligen Chef der Glaubenskongregation gibt es kaum ein adäquates römisches Amt, außer – vielleicht – noch einmal Chef der Glaubenskongregation und natürlich Papst. Aber solange Franziskus Papst ist, ist eine Rückberufung Müllers nicht zu erwarten; und es ist auch nicht wahrscheinlich, dass Müller in einem zukünftigen Konklave seine Mitkardinäle noch einmal so beschwatzen kann wie seinerzeit Joseph Ratzinger mit seinem (sozusagen) „Ich oder das Chaos“.[3] Der Versuch, Kritik am Fundamentalismus als Angriff auf das Credo der Kirche und als Ausdruck eines alles auflösenden Relativismus hinzustellen und damit indirekt sich selbst als traditionalistischen Fels in der Brandung anzubieten, in der „[d]as kleine Boot des Denkens [sic!] vieler Christen ist nicht selten von [den] Wellen" [der vielen ideologischen Strömungen und Denkweisen] umher geworfen“[4] wird, mag einem alteingesessenen Präfekten der Glaubenskongregation wie Ratzinger gelungen sein; Müller aber wird sich da viel schwerer tun, auch wenn solche Töne immer noch zum Repertoire der Traditionalisten gehören und in deren Kreisen daher Resonanz finden.

Eine Rückkehr nach Deutschland sieht Müller auch nicht als Option. Dafür bräuchte es außer einem adäquaten (Erz-) Bischofsstuhl (und dort hat man schon abgewunken) wohl auch eine Garantie auf den Vorsitz der deutschen Bischofskonferenz; und die wir ihm niemand geben können oder wollen. „Was soll ich jetzt in Deutschland“, sagt Müller, fast anklagend, „da habe ich alles aufgegeben für den Dienst an der Weltkirche in Rom.“ Und dann versucht er, patriotische Gefühle anzusprechen: „Traurig sei es schon, dass nun kein Deutscher mehr in einem so hohen Kurienamt sei.“ Dass es in Deutschland auch Leute geben könnte, die meinen, “besser kein Deutscher als ein Müller“, ist ihm offenbar kein Problem.

Die Tragik Gerhard Ludwig Müllers ist seine Selbstüberschätzung, die Gleichsetzung seiner Person mit dem „geborenen“ obersten Hüter der katholischen Lehre, ja eigentlich mit dieser Lehre selbst. Gegen alle, die anderer Meinung sind (und sei’s der Papst), beruft er sich auf Gott, denn „Gott ist das Maß der Realität“. Wobei Müller voraussetzt, dass er am besten weiß, was dieses „Maß Gottes“ ist. Weshalb er eben (seiner Meinung nach) an die Spitze der Glaubenskongregation gehört.

Diese Selbstüberschätzung hindert ihn auch, seine vatikanische Karriere und ihr (jedenfalls vorläufiges) Ende in rechtem Licht zu sehen. Die Vorstellung, Präfekt der Glaubenskongregation zu sein bedeute, eine Lebensstelle innezuhaben, war von Anfang an ganz und gar unrealistisch. Dafür braucht man gar nicht darauf verweisen, dass auch die Amtszeit von Regierungsmitgliedern (und die Leiter der römischen Behörden sind ja staatlichen Ministern und Staatssekretären vergleichbar) spätestens mit dem Ende der Regierung zu Ende geht; und dass es dem Regierungschef freisteht, Regierungsmitglieder auch schon zuvor jederzeit zu entlassen. Denn jeder weiß, dass alle römischen Behördenleiter einem neugewählten Papst ihren Rücktritt anbieten müssen; und dass es das gute Recht des neuen Papstes ist, neue Behördenleiter zu bestellen, was auch regelmäßig geschieht. Bei dem zwischen ihm und Benedikt XVI. bestehenden Altersunterschied musste Müller so oder so damit rechnen, noch in seiner Amtszeit mit einem neuen Papst konfrontiert und von diesem nicht weiterverlängert zu werden.

Nun kann natürlich nicht ausgeschlossen werden, dass Müller vor seiner Bestellung zur Präfekten der Glaubenskongregation alle diese Fragen mit Benedikt XVI. besprochen und dieser ihm Zusagen gemacht bzw. Perspektiven aufgezeigt hat, die er nicht erfüllen bzw. nicht eröffnen konnte. Vielleicht hat Benedikt XVI. gehofft, mit Müller an seiner Seite seine vielen Probleme besser in den Griff bekommen und daher sein Pontifikat noch (zumindest um ein paar Jahre) verlängern zu können. Eine andere Möglichkeit wurde schon weiter oben erwähnt: Ratzinger wollte – nach seinem damals schon geplanten Rücktritt – auch als emeritierter Papst mit Müller noch eine Fuß in der Türe der vatikanischen Kirchenpolitik und einen Wächter über die Reinheit der katholischen Lehre in seiner (Ratzingers) Interpretation haben. Ziemlich sicher hatten beide auch nicht mit Jorge Mario Bergoglio, sondern mit einem weiteren Hardliner als Benedikts Nachfolger gerechnet, was die Aussichten Müllers auf eine Dauerstellung als Chef der Glaubenskongregation verbessert hätte. Diese Pläne sind nunmehr durch Müllers Nicht-Verlängerung durchkreuzt worden. Es ist bezeichnend, dass Müller jetzt darauf verweist, der emeritierte Papst Benedikt sei auch „enttäuscht“, dass sein (Müllers) Vertrag nicht verlängert wurde.

Klug ist das freilich nicht; denn es gibt Spekulation über die Pläne, die Ratzinger und Müller gemeinsam in Zusammenhangmit der Ernennung des letzteren zum Präfekten der Glaubenskongregation gehabt haben könnten, nur neuen Auftrieb. Das wirft kein gutes Licht auf Ratzinger, der ohnedies die einem emeritierten Papst besser anstehende Zurückhaltung vermissen lässt und mit seiner Meinung zu wichtigen kirchlichen Fragen nicht hinter dem Berg hält, auch wenn – oder vielleicht gerade weil – dabei auch eine Kritik an der Linie seines Nachfolgers herauszulesen ist.

Fußnoten#

[1] Diese Worte bilden den Beginn der ersten der vier Reden gegen Catilina. Siehe M. Tullius Cicero: Vier Reden gegen Catilina. Lateinisch/Deutsch, hrsg. und übers. von Dietrich Klose, mit einem Nachw. von Karl Büchner, Stuttgart 2011.
[2] http://www.welt.de/politik/ausland/article166783376/Kardinal-Mueller-kritisiert-scheinheilige-Papstdevotion.html – Soweit keine anderen Quellen angegeben werden, sind die Zitate diesem Interview entnommen.
[3] „Einen klaren Glauben zu haben, gemäß dem Credo der Kirche, wird oft als Fundamentalismus hingestellt. Während der Relativismus, also das ‚hin und her getrieben Sein vom Widerstreit der Meinungen‘ als die einzige Einstellung erscheint, die auf der Höhe der heutigen Zeit ist. Es konstituiert sich eine Diktatur des Relativismus, die nichts als definitiv anerkennt und die als letztes Maß nur das Ich und seine Bedürfnisse lässt.“ Predigt von Kardinal Joseph Ratzinger im Petersdom in der Messe vor Beginn des Konklaves am 18. April 2005, http://www.decemsys.de/benedikt/ predigten/05-04-18.htm
[4] Ebenda.